Neuer Film von Alexander Payne

Interview mit „Downsizing“-Editor Kevin Tent: „Mutiger sein!“

„Downsizing“ ist in den Kinos! Der neue Alexander-Payne-Film wurde wieder von Kevin Tent geschnitten. Beide arbeiten seit fast 20 Jahren zusammen. Wir sprachen mit dem Filmeditor über die Kooperation und den neuen Film.

(Bild: Foto: Paramount Pictures)

Kevin, du hast in New York studiert, am L.A. City College Filme gemacht, später mit Roger Corman gearbeitet. Was weckte deine Faszination für den Schnitt?
Als ich das erste Mal die Macht des Schnitts entdeckte, arbeitet ich an einem meiner Studentenfilme am L.A.C. Es war ein Freund von mir, der die Idee für einen Cut hatte. „Warum nimmst du nicht den Mittelteil dieser Aktion raus? Das könnte die Szene stärker machen.“ Und ich probierte es aus und merkte: „Das ist ja großartig, das funktioniert wirklich viel besser.“ Ich glaube, dass das Editing mich gefunden hat, nicht umgekehrt. Das ist halt passiert und hat sich entwickelt. Es ist ein toller Teil des Filmemachens und von kreativer Seite her so enorm befriedigend.

Wie bist du dann in die Branche gestartet?

Ich habe bei Roger Corman gearbeitet. Der erste Film, den ich geschnitte habe, war einer, den Roger aus Sri Lanka gekauft hatte. Das tat er manchmal, um diese dann in den USA auszuwerten. Der Film hatte sehr viele Probleme und ergab nicht viel Sinn. Ich habe ihn neu geschnitten, fand auch alte Szenen, die ich umschnitt und wieder in den Film integrierte. Das zeigte ich ihm und das war mein Anfang bei Roger.
Mein erster, „echter“ Schnitt eines Langfilms war dann „Not of this earth“. Ich liebte das, ich war jung und hungrig und machte dann viele Filme bei Roger in den späten 1980ern und 1990ern. Natürlich mit echtem Filmmaterial an Schneidetischen.

Wann war dein erstes non-lineares Schnittprojekt?
Oh, wir haben damals schon Videoschnittprojekte gehabt. Der erste Film, den ich dann auf einem Avid geschnitten habe, war „One good turn“ von 1996. Ich glaube, Alexander [Payne] habe ich kurz danach getroffen. Unser erstes Projekt „Election“ war auch gleichzeitig sein erster Filmschnitt auf Avid.

Wie hat der digitale Schnitt in den 2000ern deine Arbeit verändert?
Es ist besser geworden! Ich kann heute viel mehr machen, es ist sauberer und schneller. Ich kann mehr experimentieren. Wenn ich einen Fulm geschnitten habe und eine Szene auseinander nehmen musste, war das früher ein Riesenaufwand. Ich musste genau wissen, was ich machen wollte. Das hat Zeit gekostet. Im non-linearen Schnitt machst du es einfach. Wenn es nicht funktioniert, gehst du zurück, kein Zeitverlust. Hinzu kommt, dass du mit Ton und Musik arbeiten kannst und das sofort jemandem zeigen kannst. Früher brauchtest du dafür extra ein Screening.

Wie strukturierst du ein Projekt?
Ich beginne ja mit dem Schnitt, während die noch drehen. Auf diese Weise kann ich denen einen Hinweis geben, wenn sie etwas vergessen haben oder etwas nicht funktioniert. Ich beginne mit der Sichtung und merke mir Dinge, die emotional nachklingen. Ich sammle die im Kopf. Wenn ich später anfange zu schneiden, baue ich die Szene um diese Momente herum auf.

Du arbeitest seit fast 20 Jahren mit Alexander Payne zusammen, streitet ihr euch eher über Entscheidungen oder seid ihr euch einig?
Wir sind uns normalerweise einig. Gerade, was die Performance der Schauspieler angeht. Wenn wir mal uneinig darüber sind, dann, weil zwei Takes sehr gut sind. Wir diskutieren dann eher mal, wie lange wir einen Shot stehen lassen wollen. Er mag es, die Emotionen der Figuren nachfühlen zu lassen. Wenn du „Downsizing“ betrachtest, hat der Film einen ruhigen Pace, eine langsame Entwicklung. Wir haben hart daran gearbeitet, diese Geschichte so schnell wie möglich in diesen Grenzen zu erzählen – ohne den Humor und das Gefühl zu verlieren.

Du hast die Trailer nicht geschnitten, oder?
Nein, hab ich nicht. Ich weiß, worauf du hinaus willst.

Warst du glücklich mit der Entscheidung einen wichtigen Wendepunkt in den zweiten Trailer zu schneiden?
Ich mochte den ersten Trailer und war sehr enttäuscht, dass sie den Reveal von Kristen Wiigs Rückzieher in den zweiten geschnitten haben. Das ist ein großer Storytwist. Bei den Testvorführerungen war das eine große Überraschung, niemand sah das kommen.

Ab wann hat Alexander dich hinzu gezogen?
Da wir schon so lange zusammenarbeiten, hat er mich sehr früh dazu geholt. Ich habe schon frühe Versionen des Drehbuchs gelesen. Mit dem Schnitt habe ich während der Dreharbeiten begonnen, die Previz hat jemand anderes geschnitten. Da war ich noch in meinem eigenen Regieprojekt „Crash Pad“ involviert.

Was war für dich das wichtigste, was du mit dem Schnitt rüber bringen wolltest?
Unsere Intention ist es, elegant und nicht aufdringlich zu sein. Den Zuschauern soll der Schnitt ja nicht auffallen, sie sollen in den Film gezogen werden und die Emotionen mitfühlen. Man hat immer die Sorge, ob der Film wohl als Ganzes funktionieren wird. Und das heißt, die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu halten. Dazu bekommst du nicht immer das, was du gerne hättest vom Set. Dann musst du das, was du hast zum Funktionieren bringen.

„Downsizing“ ist sehr VFX-lastig. Hat sich die Arbeitsweise von anderen Alexander-Payne-Filmen unterschieden?
Das ist eine gute Frage! – Nein, eigentlich nicht. Wir haben uns dem Schnitt genährt, wie wir es immer machen. Das Spiel der Schauspieler leitet unseren Entscheidungsprozess. Die Effekte wurden dann um sie herum gebaut.

Wie sah das aus? Hattet ihr einen Picture Lock oder habt ihr die Szenen mit dem VFX-Department hin und her geschickt?
Wir haben in ständigem Austausch mit den VFX-Leuten gearbeitet. Zum Beispiel in der Szene, in der Matt Damon mit dem „kleinen“ Jason Sudeikis auf dem Küchentisch spricht. Wir haben einen schnellen Composit aus den beiden Einstellungen im Avid gebaut, in dem wir beide Szenen mit übergeblendet haben, damit wir beide Shots in einem Shot vereinten. Damit haben wir geschnitten. Dann bekam das Material unser VFX-Editor Joe Carson, der eine verfeinerte Version davon erstellte und diese dann an das VFX-Team weiter leitete. Die haben dann die finale Version erstellt. Ein paar Wochen später bekamen wir das zurück und es war wunderschön!

Hattet ihr manchmal Wünsche an die VFXler, wie die künstliche Verlängerung eines Takes?
Ja, das haben wir dauernd gemacht! Zum Beispiel in der Szene, in der Matt Damon Ngoc Lan Than besucht hatten wir nur Greenscreens von den Schauspielern. Als die aus der VFX zurück kamen, sahen die so toll aus, dass wir sie gebeten haben, diese Einstellung noch ein paar Sekunden zu verlängern, damit man diese Welt bewundern kann. Das kann aber ins Geld gehen. (lacht) Aber in diesem Fall waren alle sehr glücklich damit.

Waren deine wichtigsten Kollegen im Editing Department?
Oh, da war James Price, unser VFX-Supervisor, er war sehr kollaborativ. Er oft von sich aus Neues vorgeschlagen, was wir ganz fantastisch fanden. Sein ganzes Team war großartig. Joe Carson war der VFX-Editor, er war unser Kontaktmann zum VFX-Team. Er hat uns oft auf die Schnelle einen einfachen Comp oder eine Speedramp gebaut. Mindie Elliott war unsere Erste Schnitt-Assistentin, Angela Latimer ihre Assistentin und unser Postproduktions Koordinator Jon Reed half uns, wo er nur konnte.

Was magst du an der Arbeit mit Alexander?
Es ist bemerkenswert, dass er nie „Nein“ zu einem Vorschlag sagt. Er ist sehr gut darin, Dinge auszuprobieren. Oft pusht er mich auch, bestimmte Sachen auszuprobieren, noch mutiger zu sein. Das ist seine Gabe, Leute dazu zu bringen, noch besser zu werden in ihrer Kreativität.

(Bild: Foto: Paramount Pictures)

Gibt es bestimmte Kuriositäten, die ihr in der langen Zeit entwickelt habt? Vielleicht Rituale?
Nein, aber Alexander kann sehr gut kochen. Also kann es sein, dass ich an einer Szene arbeite und er geht raus, macht uns ein paar Omeletts und bringt sie rein. (lacht) Ich glaube, das macht nicht jeder Regisseur. Und die Omeletts sind köstlich! Ich glaube, damit habe ich ziemliches Glück. Oh, und wir haben doch ein Ritual: Es gibt Freitags immer Martinis!

Klingt, als sollte ich bei euch ein Praktikum anfangen. Wir war denn euer technisches Set-Up?
Wir hatten eine ältere Version vom Avid Media Composer, weil wir Script Sync nutzen wollten. Damals gab es etwas Lizenz-Probleme. Also haben wir die Version 7.0.6. genutzt. Die hat perfekt funktioniert, auch mit unserem ISIS-System. Viele haben darauf zugegriffen, allein bei uns im Editing hatten wir fünf Arbeitsplätze, die darauf zugriffen – übrigens Joe, unseren VFX-Editor, eingerechnet.

Wie hilft dir eigentlich deine Erfahrung als Regisseur bei deiner Schnittarbeit?
Ich glaube, ich weiß die Arbeit des Regisseurs jetzt noch mehr zu schätzen. Ich hatte immer schon großen Respekt davor, weil ich weiß, wie hart es am Set sein kann. Mir ist jetzt sehr bewusst, wie schwierig es manchmal ist, genau das zu bekommen, was man will. Vielleicht schneide ich jetzt ein bisschen kühner als zuvor.

Vielen Dank für das Interview!

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