"Es ist jedes Mal ein Glücksspiel"

Dokumentarfilmer Frederick Wiseman im Gespräch

Was man sofort merkt, wenn man ihm gegenüber sitzt ist, dass ihm das Beobachten im Blut liegt. Da er sich auf dem Weg zum Interview eine Schnittwunde am Daumen zugezogen hatte, stillte er neben meinem Wissensdurst auch noch eine Blutung, während wir auf ein Pflaster warteten.

Frederick Wisemann auf dem Camerimage Filmfestival.
Frederick Wisemann auf dem Camerimage Filmfestival. (Bild: Ernest Kaczynski)

Seit fünfzig Jahren dreht er einen Film nach dem anderen, die er alle derart präsent vor Augen hat, dass er selbst Detailfragen wie aus der Pistole geschossen, bzw. wie mit dem Richtmikrofon aufgenommen, herausfiltern kann. An seinem Stil hat sich dabei so gut wie nichts geändert, allein die Themen wechseln, nicht jedoch seine Herangehensweise.

Was stets gleich bleibt, ist der endlose Versuch, Bild, Ton und eigene Gedanken in diesem flüchtigen Medium unter einen Hut zu bekommen. Dass er damit so falsch nicht liegt, belegen die Preise, die seine Filmografie pflastern.

Gratulation zum Ehrenoscar und dem “Camerimage Award for Outstanding Achievements In Documentary Filmmaking”.

Danke sehr.

Ich bedauere es sehr, erst so spät mit Ihrem Werk in Berührung gekommen zu sein.

Meine Filme wurden nicht so oft in Deutschland gezeigt, ich weiß nicht warum. Ich dachte, dass dem so wäre, jedenfalls sind sie erhältlich, nur werden sie nicht groß gezeigt.

Das ist bei uns leider ein Problem, das alle Dokumentarfilme betrifft. Was mich in Ihrem Q&A nach “Law and Order” von 1969 am meisten beeindruckt hat ist, dass sie erst im Schnitt die Struktur des Film entdecken, aus der sich dann die Themen herauskristallisieren. Dabei ist es leider meist genau umgekehrt: um überhaupt Mittel zu bekommen, muss man schon vor Drehbeginn ein Konzept vor Augen haben.

Das ist albern. Was man schreibt, um Geld zu bekommen, hat ja nichts mit dem Film zu tun.

Oder man sucht und dreht dann nur die Bilder, die zum abgesegneten Konzept passen.

Das ist schrecklich. Ich weiß zwar nicht, wie es in Deutschland ist, aber in Amerika und Frankreich sind die Entscheidungsträger Kulturbürokraten, die keine Ahnung vom Filmemachen haben. Sie wissen nicht, wie man eine Geschichte mit filmischen Mitteln erzählt, und sie bestehen auf den Papierkram, um sich selbst abzusichern. Falls der Film nichts wird, können sie sagen: “Du hast das hier geschrieben, aber dies und jenes gedreht!” – das ist absurd. Ich meine arte in Frankreich – und ich bin mir sicher, in Deutschland wird es genauso sein – verlangt vierzig Seiten Konzept, aber doch nur, um ihre eigenen Ärsche zu retten!

Wie machen Sie es?

Von Anfang an habe ich eine sehr harte Linie gefahren, dass ich am Ende entscheide und die Kontrolle über den Schnitt behalte. So ist es bis heute geblieben, aber das  kann sich ändern. PBS stellt mir einen kleinen Prozentsatz der Kosten für den Film, den sie dann aber auch immer zur besten Sendezeit bringen. Und ich bekomme Geld von Stiftungen, etwa der Ford Stiftung, die mir in den letzten Jahren sehr geholfen hat, sowie von der MacArthur Stiftung und einigen anderen. Es ist sehr schwer, das Geld aufzutreiben, und noch dazu der am wenigsten interessante Aspekt der ganzen Sache.

Das kann ich mir vorstellen. Wie finden Sie denn Ihr nächstes Thema?

Ich suche mir ein Thema aus, das sich als interessant erweisen könnte, ohne wirklich etwas darüber zu wissen. Ich meine, beim Bibliotheksfilm “Ex Libris: The New York Public Library” (2017) dachte ich eben an eine Bibliothek, dass es an der Zeit wäre etwas über eine Bibliothek zu drehen. Das habe ich noch nicht gemacht. Ich hatte aber wirklich keine Ahnung, was es damit auf sich hat, das breite Spektrum an Aktivitäten der New Yorker Bibliothek, ehe ich zu drehen angefangen habe.

Es ist jedes Mal ein Glücksspiel, als würde man nach Monte Carlo gehen und die Würfel rollen lassen. Es macht aber Spaß, die Würfel rollen zu lassen, weil es immer ein Abenteuer darstellt, man wird immer überrascht – das ist anders als beim fiktionalen Erzählen, wo alles geplant ist, jedenfalls das meiste davon. Es ist ein bisschen Sport und intellektuell sehr anspruchsvoll. Aber der wahre Grund ist: Es macht Spaß!

Sie sagen, dass sie jedes Mal etwas Neues lernen.

Man lernt etwas, das ist richtig. Was auch immer meine Filme sonst sein mögen, sie sind immer Zeuge dessen, was ich gelernt habe. “Ex Libris” stellt dar, was ich über Bibliotheken gelernt habe. Ich hoffe natürlich, er ist mehr als das, aber er ist wenigstens das. Oder „Law and Order” ist das, was ich über die Polizei von Kansas City gelernt habe.

Sind Sie mit den Arbeiten von David Simon vertraut?

Ich habe einen Ausschnitt einer Folge von “The Wire”

Dort kommt es ebenfalls wiederholt zur Begegnung zweier Autos, deren Fahrer sich durch die Autofenster unterhalten.

Das nennt sich “cooping” und David Simon hat zugegeben, mit meinen Filmen vertraut zu sein. gesehen.

Die betreffenden Stellen in „Law and Order” sind nicht von Ihnen inszeniert worden? Wie haben Sie da den Ton aufgenommen?

Na, aus dem hinteren Autofenster geangelt. In den Einstellungen, in denen die Fahrer miteinander sprechen, hing ich einfach hinten mit dem Mikro aus dem Fenster. Den Rücksitz des Autos sieht man in der Einstellung ja nicht. Die Kamera ist auf dem Beifahrersitz des einen Autos, filmt von dort aus beide Fahrer, und kann dabei vor und zurück zoomen.

Romanhafte Herangehensweise: "Ex Libris" (2017)
Romanhafte Herangehensweise: “Ex Libris” (2017) (Bild: Ernest Kaczynski)

Ich möchte noch nach den „mug shots“ zu Beginn des Films fragen, ob deren Diversität Zufall ist, oder ob Sie am Schneidetisch nachgeholfen haben.

Ich habe mich dabei nicht an Statistiken orientiert, sondern wollte damit nur das Offensichtliche zum Ausdruck bringen, dass Kriminalität nicht exklusiv auf eine Rasse beschränkt ist. Aber im Kontext von 1968 und selbst im Amerika von heute ist es leider für einige Leute nicht so offensichtlich. Dabei ist es banal, es überhaupt erwähnen zu müssen.

So wirkt dann auch der Wahlkampfauftritt von Richard Nixon gegen Ende des Films, der an der Realität, wie wir sie erlebt haben, nicht weiter vorbei – reden könnte. Mit Worten, die man jetzt genauso von Donald Trump hört.

Worauf Trump zurückgreift, ist genau das Gleiche. Und für Nixon hat es funktioniert. Den Menschen wird Angst gemacht, so war es schon 1968 und ist es heute noch, im Grunde mit Anti-Schwarzen-Rhetorik. Trumps Modell ist Goebbels, große, einfache Lügen zu wiederholen. Und er ist sehr gut darin, das ist die einzige Fähigkeit, die er mitbringt.

Eine Twitter-Fähigkeit. Er hat, wenn man so will, ein Gespür für sein Publikum. Ob er es von Fox-News gelernt hat, oder nicht – selbst er kann nicht so ungebildet sein und nicht wissen, wer Goebbels war. Wie dem auch sei, es ist sehr beängstigend, weil er so ein Idiot ist. Und so impulsiv. Letztes Jahr habe ich in der Diag nose-Checkliste der American Psychiatric Association die Definitionen von Soziopath und Psychopath nachgeschlagen – er erfüllt bei beiden jede einzelne der dort aufgeführten zehn Hauptcharakteristiken.

Am Sonntag lesen Sie bei uns den zweiten Teil des Interviews.

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