„Wir haben eher gegen den Humor geschnitten“

Interview mit Editorin Heike Parplies: Toni Erdmann 2/2

Toni Erdmann“ von Regisseurin, Autorin und Produzentin Maren Ade ist zur Zeit in aller Munde. Erst die fünf Auszeichnungen bei den Europäischen Filmpreisen, dann die Nominierung bei den Golden Globes und jetzt soll der Film für Deutschland auch noch einen Oscar holen. Wir sprachen in für unsere Ausgabe 9/2016 mit der Editorin Heike Parplies über Ihre Zeit mit dem Film und die Zusammenarbeit mit Maren Ade. 

Heike Parplies
Foto: Heike Parplies
Die “Toni Erdmann”-Editorin Heike Parplies

„Toni Erdmann“ von Maren Ade war der erste deutsche Film im Wettbewerb in Cannes seit 2008 und wurde von Presse und Publikum hymnisch gefeiert. Wie war die Zeit vor Ort?

Heike Parplies: Unfassbar. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich bin ehrlich gesagt nicht mit großen Erwartungen hingefahren, da wir erst ganz kurzfristig die Zusage für den Wettbewerb erhalten haben. Zudem ist es ein sehr deutscher Film, ich glaube auch, dass der Humor sehr deutsch und sehr speziell ist, deswegen hat man nicht unbedingt damit gerechnet, dass er so positiv aufgenommen wird. Wir hatten bereits gehört, dass es bei der Pressevorführung ständig Szenenapplaus gab. Am Abend kam dann die Premiere. Und die war unglaublich. Ich glaube, wir hatten acht Minuten Standing Ovations. Das muss man erst mal verarbeiten.

Trotzdem gab es keinen Preis von der Jury. War die Enttäuschung sehr groß?

Heike Parplies: Na ja, wir sind zwar ohne Erwartungen hingefahren, aber dann gab es diesen Riesenhype und im Kritikerspiegel vom „Screen“ war „Toni Erdmann“ der höchstbewertete Film aller Zeiten – klar hat man da gedacht: Irgendwas sollte schon drin sein. Und natürlich war ich dann etwas enttäuscht. Aber wir haben den Kritikerpreis der Internationalen Filmpresse bekommen, das ist schon großartig.

Du hast alle Spielfilme von Maren Ade geschnitten. Hast Du bei ihrem Debüt „Der Wald vor lauter Bäumen“ gedacht, dass ihr irgendwann in Cannes steht?

Heike Parplies: Das nicht unbedingt, weil Marens Filme schon sperrig sind. Aber dass sie bestimmt ihren Weg geht und damit auch Erfolg hat, damit habe ich schon gerechnet. Sie ist einfach gut. Ich finde auch, dass dieser Film für ein größeres Publikum funktioniert, weil jeder sich irgendwo in dem Eltern-Kind Thema wiederfinden kann. Aber dass der Film in Cannes läuft, wo eigentlich nie deutsche Filme laufen, das hätte ich nicht erwartet.

Siehst Du „Toni Erdmann“ als Komödie?

Heike Parplies: Mich ärgert es, wenn der Film in der Presse immer als Komödie beschrieben wird. So ist er nicht gemeint. Er ist zwar brüllend komisch, aber für mich ist es keine Komödie. Wir haben ihn auch nicht auf Komödie geschnitten, da hätten wir durchaus andere Möglichkeiten gehabt. Hätten wir ihn als Komödie gemeint, wäre er auch nicht 2 Stunden 40 Minuten lang.

Wie ist „Toni Erdmann“ im Schneideraum entstanden?

Heike Parplies: Ich habe schon während des Drehs sechs Wochen mitgeschnitten und kannte daher das Material ganz gut, aber die Schnitte waren überhaupt nicht brauchbar, weil ich die Figuren, wie Maren sie haben wollte, noch nicht kannte. Wir haben dann bei Null angefangen und chronologisch vom Fronttitel bis zum Ende geschnitten.

Ich habe zusammen mit Maren das komplette Material erneut gesichtet, katalogisiert und akribisch beschriftet. Es war klar, dass wir nicht nur einmal schneiden werden, sondern dass es einen zweiten und dritten Durchgang geben wird. Wir wussten, wenn wir in einem halben Jahr das ganze Material noch mal sichten müssten, würden wir nie fertig werden.

Also haben wir von allen Szenen mehrere Versionen geschnitten, damit man nicht immer bei Null anfängt. Wenn man merkt, in der Szene stimmt etwas nicht, die Figur ist nicht richtig, da ist einer zum Beispiel zu unsicher oder zu forsch, dann hat man quasi schon die Varianten da, man kann sagen: Wir versuchen es mal mit Variante B oder C und kann so einfach am Schräubchen drehen, ohne den ganzen Film neu schneiden zu müssen. Es war zwar von Anfang an klar, dass wir lange schneiden, aber nicht, dass wir so lange schneiden.

Wie lange habt Ihr denn geschnitten?

Heike Parplies: Wir hatten rund 120 Stunden Material und haben fast anderthalb Jahre geschnitten.

Maren Ade hat das Fremdschämen perfektioniert, peinliche Momente werden immer etwas länger stehen gelassen, als es erträglich ist und man hofft ständig, dass der Schnitt einen aus dieser unangenehmen Situation befreit. Wie schwierig war es hier, den richtigen Ton zu treffen und einen Rhythmus zu finden?

Heike Parplies: Der Rohschnitt hat zwar schon einige Zeit in Anspruch genommen, aber das letzte halbe, dreiviertel Jahr haben wir uns kaum mit dem innerszenischen Schnitt, sondern fast ausschließlich mit der Figurenführung beschäftigt. Es ging darum, wie die Figuren sich entwickeln, auch zueinander, und dass das alles stimmig und der Werdegang nachvollziehbar ist. Der innerszenische Rhythmus hingegen hat sich gefunden, da haben wir gar nicht so viel dran geschraubt.

Gab es mal Überlegungen, den Film kürzer zu machen?

Heike Parplies: Natürlich haben wir versucht zu kürzen, wir hätten gerne einen kürzeren Film gehabt. Während des Schnitts haben wir Szenen und Dialoge gekürzt, teilweise waren die sehr viel länger inszeniert. Vieles war auch zwischendurch mal draußen und hat seinen Weg wieder reingefunden, weil durch die Kürzungen plötzlich andere Szenen ganz anders wirkten.

Letztendlich hat sich im Vergleich zu dem Schnitt, den wir anfangs favorisiert haben, gar nicht so viel geändert, obwohl es zig deutlich andere Zwischenstadien gab. Am Ende war das eher inhaltliche Arbeit, es ging um Nuancen im Schauspiel, zu schauen, welche Szenenvarianten zusammen gehören, so dass die Geschichte, die Figuren echt und wahrhaftig sind. Gerade bei der Figur Toni bestand die Gefahr, dass sie zu einer lustigen Phantasiefigur wird. Es musste aber immer der Vater darunter sichtbar bleiben, der sich diese Figur in diesem Moment ausdenkt, weil er damit ein sehr ernstes Ziel verfolgt: Er sucht eine neue Beziehung zu seiner Tochter, die ihn als Vater hat abblitzen lassen.

Maren hat eine sehr genaue Vorstellung von den Figuren, die sie erzählen will. Und wir wollten, wie gesagt, keine um jeden Preis lustige Komödie, sondern diese Figuren erzählen, und zwar so nah wie möglich an dem, was Maren beim Schreiben im Kopf hatte. Es wäre toll gewesen, wenn das in 120 Minuten funktioniert hätte. Aber viele Kürzungen haben einfach der Geschichte geschadet. Wir hatten auch Versionen, die dauerten nur 135 Minuten, aber die fühlten sich viel länger an. Weil sie einfach langweiliger waren, man ging nicht so mit und es fehlten viele Facetten.

Du hast selbst gesagt, dass der Film keine Komödie ist, auch wenn er komödiantische Momente hat. War es schwierig, den richtigen Grad an Humor zu finden?

Heike Parplies: Maren zuckt immer zusammen, wenn die Leute im Kino lachen, nach dem Motto: Das ist ernst, ihr sollt nicht lachen! Und gerade auf der Scherzartikel-Schiene hatten wir wahnsinnig viel Material, da hätten wir aus dem Vollen schöpfen können. Aber es ist ein wenig wie bei Melanie Pröschle aus „Der Wald vor lauter Bäumen“: Man muss schauen, dass man die Figur nicht verrät. Das soll ja kein Hampelmann sein, der ein Gebiss nach dem andern rausholt, sondern der hat eine Mission. Der will seine Tochter retten.

Neben der Vater-Tochter-Beziehung behandelt der Film auch die Themen Frauen in der Arbeitswelt und die Globalisierung. Wie schwierig war es da, die Balance zu finden?

Heike Parplies: Das ist schon sehr gut im Buch angelegt. Maren schreibt sehr lange an ihren Büchern und schaut, dass sie funktionieren. Da fängst du im Schnitt nicht an, den Film neu zu erfinden. Wir haben geschaut, wie viel Business-Welt rein kann, rein darf, damit es interessant, aber auch verständlich bleibt. Viele Dialoge sind sehr lang, im Buch sogar oft noch länger, aber wenn man zu viel kürzt, verkommen sie zu reinen Infoszenen, die keine Zwischentöne mehr haben. So will man das auch nicht. Aber generell war die Gewichtung nicht das, womit wir uns allzu sehr beschäftigt haben.

Wie sehr entsprach das Drehbuch dem fertigen Film?

Heike Parplies: Oft ist es ja so, wenn man lange an einem Film schneidet, dass man Szenen hin- und herschiebt, schaut, wie etwas besser funktioniert, die Chronologie des Drehbuchs verändert und ewig im Schneideraum damit beschäftigt ist, den dramaturgischen Weg zu finden, der funktioniert. Das muss man bei Marens Büchern nicht machen. Ich glaube, es ist kaum eine Szene rausgeflogen, im Prinzip ist alles – wenn auch in gestraffter Form – genau in der Reihenfolge wie im Drehbuch. Das Drehbuch ist schon sehr durchdacht. Im Fernsehbereich gibt es manchmal das Problem, dass Bücher verfilmt werden, die einfach noch nicht fertig sind, ganz einfach weil sie für bestimmte Termine anvisiert und geplant sind, und dann wird halt gedreht. Das würde Maren nicht passieren.

Der Film ist sehr realistisch erzählt, aber dann gibt es immer wieder magische Kinomomente. Wie lässt man diese in den Film einfließen, ohne dass sie wie Fremdkörper wirken?

Heike Parplies: Diese Momente sind unglaublich wichtig für den Film, da achtet man natürlich darauf, dass die richtig funktionieren. Das passiert auch in der weiteren Bearbeitung, also der Tonbearbeitung etc. Da ist es wichtig, dass man die richtig hervorhebt. Maren ist es wichtig, dass alles, was im Film passiert, glaubwürdig ist. Es muss nicht wahrscheinlich sein, aber es muss möglich sein. Sie will immer wissen, wo etwas herkommt, sie ist niemand, der irgendwelche Behauptungen aufstellt. Vielleicht kommt auch daher die Länge des Films. Sie will wissen, wie Figuren zu Entscheidungen kommen, was einen bei der klassischen Komödie nicht unbedingt interessiert. Uns war es immer wichtig, dass alles nachvollziehbar ist.

Wahrscheinlich ist deswegen der Humor auch so komisch und quälend zugleich …

Heike Parplies: Maren sucht den Witz in diesen unglaublich fein beobachteten Situationen. Das sind keine konstruierten Situationen, bei denen man sagt: Ach ja, das muss ja jetzt so passieren, damit gleich die Slapstick-Nummer folgen kann. Der Humor entsteht aus Situationen, in denen jeder selbst stecken könnte. Der Humor ist auch total im Buch verankert, und ich hatte oft Angst, dass wir den zu klein halten, denn wir haben eher gegen den Humor geschnitten. Ich war aber bei den Screenings mit „echtem“ Publikum sehr positiv überrascht, dass er trotzdem auch in den Andeutungen voll wahrgenommen wurde.

Wie war es, als Du „Toni Erdmann“ fertig geschnitten gesehen hast?

Heike Parplies: Super! Als ich ihn in Cannes gesehen habe, hat er mir wahnsinnig gut gefallen, obwohl ich ihn im Vorfeld ca. 300 mal gesehen habe. Irgendwann tritt ja so eine Müdigkeit ein, aber wenn man den Film dann wieder richtig mit Publikum sieht, ist es etwas ganz anderes, und mit einem begeisterten Publikum erst recht!

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