Volker Schlöndorff zum Tod von Franz Rath

“Kein Bild, das ich nicht mit Franz Rath gefunden hätte”

Am 26. Dezember 2020 ist Franz Rath verstorben, der als einer der bedeutendsten Filmkameramänner unseres Landes galt. Seine erste Arbeit für das Kino war 1965/66 „Der junge Törless“. Mit diesem Film begann eine lange Zusammenarbeit mit Volker Schlöndorff, der hier mit einem Nachruf, der Zitate aus seiner Autobiografie “Licht, Schatten und Bewegung” enthält, Abschied von einem Weggefährten nimmt.

(Bild: Heide Weiß / DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt a.M. / Sammlung Volker Schlöndorff)

Bei meinem ersten Film “Der junge Törless” fragte mich Franz Rath irgendwann, was wir hier eigentlich machten, worum es ginge? Ich antwortete in unserer Umgangssprache Hessisch: “Ei, Franz, ein bisschen Licht, ein bisschen Schatten, ein bisschen Bewegung.” Licht, Schatten und Bewegung – die drei Worte umschrieben in Zukunft am Drehort, dass wir uns – ohne von Kunst zu faseln – an das Sichtbare und Machbare halten wollten.

Franz war ein ehemaliger Klassenkamerad meines Bruders Georg, wie er sieben Jahre älter als ich. Gebürtig aus Eltville im Rheingau war er wie ich ein verkappter Lokalpatriot, wir liebten diese Landschaft und ihre Leute. Ein Stück weiter rheinaufwärts im Schloss Wiesbaden-Biebrich war die FSK von den Alliierten installiert worden, Überbleibsel der amerikanischen Maßnahmen zur Entnazifizierung des deutschen Volkes. Mitte der fünfziger Jahre prüften sie die Filme allerdings weniger auf politische Inhalte als auf Sex- und Gewaltszenen, ganz im Verständnis des Miefs der Zeit. Franz Rath arbeitete dort als Vorführer und über eine kleine Eisenleiter konnte ich vom Schlosspark aus in seine Kabine steigen. Zwischen den beiden ratternden Projektoren, in der Hitze ihrer Kohleglühlampen, sah ich so nach der Schule die Filme, die gerade “zensiert” wurden. Kaum einer ist mir im Gedächtnis geblieben, wohl aber die Filmrollen, aus denen Franz beanstandete Einstellungen schnitt, das 35-mm-Zelluloid, die Bildschnipsel und der Acetonkleber mit seinem betörenden Geruch.

Ich erzählte ihm, dass ich auch Regisseur werden wollte und dass er dann mein Kameramann sein würde. Ich war 16, er 23.

Acht Jahre später schickte ich ihm das Drehbuch “Der junge Törless”. Er war inzwischen Kameramann beim Hessischen Rundfunk. Ich erklärte ihm, dass ich den Törless in Farbe drehen möchte. Gerade der Anfang, die unendliche Weite der Ebene gen Osten, die Bilder in dem Dorf, das so verschieden ist von der bürgerlichen Welt der Zöglinge, das Schlossgebäude ihrer Schule in einer Landschaft, wo alles still steht, nichts passiert, wo Langeweile ohne Ende herrscht – das alles würde in Farbe übernatürlich und metaphysisch wirken. Außerdem sei Farbe mehr „Kino“, nicht so anspruchsvoll wie Schwarz-Weiß. Leider entschied der sonst so mutige Produzent Franz Seitz, Farbe sei zu teuer.

Mit Franz Rath, der tatsächlich die Kamera übernahm und ebenso wie der Rest meines Teams noch nie einen Spielfilm gemacht hatte, studierte ich Fritz Langs “M”. Wir bewunderten die zahlreichen Großaufnahmen von Gegenständen und Gesten und übernahmen diese Art der Auflösung, weil ja auch dem jungen Zögling immer wieder auffällt, wie Gegenstände ein unerklärliches Eigenleben führen.

“Der junge Törless” war die erste Zusammenarbeit von Kameramann Franz Rath und Regisseur Volker Schlöndorff. (Bild: Karl Reiter / DFF - Deutsches Filminstitut & Filmmuseum, Frankfurt a.M. / Sammlung Volker Schlöndorff)

Mit solchen optischen Details wollte ich übertragen, was mir an Musils sezierendem Blick so gefiel. Auch Robert Bressons “Pickpocket” bietet viele Beispiele dieser Art und Franz Rath musste sich den Film mehrfach anschauen. So erklären sich die zahlreichen Inserts im Törless, wie Basinis Messer beim Aufbrechen eines Schlosses, Törless’ Federkiel beim Einkreisen einer Fliege, Beinebergs manikürte Finger beim Drehen einer Zigarette, der Flaum im Nacken des Servierfräuleins, das Zuckerstück auf dem Untersetzer einer Kaffeetasse, die Nadel, die sich in Basinis Haut bohrt, die Taschenuhr des Bahnhofsvorstehers.

Zu Recht wurde Franz Rath mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. Übrigens auch für unseren nächsten Film “Mord und Totschlag”. Diesmal endlich in Farben, in poppigen sogar, was gut zu Anita Pallenbergs Miniröcken und Brian Jones‘ Musik passte.

Wieder in Schwarz-Weiß war “Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Rombach”, ein Film über unsere hessische Heimat, die Landschaft am Fuße des Taunus, die Dörfer an den Hängen zum Rhein herunter und die Apfelbaumwiesen, vor allem aber die Mentalität der Handwerker und Bauern, kritisch gegenüber der Obrigkeit, aber vorsichtig aus jahrhundertelanger Erfahrung ihrer Ohnmacht. Eine Art Vorreiter zu Reitz’ “Heimat”. In meiner Erinnerung gibt es keinen Satz in diesem kleinen Film, dem ich nicht tief verbunden wäre, und kein Bild, das ich nicht mit Franz Rath gefunden hätte:

Die Gänseliesel, die im Mairegen unter einem Baum steht,
das Geldkärrchen des Churfürsten, das durch den Wald prescht,
die Wies des Postmeisters, die gemäht werden muss,
das Feinste an Speis und Trank, das aufgetischt werden soll,
der Knüppel aus dem Sack und das Tischlein deck dich,
der Stab, der über sie gebrochen wird.

Wir haben noch oft zusammengearbeitet, aber nie wieder so einverständig wie bei diesem Film. Es war leicht, mit Franz Rath zu arbeiten, er war eine bescheidene, aufmerksame Seele, der wie der große Sven Nykvist mit den Schauspielern fühlte, zitterte, erstaunte und erstarrte – was vom selbstverständlichen Handwerk abgesehen – das Wichtigste ist bei einem Kameramann. Deshalb hat wohl auch Margarethe von Trotta ihn von mir übernommen. Wir trauern um einen liebenswerten Freund.
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