Recherche, Rechte und Etats

Neue Berufe: Visual Researcher

Visual Researcher sind bei Doku-Projekten in den USA oft schon fester Teil der Crew. In Deutschland dagegen sind sie eher noch Exoten. Sie besorgen der Produktion alles an Material, was sie nicht selbst produziert. Sie recherchieren, kümmern sich um die Rechteeinholung und kontrollieren den Etat für Fremdmaterial. Gunter Becker sprach in unserer Ausgabe 9.2019 mit Virtual Researcher Stephen Maier über You- Tube-Clips, die Materialsuche in französischen Kasernen und virtuelle Fotoalben.

Stephen, im Ausland ist die Mitarbeit eines Visual Researchers bei Doku-Projekten beinahe ein must have. In Deutschland ist deine Funktion eher noch unbekannt. Wie beschreibst du selbst deine Tätigkeit?
Im Englischen wird der Beruf als Visual Researcher oder Archive Producer, im Deutschen als Visual Researcher oder Archivrechercheur bezeichnet. Im Grunde bringe ich alles an Material heran, was die Produktion nicht selbst produziert. Einerseits muss ich passendes Material recherchieren, andererseits muss ich die Nutzungsrechte der recherchierten Materialien wasserdicht klären und den Etat im Auge behalten.

Die Notwendigkeit, Fremdmaterial einsetzen zu müssen, ergibt sich doch auch für deutsche Doku-Projekte. Warum werdet ihr hier noch so selten eingesetzt?
Viele Produktionen machen noch immer den Fehler, Clips einfach aus YouTube zu ziehen und erst im Nachhinein da- rüber nachzudenken, wer denn eigentlich die Rechte an dem Material hält. Wenn eine Produktion aber bereits früh mit einem VR zusammenarbeitet, dann besteht die Chance, dass sie das beste gewünschte Material bekommt und gleichzeitig Rechts- und Etatsicherheit hat. Also eine Art von Risikominimierung. Ein ganz konkretes Beispiel: Ein Produzent plant ein Porträt eines bekannten Film- schauspielers. Natürlich braucht er dafür Clips aus be- kannten Spielfilmen. Ein hinzugezogener VR kann bereits früh klären, welche Ausschnitte er zu welchem Preis bekommen kann. Wenn die Produktion aber erst am Ende, nach Fertigstellung des Schnitts, mit solchen Kosten konfrontiert wird, hat sie in der Regel ein Problem.

Wie bist du zum Visual Researcher geworden beziehungsweise dazu ausgebildet worden?
Ich habe bis vor acht Jahren an der FU Berlin Geschichte und Publizistik studiert. Dann habe ich bei der ZDF-Toch- ter Gruppe 5 Filmproduktion in Köln angefangen. Die machten für das ZDF Geschichtsdokumentationen, etwa die Guido-Knopp-Reihe „Die Deutschen“. Im Bereich zeitgeschichtliche Dokumentationen für das ZDF arbeite ich immer noch, jetzt bei Februar Film in Berlin. Fast jedes meiner Projekte hat ein historisches Thema. Allerdings bin ich nur zu 50 Prozent Visual Researcher. Während der restlichen Zeit arbeite ich als Producer. Aber meine Steckenpferde sind Archivrecherche und Rechteklärung. Menschen, die ausschließlich VR machen, gibt es in Deutschland noch recht wenige – höchstens eine Handvoll.

Kannst du konkrete Beispiele für deine Arbeit nennen? Produktionen, die bereits zu sehen waren?
Ein Beispiel für meine Arbeit ist die preisgekrönte Dokumentation „Der Vietnamkrieg – Gesichter einer Tragödie“. Ausgezeichnet wurde der Film auch wegen der zahlreichen Blickwinkel, die er präsentierte. Etwa den der traumatisierten GIs, den der nordvietnamesischen Kämpfer, den der Südvietnamesen. Aber auch die Perspektiven der westdeutschen Regierung und die der DDR-Regierung wurden gezeigt. Wir hatten also ein ganzes Potpourri von Perspektiven zu recherchieren. Entsprechend galt es verschiedenstes Filmmaterial an verschiedensten Orten zu finden und auszuwerten: Etwa Pro-Vietnam-Beiträge des DDR-Fernsehens oder Drehbänder von Gerd Ruge zu Südostasien aus der WDR-Redaktion des Auslandsjournals.

Seid ihr besonders auf Filmmaterial spezialisiert? Welche anderen Materialarten besorgt ihr außerdem? Auf welche Arten werden sie eingebunden?
Visual Researcher besorgen wirklich alle Arten von Fremdmaterial: von Fotos über Filmclips bis zu Zeitungsaus- schnitten und sonstigen Dokumenten. Bei Februar Film haben wir gerade an einer Stasi-Dokumentation gearbeitet. Dazu verbringe ich viel Zeit in der Stasiunterlagen-Behörde und sichte dort Akten. Die Dokumente werden dann gescannt und vom Grafiker bearbeitet. Dazu fährt man zum Beispiel mit der virtuellen Kamera über das Schriftstück und highlightet Ausschnitte. Oder aus meinen gefundenen Fotos setzt die Grafik ein virtuelles Fotoalbum um, das dann im Film zu sehen sein wird.
Für eine Dokumentation über italienische Gastarbeiter in Deutschland habe ich gerade im Auswärtigen Amt das erste Anwerbeabkommen von 1955 zwischen der Bundesrepublik und Italien besorgt. Man ist also auch unterwegs, manchmal sogar international, um Material zu besorgen. [9815]

Das komplette Interview mit Stephen Maier können Sie hier lesen!

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