"Emotional erzählen lernen"

Interview mit Michael Bertl von der dffb

Im Gespräch erzählt Michael Bertl, Leiter der Abteilung „Bildgestaltung / Kamera“ an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, von den Unterschieden zu anderen Filmhochschulen, die Chancen der geringen Größe der Schule sowie der oft als hart empfundenen Aufnahmeprüfung.

Michael Bertl, Kameradozent an der dffb.
Foto: Bernd Siering
Michael Bertl, Kameradozent an der dffb.

Michael Bertl studierte zunächst Architektur an der TU München sowie an der TU Berlin und beendete das Studium mit Diplom. Danach begann er die Ausbildung an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin und wurde Kameramann.

Ab 1997 hatte er Lehraufträge an verschiedenen Filmschulen. 2011 wurde Bertl Leiter der Abteilung „Bildgestaltung / Kamera“ an der dffb. Gleichzeitig ist er weiterhin als freier Kameramann tätig, zuletzt als DoP unter der Regie von Sandra Nettelbeck beim Spielfilm “Was uns nicht umbringt”. 2014 war er für den Deutschen Filmpreis für den Film “Mr. Morgans Last Love” in der Kategorie “Beste Bildgestaltung” nominiert.

Die dffb gehört zu den ersten Filmakademien, die in Deutschland gegründet wurden. Worin unterscheidet sie sich von anderen Ausbildungsangeboten?

Wir sind an vielen Stellen anders. Zunächst einmal sind wir ja nicht wie zum Beispiel München oder Babelsberg eine Hochschule oder Universität. Das heißt: bei uns bekommt man kein Diplom und keinen Bachelor. Man erhält zwar ein Abschlusszeugnis, aber das hat keinerlei akademischen Wert. Das ist schon einmal ein wichtiger Unterschied. Denn es gibt Leute, die glauben, dass man einen akademischen Abschluss braucht. Das halte ich persönlich für totalen Quatsch. Ein Diplom als Regisseur … ich wüsste nicht, wofür man das in unserem Beruf braucht. So ein Zeugnis belegt letztlich nichts, außer dass man eben das Studium absolviert hat. Aber im Grunde zeigen ja die Arbeiten, die man gemacht hat, was man kann. Man braucht schöne, gute Filme! Als Kameramann braucht man einen möglichst guten und inhaltlich wie technisch überzeugenden Abschlussfilm, um überhaupt in den Beruf einsteigen zu können. Man braucht Festivalpräsenzen, damit einen die Anderen sehen. Also ist die eigene Arbeit das wichtigste, und dass sie gesehen wird. Dann geht das Leben weiter.

Gerade ist zum Beispiel Constanze Schmitt, eine unserer Kamera-Studentinnen, aus Cannes zurückgekommen, wo ein von ihr fotografierter Film die Goldene Palme für den besten Kurzfilm erhalten hat. Überhaupt haben wir hier in der Abteilung „Bildgestaltung / Kamera“ einen sehr großen Frauenanteil, wirklich viele tolle, technisch und künstlerisch versierte Bildgestalterinnen. Wir sind außerdem eine sehr kleine Schule, was ich für einen Riesenvorteil halte, weil jeder jeden kennt und die bürokratischen Wege sehr kurz sind. Wenn also jemand kurzfristig eine wahnsinnig tolle Idee für einen Dokumentarfilm hat und ihn realisieren will, dafür aber schon in der nächsten Woche los muss, dann klappt das hier fast immer. Es gibt Gremien die sich mit den eingereichten Büchern, Stoffen, Ideen und Entwürfen sehr intensiv inhaltlich, und später auch technisch-organisatorisch auseinandersetzen. Das  geschieht aber nicht in irgendwelchen Hinterzimmern, sondern im kreativen Dialog mit den Filmstudenten, dazu müssen ein paar Rahmenbedingungen eingehalten werden, die für alle gleich sind.

Wenn meine Kamera-Studenten sich eine Kamera aus – leihen wollen, weil sie etwas üben wollen und sie ist verfügbar, dann bekommen sie diese Kamera ohne großen Aufwand. Genauso einfach ist es, wenn jemand ins Studio will – viel schwieriger ist es, dann wieder herauszukommen, weil man vorher aufräumen muss … All diese Dinge gehen bei uns sehr unkompliziert, schnell und einfach.

Gibt es weitere wichtige Unterschiede?

Dadurch, dass wir so klein sind, ist auch die Zusammenarbeit miteinander sehr intensiv. Darauf legen wir großen Wert. Man entkommt einander kaum und muss sich deshalb mit den anderen auseinandersetzen. Film funktioniert ja im Team, sowohl innerhalb eines Filmteams, aber auch nach außen, Redaktionen gegenüber, vielleicht auch noch Koproduzenten, Verleihern und dem Publikum. Man muss sich ja immer mit diesen Leuten auseinandersetzen, und diese Auseinandersetzung miteinander wird bei uns ganz groß geschrieben, auch wenn wir zum Beispiel Abnahmen machen. Wir wollen nicht, dass jemand im stillen Kämmerlein vor sich hin wurstelt, sondern dass man mit den anderen zu tun hat und zu tun haben muss. An großen Universitäten – ich weiß das, denn ich habe in München und Berlin Architektur studiert – kann man sich sehr leicht verstecken. Kein Mensch merkt, wenn man nicht da ist oder nicht mitmacht. Hier fällt das auf. Und das ist ein großer Vorteil bei uns. Es legt Energien frei.

Kamerafrau Constanze Schmitt kehrte jüngst mit einem geehrten Kurzfilm aus Cannes zurück.
Foto: Bernd Siering
Kamerafrau Constanze Schmitt kehrte jüngst mit einem geehrten Kurzfilm aus Cannes zurück.

Ich glaube, wir sind die kleinste und ärmste von den großen Filmhochschulen. Wenn man dann aber die Rankings anschaut, gibt es keinen Unterschied, da tauchen wir auch ganz oben auf. Wir machen also für ein Drittel des Geldes die gleiche Arbeit, und in diesem Konzept steckt eine Qualität. Natürlich hätte ich manchmal gern mehr Geld oder ein größeres Studio, aber letztlich kommt es darauf nicht an. Unsere Filme sind genauso präsent auf Filmfestivals wie die der anderen – zwischendurch habe ich sogar manchmal das Gefühl, sie sind präsenter. Das liegt vielleicht daran, dass eine bestimmte Sorte von Studenten zu uns kommt, die damit umgehen kann. Ich nenne es mal akademische Freiheit. Man wird hier als angehender Filmemacher sehr ernst genommen. Ein gutes Bild ist vielleicht der Blick in den Spiegel. Wer bin ich, was will ich, was kann ich? Was habe ich gemacht und was habe ich erreicht? Was mache ich beim nächsten Mal vielleicht anders oder besser? Als Filmstudent darf man ja scheitern, aber dieser Blick in den Spiegel muss klar sein. Den muss man lernen. Man muss lernen, ehrlich und offen mit sich selber umzugehen, dann kann man weitergehen. Das ist bei uns ganz wichtig. Wir führen die Gespräche mit den Studenten so, dass sie dahinterkommen, was sie wirklich wollen und können. Das geht an einer kleinen Universität deutlich besser. Viele kommen speziell hierher, weil sie gezielt diese Kombination aus künstlerischer Freiheit und der Selbsthinterfragung und Selbstanalyse in Bezug auf die Arbeit suchen, mit dem Ziel, emotional erzählen zu lernen.

Das beginnt mit Standpunkt, Position, Haltung, Perspektive. Das muss entwickelt und überprüft werden, im konkreten und im metaphorischen Sinn. Der Blick, die Kamera auf Augenhöhe mit den Geschichten, den Figuren, dem zu Erzählenden.

Was muss man tun, um das zu lernen, um als Kamera-Student an der dffb aufgenommen zu werden?

Die Aufnahmeprüfung bei uns ist gerade vor einigen Wochen zu Ende gegangen. Es ist eine sehr intensive Zeit, wenn die Bewerber nach der Vorauswahl dann hierher kommen. Das ist wirklich anstrengend hier.

Es gibt nur wenige formale Kriterien bei uns. Ich glaube, man muss 21 Jahre alt sein – das ist ein Kriterium. Wenn man sich aber mit 21 Jahren bewirbt, dann stellt sich unter Umständen die Frage, was man eigentlich zu erzählen hat. Was hat man schon erlebt? Um Figuren, Charaktere, Beziehungen, Ereignisse einordnen zu können, muss man sie verstehen können. Erst dann kann man sie umsetzen und gestalten. Empathie ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Wort.

Es ist also gar nicht verkehrt, wenn man vor der Bewerbung etwas gemacht hat. Das ist meine persönliche Meinung, keine Empfehlung. Ich finde es keine gute Idee,  direkt aus der Schule, mit Abitur, an die Filmhochschule zu gehen. Es gibt natürlich auch Studenten, die so talentiert sind, dass sie vielleicht fehlende Lebenserfahrung durch ihre Fantasie ersetzen können.

Man braucht auch eine enorme Energie und Durchhaltevermögen, und das geht nur, wenn man es wirklich will. Das muss man aber vor dem Studium ausprobieren. Vielleicht macht man ja ein Praktikum beim Verleiher, oder am Set. Man lernt, wie ungefähr die Arbeit und wie die berufliche Welt aussieht. Man muss wissen: keiner wartet auf einen, es gibt keine Stellenanzeigen für uns Kameraleute, alle arbeiten freiberuflich und müssen sich selbst ihre Projekte erschaffen. Die Energie dafür muss man mitbringen.

Oft kommen ja Leute hierher, die die Pfiffigsten in ihrer Klasse waren. Manche haben schon 40 Filme gedreht, in der Clique, mit den Jungs und im Kunst-Leistungskurs. Wenn die dann hierherkommen, dann treffen sie zwanzig andere, die genauso sind. Und schon geht’s los. Man merkt plötzlich, mit welchen Kalibern man es hier zu tun hat, in der Auseinandersetzung über Filmstoffe, über Geschichten und Ideen. Das spielt sich hier schon auf einem anderen Niveau ab, und dem muss man gewachsen sein. Deswegen finde ich es nicht verkehrt, vor dem Studium etwas Anlauf zu nehmen.

Die Aufnahmeprüfung ist sehr hart, wenn man es hierher in die Vorauswahl geschafft hat. Wir haben einen kleinen schriftlichen Teil, bei dem man einen Essay zu einem bestimmten Thema schreiben muss. Dann haben die Kamera-Studenten eine Aufgabe im Studio, die heißt „Porträtlicht“. Dabei sollen sie eine kleine Filmidee mitbringen, sozusagen einen Schnipsel aus einer Filmszene, zu der eine Großaufnahme gehört – einen emotionalen Moment aus einem fiktiven Film. Diese Großaufnahme sollen sie drehen und vorher das Licht dazu setzen. Dafür haben sie eine halbe Stunde Zeit.

Man muss nicht unbedingt wissen, wie die Lampen heißen, aber man sollte wissen, wie das Licht aussehen soll. Danach drehen sie einen Dokumentarfilm zu einem vorgegebenen Thema. Da haben die Bewerber einen Tag für die Recherche, einen Tag für den Dreh und drei Stunden Zeit, um den Film zu schneiden. Am Ende noch ein Gespräch, um die Leute möglichst gut kennenzulernen. Dieser ganze Prozess geht über zwei Wochen.

Danach fällt ein relativ großes Gremium von acht oder neun Leuten die Entscheidung über die Aufnahme ins Studium an der dffb.

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