Zwischen Cinema und Vlog

Herausforderung Antarktis

Die Antarktis wurde zur selbstgewählten filmischen Herausforderung für drei Bremerhavener Filmemacher. Sie dokumentierten ihre Reise mit einem dualen Ansatz zwischen Cinema und Vlog. In unserem Ausgabe 12/2018  sprachen wir mit Dennis Vogt über die Schwierigkeiten, die sie nach geglückter Finanzierung und Abreise gen Süden zu bewältigen hatten.

Im November 2017 ging die Reise los. Vier Wochen lang sollte die Expedition in die Antarktis dauern. Die drei hatten sich an Bord des Expeditionsschiffs MS Ortelius eingebucht. Die Plätze sponserte die Reederei Oceanwide. Über das argentinische Buenos Aires sollte es nach Ushuaia gehen, wo das Schiff auf sie wartete.

Der Grund, in unserem Winter zu fahren, war einfach: Dann ist Sommer auf der Südhalbkugel und die Temperaturen in der Antarktis sind eher zwischen –20 und –40 Grad, je nachdem ob man an der Küste oder im Landesinneren unterwegs ist.

ZOLL SETZT TECHNIK FEST

An einem der ersten Novembertage 2017 ging es zum Flughafen, die Ausrüstung in zehn Koffern und Taschen verstaut. Ein Gewichtslimit für das Schiff gab es nicht. Schließlich landeten sie in Buenos Aires. Eigentlich sollten sie hier nur einen kurzen Aufenthalt haben und ihren Transferflug nach Ushuaia. Doch sie wurden nach der Sicherheitskontrolle abgefangen. Dann der Schock: Der Zoll rückt die Ausrüstung nicht heraus.

„Wir wussten nicht warum“, erinnert sich Dennis Vogt. „Wir hatten alle Dokumente korrekt ausgefüllt. Hatten Monate vorher alles angemeldet.“ Erst mal mussten sie warten. Niemand konnte ihnen sagen, was das Problem ist. Ihr Weiterflug rückte näher, nichts klärte sich. Ihr Schiffsagent hatte ein bisschen Erfahrung mit solchen Dingen, saß aber in Ushuaia und musste telefonisch nachfragen. Auch das brachte sie nicht weiter. Der erste Flug war mittlerweile verpasst.

Schließlich bekamen sie einen sogenannten Zollbroker an die Seite, der ihnen in der Sache helfen sollte. Er war von den Zollbehördern vermittelt worden, daher waren seine Loyalitäten nicht immer ganz klar. Nachdem sie ihren Flug dreimal verschieben mussten, klappte es doch. Die drei mussten eine Bürgschaft unterschreiben, dass sie mit dem Equipment auch wieder zurückkommen. Die Überraschung: „Am Ende kam eine richtig dicke Rechnung vom Zollbroker.“

Auf die Sekunde erreichten sie ihren letztmöglichen Flug nach Ushuaia, wurden von einem Mitarbeiter der Reederei vom Flughafen abgeholt und zum Hafen gebracht. „Wir haben schnell das Gepäck verladen und sind sofort los. Das war haarscharf.“ Einmal unterwegs ging alles sehr schnell. Erst Eisbrocken im Wasser, dann in der Ferne schon Eisberge: „Plötzlich war alles weiß.“

Einen dezidierten Drehplan haten sie nicht. Zwar gab es einige Videos, die sie extra für Sponsoren drehten. Hier hatten sie klare Konzepte. Doch für das eigene Projekt war ja der Plan, wenig Plan zu haben. Dennoch funktionierten sie ein umgeklapptes Bett zum Whiteboard um und sammelten dort, was sie noch drehen müssen. Dort standen dann Dinge wie „Pinguine filmen“ oder „Zodiacfahrten“ oder „Timelapse vom Schiff“. Hinzu kamen viele Interviews mit Crewmitgliedern und Mitreisenden. Hier trafen sie hochinteressante Menschen, von denen sie gerne noch mehr in den Film hineingenommen hätten.

130 STUNDEN MATERIAL

Das Team machte Tagesausflüge mit den Hubschraubern aufs Festland, um die Pinguinkolonien zu drehen, machte Naturaufnahmen auf dem Eis oder Interviews an Bord. Unterwegs wurde das Material auf drei Western Digital 16 TB HDD-Festplatten gesichert. „Das wurde am Ende schon knapp mit dem Platz“, sagt Vogt. JedenTag entstanden mehrere Gigabyte Material, jeden Abend wurde das Material gesichert. Bremsfaktor: Der USB3.0-Anschluss zur Festplatte erwies sich als Nadelöhr, so dass ein Backup die ganze Nacht brauchte.

Die Rückfahrt durch die Drakepassage ging bei heftiger See vor sich. Nicht nur das Team fiel aus, von See- und anderen Krankheiten geplagt. Auch einige Geräte gaben angesichts von Wasser und Kälte auf.

Nach einer Erholungspause von einem guten Monat startete Anfang 2018 die rund sechsmonatige Postproduktion. Der kreative Schnitt entstand auf Premiere Pro von Adobe, ebenfalls Sponsor des Projekts. Gegradet wurde in DaVinci Resolve 14. Der Workflow war komplex. Dennis Vogt, der vor allem für die Postprduktion zuständig war, erklärt, warum: „Du musst vor Beginn des Schnitts in DaVinci erst einmal Proxys rendern, dann haben wir die Sichtung und den Rohschnitt in Premiere gemacht, haben dann eine XML ausgespielt, in DaVinci importiert, hier gegradet, wieder gerendert und zurück in Premiere eingefügt.“ Die Sony S-Log2-Daten waren mit wenig Bearbeitung gut anzugleichen, auch wenn Denoising nötig war, um die Wirkung der unterschiedlichen Sensoren etwas zu kaschieren.

Aus den 130 Stunden Material bauten Vogt und sein Assistent abwechselnde Szenen aus Vlog und cinematischen Naturaufnahmen. „Das war ein schleppender Prozess“, sagt Vogt. „Wir haben immer wieder weggekürzt. Irgendwann hatten wir eine Fünf-Stunden-Timeline.“ Viel zu lang, aber es war immerhin eine Chronologie. Über das Kollaborationstool Frame.io tauschten sich die Teammitglieder immer wieder über die Fortschritte aus. Wichtige Dinge besprachen sie auch zu dritt am Rechner. Da aber alle zu dieser Zeit auch immer wieder eigene Projekte machten, war das nicht immer möglich. „Wir haben den Film immer wieder angesehen und gekürzt: Was kann weg, was muss drin bleiben, was erzählt unsere Geschichte?“

Schließlich war der Schnitt im Sommer abgeschlossen. Für einen Antarktisfilm ist eine Veröffentlichung im Winter ratsam. Mit ihrem Verleih „24 Bilder“ brachten die drei „Projekt: Antarktis – Die Reise unseres Lebens“ am 25. Oktober 2018 deutschlandweit mit 60 Kopien in die Kinos. Dem Kinostart war eine mehrwöchige Tour vorangegangen, in der Vogt, Müller-Zitzke und Ginzburg den Film persönlich vorstellten. Gegenwärtig ist eine Kinoauswertung in Österreich in der Planung. [7172]

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