Ergänzung zum Heftartikel "Mobiles Arbeiten nicht als Selbstzweck"

Mobiler Journalismus: “Flächendeckend angekommen”

Für unsere Ausgabe 05/2017 sprachen wir mit Sandra Sperber, Bewegtbild-Ressort bei Spiegel Online und Roland Warmbein, Radio Bremen über den mobilen Journalismus. Dabei ging es um die Frage, ob die immer besseren Smartphones die Schulterkamera als Aufnahmegerät ersetzen könnte. Hier die Einschätzung von Marcus Bösch, Journalist, Berater und Trainer zur Ergänzung, sowie hilfreiche Links, die diese Frage beantworten sollen.

Foto: Privat
Marcus Börsch – Journalist, Berater und Trainer

„Das Thema ist flächendeckend angekommen“

Marcus Bösch ist gelernter Journalist und hat bereits früh selbst mobile Reportagen für die Tagesschau und die Deutsche Welle produziert. Heute schreibt er Handbücher für Journalisten, schult die Mitarbeiter großer Sender und Medienunternehmen in Workshops und berät weltweit beim beim Thema mobiler Journalismus.

Herr Bösch, haben Sie Beispiele parat, für mobile Reportagen auf bekannten Programmplätzen?

Bei NDR, WDR und auch beim RBB gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Sendeplätzen, auf denen mobile Reporting stattfindet. Das geht von der Aktuellen Stunde beim WDR bis zur Hauptausgabe der Tagesschau um 20 Uhr. Dort zum Beispiel jüngst einen Einspieler aus einer Flüchtlingserstunterkunft, den die NDR-Kollegin auf dem Smartphone gedreht hat. Auch NDR Kollege Björn Staschen hat bereits Beiträge komplett auf dem Telefon gedreht. Internationale Beispiele waren eine transkontinentale Liveschalte bei Sky News, von China nach London. Bereits 2012 hat Al Jazeera eine komplette Undercover-Doku aus Syrien auf dem Telefon drehen lassen. Der irische Sender RTE produziert sehr viel mobile Reporting und auch das norwegische staatliche Fernsehen macht ausführlich Gebrauch vom neuen mobilen Produktionsgerät. Überraschen wird Sie ein fiktionales Beispiel: Eine Folge der erfolgreichen TV-Serie Modern Family (Fox Television für ABC) wurde ebenfalls mobil gedreht.

Kurz: Das Thema ist flächendeckend angekommen. Das lässt sich auch bei der jährlich in Dublin stattfindenden Mobile Reporting Conference besichtigen, wo sich Experten – von großen und kleinen Sendern – aus ganz Europa austauschen.

 Aber sicher in sehr unterschiedlicher Ausprägung angekommen? Was schätzten Sie: Wie viel Prozent der mobilen Beiträge bestehen lediglich im Einspielen mobil gefilmter Livebilder? Wie viel Prozent der Sendungen sind komplett mobil gefilm und sendefertig produziert?

Man muss genau hinsehen. Es gibt die Variante „Material mobil drehen und damit zur Produktion in die Redaktion fahren“, dann die Variante „mobiles Material live senden“. Aber natürlich kann ich auch, dritte Variante, Material auf dem Smartphone drehen und komplett sendefertig machen. Letztere ist sicher die seltenste Variante. Maximal 10 Prozent schätze ich.

 Welche Plattformen, Apps, welche Software halten Sie für besonders geeignet für die Produktion mobiler Reportagen?

Das kommt zunächst auf das Betriebssystem an und dann darauf, was man konkret vorhat. Bei den Live-Lösungen muss man sich fragen: Will ich ins laufende Programm, oder genügt mir die Ausstrahlung über Periscope, Facebook oder ein anderes soziales Netzwerk? Oder will ich auch komplett auf dem Smartphone produzieren? LU-Smart ist zum Livesenden geeignet und wird unter anderem beim WDR eingesetzt, Dejero Live + ist eine weitere Lösung, die beispielsweise bei SkyNews eingesetzt wurde.

Wenn es um den Schnitt geht, ist meine Lieblingslösung für das iPhone immer noch iMovie, weil sie sehr schnell und einfach ist. Luma Fusion ist eine mächtigere Lösung, die entsprechend komplizierter ist. Kinemaster ist meines Erachtens die App der Wahl, wenn man mit Android-Geräten arbeiten möchte und Beiträge komplett fertig produzieren möchte. Das wären aus meiner Perspektive die wichtigsten Mobile Reporting Apps.

 Professionelle Kameraleute werden mobile Reporting unter Umständen noch reserviert gegenüberstehen. Welche Einschätzungen und Meinungen nehmen Sie in dieser Berufsgruppe wahr?

Ich propagiere ja nicht: Nehmt euer Telefon und werft alles andere weg! Ich argumentiere eher aus der täglichen Arbeitspraxis heraus und da ist das Smartphone für mich so etwas wie ein digitales Schweizer Taschenmesser, mit dem ich sehr gut kleine Sachen produzieren kann.

Wenn ich einen 90-Minüter schneiden muss, oder wenn ich die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele übertragen will, oder High End-Qualität brauche, dann nehme ich nicht das Telefon.

Aber wir erleben hier eine Wiederholung der Debatte um die VJ-Cam. Die wurde am Anfang verteufelt und ist inzwischen flächendeckend angekommen. Telefone können inzwischen in 4k drehen und Sender können in HD senden. So stellt sich die Qualitätsfrage inzwischen seltener, als noch vor einigen Jahren.

Hier noch einige hilfreiche Links

Blogs und Videokanäle für MoJo-Interesierte:
https://www.youtube.com/watch?v=rBkG8qXdTyM
Sehr gutes MoJo-Tutorial von Verifeye Media.

https://www.youtube.com/watch?v=7Fzyvv0DS9I&t=105s
Youtube-Kanal der BBC Academy zu Mobile Journalism mit praktischen Tipps

http://mobile-journalism.com/
Blog von Marcus Bösch mit Empfehlungen für Equipment und zahlreichen Praxisbeispielen

https://www.youtube.com/watch?v=pd16xHG39CQ
Beitrag über MoJo beim Medienmagazin ZAPP

http://www.dermedientyp.de/
MoJo-Blog des Journalisten und Trainers Bernhard Lill

https://tvvj.wordpress.com/
Blog des MoJo Aktivisten Glen Mulcahy

2 Kommentare zu “Mobiler Journalismus: “Flächendeckend angekommen””
    • Max Solbach

      Danke für den Hinweis. Wir haben die Adresse bereits korrigiert.

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