Bestandsaufnahme: TV-Serien in Deutschland

Langeweile auf hohem Niveau?

Es ist beinahe paradox: All überall wird geklagt, für Filme und Serien stehe zunehmend weniger Geld zur Verfügung; und trotzdem sind kaum Qualitätseinbußen festzustellen. ARD und ZDF trauen sich dank des Erfolgs von Weißensee sogar immer öfter an Fortsetzungsgeschichten mit durchgehender Handlung. Tilmann P. Gangloff widmete sich einer Bestandsaufnahme.

Ausgerechnet jetzt jedoch schlägt der Verband Deutscher Drehbuchautoren Alarm. Neue Marktteilnehmer wie Netflix und Amazon brächten ARD und ZDF mit ihren hochwertigen internationalen TV-Serien in Bedrängnis, heißt es in einem Papier des VDD: »Weil sie neue Erzählformen anbieten und neue Geschichten. Und weil sie ein Manko sichtbar machen: Die fiktionale Produktion in Deutschland befindet sich viel zu lange schon in einem Stadium der Saturiertheit. Auch auf hohem Niveau kann es langweilig werden.« Der Verband fordert daher »mehr Mut und Risiko insbesondere in der Serienentwicklung«.

Sebastian Andrae, Drehbuchautor und geschäftsführender Vorstand des VDD, verweist im Gespräch auf das thematische Spektrum neuer amerikanischer Drama- und Comedy- Serien, die mutig Außenseiterthemen aufgriffen: »Man hält bewundernd die Luft an über diese Bandbreite und Qualität, über das Selbstverständnis von Fernsehmachern, die die gesellschaftliche Diskussion mitbestimmen.« Der Autor stellt die Frage, warum sich Deutschland »als einer der größten und reichsten Fernsehmärkte der Welt nicht mehr erzählerische Innovation leistet.« Die Antwort gibt er gleich selbst: »Horizontal erzählte, ambitionierte Serien bedeuten einen größeren Entwicklungsaufwand, mehr Vertrauen in die Autoren und ihre kreative Kraft, das heißt auch Abgabe oder besser Übergabe von Verantwortung durch die Entscheider in den Redaktionen. « Der Stellenwert der eigentlichen Erzähler, der Autoren, müsse daher dringend stärker gefördert werden, um in den nächsten Jahren Zuschauer zu begeistern und zu binden.

Hierfür ist der VDD offenbar auch bereit, übers Ziel hinauszuschießen. Eine Pressemitteilung beschreibt den status quo folgendermaßen: »Serienproduktionen orientieren sich zumeist am gängigen Zuschauergeschmack. Pfarrer, Ordensschwestern, Ärzte und Ermittlerbevölkern die Programme, Gewalt- und Schmunzel-Krimis, Schmonzetten, Standardgeschichten in See- oder Bergkolorit bilden den Durchschnitt der Formate.« Kein Wunder, dass sich bei ARD und ZDF Begeisterung und Verständnis für das VDD-Papier in Grenzen halten, selbst wenn Reinhold Elschot und Gebhard Henke, zwei der wichtigsten deutschen Fernsehfilmchefs, zunächst beinahe gleichlautend ihre Wertschätzung der Autoren erklären. »Ohne gute Autoren läuft gar nichts«, versichert Henke. Daher versteht der Leiter des WDR-Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie auch nicht, weshalb der VDD fordert, die Autoren sollten »endlich wieder zum Motor für die Entwicklung neuer Programme werden«, denn das seien sie doch schon längst.

Auch ZDF-Fernsehfilmchef Elschot betont, dank der Autorinnen und Autorenhabe man in Deutschland ein »exzellentes öffentlich-rechtliches Erzählfernsehen«. Wenn er jedoch »den ewig gleichen und abgenutzten Vorwurf der mangelnden Risikobereitschaft und des fehlenden Muts« höre, sei er sich nicht sicher, ob der VDD wirklich fernsieht; sonst hätte er zum Beispiel die Serie Blochin wahrgenommen, mit der das ZDF »inhaltlich, erzählerisch und formal « neue Wege gegangen sei.

Aus Sicht der Sender besteht ohnehin kein unmittelbarer Handlungsbedarf, zumal die vom VDD angesprochenen Konkurrenten Netflix und Amazon ganz andere Nutzergruppen ansprechen: Für die dort angebotenen horizontal erzählten US-Serien interessieren sich erfahrungsgemäß überwiegend jüngere Zuschauer, die das lineare öffentlich-rechtliche Programm kaum wahrnehmen. Andrae hält diese Haltung jedoch für trügerisch, weil niemand wisse, wie lange diese Aufteilung gilt: »Das Zuschauerverhalten ist veränderlich, und die Veränderung ist rasant. Die zeitlich und räumlich fast unbeschränkte Verfügbarkeit fiktionalen Fernsehens lässt den Qualitätsanspruch des Zuschauers steigen. Mehr denn je will er sich überraschen lassen, ist aber auch bereit, für Qualität zu zahlen.«

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