Digitalisierung der Ethnologischen Filmsammlung für Wissenschaft und Forschung

Ethnologisches Filmerbe digitalisieren

Beim Projekt DELFT „Digitalisierung Ethnologischer Filmbestand“ werden etwa 2.000 Filme aus dem Bestand des ehemaligen Instituts für den Wissenschaftlichen Film (IWF) in Göttingen von der Firma Film-Digital digitalisiert. Wir schauen uns den Weg der Digitalisierung von der Filmspule bis zur Festplatte an.

Ulirke Schmidt, Inhaberin von Film-Digital sitzt in der Lagerhalle bei der TIB am Filmprüftisch (RTI Pulsar 2800 TT) und sichtet einen Film.
Ulrike Schmidt am Filmprüftisch (Bild: CAP Solutions)

Das Institut für den Wissenschaftlichen Film (IWF) war ein in Göttingen ansässiges Institut von Bund und Ländern für Medien in der Wissenschaft und Bildung. Es wurde 1956 gegründet, akquirierte und optimierte AV-Medien aus der Wissenschaft und machte etwa 8.500 Medien aus Lehre und Forschung zugänglich, die zum Teil auch ausgeliehen werden konnten. Die Filmsammlung des IWF wurde im November 2012 inklusive aller daran bestehenden Rechte im Rahmen der Liquidation mit einem Medienübertragungsvertrag zwischen IWF, Niedersächsischem Ministerium für Wissenschaft und Kultur und der TIB – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften in Hannover auf diese übertragen. Im Rahmen des Projektes „Digitalisierung Ethnologischer Filmbestand (DELFT)“ wird seit Oktober 2017 zwei Jahre lang der ethnologische Filmbestand von 1.953 Titeln digitalisiert. Die Sammlung repräsentiert einen Produktionszeitraum von etwa 100 Jahren. Bei den ethnologischen und volkskundlichen Filmen des IWF handelt es sich um einen wissenschaftlich bedeutsamen Quellenbestand. Die Materialien eigneten sich bis heute jedoch nur begrenzt für eine systematische wissenschaftliche Auswertung, weil sie überwiegend analog und, wenn digital, in einer niedrigen Auflösung vorliegen. Parallel werden Langzeitarchivierung, Erfassung von Metadaten und die Einbindung der Digitalisate in das Portal für audiovisuelle Medien der TIB (AV-Portal der TIB) als Teil des Digitalisierungskonzeptes durchgeführt. Die Filme sind mit einem Digital Object Identifier (DOI) versehen und somit eindeutig referenzierbar. Durch die Digitalisierung soll das Material für Forschung und Lehre in den Fächern Ethnologie, Anthropologie und Filmwissenschaften zugänglich gemacht werden.

DIE SICHTUNG UND PRÜFUNG DER FILME

Wie erfolgt nun der Ablauf der Digitalisierung der Stumm- und Tonfilme? In einem etwa 130 Meter langen und 90 Meter breiten Magazin in Rethen (Region Hannover) werden in einem Labyrinth aus meterhohen Regalen unzählige Bücher und etwa 33.000 Filmkopien auf Spulen in Dosen aufbewahrt. Davon müssen etwa 6.000 Filme für die spätere Digitalisierung gesichtet werden. Die im Jahr 2002 gegründete Firma Film-Digital aus der Wedemark in der Region Hannover hat den Auftrag der TIB erhalten, die Filme zu digitalisieren. „Die Verbindung von historischem Filmmaterial und neuester Digitaltechnik faszinierte uns dabei von Anfang an“, sagt Inhaberin Ulrike Schmidt. „Wir bringen unsere Technik stets auf den aktuellen Stand und er- weitern die Angebote für Archive, Filmproduktionen, Museen, Universitäten, Firmen und ambitionierte Privatkunden. Für Digitalisierungsbetriebe und Privatkunden haben wir ein Filmtransfersystem mit DSLR- beziehungsweise Filmkameras entwickelt“, sagt Schmidt. Die Inhaberin sitzt in der großen Halle an einem Filmprüftisch (RTI Pulsar 2800 TT). Der Filmprüfer ermöglicht durch den zahnradlosen Filmtransport eine schonende Sichtung des Materials. „Das ist besonders bei gealterten Materialien wichtig, da durch Schrumpfung oder Dehnung die Perforation des Films beim Transport mit Zahnrädern geschädigt werden kann“, erläutert Ulrike Schmidt. Mit dem integrierten Monitor lassen sich die Kopien auf Verkratzungen, Schrammen sowie die fotografische Bildqualität überprüfen. Die Maschine zählt die Klebestellen und prüft Perforationsschäden. Ebenfalls wird die Lichttonspur kontrolliert. Ulrike Schmidt sichtet zusammen mit Miriam Reiche, Restauratorin an der TIB, die Filmkopien, auf denen zum Beispiel Ureinwohner aus Neuguinea zu sehen sind, auf Beschädigungen. Darüber hinaus wird die Verfärbung des Filmmaterials aus Cellulose-Acetat in Augenschein genommen. Zum detaillierteren Vergleich der Farben steht zusätzlich ein Steenbeck-Schneidetisch mit zwei Monitoren für den parallelen Betrieb mit zwei Filmkopien zur Verfügung. Miriam Reiche gibt die Daten zum jeweiligen Film an einem Notebook in ein Dokumentationsschema ein. „Der Schwerpunkt der Sammlung besteht aus 16-mm-Stumm- filmen und Lichttonfilmen in Schwarz-Weiß und Farbe. Zu etwa 700 Filmen gibt es separate Magnettonbänder in mehreren Sprachfassungen, Kommentaren sowie Originaltönen“, so Miriam Reiche. Bei Filmen beginnen Farbveränderungen ab dem Tag der Produktion, erklärt die Restauratorin. Eine Prognose über die Lebenserwartung audiovisueller Dokumente ist schwierig und hängt von unterschiedlichen Faktoren ab.

 

Filmscanner „Spinner S“ von MWA
Filmscanner „Spinner S“ von MWA (Bild: CAP Solutions)

Im Falle von 16-mm Filmkopien sind es diese Faktoren:
– Die Materialgüte: die Zusammensetzung und Qualität der verwendeten Inhaltsstoffe.
– Die Verarbeitung: die im Entwicklungsprozess verwendeten Chemikalien und die Sorgfalt bei der Verarbeitung innerhalb der einzelnen Prozessschritte (Entwickeln, Fixieren, Wässern).
– Die Aufbewahrungsbedingungen: Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit und deren Schwankungen sowie die Qualität der Raumluft (Luftfilterung und Luftwechselrate).
– Die Benutzungsgeschichte: Sorgfalt bei der Benutzung, Wartung der technischen Geräte zum Abspielen der Filme.
– Die Verpackungen: Metalldosen (Korrosionsgefahr), Plastikdosen (Weichmacher), innerhalb der Dosen können die Filme zusätzlich in Plastiktüten (Weichmacher, luft- dichte Verpackung) oder Papier (säurehaltige Papiere) verpackt sein.

„Bei der Digitalisierung werden die Farben nicht verändert, da es keine Referenz im Vergleich zum Original gibt. Die Darstellung muss authentisch bleiben. Eine digitale Retusche wäre eine Interpretation“, erläutert Miriam Reiche.

DIE DIGITALISIERUNG DER FILME

Die ausgewählten Filme kommen zur Digitalisierung zu Film-Digital. Dort können Filme mit 8 mm, Super 8, 9,5 mm, 16 mm und 35 mm Breite auf dem Multiformat- Filmscanner „Spinner S“ von MWA gescannt werden. Von diesem Filmscanner gibt es laut MWA bisher nur zwei Geräte in Deutschland und sechs weitere weltweit. Der Spinner S arbeitet mit einem neuen Filmantrieb. Wo bei Vorgängermodellen der Film mit einem Zahnkranzantrieb oder einer Gummirolle transportiert wurde, liegt der Film auf dem „Spinner S“ mit einstellbarer Spannung auf den Umlenkrollen. Neben der Tonabtastung läuft die Bildabtastung mit einer Kamera bis 8K und einer hochauflösenden Canon-Spezialoptik. Über ein Gate für das jeweilige Filmformat ist der Bildausschnitt individuell einstellbar. Mit einer diffusen RGB-LED-Leuchte wird der Film durchleuchtet. „Ein Laser sorgt für die Stabilisierung des Bildes und ist gleichzeitig die Referenz für den Transport. Der in DPX-Einzelbildern digitalisierte Film wird mittels eigener und speziell für diesen Auftrag entwickelter Skripte weiterverarbeitet“, erläutert Ulrike Schmidt. Als Archivmaster wird das Zielformat FFV1 für Bild in Kombination mit PCM Linear Audio im Matroska-Containerformat eingesetzt, das pro Stunde etwa 1,4 TB Speicherplatz in Anspruch nimmt. Weitere leichtgewichtigere Nutzungsformate für das AV-Portal der TIB werden als mp4 mit H.264 und H.265 generiert. Anschließend werden die Derivate auf SSD-Platten an die TIB übergeben, wo sie geprüft, archiviert, und – sofern rechtlich möglich – für Wissenschaftler und andere Nutzer des AV-Portals bereitgestellt werden.

ANFORDERUNGEN AN DIE NUTZUNGSKOPIEN

Für die Verwaltung von audiovisuellen Medien ist im Jahr 2011 ein Media-Asset-Managementsystem (MAM) in die Systemumgebung der TIB integriert worden. Das MAM verfügt über eigene Transcoder, die alle gängigen Codecs beherrschen, und erstellt Statistiken. Die mp4-Kopien werden in das Media-Asset-Management-System importiert und dort werden momentan zwei Derivate (Datenrate: 700 kb/s + 1.500 kb/s) erstellt. Das 700er-Derivat wird im AV-Portal ausgespielt. Das 1.500er-Derivat wird zum Download angeboten. Für die Langzeitarchivierung wird noch ein weiteres Derivat erstellt (Codec Lossless H.265 CRF 18). H.265 ist der Nachfolger von H.264, lässt sich jedoch noch nicht mit jedem Browser öffnen. Vorteil von H.265 sind die gegenüber H.264 geringeren Bitraten bei gleichbleibender Qualität.

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