Einordnung der Coronakrise für Kameraleute mit BVK-Geschäftsführer Dr. Michael Neubauer

“Keine vernünftige Gefährdungsbeurteilung”

Was können Kameraleute und Bildschaffende aktuell konkret tun? Die beiden Kameraberufsverbände, der Bundesverband Kinematografie BVK  und der Bundesverband Fernsehkameraleute BVFK, haben für ihre Mitglieder eigene Informationssammlungen zusammengestellt. Außerdem baten wir aktuell den BVK-Geschäftsführer Dr. Michael Neubauer um seine Einschätzung der Situation.

Foto: privat

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Dr. Michael Neubauer, Geschäftsführer des Bundesverbandes Kinematografie teilt die Sorge der Filmschaffenden in seinem Verband bezüglich der aktuellen Situation und der bevorstehenden Wochen und Monate. Noch vorige Woche sah es so aus, dass viele Dreharbeiten von Kino- TV- und Serienproduktionen weitergingen. Bei den Kollegen von „Blickpunkt Film” bedauerten die Produzenten von X-Filme Creative Pool, die Dreharbeiten zu ihren aktuellen Produktionen nicht abbrechen zu können. Als Erklärung gab das Unternehmen an, dass ohne offizielle, behördliche Anordnung eines Drehabbruchs kein Versicherungsfall vorläge und X-Filme auf Schäden in Millionenhöhe sitzen bliebe, was die Existenz der Firma sowie unzähliger Arbeitsplätze nach sich zöge. Viele Filmschaffende rügten online dieses Verhalten als verantwortungslos, könne man doch die Gesundheit der Mitarbeiter auf diese Weise gefährden.

Das scheint mittlerweile jedoch ein Einzelfall zu sein. „Nach unserer Kenntnis sind die großen Drehs im Prinzip alle zum Stillstand gekommen”, so Dr. Michael Neubauer,. „Das ist aus Arbeits- und  Gesundheitsschutzgründen auch völlig richtig so.” Viele Filmschaffende hatten sich besorgt über die hygienischen Bedingungen an manchen Sets geäußert. Das ging soweit, dass nach Bekanntwerden der Zustände die Vereinigung der Rundfunk-, Film- und Fernsehschaffenden (VRFF) Unternehmen und Ämter anschrieb und auf die Drehbedingungen hinwies. BVK-Mitgliedern in diesen Produktionen haben Neubauer hier mittlerweile überwiegend die Einstellung der Drehs mitgeteilt.

Doch die Situation verdient nähere Betrachtung. „Uns hat erstaunt, dass einige Firmen offenbar nicht in der Lage waren, eine vernünftige Gefährdungsbeurteilung durchzuführen”, so Neubauer. Er betont, dass diese verpflichtend ist und von den Berufsgenossenschaften auch unter normalen Umständen für Mitarbeiter*innen verlangt wird, um den Gesundheitsschutz und die Arbeitssicherheit zu garantieren.
Der BVK-Geschäftsführer befürchtet, dass dies ein systematisches Versäumnis ist, dass nicht erst mit der Coronakrise begann. „Das müssen wir aus dem schließen, was in den letzten Tagen passiert ist.” Er betont, dass dies sicher nicht für jedes Produktionsunternehmen gilt, aber doch für eine signifikante Zahl. Dies sieht er als Punkt, in dem nach der Krise klare Verbesserungen stattfinden müssen.

In den Dialog treten

Auch Michael Neubauer berichtet, dass die Hauptsorge der BVK-Mitglieder bei den Anfragen an ihren Verband zunächst ihrer Gesundheit galt. Welche Maßnahmen müssen am Set getroffen werden, wenn weiter gedreht wird? Wie kann eine angemessene Hygiene durch regelmäßiges Händewaschen und Desinfektion von Equipment gewährleistet werden? „Seit Mitte letzter Woche steht auch hier die ökonomische Situation im Vordergrund”, so Michael Neubauer. Das Thema teile sich in zwei Bereiche. Einerseits sind es die Fragen von den Bundesländern bereitgestellten und mittlerweile auch vom Bund bestätigten Soforthilfen im Sinne von Zuschüssen. Hier ist Neubauers Meinung eindeutig. „Filmschaffende gehören zu einer Gruppe, die schon unter normalen Umständen prekäre Einkommensverhältnisse hat”, so der Geschäftsführer. Die Gruppe sei nicht durchgehend beschäftigt, das Jahreseinkommen wird in Peaks erwirtschaftet, die sich mit Tälern abwechseln. „Wenn die Peaks ausbleiben, haben wir nur noch Täler, trockene Täler.” Diese Beschäftigten, allen voran die Rechnungssteller, müssen jetzt sofort Hilfe erhalten. Kreditangebote, wie das der KfW, nützten den Filmschaffenden nichts. Wann sollten sie diese denn jemals zurückzahlen?

Der zweite Bereich ist die Frage, wie jetzt gespart werden kann. Hier gibt der Verband den Tipp, auf keinen Fall die Lebensversicherung aufzukündigen. Vielmehr sollen Filmschaffende ihre Versicherungssituation daraufhin prüfen, ob die Versicherungen gegebenenfalls zwei, drei Monate beitragsfrei gestellt werden können. Das sei meist möglich. Auch bei Mieten und anderen laufenden Kosten gibt es Spielräume. Neubauer rät dringend dazu, das Gespräch zu suchen. „In dieser wirtschaftlich angespannten Situation sind alle Beteiligten mit Sicherheit dazu bereit, zu sprechen”, ist der BVK-Geschäftsführer sicher.

Der Dialog ist wichtig. Auch mit den Produktionsunternehmen, die aktuelle Projekte absagen müssen. Hier blickt der BVK-Geschäftsführer über den Tellerrand der Beschäftigten hinaus und fordert den Schulterschluss mit den Firmen aus der Branche. Neubauer sieht die Zusage von ARD und ZDF, sich mit 50 Prozent an den Ausfallkosten zu beteiligen, als Schritt in die richtige Richtung. Doch er fordert die vollen 100 Prozent. Er begründet das mit der überwiegenden Marktstruktur der Produktionswirtschaft hierzulande. „Die Produktionsfirmen stehen auch vor wahnsinnigen Problemen, gerade in Deutschland. Deren Eigenkapitalausstattung ist sehr gering.” Den Grund dafür sieht er darin, dass die Mehrheit der Firmen für das Fernsehen als Auftragsproduzenten arbeitet. „Das heißt, die Aufträge sind mehr oder weniger durchfinanziert seitens des abnehmenden Senders, also des Verwerters. Der Auftragsproduzent ist so etwas wie die verlängerte Werkbank der jeweiligen Sendeanstalt.”

Dadurch entsteht einerseits zwar eine dauerhafte Beschäftigungssituation, andererseits aber eine Abhängigkeit. Auch hier ist eine längere Durststrecke schwierig zu überstehen. Neubauer könnte sich auch hier einen Dialog vorstellen, bei dem darüber beraten wird, ob die Fernsehanstalten für bestimmte Produktionsschritte bereits Anzahlungen auf die Projekte leisten können. Dies gelte für in Aussicht stehende Produktionen, die für die zweiten Jahreshälfte geplant sind. Das könnte helfen, ein größeres Firmensterben zu verhindern. Ganz vermeiden lässt sich das aller Voraussicht nach nicht mehr.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Überlegung, dass die öffentlich-rechtlichen Sender weiterhin die vollen Einnahmen haben, während sie zwangsläufig die Produktionsaktivitäten herunterfahren. Das sollte nach Meinung des BVK-Geschäftsführers gewisse Spielräume schaffen – auch für Solidarität.

Doch derzeit ist erstmal eines klar. „Es wird vermutlich dabei leider zu einer Marktbereinigung kommen”, so Dr. Michael Neubauer. „Schade wäre, wenn nur die die senderabhängigen Firmen übrigbleiben würden und die wirklich freien Produzenten überproportional vom Markt verschwinden. Das wäre kulturpolitisch eine verheerende Auswirkung. Denn eigentlich sollten Produktion und Sendebetrieb getrennt sein, so wie es im angelsächsischen Bereich überwiegend der Fall ist. Dann bilden sich transparentere Marktbeziehungen.”

Beiden Verbänden, dem BVFK wie auch dem BVK ist bewusst, dass sich die Situation in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder verändern wird. Beide Verbände informieren Mitglieder und Nicht-Mitglieder über regelmäßige Updates ihrer Corona-Service-Webseiten.


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