"Dunkel reicht nicht"

Netflix-Original “Dark”: DoP Nikolaus Summerer über Alexa 65 und Objektive

Seit dem 1. Dezember ist die erste deutsche Netflix-Original-Serie online. Unter der Regie von Baran Bo Odar (“WhoAmI”) entstand “Dark”, eine düstere Mysteryserie, die mit den Zeitebenen spielt. DoP Nikolaus Summerer erzählte uns von seiner Arbeit an dem Zehnteiler, warum er mit der ARRI Alexa 65 drehte und was die Besonderheit des Lichtkonzepts war.

Das Team um Regisseur Baran Bo Odar (mit Kappe) und Kameramann Nikolaus Summerer (rechts kniend). (Bild: Foto: Netflix)

Der Junge stolpert aus der dunklen Höhle. Er trägt einen Skelett-Overall. Wange und Kinn hat er sich aufgeschlagen. Aber wo? In der Höhle? Und wann? Vorhin? Oder gestern Abend, bevor der Wolkenbruch über ihn und das kleine Dorf hereinbrach? Als er mit seinem Bruder und seinen Freunden hier im Wald unterwegs war? Er weiß nur, hier muss er weg. Nach Hause. Seine Fü.e fliegen über den regenfeuchten Waldboden. Schließlich biegt er in die Straße, in der er wohnt. In der Einfahrt steht ein Auto, das er nicht kennt. Vorsichtig tritt er näher. Wieso passt sein verdammter Schlüssel nicht in die Haustür? Aus dem Hauseingang tritt ein Junge, etwas älter als er und schwingt sich auf sein Mofa. Aber das ist nicht sein Bruder. Was um Himmels Willen geht hier vor?

Als Netflix im Februar 2016 verkündete, die erste deutsche Original-Serie würde von Regisseur Baran Bo Odar und Autorin Jantje Friese umgesetzt werden, gab es erstaunlich wenige Skeptiker. Nach dem Kritiker- und Publikumserfolg “WhoAmI” von 2014 war es ein logischer Schritt, genau dieses Team als Showrunner einzusetzen. Nach dem immensen Erfolg von “Stranger Things” in 2016 und der enorm schnell im Oktober 2017 nachgeschobenen zweiten Staffel, wuchs die Erwartungshaltung an “Dark”. War doch in den letzten Jahren immer wieder  die Frage laut geworden, warum in Deutschland wenig überzeugende Serien produziert werden. Seit 1. Dezember wissen wir: doch, das geht. Mit von der Partie waren wieder die Produzenten Quirin Berg und Max Wiedemann sowie derjenige, der die düstere Bildsprache des Hackerthrillers erfunden hatte, DoP Nikolaus Summerer.

Summerer startete in seine Filmlaufbahn am Set der TVSerie “Dr. Stefan Frank”.

Hier lernte er als Lichtpraktikant über ARRI, wurde später Material- und Bühnenassistent, arbeite bei ARRI im Kameraverleih und ging sogar für die Münchener ein Jahr nach New York City. Nach seiner Rückkehr arbeitete er als Assistent und bewarb sich schließlich an der HFF München. “Eigentlich wollte ich nicht an die Hochschule, weil ich ein praktischer Mensch bin und lieber anfasse und ausprobiere”, sagt Nikolaus Summerer. “Heute weiß ich, das war das Beste, was ich tun konnte.” An der Schule lernte er Baran Bo Odar kennen. Ihr erstes gemeinsames Projekt im Duo Regie/Kamera war ihr Abschlussfilm “Unter der Sonne”, gedreht auf 35 mm.

Die Farbpalette ändert sich nur in Nuancen über die Zeitebenen hinweg, hier in einer Szene vor der Schule mit Lisa Vicari, Moritz Jahn und Jördis Triebel.
Die Farbpalette ändert sich nur in Nuancen über die Zeitebenen hinweg, hier in einer Szene vor der Schule mit Lisa Vicari, Moritz Jahn und Jördis Triebel. (Bild: Foto: Stefan Erhard/Netflix)

Schon hier zeichnete sich eine Eigenheit ihrer Zusammenarbeit ab. Sie bereiten sich extrem gut vor. “Unter der Sonne” war komplett gestoryboarded. “Wenn man sich das anschaut, wirkt das wie der Comic zum Film”, scherzt Summerer. Beide verbindet diese Visualität. Sie schätzen den Fotografen Gregory Crewdson, dessen Arbeit auch bei “Dark” eine Rolle spielte, sowie die Arbeit von DoP Roger Deakins und dynamische Anfangssequenzen, wie die Einführung des Jokers in Christopher Nolans “The Dark Knight”. “Außerdem legt Bo großen Wert darauf, dass sich unsere Geschichten durch die Bilder erzählen.” DoP Summerer hörte von “Dark” erstmals vor der Berlinale 2016, als Odar ihm von dem geplanten Netflix-Projekt erzählte. Der DoP erhielt die ersten Outlines der Folgen und von da an startete der Prozess des Austauschs.

ALEXA 65 KLAPPT!

Nach den ersten, intensiven Gesprächen – die offizielle Produktion war noch nicht gestartet – begann Summerer schon mit ersten Tests. Denn die Wahl der Kamera war nicht einfach. Odar schloss aus Gründen des Looks aus, auf einer der aktuellen RED-Kameras zu drehen. DoP Nikolaus Summerer hatte den Wunsch, die ARRI Alexa zu nutzen. Da allerdings die Vorgaben von Netflix sehr eindeutig sind, was die Arbeit in nativem 4K angeht (wir berichteten in Ausgabe 9/2017), waren die Kamerasysteme eingeschränkt, die das bieten konnten. Und die normale Alexa ist nicht darunter.

Die Alexa 65 allerdings wäre dafür geeignet. Dies schien Summerer aber budgetär nicht möglich, da auch die entsprechenden Objektive und der RAW-Workflow zusätzlich zu Buche schlagen würden, denn es war schon klar, dass es bei einer Kamera am Set nicht bleiben würde.

Summerer setzte sich daher früh mit ARRI in Verbindung. Seien es seine guten Kontakte dorthin oder die Leidenschaft des ARRI-Teams, die erste deutsche Netflix-Original- Serie unterstützen zu wollen, am Ende war es möglich, die Alexa 65 zu bekommen. Zwei feste Kameras waren als A- und B-Cam durchgehend dabei, die 2nd-Unit hatte dann noch eine dritte im Einsatz. Aufgefüllt wurde bei flexibler benötigten Setups mit der Alexa Mini. Das ist möglich, da Netflix erlaubt, bis zu 10 Prozent eines Original- Werks mit nicht 4K-fähigen Geräten zu erstellen. Die Entscheidung für die Alexa 65 kam jedoch zu einem Preis. Summerer ging seine Techniklisten durch und sparte an vielen kleinen Stellen, um das große Ganze schöner zu machen. Das war für ihn auch wichtig als Wertschätzung des Entgegenkommens von ARRI Rental Berlin.

Als Objektive wählte Summerer nach vielen Tests die ARRI Ultra Primes. Nicht der gesamte 6K-Sensor wurde genutzt, sondern nur ein 4,3K großer Teil. Der große Objektivmount der Alexa 65 wurde zudem von ARRI auf den normalen PL-Mount adaptiert. Die 32 mm und 40 mm waren Summerers beliebteste Weitwinkel-Objektive, 65 mm und 85 mm waren die langen Porträtoptiken.

“Gemessen an dem großen Sensor muss das ja alles nach unten ,korrigiert‘ werden”, so Summerer. So entspricht die 28er einer 21er, die 85er nähert sich der 65er an, und so weiter. “Ich filme auf meiner Kamera immer die weiten Einstellungen, die B-Kamera macht die nahen Einstellungen”, sagt der DoP. “Das 24er war eine tolle Optik, wobei diese Brennweite für den 65er Sensor eigentlich ungeeignet ist, da sie das Format nicht ausleuchtet”, erklärt Summerer. “Es gibt einen ordentlichen Randabfall der Schärfe und dazu noch Bildüberlagerungen, aber das hat ganz großartig ausgesehen. Wir haben die dann hin und wieder als Effektoptik eingesetzt!”

Morgen geht es hier dann weiter mit dem Bericht zur ersten deutschen Netflix-Original-Serie “Dark”.

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