"Eine große Palette von Formaten."

42 Kameras im Haus: Interview mit Professor Slansky (2/2)

Hier der zweite Teil des Interviews mit Professor Dr.-Ing. Peter C. Slansky. Unser Autor Julian Reischl sprach für die Ausgabe 5/2016 mit dem Leiter der Abteilung II, der HFF München. 

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Julian Reischl
Die LED-Matrix im LED-Studio kann nicht nur den Prospekt in jeder Farbe gleichmäßig ausleuchten, auch einfache Grafiken oder Muster lassen sich darstellen.

Als Professor lehren Sie ja auch aktiv. Lernen die Studenten noch analoge Technologien?

Das Großartige unserer Filmhochschule ist, dass wir eine große Palette von Formaten und Workflows anbieten. Wir wollten nicht wie ein Sender ein Hausformat, auf dem alles gedreht wird, sondern eine Vielfalt. Damals war das Ende des Films noch nicht in Sicht, und wir sind mit 16 und 35 mm hervorragend ausgerüstet. Wir haben allein 24 Ausrüstungen mit 16 mm! Die Ausbildung steht und fällt damit, die Studenten in kleinen Gruppen ans Gerät zu lassen, im ersten Semester zum Beispiel in Vierergruppen. Auch heute noch wird im ersten Semester auf 16-mm-Schwarzweiß-Umkehrfilm gedreht. Wir schicken das Material zum Entwickeln nach Berlin. Schon am Tag danach können sie dann sehen, was sie gedreht haben.

Die Studenten sind total begeistert, dass sie das hier noch lernen können. Es gibt sogar eine Kameraübung in der Kameraabteilung, da wird das Schwarzweiß-Material noch selber entwickelt. Die sind mit Feuer und Flamme dabei. Wirklich geschnitten wird nicht mehr auf dem Steenbeck, wir haben einen SD-Filmabtaster im Haus und schneiden am Computer. Wir hatten ursprünglich auch einen Filmscanner beantragt, aber dann stellte sich heraus, dass diese Investition sich nicht mehr amortisieren würde, daher haben wir das Geld umgewidmet. Ein Film – scanner hätte auch intensiv betreut werden müssen, und die Mitarbeiterin, die das hätte machen müssen, wäre zu nichts anderem mehr gekommen. In München gibt es ja Dienstleister, die das anbieten. Wir lassen jetzt in HD abtasten und finishen den Film digital bis hin zur digitalen Kopie für die Vorführung. Den klassischen Weg gibt es nur noch selten, das sind keine fünf Prozent mehr.

Der kreative Prozess ist ja ein anderer, wenn man analog beziehungsweise digital dreht.

Ja, das ist richtig. Die Studenten müssen die aktuellen, digitalen Workflows und deren ständige Änderungen unbedingt mitbekommen. Im Jahre 1993 haben Detlef Möllering und ich das Buch “Handbuch der professionellen Videoaufnahme” herausgebracht. Unsere Vision war die “Electronic Cinematography”, denn zu diesem Zeitpunkt war nur das Fernsehen elektronisch, das Kino war Film. Alles, was heute Gang und Gäbe ist, haben wir damals gefordert – und stießen durchaus nicht immer auf Gegenliebe bei den Fernsehtechnikern. Heute gibt es diese digitalen Filmkameras, und jedes Jahr erscheinen etliche neue Modelle. Hier an der HFF hatten wir das Glück, bei den Investitionen die Mittel zu bekommen, auch bei den mobilen Kameras nachzulegen. In der Oberklasse haben wir zum Beispiel vier Alexas und eine Amira.

Auch die Alexa 65?

Nein, das lohnte sich für uns nicht. Wir brauchen immer Serien von etwa gleichwertigen Kameras, damit genügend große Gruppen von Studierenden gleichzeitig arbeiten können. Es gibt einen festen Jahresstudienplan, in dem auch festgelegt ist, in welchen Wochen welcher Film gedreht wird. So wissen wir zum Beispiel, dass wir fünf Canon C300 für den Vordiplomsfilm der Spielfilmabteilung rausgeben können. Dann haben wir noch fünf GH4 für den Prosumer-Level mit Filmobjektiven, S16-mm-Festbrennweiten, ebenfalls fünf Sätze. Dazu kommen 15 HDVideokameras der Typen Sony PMWEX1 und Canon XF305 oder vergleichbar. Insgesamt haben wir 42 Kameras, von Prosumer bis Topklasse.

Selbst die kleinsten Kameras – und die GH4 ist eine tolle Kamera, die eine erstaunliche Qualität liefert – werden von den Studenten angenommen, unter anderem weil echte Filmobjektive dabei sind, auch alte. Die Bedingung war: Wir mussten für eine Abteilung schnell beschaffen und suchten eine preisgünstige Lösung, die uns nicht nach einem Jahr schon wieder auf die Füße fällt. Da waren die Objektive das Schwierigere. Und da wir bereits zwei Sätze Objektive hatten, mit einem Metabones-Reducer von PL auf MFT, haben wir uns für die günstigeren Kameras entschieden. Wir haben getestet, ob wir auch unsere S16-Festbrennweiten dafür verwenden können, da hatten wir auch noch drei Sätze aus den 70ern oder 80ern, die im Schrank lagen und nicht gebraucht wurden. Bei 35 mm haben wir mit der Arricam LT eine echte Hollywoodkamera, die aber mittlerweile vergleichsweise selten benutzt wird. Das Zubehör und die Objektive sind aber weiterhin im Einsatz, die sind komplett zur Alexa hinüber gewandert.

Früher hatten Sie im Studio dedizierte TV-Kameras. Gibt es solche heute noch, oder verschmilzt das mit den Kinokameras?

Wir haben getrennt in zwei Film- und zwei TV-Studios. Film macht bei uns 90 bis 95 Prozent aus, zu TV muss man die Studenten hinführen. Es war klar, das hierzu eine professionelle Drei-Kamera-Studiolösung benötigt wird. Hierfür hatten wir auch die Finanzierung, diese fehlte uns aber für mobile digitale Filmkameras. Jetzt verwenden wir unsere drei Sony PDWs – zwei 700er und eine F800er – mit Triax-Signaladaptern als Studio-TV-Kamera. Die Signaladapter stammen von einem Dritthersteller, wir hatten sie ursprünglich gekauft, um die Alexas als TV-Kameras nutzen zu können. Doch die sind jetzt ständig für den Filmbetrieb ausgeliehen, und wenn wir drei davon für zwei Wochen aus dem Betrieb nehmen wollten, würden alle aufschreien. Die PDW 700 ist mindestens genauso gut geeignet, und somit sind wir nun viel flexibler.

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Julian Reischl
Im Filmarchiv.

Wie erfolgt die Aufzeichnung?

Im TV-Studio auf einem Venice-Videoserver. Das Format XDCAM HD hatten wir schon 2009 beschafft, wie auch der Bayerische Rundfunk (BR), das heißt, wir waren kompatibel. Wir finishen und archivieren auch unsere HD-Master auf diesem Format, weil es nicht magnetisch funktioniert, sondern optisch und berührungsfrei. Die Archivsicherheit war mit ein Grund für unsere Systementscheidung.

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