DoP Bernhard Jasper dreht Amazon Originals Serie „You Are Wanted“

“You Are Wanted” Ausstattung und Vorgehen (2/2)

Hier nun also der zweite Teil unseres Berichts zu den Dreharbeiten der Amazon-Serie “You Are Wanted” von und mit Matthias Schweighöfer. Wir haben während der Dreharbeiten mit dem DoP Bernhard Jasper gesprochen, der auch zum ersten Mal mit Regiearbeiten betraut war. Dieser Bericht ist aus unserer Ausgabe 10/2016

Debüt: Bernhard Jasper übernahm erstmals auch Regieaufgaben.
Foto Pantaleon Enterteinment
Debüt: Bernhard Jasper übernahm erstmals auch Regieaufgaben.

FREIE KAMERA

Drehzeiten, Aufwand, Budgets unterscheiden sich sehr von klassischen TV-Formaten oder Kinofilm. Für die komplette Serie (6 Å~ 47 Minuten) sind 51 Drehtage kalkuliert, im Vergleich dazu sind für die Produktion eines zweistündigen Kinofilms schon mal bis zu 40 Drehtage vorgesehen. „Hier legen wir ein ganz anderes Tempo vor und müssen in wesentlich weniger Zeit viel mehr Sendeminuten herstellen.“ Bei horizontalen Mehrteilern werde man schnell mit den US-amerikanischen Serien verglichen, „Wir müssen uns da nicht verstecken, nur muss man wissen, dass diese meist ein wesentlich höheres Budget haben“, sagt Jasper. „Wichtig ist nur, dass man ein stimmiges Konzept besitzt. Wir haben aus budgetären Gründen Wert darauf gelegt, dass die Kameras frei sind und verzichten dafür auf Kran und Dolly.“

Stattdessen setzen die Kamerateams auf Handkamera, drehen viel mit dem Mövi Freefly Stabilisationssystem und der Steadicam. „Mit diesem Equipment, lässt sich je nach Atmosphäre, die erzeugt werden soll, alles realisieren, schwebende Kamera, bewegte Kamera und auch statische Einstellungen. Wir bleiben beweglich, können spontan reagieren und was noch wichtiger ist, ermöglichen den Schauspielern einen größeren Aktionsraum, innerhalb dem sie sich bewegen können. Wir begleiten die Schauspieler und wollen ihnen nicht exakte Vorgaben machen, wie und wohin sie sich bewegen dürfen.“

Kameramann Jasper und seinen Camera Operators stehen an den Drehorten zwei ARRI Alexa Mini und eine ARRI Amira zur Verfügung. Jasper hat sich für diese Produktion für die Hawk Vantage One T1 Objektive entschieden. Für Kinofilmproduktionen favorisiere er anamorphotische Linsen, weil die eine bessere vertikale Auflösung haben; für ein Fernsehformat sei der Einsatz allerdings zu anspruchsvoll in der Lichtsetzung.

„Die Hawk One Optiken kommen in ihrer Weichheit dem anamorphotischen Aussehen sehr nahe. Sie haben nicht so einen coolen, cleanen Hightech-Look. Mir kam es darauf an, dass man die Charaktere auch separieren kann von ihrem Umfeld. Gerade, weil wir nicht so ein aufwendiges Lichtkonzept fahren, wie in einem Kinofilm, ist es wichtig, dass Hintergründe ausgeblendet werden können. So kann ich mich stärker auf die Figuren konzentrieren und mit Tiefenschärfe arbeiten. Wir gehen häufig auch auf Details, wenn beispielsweise jemand telefoniert, wird ein Handy hinein geschnitten oder man geht aufs Auge oder den Mund. Für einen solchen Dreh ist Schärfe ein entscheidender Faktor.“

DÜSTERNIS UND PRACTICALS

Um diese geringe Tiefenschärfe zu erreichen, kommen eher längere Brennweiten zum Einsatz. „Beim Licht achten wir sehr auf eine genregerechte Atmosphäre, hin zu einer gewissen Düsterkeit, um so den Abstieg und den radikalen Wandel zu  verdeutlichen. Die Hauptfigur kommt aus einer intakten Umgebung und fällt in unbekannte bedrohliche Welten. Dem folgen wir auch mit der Lichtatmosphäre, werden schattenreicher und auch konturenreicher. Farblich bleibt es eher gedeckt, mit einem leichten Touch in die schmutzigere Richtung.“

Sowohl für das Leuchten an den Sets als auch für die Ausstattung der Motive sind die Ansprüche genau auf die formatbedingten und budgetären Rahmen angepasst. Mit dem Ausstatter Christian Eisele hat Jaspers schon einige Produktionen gemeinsam realisiert. „Unsere Prämisse bei diesem Projekt war, die Motive müssen als Atmosphäre funktionieren. Wir haben nicht so viel Zeit, über das Licht zu gehen wie bei einem Kinofilm, deshalb muss man in der Vorbereitung die Gedanken anstellen, wie die Motive auszustatten sind, diese vielleicht auch mit zwei, drei Selbstleuchtern versehen, damit sie funktionieren. Wichtig ist, dass man ein Konzept besitzt und diese Stringenz einhält.“

4K HDR

Für diese Serie hat sich die Produktion für das hochwertige Aufnahmeformat 16:9 4K/HDR entschieden. „High Dynamic Range ist das Zukunftsformat. Wir sind eines der ersten Projekte, das dieses Format verwendet. Die erste Suite für Farbkorrekturen und Grading von HDR hat gerade erst vor einigen Wochen bei ARRI in München eröffnet“, sagt Jasper. HDR liefert insgesamt einen noch besseren Kontrast, die größeren Helligkeitsunterschiede sorgen für ein noch detailreicheres Bild. In HDR sehen viele Fachleute einen noch größeren Entwicklungssprung als der avisierte von Full HD auf Ultra HD. „You Are Wanted“ ist seit dem 17. März 2017 bei Amazon Prime zu sehen. Aber auch ins Heimkino sollen die sechs Teile dann kommen, die DVD- und Blu-ray-Rechte liegen bei Warner.

Das Speedline-System kann auf einer Länge von bis zu 200 Meter eingesetzt werden, bei einer Geschwindigkeit von bis zu 45 km/h.
Foto NeoFlight UG Holger Jungnickel
Das Speedline-System kann auf einer Länge von bis zu 200 Meter eingesetzt werden, bei einer Geschwindigkeit von bis zu 45 km/h.

SCHNELLES ARBEITEN OHNE KRAN UND SCHIENEN

Wenn keine Zeit ist, Schienen zu legen, müssen andere Lösungen her. Bernhard Jasper griff hier auf die Technik seines langjährigen Partners Hagen Raeder und dessen Kollegen Holger Jungnickel zurück. Raeder fungierte bei „You Are Wanted“ als Key Grip und war verantwortlich für Fahr- und Seilkameraaufnahmen. Mit im Team waren Best Boy/Rigger Jacob Engel und 2nd Unit Grip Markus Pluta. Für die Seilkamera kam das Speedline-System zum Einsatz. Auf die Dynema-Kunststoffseile wird ein Kameraschlitten gesetzt an dem Gimbal, gegebenenfalls Remotehead und Kamerasystem hängen. Damit können Distanzen von bis zu 200 Meter überwunden werden. So wird bei einem Maximalgewicht von bis zu 15 Kilogramm eine Geschwindigkeit von 45 km/h erreicht.

Prädestiniert war das System bei „You Are Wanted“ vor allem für die Verfolgungsjagden. Doch Raeder und Jungnickel wurden mit ihren Kamerastabilisationssystemen auch für Übergänge von außen nach innen, Topshots und Plansequenzen eingesetzt. Neben Freefly Movi sind auch Maxima MX30, DJI Ronin und der Flowcine Blackarm im Portfolio der Leipziger. „Bei ,You Are Wanted‘ mussten wir schnell drehen. Da muss man heute ganz anders aufgestellt sein“, sagt Hagen Raeder.

2 Kommentare zu ““You Are Wanted” Ausstattung und Vorgehen (2/2)”
  1. Adizauber

    You are wanted, hat mir nur wegen den Locations und der Kamera gefallen…beste Kamera. Guter Location scout.. Aber die Kamera hat nen Oscar verdient. Macht aus dem grunewald nen Dschungel…

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