Android-App für Filmschaffende

TimeSheet: Überstunden am Set verwalten

Keine App zur Überstundenverwaltung für Android-User in der Filmbranche: Kamera-Assisent Flu Popow sorgte für Abhilfe und berichtete in unserer Ausgabe 3/2019 vom Ablauf des Projekts.

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Regelmäßig Überstunden, die auch ebenso regelmäßig bezahlt werden? Für manche Teilbereiche der Branche ist das noch immer eine Utopie – nicht was das Leisten von Überstunden, sondern was die Bezahlung angeht. Kamera-Assistenten im szenischen Bereich haben es zum Glück weniger schwer, solche berechtigten Gagen-Forderungen durchzusetzen, ohne dass dies negative Folgen für die Auftragslage hätte. Flu Popow aus Berlin, freiberuflicher Kamera-Assistent und Fokus-Puller für szenische Produktionen und Werbung, ist ebenfalls nur noch bei Produktionen tätig, die Überstunden vergüten und hat im Gegenzug auch schon wiederholt Projekte abgesagt, die lediglich pauschal abgerechnet werden sollten. Aber wie am besten die Überstunden verwalten und abrechnen? Als eingefleischten Android-User ärgerte ihn, dass es keine passende App für sein Mobiltelefon gab. Excel-Sheets oder gar lose Blätter waren auch keine Lösung. Fast schon wäre Flu Popow seinen technologischen Grundsätzen untreu geworden und hätte sich ein iPhone nur für den Zweck beschafft, der Überstunden administrativ Herr zu werden. Denn bei iTunes kann man problemlos Apps für diesen Zweck herunterladen.

Statt die Plattform zu wechseln, ging er einen ungewöhnlichen Weg. Er würde selbst eine Android-App anstoßen, die seinen Ansprüchen an Betriebssystem und Funktionalität genügen würde. Einziger Haken: Flu Popow beherrscht zwar einiges – aber Programmierkünste zählen leider nicht zu seinen Fähigkeiten. Gut, wenn man Freunde hat. Der ehemalige Klassenkamerad Dustin Feurich arbeitete nach seinem Informatikstudium mittlerweile als Software-Entwickler bei der Firma Dycon Technologies. Er konnte seinen Chef überzeugen, das Projekt gemeinsam anzugehen und die Time-Sheet-App mit grafischer Benutzeroberfläche für Android- Smartphones zu programmieren. Mittlerweile sie in der Version „1.4.0.1002“ verfügbar – und es ist sogar eine iOS-Fassung in der Planung, die im Lauf des Jahres angegangen werden soll.

WERKZEUG FÜR BESSERES VERHANDELN

Es gibt ja unterschiedliche Modelle zur Überstunden- berechnung. Auf welcher Basis arbeitet deine Time-Sheet-App?
Die App ist zunächst einmal auf den deutschen Markt ausgelegt, und zwar auf die Überstundenregelung des Tarifvertrags in Deutschland. Wie es zum Beispiel in Österreich oder der Schweiz mit den Überstundenregelungen aussieht, weiß ich gar nicht. Wenn man in der App ein Projekt anlegt, sind die Überstundensätze von den Prozentzahlen und Zeiten so voreingestellt, wie es im Tarifvertrag festgelegt ist. Man kann natürlich selbst noch verhandeln. Manche Produktionsleiter wollen zum Beispiel bei den Überstunden maximale Obergrenzen festlegen, oder dass die 14. und 15. Stunde mit 25 statt 60 oder 100 Prozent vergütet werden. Sollte man so etwas verhandelt haben, kann das alles auch in der App festgelegt werden. Man kann also sagen, ab soundsoviel Stunden soundsoviel Aufschlag oder man staffelt es so, wie es im Tarifvertrag ist.

Man ist also in der Art, wie die App Überstunden ausrechnet und handhabt, sozusagen freie Vertragswahl, nicht unbedingt an den Tarifvertrag gebunden?
Genau. Im Tarifvertrag ist ja auch vorgesehen, dass bei Wochengagen Überstunden mit Tagen verrechnet werden, an denen weniger als zehn Stunden angefallen sind. Dann würde ein 11-Stunden-Tag einen 9-Stunden-Tag ausgleichen und man bekäme zwei 10-Stunden-Tage vergütet. Auch das kann man in der App einstellen: Hat man eine Wochengage mit Verrechnung einzelner Tage oder Tagesgagen ohne diese Möglichkeit der Verrechnung ver- einbart?

Was waren die Herausforderungen dabei, die App zu programmieren?
Ich hatte halt die Idee, aber keine Ahnung, wie man so etwas programmieren könnte. Ich habe stattdessen den Programmierern erklärt, wie diese ganzen Überstundenregelungen funktionieren. Dazu hat es mehrere Meetings gegeben, auch noch als die App schon ziemlich weit fortgeschritten war. Denn in so einer Software muss am Ende einfach alles stimmen und die Berechnung müssen genau hinhauen. Der Tarifvertrag ist halt wahnsinnig kompliziert formuliert. Welche Überstunden in die wöchentliche Arbeitszeit fallen und welche in die tägliche Arbeitszeit, die 13. Stunde kann nicht verrechnet werden, die elfte und zwölfte aber wohl, dann kommen noch Sonn- und Feiertagszuschläge hinzu oder Arbeit am sechsten Tag der Woche – das ist wirklich kompliziert. Das alles am Ende in eine Formel zu bringen, die funktioniert, war deshalb schwierig. Aber ich glaube, wir haben das gut geschafft.

Wie wird denn das Thema unter deinen Kollegen gehandhabt? Berechnen die ihre Überstunden?
Ich habe früher gerade am Anfang auch bei Produktionen gearbeitet, wo so etwas halt nicht vergütet wurde, würde das aber nicht noch einmal so machen. Wenn Überstunden anfallen, dann müssen sie meiner Meinung nach vergütet werden.

Lässt sich das in dem Segment, in dem ihr tätig seid, gut durchsetzen?
Bei uns Kamera-Assistenten im szenischen Bereich für Werbung, Spielfilm oder Serie ist es mittlerweile die Regel, dass Überstunden gezahlt werden. Einzig bei der Höhe der Zuschläge gibt es noch Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen der Assistenten und der Produktion. Da oft nicht nur ein Assistent auf einem Projekt arbeitet, sollte immer so verhandelt werden, dass die Gage und die Vertragsbedingungen für alle Mitglieder des Kamera- Departmentsgleich fair sind. Aber unter uns Kamera-Assistenten ist der Zusammenhalt eigentlich ziemlich gut.

Solidarität ist natürlich ein großes Wort – aber wenn in eurem Segment etwas be- steht, das du mit „Zusammenhalt“ beschreibst, ist das sicher schon ein Schritt vorwärts.
Ich finde das auch sehr wichtig. Das hat sich jetzt erst in den letzten Jahren entwickelt, aber ich glaube, das geht in eine gute Richtung.

Dann ist deine App für Überstunden ja auch dafür ein wichtiges Werkzeug.
Dass es so eine App gibt, ist auch dafür wichtig. Damit lässt sich einfach und grafisch darstellen, was man verhandelt hat. So eine Übersicht in der App kann dementsprechend dabei helfen, dass man beim nächsten Mal besser verhandeln kann, weil man einfach besser sieht, um welche Beträge es da ganz schnell gehen kann. Gerade wenn man noch am Anfang steht, dann kann man sich mit so einer App auch erst einmal anschauen, wie teuer Überstunden überhaupt sein sollen, wie schnell bei einem langen Tag vielleicht zwei Tagessätze zusammenkommen. Ich kann die Ergebnisse auch direkt als PDF- Datei exportieren und an die Produktion schicken. Für mich als Kamera-Assistent ist es halt wichtig, dass ich eine einfache Möglichkeit zur Verwaltung habe. Ich bin eben auch manchmal gerne ein bisschen faul, und wenn ich abends nach einem langen Tag nach Hause komme, möchte ich mich wirklich nicht mehr an einen Computer setzen und eine Excel-Tabelle ausfüllen. Aber ich kann morgens, wenn ich in das Teamfahrzeug steige oder abends nach dem Dreh einfach die Zeiten in der App angeben. Das nimmt mir wahnsinnig viel Arbeit ab. Einmal bei der reinen Dokumentation, was sonst vielleicht auf losen Zetteln passieren würde, die man verlieren kann und die nervig sind. Bei der App kann ich alles direkt eintragen, wenn einmal das Projekt angelegt worden ist. Ich sehe dann sofort, wie viele Überstunden es waren, und wie viel zusätzliche Gage das bedeutet. Das ist einfach sehr praktisch. [7939]

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Wie heißt die App denn jetzt genau ?
    Lg

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  2. Ein Link zur App wäre schön.

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