Zerfall unseres filmischen Erbes

Wer hat Angst vorm Vinegar-Syndrome?

Wenn die Politik den grassierenden chemischen Zerfall unseres filmischen Erbes weiter ignoriert, müssen wir in den kommenden Jahren mit dem Verlust der meisten Filme rechnen. Um den abzuwenden, werden bis zum Ende dieses Jahrzehnts Investitionen von einer halben Milliarde Euro benötigt. Mit dieser auf Bund und Länder zurollenden Kostenlawine hat aber offenbar niemand gerechnet. Helmut Herbst beschreibt die Details dieses Problems.

Vinegar-Syndrom
Die letzten 4 Bilder eines verlorenen Films vom Empfang Kaiser Wilhelms durch die Hamburger Bürgermeister vor dem Dammtorbahnhof am 19. Juni 1895. ( Foto: Deutsche Kinemathek, Berlin)

Das hier abgebildete Endstück eines vom Briten Birt Acres am 19. Juni 1895 – noch vor den Filmen der Gebrüder Skladanowski – in Hamburg auf Nitrozellulose-Material gedrehten Films ist 118 Jahre alt und gut erhalten. Nitrofilme können bei entsprechender Lagerung 500 Jahre alt werden.

Am meisten Sorgen bereiten den Archiven aber neben den leicht entflammbaren, „explosiven“ Nitro-Filmen (Trägermaterial: Nitrozellulose/Zelluloid) aus den ersten 50 Jahren der Filmgeschichte ironischerweise jene Filme, die seit den fünfziger Jahren auf den sogenannten Safety-Film (Trägermaterial: Azetat) aufgenommen wurden. Kinofilme, 8- und 16mm-Amateurfilme, Fotonegative, Magnet- und Mikrofilme auf Azetat- Basis, mithin alle Negative und deren Kopien in Farbe oder Schwarzweiß, die in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entstanden, haben, wenn sie in einfach klimatisierten Räumen lagern, das heißt bei einer Raumtemperatur von 20 Grad Celsius und 50% Luftfeuchte, eine garantierte Lebenserwartung von nur 44 Jahren. Jenseits dieser vom Image Permanence Institute (IPI) ermittelten Mindesthaltbarkeit beginnt das unkalkulierbare Risiko. Manche Azetat-Filme gehen dann unwiederbringlich verloren, andere leben noch mehrere Jahrzehnte unbeschädigt weiter. Das ist von verschiedenen Faktoren bei der Herstellung des Filmmaterials und seiner Weiterverarbeitung in den Kopierwerken abhängig.

20 Grad Celsius und 50% Luftfeuchte, das sind weitaus bessere Lagerbedingungen als auf den Dachböden und in den Abstellkammern, Kellern und Garagen der Filmproduzenten und Filmmacher, die ihre Werke immer noch zu Hause aufbewahren. Azetat-Materialien, vor allem auch die frühen Magnetfilme (Perfobänder), werden bei höheren Temperaturen und erhöhter Luftfeuchtigkeit vom Schimmel und dem gefürchteten Vinegar-Syndrome (Essigsäure-Syndrom) befallen. Man kann es deutlich riechen. Gegen diesen Zerfallsprozess (Hydrolyse) gibt es, wenn er einmal eingesetzt hat, kein Gegenmittel. Er führt garantiert zur völligen Zerstörung des Materials. In einem frühen Stadium lassen sich die befallenen Filme noch not-digitalisieren und auf modernen 35mm-Polyesterfilm (schwarzweiß/drei Farbauszüge) ausbelichten. Das ist sehr teuer. Die professionelle Digitalisierung einer Stunde Film in 2K kostet 2.000 Euro und mehr. Dazu kommen die noch weit höheren Kosten für eine digitale Nachbearbeitung und ihre Ausbelichtung auf die archivfesten Polyester-Filmnegative. Die Bild-Auflösung („Schärfe“) vieler historischer 35mm-Filmnegative bleibt erst bei einer Abtastung oberhalb von 4K restlos erhalten.

Aber die Lagerbedingungen im Bundesarchiv/Film, in dem auch die Deutsche Kinemathek ihre Bestände einlagert, sind, wie sich jetzt herausstellt, nicht optimal, wenn auch immer noch besser als die kaum noch zu verantwortende Lagerung in Privaträumen. In den Bunkern 3 und 4 des Bundesarchivs in Wilhelmshagen bei Berlin, in denen die Azetat/Schwarzweiß- Negative und Azetat/Schwarzweiß-Unikate lagerten, wurden bei nicht funktionierender Lüftung und zeitweise unzureichender Kühlung seit 1990/91 erhebliche Temperatur- und Luftfeuchte-Schwankungen in Kauf genommen. Die Klimadaten dieser Bunker sind erstaunlicherweise erst ab 2012 aufgezeichnet worden. So summieren sich die Spätfolgen einer bereits in den Jahren vor der Wende in der BRD unzureichenden Lagerung mit der aktuellen Notlage des Archivs. Punktueller Schimmelbefall, Vinegar-Syndrome und eine, durch die Überschreitung des für Azetat-Schwarzweißfilme amtlich verordneten Klimas von 12 Grad Celsius und 50% Luftfeuchte forcierte Alterung des Filmmaterials sind die Folge. Doch für eine breit angelegte systematische Rettungsaktion durch Umkopierung und Digitalisierung fehlt das Geld! Das Vinegar-Syndrome, der Schrecken aller Filmarchive weltweit, hat keinen Bogen um das Bundesarchiv gemacht. Es wird dort sehr ernst genommen. Auch für die privaten Film-Horter ist eine Kontrolle ihrer Altbestände mit der Nase oder eigens dafür entwickelter Teststreifen dringend angesagt.

Während Frankreich für die Digitalisierung und Umkopierung seines Film-Erbes in einem Zeitraum von sechs Jahren 400 Millionen Euro bereitstellt, sind es in Deutschland gerade mal 2 Millionen jährlich für ein paar bekannte Filmtitel. Und in Frankreich können die Archive im Gegensatz zu denen in Wilhelmshagen, auch ohne Gasmaske betreten werden. Die verantwortlichen deutschen Politiker der Jahre 2010 – 2020 werden in 50 Jahren gefragt werden, warum sie wissentlich und willentlich in Kauf nahmen, dass unser Film-Erbe in seiner ganzen Breite verloren ging, wenn sie nicht jetzt über einen Zeitraum von 10 Jahren einen Betrag in der Größenordnung des Euro-Hawk-Projekts für seinen Erhalt bereitstellen. Der Bestand des Bundesarchivs umfasst gegenwärtig etwa 150.000 Titel deutscher Filme auf circa einer Million Filmrollen und Videokassetten. Die Firma Arri stellt mit ihrem Archiv-Scanner das führende Arbeitsgerät, und Filmo Tec, früher Orwo, mit seinen weltweit verkauften SW-Duplikat-Filmen auf Polyesterunterlage das geeignete Filmmaterial zur Verfügung. Nutzen wir doch diese Technik auch im eigenen Lande!

Das Bundesarchiv wird, auch wenn es personell und finanziell aufgestockt bald wieder voll arbeitsfähig sein sollte und sich nicht mehr mit der Aufbereitung von Wochenschauen und Dokumentationen (über die bundeseigene Transit-Film) für einige gierig nach Doku-Futter schnappende Fernsehredaktionen finanziell über Wasser halten muss, niemals in der Lage sein, die Digitalisierung des Film-Erbes alleine zu meistern. Hierzu wäre aus dem Verbund der deutschen Kinematheken heraus eine zentrale Koordinierungsstelle zu schaffen, die das dort und im Bundesarchiv vorhandene Fachwissen bündelt, die Digitalisierung vorbereitet und die Konditionen der Auftragsvergabe an die technischen Film- und Fernsehbetriebe aushandelt. Ohne die derzeit noch existierenden Filmkopierwerke und Bildverarbeitungsfirmen ist die anstehende Arbeit nicht zu schaffen. Wenn es das dort vorhandene Film-Wissen eines Tages nicht mehr geben sollte, hat sich das Problem von selbst erledigt.

Noch nie war es so einfach, einen bedeutenden Teil unserer Kultur in einigen Jahrzehnten radikal auszulöschen. Man muss nur nichts sehen, nichts hören und wie bisher nicht darüber reden. Die Vernichtung unseres literarischen Erbe ist da nicht so einfach. Es gibt zu viele Bücher an zu vielen Orten und im Internet. Die Qualität ihrer Typografie spielt kaum eine Rolle. Das ist bei historischen Werken der bildenden Kunst anders. Unvorstellbar, die in unseren Museen aufbewahrten Dürer- oder Riemenschneider-Originale demnächst nur noch als Fotokopien oder in Beschreibungen von Kunsthistorikern überliefert zu sehen. Filme dagegen werden offenbar als flüchtige Artefakte einer flüchtigen Plastik-Welt wahrgenommen. Es gibt sie ja nicht auf Papier und Leinwand, auf Holz oder in Marmor – sondern auf den frühen Kunststoffen Zelluloid oder Azetat und leider erst seit den 1990er Jahren vorwiegend auf dem Trägermaterial Polyester, dem man eine Lebenserwartung von 1.000 Jahren zuschreibt.

Welches Entsetzen verursachte 2004 der Brand der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, welch ein Aufschrei ging damals durch die Feuilletons! Dabei handelt es sich bei den 50.000 verbrannten Büchern – bis auf ganz wenige Exemplare – keinesfalls um Unikate. Sie lassen sich antiquarisch wiederbeschaffen und bleiben in vielen Bibliotheken oder in anderer Form zugänglich.

Die kostbaren analogen Original-Negative und -Unikate des Film-Erbes, von denen es keine verwertbaren Kopien gibt, zerfallen lautlos, ohne Aufsehen zu erregen, ohne ein neues Leben zu erhalten und unter behördlicher „Aufsicht“. In unserem „Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks“ ist ausgerechnet die von Walter Benjamin ins Zentrum gerückte Filmkunst davon bedroht, dass der größte Teil des Bestandes nicht mehr reproduziert werden kann und stirbt. Das bewegte Bild hat nur ein Leben in seiner fortwährenden Reproduktion. Das ist sein Wesen. Ein einzelnes analoges oder digitales Film- Original ist immer vom Infarkt bedroht, mechanisch, chemisch oder durch Datenverlust. Wir müssen umdenken: Das bewegte Bild zu konservieren bedeutet seine ununterbrochene Reproduktion auf höchstem technischen Niveau und seine Verankerung im kulturellen Gedächtnis der Nation. Henri Langlois: „To show is to preserve.“

Herbst_HelmutZum Autor: Der Filmemacher Helmut Herbst ist emeritierter Professor der Hochschule für Gestaltung in Offenbach und als Filmhistoriker z. B. durch seine Arbeiten und Filme zur Geschichte der Filmtechnik, zur Avantgarde, über Guido Seeber und zur Frühgeschichte des Films bekannt.

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