Digitale Formate (1): Stackfilm aus Wiesbaden macht Imagefilme für das Netz

Ideen, die auffallen

Die Landschaft der Film- und TV-Herstellung ist im Umbruch. In den letzten Jahren ist die Produktion für digitale Verbreitungswege stark angestiegen. Diese können völlig andere Ansprüche an Konzeption, Dreharbeiten und Vermarktung stellen als herkömmliche Formate für Fernsehen und Kino.Wir sprachen in Ausgabe 4.2020 mit Constantin Müller, dessen Unternehmen Stackfilm Imagefilme für die digitale Verbreitung anbietet.

Foto: Andrej Justus

Man kann sich auf den Kopf stellen oder die Augen ganz fest schließen, man kann auch gebetsmühlenartig wiederholen, dass großes Kino nur mit entsprechender Technologie und Ausbildung zu bewerkstelligen ist – das Internet wird bleiben. Und damit bleibt eine irrwitzig schnelle, flexible und sich an den Eigenheiten eben jenes Internets orientierende Produktionsweise.

Aber was heißt denn das überhaupt? Eherne Gesetze, soviel wissen wir, sind es nicht. Zu den Eigenheiten des Netzes gehört stetiger Wandel. Das erfährt auch Constantin Müller immer wieder. Müller ist Jahrgang 1990 und Geschäftsführer von Stackfilm aus Wiesbaden. Er machte nach der Schule eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton beim ZDF, arbeitete als Editor und absolvierte an der FH Mainz das Studium Zeitbasierte Medien mit Schwerpunkt Regie und Dramaturgie. Während des Studiums drehte er nicht nur zahlreiche eigene Filme, sondern startete auch einen Kameraverleih, mit dem er im Raum Wiesbaden und Mainz seit 2015 Filmausrüstung vermietet. Zum Ende seines Studiums spezialisierte er sich immer mehr auf Werbefilm, weshalb er den Master in Marketing an der Hochschule RheinMain machte.

Imagefilm spannender machen

Anfang 2019 gründete er dann parallel zum Verleih die Imagefilm-Produktionsfirma Stackfilm. Das Firmendoppel hatte den großen Vorteil, dass bereits Ausrüstung bereit stand, Geschäftsräume vorhanden waren und ein Netzwerk existierte, das bei Projekten dazu gebucht werden konnte. Mit seinen Stackfilm-Mitstreitern Lisah Dietrich für das Marketing und Alexandros Konstantaras im Sounddesign möchte er den Imagefilm ins digitale Zeitalter führen. „Ich habe gesehen, dass es viele Filmproduktionsfirmen gibt, die diese langen Imagefilme machen“, erzählt Müller. „Bei denen habe ich schon lange das Gefühl: Die guckt sich doch keiner mehr an.“ Die Analyse im Internet zeigt, dass er Recht hat. Er hat auch eine Erklärung, warum das so ist: Die Filme versuchen in drei bis zehn Minuten alle möglichen Ziele von Imagefilmen zu erreichen und langweilen deswegen. „Das wollen wir spannender machen.“

Der erste Schritt in der Kommunikation mit potenziellen Kunden ist für Müller daher nicht das Konzept, sondern die Frage, was der Kunde vorhat und auf welchen Kanälen der Imagefilm ausgespielt werden soll. „Wir stellen oft fest, dass ein klassischer Imagefilm gar nicht gebraucht wird“, sagt Constantin Müller. „Meist gibt es gute Gründe für eine Bewegtbild-Kommunikation. Die finden wir heraus.“ Der Gründer plädiert dafür, die Kommunikationsziele zu trennen und dann gesondert zu behandeln, auch in den Kanälen, die diese bespielen sollen. Denn ob ein Stellenangebot beworben wird oder die Facebook-Seite mehr Follower bekommen soll, sind grundverschiedene Ansinnen. An diese ersten Gespräche angeschlossen findet eine Analyse und ein vorgezogenes Targeting statt. Mit Targeting ist in den sozialen Medien die gezielte Auslieferung an eine individuell erstellte Zielgruppe per Webanzeige gemeint. Hier kann nach Kategorien wie Region, Branche, Interessen, Berufswahl, Alter und vieles mehr gefiltert werden. Das ist ein Punkt, der eigentlich erst im Prozess der Schaltung von Onlineanzeigen folgt. Müller will jedoch, dass seine Kunden genau erklären, was sie mit dem Film erreichen wollen. Dazu gehört auch das Wissen, was sie erwarten können.

Wo ist die Zielgruppe?

Wo ist die Zielgruppe? Zusammen mit dem Kunden soll der beste Kanal zur Veröffentlichung gefunden werden. Foto: Stackfilm

Nicht selten haben Kunden bereits Imagefilme erstellt. Die fristen dann oft ein ungesehenes Dasein, weil sie alles in einem sein sollen. Das ist meist der ausdrückliche Wunsch der Auftraggeber gewesen, die solche Filme einkauften. Deshalb setzt Müller mit der Beratung früh im Prozess an. Als Digital Native ist er mit den dafür nötigen Werkzeugen und Gewohnheiten aufgewachsen. „Gerade die sozialen Netzwerke geben uns die Möglichkeit, Zielgruppen exakt anzusprechen und sehr genau zu entscheiden, wer diesen Film sehen soll“, so Müller. Ist der Film eher für Entscheider gemacht? Dann lohnt eine Ausspielung auf LinkedIn. Oder eher für Endkunden? Dann kann eine Veröffentlichung auf Facebook oder Instagram Sinn ergeben. Schon diese Entscheidungen bringen neue Fragen mit sich. So gibt es auf den einzelnen Plattformen Längenbegrenzungen für Filmclips. Ein 5-Minuten-Konzept lohnt sich demnach für eine Ausspielung auf Instagram nicht, da hier im klassischen Format maximal 59-Sekünder erlaubt sind. Die Aufteilung der Kommunikationsziele muss nicht heißen, mehr Baustellen aufzumachen. Gerade mittelständische Unternehmen, die aktuell im Bewegtbildsektor ihren Nachholbedarf entdecken, haben oft weder das Budget noch die personellen Ressourcen, um große Kampagnen auszuspielen, auszuwerten und zu steuern. Das muss aber gar nicht sein.

Firmengründer und Stackfilm-Geschäftsführer Constantin Müller. Foto: Stackfilm

Müller erklärt an einem Beispiel, dass es nicht der klassische Imagefilm von drei Minuten Länge auf der Startseite des Unternehmens sein muss. „Man könnte hier umdenken und einen Clip machen, der nur 30 Sekunden lang ist, aber direktes Interesse in der Zielgruppe weckt, auf der Webseite zu bleiben und sich durchzuklicken“, so Müller. In den weiteren Menüpunkten können dann weitere, kurze Filme eingebaut werden, die eine Steuerung des Interessenten vornehmen. Das könnte etwa ein Recruitingvideo für Besucher sein, die nach einem Job suchen, oder ein Produktvideo für Endkunden. Der Name Stackfilm leitet sich von der Erfahrung mit dieser Beratungsrichtung ab: „Stack heißt ja ,Stapeln‘“, so Gründer Müller. „Statt also nur einen Film zu machen, mit dem man alles erreichen möchte, unterteilen wir Anliegen in mehrere Filme. Die Zielgruppe schaut sich dann nur die Filme an, die sie wirklich interessieren.“ Erst dann startet das Team in die Konzeption der einzelnen Videos und natürlich in Produktion und Nachbearbeitung, die alle inhouse abgewickelt werden.

Mehrstufiges Angebot

Das klingt nach einem Trick, mit dem das Ganze auch teurer wird: mehrere Filme statt einem. Constantin Müller schüttelt den Kopf. Natürlich gibt es auch immer noch den Imagefilm, der 50.000 Euro koste. Wenn aber so viel Geld investiert werde, steige auch der Druck, möglichst viele Ziele in einer Produktion abzudecken, so Müllers Erfahrung. Da setzt er lieber auf die beschriebenen kürzeren Filmclips, die einen viel gezielteren Einsatz und auch eine Überprüfung deren Erfolge möglich machen.

Es gibt auch Kunden, die aktuell nicht das Budget haben, alle einzelnen Filme umzusetzen. Dann findet Müller zusammen mit seinem Kunden die Prioritäten heraus und plant zum Beispiel ein mehrstufiges Roll-Out. So kommt im ersten Schritt ein kurzes Imagevideo und ein Erklärfilm zu den Produkten. Ein halbes Jahr später kommen dann mehr Produktvideos oder Tutorials zu häufig gestellten Fragen.

Natürlich hört auch Constantin Müller sehr häufig die pauschale Frage nach einem Imagefilm-Preis. Dass diese so divers beantwortet werden kann wie der oft zitierte Auto-Preis, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. „Ich sage mittlerweile, unter 5.000 Euro anzufangen rentiert sich für uns nicht“, so Müller. Seiner Erfahrung nach versteht das auch der Kunde, wenn man erläutert, dass Musik komponiert, Schauspieler engagiert, ein Team verpflegt und vor allem so bezahlt werden soll, dass sie von ihrer Arbeit leben können.

Imagefilm-Exposé „Geschichte erleben“: Spannende Vernetzung von Fakten mit Reenactment-Elementen für den Einsatz in Museen

Am liebsten setzt Müller seine Projekte auf einer RED Scarlet oder der aktuellen Blackmagic Design URSA Mini Pro 4.6 G2. Als jemand, der mit der Canon-5D-Reihe auf- wuchs, setzt er auf Canon-Objektive mit EF-Mount. Doch auch die Schneider-Kreuznach Cine-Xenar-Serie mit PL- Mount mag Müller sehr. Mit dem Needcam-Verleih im Rücken hat der Filmemacher zudem ein breites Angebot an Ausrüstung, mit dem sein Team individuell auf die Anforderungen von Projekten reagieren kann. Für hochwertige Produktionen mietet er aber Vantage Hawk Anamorphoten, größere Kräne oder Kino-Dolly-Systeme dazu. Der Schwerpunkt von Stackfilm sind genau die mittelständischen Unternehmen, von denen Müller spricht. Es gibt immer mal Ausreißer in die Konzernwelt und auch immer wieder Anfragen aus dem Senderumfeld, in dem Müller groß geworden ist. Doch die Hauptkunden sind die Unternehmen, die aktuell in Digitaliseirungsprozessen sind, Kommunikation betreiben müssen und mit innovativem Bewegtbild auffallen wollen.

Hochwertigkeit und Beratung

Müller hat hier die Erfahrung gemacht, dass die kleineren unter diesen Firmen die Bewegtbildproduktion immer häufiger selbst in die Hand nehmen. „Ich versuche dann nicht zu diskutieren“, so Müller. Diese Firmen hätten aber ein Filmbudget früher gar nicht finanzieren können. Jetzt machen sie es bis zu einem gewissen Aufwand in Zukunft eben selbst. Im günstigen Produktionssegment wird seiner Meinung nach gar kein Weg daran vorbei führen. Denn die Produktionsmittel sind mittlerweile derart erschwinglich geworden, dass Müller mit einer Unternehmensstruktur, die finanziert werden muss, nicht dagegen halten kann. Je früher er das akzeptiere, desto schneller könne er sich dann auf die eigentliche Auflage konzentrieren: Qualität liefern.

Und wer es ernst meint mit der Bewegtbildkommunikation, der begreift in der Auseinandersetzung mit dem Budget früher oder später, dass er hohe Qualität nicht mit Gimbal und DSLM inhouse erreicht. „Deshalb kommen wir dann ins Spiel, wenn die Unternehmen hochwertige Filme wollen“, so Müller. Denn Qualität hat seiner Erfahrung nach nichts mit der angestrebten Plattform zu tun. Die meisten seiner Kunden haben verstanden, dass diese Hochwertigkeit auch für 30-Sekünder auf Instagram gilt. Diese Kunden zu finden, ist jedoch eine Herausforderung. Für Müller ist klassische Akquise im Bewegtbildbereich schwierig. „Kaltakquise funktioniert bei uns in der Branche überhaupt nicht“, so ist seine Erfahrung. Er setze auf persönliche Empfehlung von Kollegen oder bestehenden Kunden und Direktkontakte auf Messen. Hier empfiehlt er nicht Filmmessen, sondern Marketingmessen, wie die Kölner Dmexco.

Ist der Kontakt hergestellt, ist für Constantin Müller das Wichtigste, eine Vertrauensbasis zu schaffen. „Der Kunde kauft ja etwas ein, das er vorab gar nicht prüfen kann“, so Müller. „Er kann sich Filme ansehen, aber er muss dir vertrauen. Da sind wir als Experten gefragt, Lösungen anzubieten, die Mehrwert bringen.“ Stackfilm schafft das seiner Meinung nach mit Ideen, die auffallen. Eine ständige Marktbeobachtung ist da unabdingbar. Und die Fähigkeit, sich auf immer neue Zielgruppen einzustellen und deren Marktnische auszukundschaften. „Wenn ich einen Film speziell für eine Zielgruppe mache, dann muss ich auch deren Content analysieren und den Stil meines Contents deren Sehgewohnheiten anpassen.“  [12179]


Im Netz:

Stackfilm im Internet:

www.stackfilm.de

Kameraverleih Needcam in Wiesbaden:

www.needcam.de

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