Bericht von der Gala

Deutscher Kamerapreis 2016: Das sagt die Jury

Lange Reden, schöne Bilder und ein Moderator hinter der Kamera. Beim 26. Deutschen Kamerapreis in Köln wurden Kameraleute aller Couleur gewürdigt. Wir berichten, was die Jury zu den einzelnen Filmen sagte.

IMG_4042_HP_2_1200xEin Raum voller TV-Profis. So etwas wünscht sich jeder Moderator. Matthias Bongard hatte am Samstag Abend diesen Luxus. Bei der 26. Verleihung der Kamerapreise in den WDR-Studios in Bocklemünd musste der Moderator nicht viele Worte zu den Gepflogenheiten bei einer Live-Übertragung verlieren. Das war auch gut so, denn das Programm war straff. Das resultierte glücklicherweise nicht in einem kühlen Abfertigen der Preiskategorien. Moderator und Ablaufplan ließen sich Zeit für Gespräche und teilweise lange Laudatorenreden.

Die Jury unter der Leitung von Edgar Reitz hatte bereits im Frühjahr die Einreichungen gesichtet und diskutiert. Die Preisträger standen schließlich fest. Ihre Namen wurden per Laserstrahl tief ins Innere der verliehenen Glas-Obelisken, quasi schwebend wie ein aufwändiger Filmtitel, eingraviert.

Pio Corradi war als Ehrenpreisträger bereits öffentlich im Vorfeld bekannt gegeben worden. Sein exotischer Werdegang wurde auch auf der Gala beleuchtet, sein mehr als nur signifikanter Beitrag zum Schweizer Film gewürdigt. Corradi selbst scherzte, er habe in manchen Jahren zusammen mit dem Ehrenpreisträger von 2014 Renato Berta etwa zwei Drittel des Schweizerischen Filmschaffens verantwortet. Das Kuratorium Deutscher Kamerapreis Köln e.V. begründet ihre Entscheidung so: „Der Mensch steht bei Pio Corradi im Fokus. […] Er schafft es […], Verbindungen zu seinen Protagonisten aufzubauen. Mit dieser Empathie dreht Pio Corradi in jedem Kulturkreis außergewöhnlich nahe, bildgewaltige und ausdrucksstarke Filme. Seine Bilder fesseln. Sie sind intim und wirken doch niemals voyeuristisch.“

Der Preis für die beste Kamera eines Kinospielfilms ging an Reinhold Vorschneider für „Wild„, eine Geschichte, in dem eine junge Frau sich mit einem Wolf anfreundet. Regisseurin Nicolette Krebitz schwärmte in ihrer Laudatio von Vorschneiders Vorzügen, die sie in Form von ihren Wünschen an den Kameramann formulierte. Die Jury hatte sich ebenfalls beeindruckt gezeigt und lobte: „Das Regiekonzept baut eine intensive Spannung auf zwischen animalischen wie menschlichen Abgründen einerseits und absoluter ästhetischer Disziplin andererseits – mit großem Verständnis und höchster Einfühlungskraft unterstützt Vorschneider dieses Vorhaben. Auch dank seiner souverän strukturierenden Kameraarbeit ist „WILD“ ein im besten Sinn radikaler und verstörender Film.“

Für die beste Kamera eines Fernsehfilms wurde Felix Novo de Oliveira ausgezeichnet. Er zeichnet für „Tatort: Schutzlos“ verantwortlich. Im Luzerner Tatort stirbt ein junger Nigerianer, der schon mit Drogendelikten aufgefallen war. Der Heidelberger Kameramann „rückt das Drogen- und Flüchtlingsmilieu […] in eine eher ästhetisierte Ferne, die aber gerade dadurch erst eine selbstgewählte emotionale Nähe möglich macht“, so die Jury, und „Die Kamera […] ist eng an den Figuren, ohne aufdringlich zu sein. Kamerafahrten führen in diesem Film nicht nur in neue Räume, sondern in neue Wahrnehmungen. Enge, verwahrloste Räume von Junkies werden dadurch zu fast theatralischen Spielorten. So bewirken seine Bilder im Zuschauer eher eine melancholische Poesie anstelle einer emotionalen Verstrickung.“

Ute Freund ist die Preisträgerin in der Kategorie Dokumentation. Sie begleitete mit Regisseurin Cosima Lange in „Hello I am David – Eine Reise mit David Helfgott“ den Ausnahmepianisten David Helfgott. Der Film porträtiert sehr intim den Künstler und Menschen, der aufgrund einer psychischen Erkrankung im Alltag leicht aneckt, am Klavier aber lange als Wunder gilt. Regisseurin Cosima Lange betonte als Laudatorin die außergewöhnlichen Umstände der Dreharbeiten und fand dann den Bogen zur sehr persönlichen Wertschätzung ihrer Kamerafrau. Die Jury: „Die immer souveräne, ausschnittsichere und ruhige Kamera von Ute Freund unterstreicht das außergewöhnlich lebhafte Naturell von David Helfgott. Seine besondere Art im Umgang mit Menschen, sein virtuoses Klavierspiel werden von Ute Freund in jeder Situation – ob im Hotel, am Flughafen oder im Konzertsaal – empathisch und souverän kadriert eingefangen.“

In der Wechselkategorie, deren Wahl in diesem Jahr aus gegebenem Anlass wieder auf das Thema Krisenberichterstattung fiel, gewann René Begas den Kamerapreis. Er hatte für die WDR-Reihe „Menschen hautnah“ den Beitrag „Lesbos – Helfer der Gestrandeten“ gedreht. Allein die Entstehungsgeschichte dieses Films war beeindruckend: Das Team war für einen anderen Dreh auf Lesbos gewesen, als sie auf die Situation mit den ankommenden Flüchtlingen aufmerksam wurden. Das Team entschied sich, zu bleiben. Das Ärztepaar Khalil und Bita Kermani, als Vor-Ort-Helfer die Protagonisten des Berichts, hielt die bewegende Laudatio. Die Jury war ebenfalls berührt: „In dem Film gelingt es dem Kameramann René Begas, den Zuschauer direkt ins Geschehen mitzunehmen, ohne dabei voyeuristisch zu sein. Die Kameraführung passt sich an die Geschehnisse an, verweilt in Schlüsselszenen und trägt dadurch zu einem wahrhaftigen Bildeindruck bei.“

In der Kategorie Kurzfilm durfte DoP Markus Förderer die Trophäe entgegennehmen. Förderer hatte für Tim Fehlbaums „Hell“ bereits 2012 den Kinopreis erhalten. Diesmal wurde „I Remember“ ausgezeichnet, ein romantisches Kurzfilm-Drama ohne viele Worte an einem nordkalifornischen Strand. Die Jury begründet ihre Entscheidung so: „Markus Förderers Kamera ist von einer Sinnlichkeit geprägt, wie sie in solcher Offenheit selten erfahrbar wird. Perfekt passt sich die Bildgestaltung den Stimmungen der Figuren an, und fast ist es uns, als spürten wir den Geruch des Meerwassers in der Nase und das Salz auf der Zunge, derart stark ziehen uns die Bilder in Setting und Geschichte. Eine unglaublich empathische Arbeit, die jedes Bild zum idealen Ausdruck der Geschichte macht.“ Förderer, der in der Zwischenzeit mit Roland Emmerich „Indepence Day 2“ machen durfte, trat auffallend bescheiden ans Mikrofon und dankte seinen Eltern.

Für die Reportage im Ersten „Vietnam – Long Thanh will lachen“ erhielt Wolfgang Schick den deutschen Kamerapreis für journalistische Kurzformate. Die Reportage über die Langzeitfolgen von Agent Orange im Vietnamkrieg konzentriert sich auf den 15-jährigen Long Thanh, dessen Körper von der Entwicklung her dem eines Dreijährigen gleicht. Thanh braucht Pflege rund um die Uhr, was in Vietnam extrem schwierig ist. Die Jury begründet ihr Urteil: „Er schafft es, das Schicksal der Familie schmerzlich klar darzustellen, ohne sie mit seinen Bildern zu entblößen. Seine Kamera ist emphatisch (sic), fast liebevoll, unermüdlich präsent, aber nie voyeuristisch.“ Selbst in dem kurzen Ausschnitt wurde die Kraft des einfühlsamen Berichts sehr deutlich, für den gerade mal elf Drehtage Zeit war. Laudator Philip Abresch, Autor des Beitrags und Leiter des ARD-Studios Singapur, freute sich bei der Übergabe sichtlich für den Kollegen Wolfgang Schick.

Claus Wehlisch ist der Preisträger in der Kategorie Schnitt Langformat. Sein „Polizeiruf 110: Und vergib uns unsere Schuld“ über den lange vergangenen Tod eines Mädchens und einen unschuldig Verurteilten wühlt in der Vergangenheit ebenso wie in den Emotionen der damals beteiligten Ermittler. Eine schwierige Aufgabe in der Montage, die Wehlisch da grandios gemeistert hat: „Claus Wehlisch versteht es, durch seine innovative und unkonventionelle Montage die Geschichte von einem Mordfall […] bis zum Schluss packend zu erzählen. Der Filmschnitt besticht durch sein ungewöhnliches Erzählen von Zeit. Auch werden die Zeitebenen virtuos miteinander verwoben. Durch die an den richtigen Stellen nicht lineare und fragmenthafte Montage wird dem Zuschauer die Lückenhaftigkeit der Erinnerungen der Hauptfiguren subtil klargemacht. Die Montage drängt sich nie in den Vordergrund, sondern unterstützt den Fortgang der Geschichte und schafft es, den Zuschauer bis zum Schluss in seinen Bann zu ziehen.“

In der Kategorie Schnitt Kurzformat durfte sich Michal Kuleba, Master-Student an der Filmuni Babelsberg, freuen. Der Schnitt des Kurzfilms „Memoire“ über den Versuch eines Kleinkriminellen, aus der Szene auszusteigen, weil er Vater geworden ist, „setzt den Fokus auf die ausweglose Situation des Protagonisten und nimmt uns emotional mit. Wir erleben seine existenziellen Ängste und Sorgen. Die Montage setzt die bewegte Kamera gekonnt fort. Kuleba lässt Raum und wenn nötig auch Ruhe für die Entwicklung der Geschichte und vermag dabei die Spannung zu halten.“ Bemerkenswert ist, dass dieser Preis an einen Studenten geht.

Im Nachwuchssegment darf sich Jessica Dürwald über den mit 5.000 Euro dotierten Nachwuchspreis Kamera freuen, den sie für „Eat My Dream“ annehmen durfte, eine melancholische Filmkomposition aus Fotos, die an den Fließbändern einer norwegischen Fischfabrik entstanden. Das Kuratorium Deutscher Kamerapreis Köln e.V. begründet: „Der Kurzfilm […] erfasst die nüchterne Tötungs- und Aufbereitungsmaschinerie einer Fischfabrik in beeindruckender […] Form. Die präzise gewählten Einstellungen leben von der fotografischen Wirkung und der permanenten Bewegung als stärkste filmische Kraft. Die Wahl einer niedrigen Bildfrequenz verleiht den Bewegungen eine Gebrochenheit, die den klassischen Stummfilmen entliehen ist. Sie gibt den Bildern einen ganz eigenen Rhythmus […]. Jessica Dürwald gelingt es, durch Verwendung elementarer, filmischer Gestaltungsmittel und konsequenter Reduktion den Lebenszyklus eines Fisches […] zu abstrahieren. Dabei transportiert sie die Szenerie ästhetisch und ernüchternd zugleich. „Eat My Dream“ findet eine Symbiose aus filmischer Form, Collage und Fotografie.“

IMG_4059_1200xFür den Nachwuchspreis Schnitt ausgezeichnet und ebenfalls mit 5.000 Euro bedacht wurde Fiona Brands, die den Kurzfilm „Die Ballade von Ella Plummhoff“ montierte. Im Film von Barbara Kronenberg schwelgt die Achtklässlerin Ella in Erinnerungen an den vergangenen Sommer, in dem rund um die Pubertät viel interessantere Dinge passierten als der olle Mathematikunterricht, auf den sie sich jetzt konzentrieren soll. Die Preisvergabe wird vom Kuratorium Deutscher Kamerapreis e.V. begründet mit: „Wer sagt, dass die Jugend nur mit schnellen Schnittfrequenzen zum Bewegtbild-Konsum motiviert werden kann? Fiona Brands […] überzeugt uns vom Gegenteil. (…) Dass Fiona Brands auch Rhythmuswechsel beherrscht […] und dramaturgische Kontrapunkte setzt, zeigen der Aufbruch der letzten Nachbarn in den Urlaub oder Ellas Verstörung […]. Hinzu kommt ihr Sinn für Humor, der sich u.a. im Tonschnitt zeigt.“ Beim Interview nach der Preisvergabe zeigte Fiona Brandes auch Kante, als sie sich nicht zur pauschalen Verdammung der „YouTube-Ästhetik“ hinreißen ließ. Es gebe Situationen, da sei so eine Ästhetik durchaus angebracht, erwiderte sie dem insistierenden Matthias Bongard, und setzte damit ein Zeichen, dass für sie – auch als Newcomerin – die Ansprüche des Projekts vor irgendwelchen Dogmen oder Trends gehen.

Auch im zweiten Jahr nach der Vulkanhalle zeigte sich die Verlegung des Events in die WDR-Studios nach Bocklemünd als eine gute Entscheidung. Das TV-Ambiente setzte einen sehr guten Rahmen für den Fokus der Veranstaltung. Toll ist die Idee, die zur Übertragung nötige Kameratechnik sehr präsent ins Bühnenbild einzubinden. So waren immerhin zwei halbrunde Dollykreise samt Kameramann und Assistenten, sowie eine Steadicam, eine Kamera auf Remotekopf am Technocrane sowie eine klassische „Studiomühle“ vor Ort.

Matthias Bongard ist eine gute Wahl als Moderator. Seine Lockerheit führte gut durch den Abend und war nur an wenigen Stellen unangebracht, wenn er zum Beispiel die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Vorsitzende des Kuratoriumsvereins, bei der Verleihung der Nachwuchspreise mehrfach über den Mund fuhr. Jenseits dessen gelang ihm allerdings sehr gut, von leichten zu ernsten Themen überzuleiten, was angesichts der bedrückenden Beiträge „Long Thanh will lachen“ und „Lesbos – Helfer der Gestrandeten“ auch sehr wichtig war. Sehr gut kam an, dass er sich gleich zu Beginn hinter eine Kamera wagte und demonstrativ das Fokussieren der Trophäen versemmelte, wodurch er sehr schön bebilderte, warum hier beim Thema Kamera eben Fachleute gefragt sind.

Die Veranstaltung wird am Montag, 20. Juni ab 23:25 Uhr im WDR Fernsehen übertragen. Das Bayerische Fernsehen gesellt sich ab 23:55 Uhr dazu, der NDR schließt sich noch in der selben Nacht um 1 Uhr an. Wer so lange nicht aufbleiben möchte, muss zumindest am Sonntag, 26. Juni früh aufstehen, dann sendet der SWR die Verleihung um 9:45 Uhr.

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