45 Minuten für die Schlüsselszene

Schlüsselszene & Available Light: “Amelie rennt” (2/2)

Hier der zweite Teil des Drehberichts aus unserer Ausgabe 12/2016 zu “Amelie rennt”. Am gestrigen Donnerstag, den 21. September startete der Film in den deutschen Kinos.

Die Sonne steht schon niedrig. Auf dem Gipfel gibt es letzte Regieanweisungen für die Hauptdarsteller.
Foto: Martin Rattini, Oliver Feist, Uve Haußig
Die Sonne steht schon niedrig. Auf dem Gipfel gibt es letzte Regieanweisungen für die Hauptdarsteller.

Für den Schnitt brauchte Schlecht für den Editor Andreas Radtke “viel Futter, um Südtirol und die Wetterwechsel zu erzählen”. Etwa drei Tage war daher 2nd-Unit-Kameramann Martin Rattini unterwegs und suchte beispielsweise nach tropfenden Tannenzweigen, mit denen man im Schnitt einen Regenanschluss generieren kann. Mit einem Mini-Team von fünf Leuten, darunter zwei Doubles, und einer ARRI Amira drehte Rattini außerdem Establishing Shots, die erzählen, wie die Familie von Berlin nach Südtirol reist. Außerdem machte Martin Schlecht sich mit einer Sony Alpha A7S2 Spiegelreflexkamera mit PL-Mount auf die Suche nach stimmungsvollen E-Shots.

Der DoP verwendete die Voll format-Kamera im S35-crop. “Mich haben  die Arbeitszeiten beim Film immer geärgert. Du fängst jeweils an, wenn das schönste Licht gerade vorbei ist, und hörst auf, wenn das schönste Licht anfängt”, sagt DoP Schlecht. Also habe er sich nun angewöhnt, früher zu kommen oder länger zu bleiben, und schnappt sich dafür auch mal einen noch ungeschminkten Schauspieler: “Und etwa die Hälfte von diesen Bildern landet dann später auch im fertigen Film.”

Auf Dämmerung legte der Kameramann dann auch bei der zentralen Szene am Gipfel Wert, als die beiden Hauptfiguren schließlich beim Herz-Jesu-Feuer ankommen. Im Drehbuch spielte die Szene nachts und da sprachen nicht nur die Kinderarbeitszeiten dagegen. “Dafür hätten wir auch ins Studio gehen können, weil man die Berge nachts eh nicht sieht”, sagt Martin Schlecht. DoP, Regisseur und Produktion legten sich also auf die Dämmerung fest und damit war klar: Das Team hatte maximal eine Dreiviertelstunde, in der sie auch noch Licht setzen mussten.

Hier übernahm Rattini dann auch die B-Kamera. DIT Martin Noweck, der teilweise ebenfalls als 2nd-unit-Operator gearbeitet hat, drehte die VFX-Shots. Die zwei Feuer wurden entzündet, ein großes und ein kleines, über das die Darsteller und eine Kuh springen sollten. Doch dann drehte der Wind. Er erzeugte so viel Funkenflug und drückte diesen zum Spielort, dass ein Dreh dort unmöglich wurde. “Wir haben an diesem Tag nicht viel geschafft”, erzählt der Kameramann: “Dementsprechend nervös war ich am nächsten.” Zwei Stunden sprach er dann mit dem kompletten Team  haarklein den Ablauf durch.

Jeder wusste genau, wo er zu stehen hatte und wohin er wechseln musste: “Wir haben die Kameras fast nicht ausgeschaltet.” Und die Kuh ließ sich zwar nicht überreden, für die Kamera übers Feuer zu springen, aber sie lief wenigstens durch. “Es ist gut, die Einstellungen mit der Kuh zu haben, aber emotional ist man eh woanders. Bei Amelie, die ihre Alpentour geschafft hat”, betont Schlecht.

GIMBAL AN DER GRENZE

Der DoP hatte bei “Amelie rennt” fast immer zwei Hauptkameras mit dabei, die ARRI Amira und die Alexa Mini. Die Alexa Mini war immer auf den Gimbal montiert, ein DJI Ronin. So verlor der Kameramann nicht die wertvolle Drehzeit der Kinder durch einen Umbau. Einmal hat er dann sogar den Gimbal mit auf 2.500 Meter genommen: “Es war super anstrengend, aber es hat sich gelohnt.” Der Gimbal beeinflusste auch Wahl der Objektive: “Die Ultra Primes sind einfach die leichtesten. Und auch so waren wir manchmal schon 10 Gramm davor, dass die Motoren des Gimbals das Kameragewicht nicht mehr halten können”, erzählt Martin Schlecht.

Alles fertig zum Dreh: Ganz rechts ist Martin Schlecht an der Kamera, die Herz-Jesu-Feuer am Gipfel brennen.
Foto: Martin Rattini, Oliver Feist, Uve Haußig
Alles fertig zum Dreh: Ganz rechts ist Martin Schlecht an der Kamera, die Herz-Jesu-Feuer am Gipfel brennen.

Die Ultra Primes seien durchgängig bei allen Optiken klar und präzise, “fast schon langweilig vom Look, wenn man gar nichts macht”, sagt Schlecht, aber er arbeitet gern mit Filtern, wie einem Attenuator Verlaufsfilter: “Viele sagen: ‚Filter brauche ich heute nicht mehr’. Aber wenn ich damit kontrastreicher werde und mir die Schatten wärmer mache, dann vereinfacht das die Farbkorrektur.” Der DoP sieht es auch als große Herausforderung, so nahe wie möglich an 35 mm ran zu kommen. Das ginge zwar mit alten Optiken genauso, sagt Schlecht, der für “Honig im Kopf” acht verschiedene alte anamorphotische und acht alte sphärische Linsen getestet hatte. Aber das mache es für die Assistenten viel schwieriger, weil die nicht so verlässlich seien und zum Beispiel bei Gegenlicht plötzlich alles ins Weiß abgleite.

Martin Schlecht kennt die Sorgen und Nöte seiner Assistenten, nach einem Praktikum bei ARRI 1998 arbeitete er sich vom Materialassistenten über 1. Kameraassisten ten zum DoP hoch. “Mit klaren Linsen weiß ich, was wir für Bilder bekommen. Das ist wichtig, wenn ich wenig Zeit habe wie bei diesem Projekt”, betont der DoP.

AVAILABLE LIGHT

Beschränkungen lassen manchmal die besten Ideen entstehen: Im Drehbuch gibt es eine Szene, in der die Mutter Hals über Kopf mit dem Auto nach Südtirol düst, nachdem sie von Amelies Verschwinden erfahren hat. Nachts übermannt sie dann der Sekundenschlaf. Tobias Wiemann und Martin Schlecht überlegten, wie sie das umsetzen sollten. Denn nachts auf der Autobahn hätten sie viel zu viel Licht setzen müssen. Da kam Szenenbildner Johannes Sternagel die Idee, dass er schon immer mal an einer Mautstation drehen wollte.

Um für eine nächtliche Fahrt keine Autobahn ausleuchten zu müssen, drehte das Team an einer Mautstation.
Foto: Martin Rattini, Oliver Feist, Uve Haußig
Um für eine nächtliche Fahrt keine Autobahn ausleuchten zu müssen, drehte das Team an einer Mautstation.

Die Behörden zeigten sich offen und sperrten die Station bei Brixen komplett in beide Richtungen für den Dreh. Das Ergebnis beeindruckt: Fast schon surreal leuchtet die Mautstation ganz verlassen in der Dunkelheit, als das Auto darauf zufährt, bevor der Stuntfahrer schließlich voll in die Eisen steigt. Martin Schlecht schätzt “available light” generell sehr: “Ich bin keiner, der tausend Lampen aufbauen muss, auch wenn es immer wieder Situationen gibt, in denen man das braucht.” Sein größter Wunsch ist es, in einer asiatischen Großstadt wie Tokyo oder Hongkong einen kompletten Nachtfilm zu drehen, und zwar ausschließlich mit dem dort vorhandenen Licht.

Zwischen den 24. Mai und dem 6. Juli 2016 fanden die Hauptdreharbeiten statt. Gestern am 21. September ist der Film “Amelie rennt” in den deutschen Kinos erschienen.

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