Produkt: FILM & TV KAMERA 07-08/2019
FILM & TV KAMERA 07-08/2019
Joscha Seehausen und Marius Milinski: Spielfilmdreh mit Panasonic AU-EVA1 +++ HANDS-ON: Canon XA55 +++ FESTIVAL: 72. Festival de Cannes +++ AUSZEICHNUNG: 29. Deutscher Kamerapreis +++ MONTAGE: Editorin Mechthild Barth
DoP Rodrigo Prieto im Gespräch

Visuelle Reise durch die Zeit

Der mexikanisch-amerikanische Kameramann Rodrigo Prieto hat mit etlichen bedeutenden Regisseuren zusammengearbeitet, darunter Ang Lee, Pedro Almodóvar und Oliver Stone. Für Martin Scorsese drehte er nun die Netflix-Produktion „The Irishman“. Birgit Heidsieck sprach mit ihm für unsere Ausgabe 12.2019.

“The Irishman” ist eine visuelle Reise durch vier Jahrzehnte. (Bild: Netflix 2019)

Wie ist Ihre Liebe zum Kino entstanden?
Meine Faszination für das Kino ist nicht dadurch geweckt worden, dass ich mir Filme angeschaut habe, sondern weil ich schon als Kind entdeckt habe, dass es möglich ist, Filme zu machen. Im Alter von zehn, elf Jahren habe ich zusammen mit meinem Bruder begonnen, kurze Stop- Motion-Filme auf 8-mm-Material zu drehen. Später sind wir auf Super 8 umgestiegen, haben Ton hinzugefügt, unsere Filme geschnitten und mit Musik unterlegt. Ich interessierte mich damals für eine ganz bestimmte Art von Filmen, die mitunter in Mexiko im Fernsehen liefen. Dazu gehörten vor allem Science-Fiction- und Stop-Motion-Filme wie „King Kong“, „Mein großer Freund Joe“ oder „Jason and the Argonauts“ von dem Animationsexperten Ray Harryhausen, den mein Bruder und ich sehr bewunderten. Es fasziniert mich immer noch, dass sich mit kleinen Figuren so kraftvolle Szenen erschaffen lassen. Wir haben mit der 8-mm-Kamera unseres Vaters unsere kleinen Spielzeugmonster in Bewegung gebracht, die durch die Projektion auf einmal groß und lebendig wirkten – das war geradezu magisch. Es machte mir Spaß, Filme zu drehen. Ich wusste nicht, dass sich damit der Lebensunterhalt verdienen lässt und es eine Karriere eröffnen kann. Ich wollte einfach nur meine kleinen Filmchen realisieren.

DoP Rodrigo Prieto

Zu Ihrem Markenzeichen gehört, dass Sie fast ohne den Einsatz von Licht großartige Aufnahmen erschaffen. Wie haben Sie Ihren Stil entwickelt?
Ich habe nie als Kameraassistent, Kameraschwenker oder Beleuchter gearbeitet, sondern sehr früh begonnen, Dokumentarfilme und Werbespots zu drehen. Ich habe mit 23 Jahren meinen ersten Werbespot als Kameramann gedreht, was in Mexiko City damals sehr ungewöhnlich war. Heutzutage ist es normal, dass junge Leute früh anfangen. Damals hat die Crew mich komisch angeschaut, als ich als Kameramann engagiert worden bin. Ich konnte viele verschiedene Dinge ausprobieren und experimentieren. Dabei habe ich von meiner Arbeit an der Filmschule profitiert, denn in meinem Jahrgang gab es nur elf Studenten, darunter zwei Kamera-Studenten, so dass ich viel drehen konnte. Ich wollte genau solche Bilder erschaffen, wie die Kameraleute der Filme, die ich bewunderte, aber ich wusste nicht, wie ich das hinbekommen kann. Deshalb fing ich an, Bücher über Kameraarbeit zu lesen. Zu meinen großen Vorbildern gehörte Néstor Almendros, der ein Buch über den Einsatz von natürlichem Licht geschrieben hat, das ich förmlich verschlang. Er begriff sich nicht als Kameramann, sondern vielmehr als ein Forscher, der sich nicht mit der klassischen Lichtsetzung in Filmen beschäftigte, sondern untersuchte, wie sich Lichtquellen erschaffen lassen. Das hat mich fasziniert und meine Arbeit nachhaltig beeinflusst.

Wie erzeugen Sie die gewünschten Lichtstimmungen?
Ich versuche stets, mir bestimmte Lichtsituationen aus meinem Leben ins Gedächtnis zu rufen, die mich emotional berührt haben. Diese Emotionen versuche ich, mithilfe des Lichts und der Kamera in bestimmten Szenen zum Ausdruck zu bringen. Meine Arbeit ist durch Kameramänner wie Almendros, Sven Nykvist und Jordan Cronenweth geprägt worden. Ich habe mich vor allem für die Kombination aus ihrem Naturalismus und der expressiven Kameraarbeit von Vittorio Storaro und Cronenweth interessiert. Ich habe versucht, den Naturalismus mit der expressiven Kameraarbeit auf eine unsichtbare Art miteinander zu verbinden, damit das Publikum nicht merkt, dass es durch die Lichtstimmung emotional beeinflusst wird. Das ist ein Schwerpunkt meiner Arbeit, die meinen Stil prägt.

Wie sah Ihr Ansatz bei Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“ aus, der über vier Jahrzehnte spielt und für den die Schauspieler digital verjüngt werden mussten?
Ein wichtiger Bestandteil von „The Irishman“ ist der Übergang zu den verschiedenen Zeiten, da der Film historische Ereignisse aus verschiedenen Jahrzehnten zeigt, welche die Figuren durchlaufen. Der Film basiert auf einer authentischen Figur und einem Buch mit Interviews mit Frank Sheeran, der von Robert De Niro gespielt wird. Wir folgen den Hauptfiguren über eine Zeitspanne von den 1950ern bis zum Jahr 2000. Einige von ihnen sterben früher, aber die Figuren altern im Laufe des Films entsprechend. Die jeweilige Zeit wird im Film nicht eingeblendet, sondern ist jeweils durch bestimmte historische Ereignisse sichtbar. Den Veränderungsprozess der Schauspieler habe ich durch den Look des Films unterstrichen. Martin Scorsese wollte gerne, dass der Film stellenweise an den Stil alter Amateurfilme erinnert, aber es sollten keinesfalls Handkamera-Aufnahmen auf Super 8 oder 16 mm sein.

Wie haben Sie diese Anforderungen umgesetzt?
Bei meinen Überlegungen dazu ist mir klar geworden, dass ein zentrales Sujet in diesem Film Erinnerungen sind, denn die Hauptfigur erzählt, was sie in der Vergangenheit erlebt hat. Es geht um verschiedene Zeitebenen, Erinnerungen und welche dieser Ereignisse im Leben dieser Person am Ende wichtig sind. Um die Erinnerungen an die unterschiedlichen Jahrzehnten zu zeigen, habe ich Fotos nachgestellt, die so aussehen wie die alten Fotos unserer Eltern aus den 1940er, 1950er oder 1960er Jahren. In den verschiedenen Jahrzehnten sind unterschiedliche Emulsionen verwendet worden. Ich habe Recherchen dazu angestellt, mir alte Fotos angeschaut und mich mit Scorses darauf verständigt, dass wir die 1950er Jahre in Kodachrome und die 1960er in Ektachrome zeigen. Das war in dieser Zeit typisch in der Fotografie, obwohl es Kodachrome noch lange danach und Ektachrome schon vorher gegeben hat. [11021]

Das komplette Interview mit DoP Rodrigo Prieto können Sie hier nachlesen!

Produkt: FILM & TV KAMERA 07-08/2019
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Joscha Seehausen und Marius Milinski: Spielfilmdreh mit Panasonic AU-EVA1 +++ HANDS-ON: Canon XA55 +++ FESTIVAL: 72. Festival de Cannes +++ AUSZEICHNUNG: 29. Deutscher Kamerapreis +++ MONTAGE: Editorin Mechthild Barth
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