Sechs Stunden improvisieren

Tonmeister Volker Zeigermann über den Improdreh „Klassentreffen“

Im echten Leben gibt es auch kein Skript: beim Filmprojekt „Klassentreffen“ kommen 26 Schauspieler in sieben Räumen zusammen und spielen in Echtzeit sechs Stunden lang ein fiktionales Wiedersehen nach 25 Jahren. Wir sprachen für die Ausgabe 3/2018 mit Tonmeister Volker Zeigermann über die Herausforderungen bei diesem außergewöhnlichen Vorhaben.

Beim Improdreh mit 26 Schauspielern kommen einige Funkstrecken zusammen.
FOTO: Foto: Uwe Agnes
Beim Improdreh mit 26 Schauspielern kommen einige Funkstrecken zusammen.

“Treffpunkt Paula” im rheinischen Alt-Hürth war nicht etwa nur eine Schankwirtschaft wie jede andere, sondern vielmehr ein lokales Zentrum des Frohsinns, ausgestattet mit Thekenraum im dunklen Holz der 1950er Jahre, Bundeskegelbahn Hinterzimmer sowie nicht zuletzt einem großen Festsaal mit Bühne. Leider nahm die allgemein gute Laune ein jähes Ende, als unlängst die Besitzerin im Büro der Gaststätte tot umfiel. Wir stellen uns vor, dass sie sich in ihren letzten Minuten mit der Buchführung beschäftigte.

Seitdem waren die Räumlichkeiten verwaist – eine verdrießliche Situation für die bisherigen Stammgäste, jedoch ein Glücksfall für “die film gmbh” beziehungsweise deren Locationscouts, als sie auf der Suche nach einem Drehort für das Projekt “Klassentreffen” waren. Nach “Altersglühen – Speed Dating für Senioren” (2014) und “Wellness für Paare” (2016) ist “Klassentreffen” bereits das dritte Projekt von Regisseur Jan Georg Schütte, das weitgehend auf freier Improvisation beruht. Festgelegt sind lediglich die grundlegende Situation und sparsame Rollenvorgaben für die Protagonisten.

Bei zeitgleichen Geschehnissen war ein 360-Grad-Set angesagt, rund 40 Kameras waren im Einsatz. Und der Ton? Angeln war Fehlanzeige. Wir sprachen mit Filmtonmeister Volker Zeigermann, der dafür verantwortlich war, in dieser Extremsituation nicht nur den Ton der zwei Dutzend Schauspieler sauber in die digitalen Speicher zu bekommen.

26 Schauspieler, sieben bespielbare Räume und freie Improvisation – was sind bei diesem Projekt auf der Tonseite die Herausforderungen?

Aufnahmetechnisch sind die Herausforderungen gar nicht so groß, weil alles sehr direkt und, wie man so schön auf Deutsch sagt, “straightforward” ist. Jeder Schauspieler stellt im Grunde genommen eine mögliche Tonquelle dar, die man auf einer Einzelspur aufzunehmen hat. Wir haben also auf jeden Fall von vornherein pro Schauspieler eine Spur, das macht 26 Spuren – das ist nicht kompliziert.

Dazu decken wir akustisch mit Atmo-Mikrofonen die einzelnen Spielflächen noch ab, so dass man immer noch den Ton von der Location hat, selbst wenn es eine Störung auf einem einzelnen Mikrofon geben sollte. Denn hier müssen wir ganz genau sein: jedes Lavaliermikrofon bei jedem Schauspieler muss absolut sauber klingen und darf keine Raschelgeräusche bei welcher Spielsituation auch immer aufnehmen.

Die eigentliche Herausforderung beim Projekt “Klassentreffen” betrifft eher den Bereich des Monitoring. Die Regie muss in der Lage sein zu entscheiden: war die Szene jetzt gut, haben wir alles im Kasten, müssen wir vielleicht etwas nachdrehen, und wenn ja, was? Dafür müssen sie aber hören, was die Darsteller sagen, und das ist bei 26 Schauspielern in einer freien räumlichen Verortung und vor allem in einer freien Kombination der Schauspieler zueinander die eigentliche Herausforderung. Man weiß ja im Vorfeld nicht, was geschehen wird.

Deshalb haben wir über unser Dante-Netzwerk eine Abhör-Matrix gebaut, die vom iPad aus gesteuert diese einzelnen Quellen in einer freien Kombination hörbar machen kann.Wir haben hier am Set zwei Tonregien, und beide können jede einzelne Quelle anwählen und dann auch die dezidierten Personen hören. Wenn man also zum Beispiel im Bild sieht, dass sich Rolle Gesa mit Rolle Thorsten unterhält, dann kann man die beiden anwählen und hört genau die Personen miteinander sprechen.

Die Kameracrew von „Klassentreffen“ mit Chefkameramann Oliver Schwabe (ganz oben unter der Discokugel).
FOTO: Wolfgang Ennenbach
Die Kameracrew von „Klassentreffen“ mit Chefkameramann Oliver Schwabe (ganz oben unter der Discokugel).

Was war sonst an technischen Lösungen erforderlich?

Bei dieser Geschichte mit dem Thema “Klassentreffen” kommen die Leute nach 25 Jahren wieder zusammen und wissen bis zum Ende der Schule, was sie gemeinsam gemacht haben – wer in wen verliebt war, wer ein Motorrad hatte oder keins, wer im Schwimmen ein As war, was auch immer. Danach aber wissen alle nichts voneinander.

Das ist das dramaturgische Setting. Die Schauspieler haben alle eine gemeinsame Vergangenheit bis vor 25 Jahren, und danach hat jeder seine individuelle Geschichte, von der aber die anderen nichts wissen. Das macht es inhaltlich so spannend. Die Schauspieler spielen dann authentische sechs Stunden durch. Sie improvisieren frei. Sie haben ihre Rollen, sie haben ihre Geschichte, die Geschichte, die sie dann im Rahmen ihrer Berufsentwicklungen zusätzlich erlebt haben. Es sind viele gescheiterte Lebenswege dabei, viele erfolgreiche, also im Grunde genommen wie im wirklichen Leben.

Das ist die Bühne, die wir mit der Technik bedienen müssen. Wir müssen also technisch alles abdecken, was es bei einem normalen Klassentreffen geben kann: man hat eine Disco, man hat vielleicht einen frei bedienbaren CD-Player, wo manche ihre Musik von früher vorspielen möchten, jemand will Karaoke singen, andere wollen zu einem alten Song ihre Tanzvorführung von damals noch einmal tanzen, andere wollen sich nur gepflegt unterhalten. Diese Möglichkeiten müssen wir vom Ton bieten.

Aber diese ganzen anderen Möglichkeiten mitzudenken, was könnte passieren, und wie reagieren wir darauf – das ist das eigentlich Spannende an diesem Projekt. Thema Disco: wenn man jetzt zum Beispiel mit hoher Lautstärke die CDs beschallt, gehen vielleicht wichtige Gespräche verloren, außerdem ist man im Schnitt durch die Musik zeitlich festgelegt – das geht nicht. So haben wir die Beschallung nach einer kurzen Erkennungsphase – damit die Schauspieler auch wissen, welches alte Stück gerade gespielt  wird – auf den Klangbereich unterhalb 100 Hz beschränkt.

Die Tonregie Nummer 2 im Hinterzimmer des Schankraums.
FOTO: Uwe Agnes
Die Tonregie Nummer 2 im Hinterzimmer des Schankraums.

Das reicht noch, um den Eindruck von hoher Schallstärke in der Magen-Gegend hervorzurufen, lässt aber durch einen Hochpass davon nur noch wenig auf die Sendestrecken durch. Dann können wir auch wieder den Gesprächen lauschen. Für die Aufzeichnung sind alle Kameras mit dem Lockit-System von Ambient Timecode-synchronisiert. Das kennen wir als zuverlässiges System, das läuft keinen einzigen Frame auseinander.

Es gibt auf dem Set auch einige Ecken, wo wir Mikrofone angebracht haben, nur damit die Regie feststellen kann, was dort gerade passiert. Denn es wäre ein technischer Overkill, die Bilder der etwa 40 Kameras alle in die zwei Regien zu schicken. Da muss der Ton helfen. Dann kann man über die Foldback-Empfänger die entsprechenden Sendefrequenzen der einzelnen Locations anwählen und zum Beispiel hören, was an Tisch 1, auf der Kegelbahn oder auf dem Herrenklo vor sich geht.

Vielleicht gibt es eine Prügelei, es wird geknutscht oder mit Koks gedealt, keine Ahnung … die ganze Bandbreite eben, die man sich so vorstellen kann. Das ist das eigentlich Spannende daran. Wir bereiten eine Bühne, auf der alles möglich ist. Die Aufgabe des Tons ist es dabei, eben nicht nur den Ton aufzuzeichnen, sondern auch dafür zu sorgen, dass eine Beurteilung des Gespielten überhaupt möglich ist, damit man sicher sein kann, dass spannende Gespräche und Konfrontationen entstanden sind, die dann auch den Film dramaturgisch auf eine Fallhöhe bringen und am Ende den Zuschauer zufriedenstellen.

Den zweiten Teil des Interviews mit Volker Zeigermann gibt es morgen für Sie an gleicher Stelle.

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