Endzeit in historischen Motiven

DoP Holger Jungnickel über HFF-Film “Fremde”

Unser Autor Holger Jungnickel hat ihn Bydgoszcz auf dem Camerimage-Festival 2018 den “Bronze Tadpole” für seine Kameraarbeit am Studentenfilm “Fremde” verliehen bekommen. Wie es zum Drittjahresfilm von der HFF München kam und warum noch zwei weitere Filmhochschulen involviert waren, erzählte uns DoP Holger Jungnickel in der Ausgabe 4/2018 exklusiv. Hier lesen Sie Teil 1 des Drehberichts.

(Bild: Katja Kuhl)

Zusammen mit meinem Regie-Kommilitonen Tim Dünschede sollte im April 2016 unser Drittjahresfilm an der HFF München entstehen. Bereits seit Herbst 2015 wurde intensiv an einem Drehbuch gearbeitet. Für das sehr ambitionierte Projekt fanden wir lange keine Produktion aus HFF-Kreisen, konnten aber Patrick Schorn von der DFFB in Berlin für das Projekt gewinnen. Nach europaweiten Motivtouren traf es uns umso härter, dass die von der Hochschule zur Verfügung stehenden Mittel deutlich geringer ausfallen würden als in den Vorjahren. Ohne Koproduzenten mussten wir das Projekt im September 2016 schweren Herzens auf Eis legen.

Da wir trotzdem noch unsere Studienleistung erbringen mussten und wollten, wurden innerhalb von zwei Wochen Kurzfilmbücher von DFFB, HFF München und der Filmakademie Ludwigsburg zusammengetragen. Anfang Oktober stand die Entscheidung für einen Endzeit-Stoff von Marc Vogel aus Ludwigsburg. Acht Wochen später standen wir bereits mit bis zu 70 Menschen, drei Pferden, einer Ziege und einem Wolf in Brandenburg auf einem Bunkergelände aus dem Kalten  Krieg und drehten für zehn Tage “Fremde”. Das machte diesen Film von Anfang an zu einem besonderen Kraftakt, zeigte uns allen aber auch, was als Team mit der richtigen Motivation möglich ist.

ENDZEIT IN HISTORISCHEN MOTIVEN

Der 30-minütige Kurzfilm zeigt eine Familie, die in einer nicht allzu fernen Zukunft in einem tief im Wald versteckten Bunker Schutz vor den marodierenden Banden der sich auflösenden Zivilisation sucht. Nachdem wir uns mehrere Tage die Bunker in und um Berlin angeschaut hatten, stießen wir auf ein Goldstück.

Holger Jungnickel im Bunker an der ARRI ALEXA Mini
Holger Jungnickel im Bunker an der ARRI ALEXA Mini (Bild: Holger Jungnickel)

Im Gegensatz zu den meist für den Tourismus aufgearbeiteten Schutzanlagen, war dieses Gelände seit den 1980er Jahren sich selbst überlassen. Sowohl Bunker als auch die umliegende Natur erzählten somit die gesuchte Distanz zur Zivilisation. Auch für unsere Szenenbildnerinnen Verena Barros de Oliviera und Lisa Geller bot sich ein wahrer Abenteuerspielplatz.

Neben Tonnen an Schutt und Schrott, der aus dem Bunker geräumt werden musste und teilweise in Requisiten verwandelt wurde, hatte ein Brand den Betonmauern bereits die richtige Patina verliehen. Das Ganze wurde mit Baumarkt-LEDs und einfachen Leuchtstoffröhren unterstützt und belastete das doch recht kleine Budget des ambitionierten Projekts nur gering.

Kreativität war auch bei den Kostümen gefragt. Unsere Kostümbildnerin Franziska Karg und ihr Team erschufen aber auch hier aus wenig eine wirklich tolle und glaubhafte Welt. Zusammen mit dreckigen Fingernägeln, verrotteten Zähnen, verfilzten Haaren von Maskenbildnerinnen Janina Kuhlmann und Gila Benezra sowie Narben und Wunden von SFX-Maskenbildnerin Janine Kusche wurde die Endzeitatmosphäre komplettiert.

WEITE ENGE

Neben Temperaturen um den Gefrierpunkt außen und hoher Feuchtigkeit im Bunker, war der sehr begrenzte Platz des Innenmotivs eine von vielen Herausforderungen. Der kleinste Raum hatte 2 Å~ 3,5 Meter zu bieten, in den drei Schauspieler, Technik und Team passen mussten. Ein Grund, warum ich sehr gerne mit anamorphotischen Objektiven drehen wollte. Durch den Brennweitenunterschied in Horizontale und Vertikale wirkt der Raum bedeutend tiefer.

Trotzdem durfte und sollte die klaustrophobische Wirkung der Behausung nicht verloren gehen. Dank der großartigen Unterstützung von Vantage Film konnte ich mir die für uns nötigen Objektive aus ihren zweifach anamorphotischen Hawk-Serien zusammenstellen. Neben einer Auswahl von V-Lites für den Handkameraeinsatz, waren auch noch das 65 mm V-Plus Makro und Teleobjektive der  V-Plus Serie dabei.

Einfälle muss man haben: Die Konstruktion zum Einfangen der Tierszene.
Einfälle muss man haben: Die Konstruktion zum Einfangen der Tierszene. (Bild: Holger Jungnickel)

Da am teligen Ende die Auswahl an Anamorphoten doch begrenzt war, hatten wir zudem einen Hybriden im Gepäck, das Nikon 300 mm T2 mit zweimal anamorphotischen Adapter. Eine tolle, kompakte, lichtstarke Linse, die uns mit ihren effektiven 600 mm Brennweite auch nahe Einstellungen von unserem freilaufenden Wolf ermöglichte.

Als Hauptkamera kam eine ALEXA Mini von ARRI München zum Einsatz. Die ALEXA war damals nicht nur die einzige Kamera mit nativen 4:3- Sensor für die 2-fach Anamorphoten, sondern sie verfügt darüber hinaus über ein außerordentlich organisches Bild und mit der Mini über einen “bunkerfähigen” Formfaktor. Als Zusatzkamera kam an drei Tagen eine ALEXA XT vom Bayerischen Rundfunk zum Einsatz. Besonderer Dank gilt hier Hans Fischer, Chefkameramann beim BR, der den Nachwuchs mit dem ihm möglichen Mitteln und gutem Rat fördert.

KINDER UND TIERE

War der Einsatz von Kindern und Tieren im Erstjahresfilm an der HFF noch verboten, haben wir uns für das nötige Verständnis für dieses Verbot bei diesem Film noch mal eine kleine Gedankenstütze geholt. Und um es auf die Spitze zu treiben, haben wir den achtjährigen Sohn (Linus Jahn) des Familienvaters (Jürg Plüss) die Ziege durch den Film führen lassen und unsere Ziege auf Kuschelkurs mit einem Wolf geschickt.

Claudio Köhl am Tricktisch mit Waldboden: Auch hier kamen zwei Kameras zum Einsatz.
Claudio Köhl am Tricktisch mit Waldboden: Auch hier kamen zwei Kameras zum Einsatz. (Bild: Holger Jungnickel)

Genauer gesagt, sollte sich Wölfin Lobine von Miquel de la Torre (Filmwölfe) an die vom Familienvater als Köder ausgesetzte Ziege heranpirschen. Die tierische Jagdszene sollte dokumentarisch authentisch wirken. Die Kamera musste also möglichst unauffällig aus größerer Distanz die richtigen Shots bekommen können.

Um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, wollte ich gerne zwei Kameras im Einsatz haben, welche schnell repositionierbar waren. Stativ war da bei der schwergewichtigen Technik keine Option. Auf die Frage, ob wir zwei Kameras mit drei Meter Abstand auf unserem Leichtdolly unterbringen können, antwortete Bühnenmann Hagen Raeder nur “Geht alles!” Die Lösung war nicht gerade “Standard”, aber dafür einfach, schnell und effektiv. Mittels einer Drei-Meter-Traverse, vier Bühnenkisten und ein paar Spanngurten hatten wir unsere zwei Perspektiven, die auf 15-Meter-Schiene dem natürlichen Spiel von Wolf und Ziege ausreichend Raum boten.

Teil zwei des Drehberichts haben wir hier auch für Sie.

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