Tonaufnahmen beim Improdreh: Tonmeister Volker Zeigermann im Interview

Für Filmtonmeister Volker Zeigermann war der TV-Film “Klassentreffen” bereits der dritte Improvisationsdreh unter Regisseur Jan Georg Schütte. Allerdings war hier das Setup besonders. 26 Schauspieler in einer großen Location. Hier der zweite Teil des Interviews mit dem Tonmeister aus unserer Ausgabe 3/2018.

Tonmeister Volker Zeigermann (4. v.l.) bei der Regiebesprechung.
Tonmeister Volker Zeigermann (4. v.l.) bei der Regiebesprechung. (Bild: Foto: Wolfgang Ennenbach)

Es geht also im Prinzip darum, den Darstellern eine Bühne liefern, aber ihr Spiel nicht mit der Technik zu erdrücken?

Alles muss möglich sein, das ist der Punkt! Die Technik darf nicht im Vordergrund stehen. Es gibt natürlich Fälle, wo man einfach sagen muss, dass es nicht anders geht. Wir können zum Beispiel keinen Sender unten am Bein in der Socke unterbringen. Das können wir hier nicht leisten, denn dann haben wir nicht mehr die Reichweite, die wir brauchen.

Wir können auch keinen Sender an der Innenseite der Oberschenkel anbringen – da muss nur die Darstellerin oder der Darsteller die Beine übereinanderschlagen, und sofort kommt da keine HF mehr heraus – wir empfangen das Signal nicht mehr. Der Bereich, in dem sich Kostüm, Darsteller und Ton überschneiden, ist etwas heikel. Wie bauen wir einen Sender und ein Mikrofon so ins Kostüm ein, dass es zum einen sechs Stunden übertragungssicher und raschelfrei funktioniert und gleichzeitig die Darstellerin oder den Darsteller nicht im Spiel behindert. Das ist schon Fingerspitzenarbeit.

Wir haben zum Glück mit Christina-Bjørni Wölke eine Spezialistin dabei, die so etwas seit ewigen Zeiten macht. Bjørni hat zusammen mit der wirklich hilfsbereiten Kostümabteilung die Mikrofone mit Bubblebee-Lav-Tape fixiert und eingenäht. Das ist im Grunde auch die einzige Möglichkeit, die Mikrofone sicher und raschelfrei im Kostüm zu verstecken. Sie wird dabei noch von den beiden Filmtonmeistern Benedikt Gaußling und Robert Keilbar unterstützt.

Die laufen übrigens auch alle während der gesamten Aufzeichnung als Kellner verkleidet herum. Das heißt, wenn es ein Problem gibt, dann erfahren sie das über Funk, gehen hin und richten das. Es könnte ja sein, dass zum Beispiel ein Darsteller die ganze Zeit mit dem Finger auf den Tisch oder an sein Bierglas klopft. Das stört den Ton.

Da muss dann jemand hingehen und sagen: “Das ist sehr schön gespielt, was du da machst, aber bitte mach es ab jetzt nicht mehr, denn wir hören dich nicht!” Und es ist klar: wenn dieses Ansteckmikrofon den Ton nicht sauber überträgt, dann ist in dem Moment der Darsteller inhaltlich nicht mehr interessant. Er findet keinen Eingang in den Film. Man kann das nicht nachinszenieren oder nachsynchronisieren.

Es werden ja sogar die Toiletten bespielt, und in sechs Stunden Aufzeichnung könnten die Darsteller die ja auch in Wirklichkeit benutzen müssen.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen die Sender eigentlich immer um den Bauch, so dass sie falls nötig sämtliche Hosen lösen können. Manchmal baut man den Sender dann unter den BH oder unter die Achsel, oder im Nacken unter das Haar. Da gibt es genug Möglichkeiten. Das muss man im Einzelfall auch abhängig vom Kostüm entscheiden.

Tablet-Screenshot der Abhörmatrix.
Tablet-Screenshot der Abhörmatrix. (Bild: Screenshot: Uwe Agnes)

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Gewerken?

Wir, das heißt mein Team in der Firma aus Hamburg und ich, machen ja jetzt mit Regisseur Jan-Georg Schütte schon das dritte Projekt in dieser Form. Jedes der Projekte hatte seine eigenen Ecken und Kanten. Bei “Altersglühen” gab es einen großen Raum, in dem 14 Leute jeweils zu zweit an insgesamt acht Tischen saßen – eine freie Kombination der Leute, aber eine feste Verortung.

Bei “Wellness für Paare” hatten wir dagegen immer drei Kameras, die jeweils einem Paar folgten, also eine feste Kombination der Schauspieler, aber eben an verschiedenen Orten. Hier bei “Klassentreffen” haben wir nun einen freien Ort und eine freie Kombination der Akteure. Das macht alles ein wenig komplizierter.

Aber das Schöne an der ganzen Geschichte ist eben, dass man schon weiß, wie die anderen ticken, weil man sich schon kennt – den Regisseur Jan-Georg Schütte, man kennt den Kameramann Oliver Schwabe. Man schätzt sich, und man behindert sich nicht. Wunderbar ist auch die Zusammenarbeit mit dem Set-Designer Tim Pannen, der einen ganz fantastischen Akustik-Himmel im Schankraum für uns gebaut hat, so dass eine notwendige akustische Trennung der Gespräche möglich wurde.

So ein Projekt funktioniert nur im Team. Und eins ist klar: wenn diese sechs Stunden Dreh vorbei sind, dann liegt man sich echt in den Armen, macht ein großes Fass auf und freut sich, was man Tolles geschaffen hat. Das gibt es beim normalen Spielfilm auch nicht unbedingt jeden Tag.


EINSATZ AUDIO-TECHNIK

  • 28 Sennheiser SK5212 II-L Sender
  • 14 Sennheiser EM3732 II-L Diversity Empfänger
  • diverse Antennensplitter, aktive und passive Antennen
  • 30 DPA 4061 Lavaliermikrofone
  • 10 DPA 4080 Miniaturmikrofone
  • 7 Mikrofone Schoeps
  • 1 Handsender Wisycom MTH400 mit Schoeps-Kapsel
  • 1 Wisycom MTB 40S PlugOn Sender
  • 8 Mikrofonsender Sennheiser EW100
  • 1 SD970 MADI/Dante-Rekorder
  • 1 RIO 3224 Yamaha Stagebox
  • 1 Mischpult Yamaha QL5
  • 1 Mischpult Yamaha QL1
  • 1 Mischpult Yamaha LS5
  • 2 Beschallungsanlagen KME 900W
  • 2 Phonak Invisity VHF In-Ear
  • 1 Phonak Roger In-Ear
  • 1 Pro Tools mobile Playback
  • 200 Meter HF-Antennenkabel
  • 1.000 Meter Audiokabel
  • Headphone-Splitter, 8 Foldback-Sender
  • 2 Mischer Sound Devices 633
  • je 2 Schoeps CMIT, CCM8 M/S Stereomikrofone
  • 6 Wisycom BPN30 UHF Funkstrecke

Teil 1 des Interviews finden Sie hier.

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