Metamorphosen einer Kamera

Canon EOS C200 im Einsatz

DoP Bernd Siering und Uwe Agnes testeten die Canon EOS C200 bei einem Dreh in der Zentralafrikanischen Republik. In der Ausgabe 4/2018 berichten sie über den Dokumentardreh über eine neue Fußballakademie in der Hauptstadt Bangui.

Ausnahmsweise vom Stativ: im "Stadion der 20.000 Plätze"
Ausnahmsweise vom Stativ: im “Stadion der 20.000 Plätze” (Bild: Uwe Agnes)

IM “STADION DER 20.000 PLÄTZE”

Bei aller Erfahrung braucht es doch immer eine gewisse Eingewöhnungsphase, bis das Handling bei einer neuen Kamera halbwegs sitzt – erst recht, wenn sich so viele Funktionstasten an der Außenseite der Kamera befinden wie bei der C200. Deshalb sind wir froh, dass der erste Dreh dieser Reise in der zentralen Sportstätte des Landes stattfindet.

Im “Stadion der 20.000 Plätze”, das tatsächlich so heißt und dessen geradlinige Namensgebung wir gebührend bewundern, finden den ganzen Tag lang Auswahlspiele für die neuen Schüler der zukünftigen Fußballschule statt. Da geschätzt mindestens 800 Schüler diese Chance nutzen wollen, gibt es entsprechend viele Begegnungen, deren repetitiver Charakter uns zu Gute kommt, weil wir nicht befürchten müssen, durch falsches Handling etwas zu verpassen: wenn nicht gleich jeder Handgriff sitzt und deshalb etwas nicht auf Anhieb klappt, kann es jederzeit und oft genug wiederholt werden.

Auch die Schüler auf den Tribünen bleiben brav auf ihren Sitzen, bis sie mit ihrem Auswahlspiel an der Reihe sind – ideale Bedingungen, um etwas Zutrauen im Umgang mit der Canon EOS C200 zu erwerben.

METAMORPHOSEN

Das betrifft besonders den Hand- beziehungsweise Schulterbetrieb. Aufgrund der vielen Stellen, an denen die C200 eine Gewindeaufnahme zur Montage von Handgriffen oder sonstigem Zubehör hat, sind beinahe unzählige Konfigurationen möglich. Zunächst probieren wir, den Handgriff an der Optik wegzulassen, denn der Stecker für dessen Fernbedienung muss in einem so unglücklichen Winkel in das 18-80 mm-Zoom gesteckt werden, dass auf dem Ende des Steckers beim Abstellen der Kamera unfehlbar das meiste Gewicht lastet – und wenn wir je etwas gelernt haben, dann, dass man Kabel niemals, aber wirklich niemals knicken darf!

Innen und im Schatten hatte der Suchermonitor keine Probleme.
Innen und im Schatten hatte der Suchermonitor keine Probleme. (Bild: Uwe Agnes)

Also versuchen wir es im Handbetrieb mit dem rechten Griff am Kameragehäuse. Das führt aber, wie wir rasch bemerken, zu einem recht kopflastigen Setup, welches das Handgelenk auf Dauer ziemlich belastet, selbst wenn die linke Hand an der Optik ist, um Schärfe-, Zoom- oder Blendenring zu bedienen.

Eigentlich ist die C200 mit einem Gewicht von 2,6 Kilogramm allein für Body und Optik – hinzu kommen noch Suchermonitor, Mikrofon und Akku – zu schwer für einen dauerhaften Betrieb frei aus der Hand. Gut, dass wir den Innensechskantschlüssel stets parat haben, denn den braucht man, um die zahlreichen Schrauben zum Umbau der Konfiguration hinein- und hinauszudrehen, so auch beim Anbringen der Schulterstütze.

Der rechte Handgriff wandert wieder an die Optik, und um den Stecker zu schützen, ziehen wir ihn beim Abstellen der Kamera einfach routinemäßig ab – Problem gelöst. Im Prinzip wäre das ein brauchbares Setup, müsste man nicht hin und wieder visuell Bild und Kadrage kontrollieren.

Der eingebaute Sucher an der Rückseite der EOS C200 fällt beim Dreh von der Schulter aus rein physiologischen Gründen aus – bleibt der Suchermonitor. Der jedoch ist trotz allgemein großer Brillanz und geringer Neigung zu Spiegelungen der gleißenden Äquatorsonne doch nicht ganz gewachsen und liefert nur im Schatten verlässliche Anhaltspunkte zum Bildeindruck.

Folglich machen wir uns schon einmal im Geiste eine Notiz, bei der nächsten Drehreise – vielleicht zusätzlich – den optionalen Sucher mit Augenmuschel mitzunehmen.

OPTIMIERUNG

Nachdem der erste Tag erfolgreich hinter uns liegt, widmen wir uns am Abend der weiteren Optimierung unseres Dreherlebnisses. Zunächst einmal beschließen wir, ob – wohl das 18-80 mm-Zoom im Telebereich doch etwas Luft nach oben hat, das gerade für diesen Fall mitgeführte CN-E70-200 mm T4.4 im staubdichten Koffer zu lassen und Objektivwechsel im Freien um jeden Preis zu vermeiden.

Es herrscht nämlich Trockenzeit, und die Luft ist dermaßen voller Staub, dass nicht nur das Tageslicht außergewöhnlich flach erscheint, sondern sich auch sämtliche Gegenstände im Freien binnen kürzester Zeit mit einer substanziellen Staubschicht überziehen – Linsenoberflächen und, würden sie denn beim Optikwechsel den Elementen preisgegeben, Sensoren eingeschlossen.

Außerdem beschäftigen wir uns noch einmal etwas genauer mit der “Focus Guide” genannten Scharfstellhilfe, die über eine Taste am Handgriff zugeschaltet werden kann. Dann erscheint im Display ein Fokusrahmen, dessen Position sich per Antippen des Displays oder per Joystick an den gewünschten Bildausschnitt verschieben lässt.

Darüber hinaus gibt es ein Referenz-Dreieck sowie zwei weitere, die je nach Lage der eingestellten Entfernung relativ zum optimalen Schärfepunkt entweder über oder unter dem Fokusrahmen liegen. Die Bedienung ist dann recht intuitiv: wenn sich die Dreiecke beim Drehen des Schärferings aufeinander zubewegen, wird der betreffende Bildausschnitt schärfer, und das Optimum ist erreicht, wenn alle Dreiecke übereinander liegen.

Allerdings hat sich beim Dreh im “Stadion der 20.000 Plätze” gezeigt, dass diese Funktion zwar meistens tadellos funktionierte, manchmal aber ohne direkt ersichtlichen Anlass eben nicht. Also gehen wir am Abend in der Hotelbar der Sache auf den Grund und studieren aufmerksam das Handbuch. Und siehe – dort findet sich der nicht unwesentliche Hinweis, dass “Focus Assist” jenseits einer Blende 11 nicht arbeitet.

Handbuchstudium in der Hotelbar
Handbuchstudium in der Hotelbar (Bild: Bernd Siering)

Lektion gelernt: offenbar lässt sich Wissen manchmal eben doch nicht vollständig durch Intuition ersetzen. Gut, dass die C200 zwei elektrisch einschwenkbare ND-Filterräder hat, die in verschiedenen Kombinationen die Lichtempfindlichkeit um bis zu zehn Stufen absenken können. Also werden wir keine Probleme haben, in Zukunft auch unter der Sonne Afrikas offenere Blendenstufen als 11 zu realisieren.

Obwohl wir unsere Moskito-Netze erst am nächsten Tag bekommen sollen und diese Tatsache nicht unbedingt dabei hilft, den Geist zu beruhigen, betten wir uns mit den frisch erworbenen Kenntnissen zur Ruhe und erwarten getrost den nächsten Drehtag.

Mehr dazu? Den ersten Teil über die Dreharbeiten in der Zentralafrikanischen Republik können Sie hier lesen.

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