Preisträger Kategorie Dokumentarfilm/Dokumentation

27. Deutscher Kamerapreis: Kurzporträt Attila Boa

Attila Boa, 1966 in Bern geboren, absolvierte zunächst ein geisteswissenschaftliches Studium, bevor er zum Film fand. Dort arbeitete er als Beleuchter, Kameraassistent und Regisseur. Seit zwei Jahrzehnten ist Attila Boa Kameramann für Dokumentar- und Spielfilme, wo er unter mit den Regisseuren Markus Imhoof, Johannes Schmid, Kurt Mayer und Michael Glawogger zusammenarbeitet. Dabei entstanden vielbeachtete Werke wie Markus Imhoofs mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm aus dem Jahr 2012 „More than Honey“. Neben seiner Arbeit als Kameramann ist Attila Boa auch literarisch tätig und veröffentlichte 2014 seinen Essay „Zur Verteidigung der Traurigkeit“.

„Sich trauen, etwas über die Welt zu erzählen“

Foto: WDR/Melanie Grande
Preisträger Attila Boa (links) nimmt den Kamerapreis entgegen.

Was waren für dich als Kameramann die Besonderheiten beim Projekt „Untitled“?
Na ja… dass es kein Thema gab! Dass wir alles drehen konnten, was vielleicht irgendwann einmal für einen Film wichtig sein könnte.

Wie habt ihr entschieden, was vielleicht einmal wichtig sein könnte?
Das war Zufall. Wenn uns etwas gefallen hat, haben wir es gedreht.

Bei einem Dokumentarfilm gibt es üblicherweise ein mit bestimmtes Thema, auf das sich dann der Blick fokussiert. Wenn man aber alles drehen darf, ist der Blick ja notgedrungen etwas weiter. War das eine Herausforderung bei der Bildgestaltung?
Erstaunlicherweise war das gar nicht so. Wenn man ein Thema hat, dann muss man ja auch schauen, was die Menschen und der Ort, an dem man sich befindet ausmachen, und wo sie filmisch einzuordnen sind. Dann ist das fehlende Thema aber letztlich gar kein Problem. Man wählt wie immer nach Dingen aus, die erzählerisch sind, die filmisch sind, die von sich aus etwas sagen. Der Unterschied ist, dass man ganz entspannt sein kann in Bezug darauf, was genau diese Dinge erzählen, weil einem in Wirklichkeit gerade am Anfang des Projekts alles recht sein kann. Hauptsache es ist erzählerisch, es ist filmisch und es ist interessant!

Am Anfang ist man also relativ frei. Hat sich im Lauf der Dreharbeiten nicht dann irgendwann ein Trend abgezeichnet, in welche Richtung die Geschichte geht, so dass man in der Auswahl dann doch etwas beschränkter ist?

Ja. Dinge haben angefangen, zusammenzupassen, und wir haben festgestellt, welche Themen interessant sein werden. Aber selbst das haben wir noch sehr offen gehalten. Das war wie eine große Spirale, bei der man am Ende im Zentrum ankommt, wenn der Film fertig ist. Nur, dass wir natürlich nie in der Mitte angekommen sind, weil der Regisseur Michael Glawogger vorher gestorben ist. Aber die ersten ein, zwei Kreise haben wir. Nach einer Weile begann es, dass gewisse Dinge immer wieder vorkamen und sich etwas herauskristallisiert hat. Es wäre ja ein sehr persönlicher Film von Michael Glawogger geworden, und während wir zusammen unterwegs waren, hat er immer mehr ein Gefühl dafür bekommen, um was es in dem Film gehen wird.
Aber das ist nicht jedermanns Sache. Denn so ein Film lässt sich nicht im Allgemeinen halten, weil man sich nicht hinter einem Thema verstecken kann. Doch ich kann das nur empfehlen. Es ist eine schöne Art zu arbeiten. Wenn sich jemand traut, auf diese Weise etwas über die Welt zu erzählen, dann soll er es unbedingt machen.

Hat sich die inhaltliche Offenheit in Deiner Bildsprache niedergeschlagen?
Nein, eigentlich nicht. Auch wenn ich jemanden drehe, von dem ich genau weiß, welche Rolle er im Film spielen wird, finde ich es falsch, ihn nur auf diese Rolle festzulegen und keine Offenheit mehr zu zeigen. Selbst wenn man etwas dreht, von dem man genau weiß, was es darstellen soll, ist es dennoch richtig, wenn man die Augen offen hält und schaut, was an untypischem, außergewöhnlichem oder ganz kleinen und versteckten Dingen sich da erzählen – was wirklich da ist, neben dem Thema und neben der Festlegung auf eine Rolle. Insofern war das gar keine so wahnsinnig andere Arbeitsweise. Man hatte eben nur mehr Zeit, Energie und Raum zu schauen und zu suchen. Das ist bei jedem anderen Film die Grundlagenarbeit – suchen, schauen und Neues entdecken. Das war eigentlich eine Befreiung. Ansonsten war die Arbeit erstaunlich wenig unterschiedlich zu einem normalen Film.

Gab es Episoden, die du gedreht hast, die ihr aber danach einfach wegwerfen konntet?
Man kann immer etwas falsch machen. Vor allem wenn man etwas noch nicht kennt und nicht schnell genug versteht, wie was zu machen ist. Wir haben zum Beispiel im Senegal Ringer gedreht, und uns dabei ziemlich bemüht. Ganz spät erst haben wir gemerkt, dass das Training irgendwie viel interessanter ist als der Wettkampf. Solche Dinge passieren einem vielleicht bei einem anderen Film etwas weniger, wenn die Regie vorher und rechtzeitig Dinge gesehen und festgestellt hat. In dieser Situation aber haben wir drauflos gedreht und gedacht, ach, das ist ja eh nur Training – wir machen das nur, um zu schauen, wie es läuft. Aber in Wirklichkeit waren das die viel spannenderen Bilder, die wir da gedreht haben. Das passiert einem schon bei einem solchen Film.

Hast Du manchmal bedauert, bestimmte Dinge vielleicht nicht gedreht zu haben?
Ein bisschen weniger als sonst. Bei normalen Filmen dreht man sein Thema und entscheidet, dies passt nicht oder jenes gehört nicht oder nur am Rande dazu. Aber bei unserem Film konnte man mit gutem Gewissen immer sagen, lass uns einschalten, machen wir was. Es gab ja niemanden, der gesagt hat, das brauchen wir nicht, das gehört nicht dazu! Wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas interessant ist oder etwas zeigt, dann konnte ich richtig loslegen.
Das war auch eine der Motivationen von Michael Glawogger, diesen Film zu drehen, denn bei der Recherche zu anderen Themen ist er immer auf etwas gestoßen, wo er am liebsten die Kamera genommen und gedreht hätte. Aber er wusste ja immer, das muss ich nicht machen für diesen Film, das brauche ich nicht. Bei „Untitled“ konnte er einfach auf dieses Gefühl vertrauen, indem er gesagt hat, das ist spannend, die Leute sind gut, der Mensch ist interessant, lass uns da was machen, und schau, dass da etwas draus wird.

Hat sich die Arbeitsweise des Nicht-festgelegt-Seins in der Wahl deiner Technik niedergeschlagen?
Ich habe gesagt: bitte wenig … Wir hatten ein paar Super-8-Kameras dabei, und auch eine Fotokamera, mit der wir hätten drehen können. In Wirklichkeit haben wir sehr wenig mitgenommen. Ich hatte eine Kamera, vier Linsen und das war’s.

„Untitled“

Buch: Michael Glawogger, Attila Boa, Monika Willi
Regie: Michael Glawogger, Monika Willi
Schnitt: Monika Willi
Produktion: Lotus Film in Koproduktion mit Razor Film

Informationen zur Technik:
Kamera: Sony PMW-F55
Super-8-Kameras
Optiken:Canon 10,6-180mm
Century 17-35mm
Zeiss Ultra16 9,5 mm
Zeiss Ultra16 12 mm
Codecs:2K / 4K XAVC / RAW

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