Covid-19: Interview mit Produzent Jan Philip Lange

„Darlehen helfen nicht weiter“

Der Produzent Jan Philip Lange ist geschäftsführender Gesellschafter der Junifilm GmbH und im Vorstand des Film- und Medienbüro Niedersachsen. Seine aktuelle Produktion wurde wegen der Corona-Krise gestoppt. Im Gespräch mit Film & TV Kamera legt er dar, wie er mit der Situation umgeht und welche Unterstützung er sich für die Filmbranche wünscht.

Produzent Jan Philip Lange

Sie waren selbst von einem Drehabbruch durch Corona betroffen. Wie war da der Ablauf?
Wir hatten einen Debüt-Spielfilm mit dem Titel „LASVEGAS“ in Vorbereitung, eine Koproduktion mit der ZDF-Redaktion „Das kleine Fernsehspiel“ und unter Beteiligung diverser Förderer. Den ersten Drehtag hatten wir für den 16. April geplant. Am 12. März morgens rief unsere ZDF-Redakteurin an, um zu fragen, wann wir jetzt genau wo drehen wollten und berichtete, dass beim ZDF eine große Sitzung aller Hauptabteilungsleitungen stattfinden solle, um zu beraten, wie mit Produktionen umzugehen sei, die jetzt kurz vor dem Dreh stünden. Später am Tag kam dann eine Mail von ihr, dass man doch überlegen solle, den Dreh zu verschieben. Keine Anordnung, sondern ein Ratschlag.

Was nannte das ZDF als Grundlage dafür? Zu diesem Zeitpunkt gab es ja noch keine Auflagen des Bundes und der Länder.
An dem Tag war der Hinweis gekommen, dass die Corona Krise als Pandemie einzuschätzen sei. Das war meines Erachtens Hintergrund des Ratschlags. Interessanterweise hatte ich am gleichen Tag bereits bei unserem Versicherungsmakler angerufen und ihn gefragt, was passieren würde, wenn ein Mitglied von Crew oder Cast mit dem Virus infiziert würde und erkranken würde. Er war ganz deutlich: “Im Falle einer Pandemie erlischt der Versicherungsschutz, zumindest für alle Schäden, die aus einer Corona-Erkrankung entstehen.“ Dieses Risiko konnten wir nicht eingehen. Selbst wenn nur ein Komparse erkrankt wäre, hätte man uns wegen der Infektionsgefahr das Set dicht gemacht und wir wären durch den Ausfall der Versicherung auf den kompletten Kosten sitzen geblieben.

Hätte man Vorkehrungen treffen können, um das Risiko beim Dreh zu minimieren?
Wahrscheinlich nicht, weder auf Versicherungsseite, noch auf unserer Seite. Das Projekt war als Reiseproduktion geplant, vorwiegend in Deutschland, mit Drehs in Berlin, Cuxhaven, und Hildesheim, aber auch mit zwei Drehtagen in Las Vegas. Und Trump hatte zu dem Zeitpunkt Einreisen in die USA bereits gestoppt. Aber ich ahnte da schon, dass wir als Gruppe von 50 Filmschaffenden Probleme mit den Motivgebern und auch beim Reisen mit Bahn und Flugzeug bekommen hätten.

Hätte man in geschlossene Studios ausweichen können, um die Situation besser zu kontrollieren?
Unser Film lebt von seinen Außenszenen. Zudem hätten wir mit dem kleinen Debütfilm-Budget von 1,2 Millionen Euro gar nicht die Mittel gehabt, um Locations im Studio zu bauen. Wir hätten wegen der regionalen Filmförderung aus Niedersachsen dort, aber auch in Berlin drehen müssen, weil die Geschichte dort spielt. Reisen wären unvermeidbar gewesen. Es kamen also recht viele Risikofaktoren zusammen.

Wäre es eine mögliche Krisenstrategie, das aktuelle Filmförderungsmodell für die Dauer der Krise zu suspendieren, um die komplette Produktion an einem Ort zu ermöglichen?
Absolut. Das war eine der Ideen, die wir mit unseren Department Heads diskutiert haben. Könnte man nicht die nordmedia bitten, auf einen Dreh in Niedersachsen zu verzichten und trotzdem zu finanzieren? Man könnte Fahr- und Transportkosten einsparen und zudem das Infektionsrisiko der Reisen minimieren.
Irgendwann werden wir wieder arbeiten dürfen, wenn der Peak der Infektionen abgeklungen ist. Wenn der Pandemie-Status dann aber fortbesteht, bleibt auch das Versicherungsproblem bestehen. Ich habe also darüber nachgedacht, wie die Hilfen, die das BKM, die Sendeanstalten und die Förderanstalten angekündigt haben, konkret aussehen könnten. Ich schlage vor, dass die drei genannten Parteien, als eine Art von Rückversicherungsgemeinschaft gegenüber den Versicherungen auftreten. Dann könnten wir wieder versichert werden und die Versicherungen wüssten, dass sie im Versicherungsfall ihr Geld zurückbekommen.
Besonders die Sender müssten doch ein Interesse daran haben, dass es weitergeht. Selbst wenn bei 100 Produktionen in 10 Prozent der Fälle ein Versicherungsfall entsteht und die Versicherungen kompensiert werden müssen, wäre die Branche zumindest wieder in Arbeit und es könnte weitergehen. Die Produzentenallianz will jedenfalls den Vorschlag bei den Förderanstalten zur Sprache bringen.

Wie wird es Ihrer Meinung nach weitergehen?
Ich fürchte, dass es jetzt zu einem Stau von Produktionen kommen wird. Wenn dann endlich wieder gedreht werden darf, von gestoppten und neu gestarteten Produktionen gleichzeitig, wird es voraussichtlich einen Engpass an Personal geben. Wir haben ja bereits jetzt einen Fachkräftemangel. Dann wird man fair miteinander umgehen müssen und ich würde dafür plädieren, dass dann zunächst die jetzt angebrochenen Produktionen zum Zuge kommen sollten. Das betrifft vor allem die Darstellerinnen und Darsteller.
Wir hatten zum Beispiel für die abgebrochene Produktion Robert Stadlober und Thomas Thieme verpflichtet. Beide sind aber ab Juni für andere Produktionen gebucht, auch Serienproduktionen. Wir müssen also entweder umbesetzen oder noch länger warten, bis die beiden ihre Produktionen abgedreht haben. Dieses Problem mit Crew und Cast haben viele andere Produktionen sicher auch.

Wie gehen Sie mit ihrem Team um? Bitten Sie um Lohnverzicht?
Wir haben unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter natürlich auch um Solidarität uns gegenüber gebeten. Die meisten sind solidarisch und seltener gibt es welche, denen das eigene Hemd näher ist. Aber wie Helmut Schmidt gesagt hat: “In der Krise zeigt sich der wahre Charakter”.

Welche staatlichen Leistungen können Sie in Anspruch nehmen?
Wir haben der Crew angeboten, die jetzt angefallene Vorbereitungszeit zu bezahlen. Einer der Förderer, die nordmedia, hat uns eine erste Förderrate ausgezahlt, damit wir diese Zahlung an die Mitarbeiter leisten können. Arbeitsrechtlich müssten wir vermutlich die üblichen Kündigungsfristen einhalten. Bis dahin müssten wir die Gagen weiterzahlen, was der Tod dieses dünn finanzierten Projektes wäre.
Stefan Arndt von x filme hat es ja gesagt: Die aktuelle Situation könnte viele kleine Produktionen, und dazu zähle ich auch unsere, in die Insolvenz treiben. Solch eine Situation kennen wir ja gar nicht, dafür haben viele nicht genügend Rücklagen und leben immer nur von den Projektfinanzierungen.
Wenigstens haben das ZDF und jetzt auch die ARD angekündigt, dass sie bei ihren Auftragsprojekten bis zu 50 Prozent der Ausfallkosten übernehmen, nachdem alle staatlichen Hilfen ausgeschöpft sind.
Das ZDF müsste dann auch bei uns einspringen, hat aber noch nicht entscheiden, ob diese Regel auch bei Koproduktionen zur Anwendung kommt, oder nur bei reinen Auftragsproduktionen. Und dann geht es ja vermutlich nur um die Hälfte des zugesagten Finanzierungsanteils. Aber wer zahlt den Rest?
Gut wäre es, wenn es jetzt von staatlicher Seite schnelle und unbürokratische Zuschüsse gäbe, ähnlich wie für die Banken während der Wirtschaftskrise. Keine Darlehen, die helfen uns nicht weiter, denn wir könnten sie nicht zurückzahlen. [12331]

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich frage mich was machen die ganzen Produktionsfirmen, die Musikvideos drehen mit kleinen CREWs? Wir haben alle Aufträge verloren, wie alle von uns keiner weiß wie es weiter geht, am Ende verlieren wir Büros & Studios bevor es wieder weiter geht!

    Bleibt alle Gesund und wenn es wieder los geht meldet Euch bei uns von der RED – W 8K bis zur kleinen Kamera ist alles am Start.

    Alvin Kress
    a.kress1504@gmail.com
    #stayhome #fuckcorona

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  2. Aha! Lohnverzicht bedeutet Solidarität! Aber die Mitarbeiter arbeiten doch nicht aus Hobby sondern weil sie auch Familien haben, Kinder die essen wollen, Miete die gezahlt werden muss- die wollen leben. Vom Team Lohnverzicht erwarten, sonst ist der Charakter anscheinend schlecht- das scheint mir doch recht vorschnell geurteilt.

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