Eine Karre hat Premiere

Prototyp: Karre für Tonmeister

Markus Dobler ist Filmtonmeister und gelernter Industriemechaniker. Auf dem “1. Schoeps MikroForum” in Karlsruhe-Durlach hat der Niederbayer seinen Prototypen der „Tonkarre“ vorgestellt. Hannah Baumgartner hat Markus Dobler für die Ausgabe 5/2016 zu seiner Machbarkeitsstudie befragt.

eine-karre-hat-premiere-1
Jörn Nettingsmeier

Markus, du hast deine selbst gebaute Tonkarre hier in Durlach vorgestellt. Was war die Motivation für so viel Arbeit?

Meinen ersten Spielfilm habe ich noch ohne Tonwagen gemacht, ich habe sozusagen aus Koffern gelebt. Das war eine Katastrophe! Ich war immer der Langsamste, alle mussten ständig auf mich warten am Set. Nach dem Film wusste ich, ich brauche unbedingt eine Tonkarre. Ich hab mich schlau gemacht, was es so gibt auf dem Markt, aber alles, was ich gesehen habe – ich bin gelernter Industriemechaniker und habe dadurch so ein bisschen einen Sinn für Mechanik oder gut gebaute Sachen –, also alles, was ich am Markt gefunden habe, hat mich nicht überzeugt. Zu schlecht aufgebaut, zu billig gebaut oder einfach mit zu vielen Kompromissen behaftet.

Wann hast du die Karre gebaut?

Jetzt haben wir 2016 – angefangen hab ich Anfang 2014, fertig geworden bin ich vorvorgestern.

Was an Know-how floß da rein? Was waren deine Ansprüche?

Mir war das Wichtigste, dass ich eine Tonkarre baue, auf der wirklich alles seinen Platz findet. Ich wollte nicht noch einen zweiten Wagen brauchen, mit dem ich dann noch Zubehör hinterherkarren muss. Alles muss auf der Karre seinen Platz haben. Der Tonwagen soll komfortabel sein, ich möchte im Stehen und im Sitzen mixen können, und beim Verladen soll alles Zubehör draufbleiben können. Es macht für mich keinen Sinn, wenn ich die Tonkarre halb zerlegen muss, damit ich sie verladen kann.

Welche Packungsgröße hat deine Tonkarre?

Die Stellfläche ist 65 mal 70 Zentimeter und etwa anderthalb Meter hoch, aber man kann sie gut liegend verladen.

Was ohne Weiteres möglich ist?

Genau, oben die zwei kleinen Räder sind dafür gedacht, dass man die Karre 90 Grad umlegen und in den Kombi- Kofferraum reinschieben kann.

Und das Gewicht?

Oh, ich hab noch nicht gewogen, aber ich schätz mal, zwischen 100 und 120 Kilogramm wird sie schon wiegen, vollgepackt.

Wie sieht es mit der Stromversorgung aus?

Das Kart wird von einem Akku-Koffer mit 40 Ampèrestunden versorgt. Damit läuft die komplette Technik zwei sehr lange Drehtage nonstop durch. Und richtig schön ist, dass der Akku-Koffer in weniger als sechs Stunden wieder auf- geladen ist. Wenn der Akku-Koffer schlapp macht, habe ich oben in meiner Tasche noch vier V-Mount-Akkus als Reserve dabei. Auf die wird nahtlos umgeschaltet, und ich kann noch so vier bis fünf Stunden drehen.

Was ist drauf auf der Karre?

Oh ja (lacht), also, wie viel Zeit hast du? Fangen wir von oben nach unten an: Ganz oben zwei Antennenmasten, ein Sende- und ein Empfangsmast. Die lassen sich bis zu viereinhalb Meter ausfahren. Oben befinden sich auch ein Halter für die Timecode-Klappe, zwei Monitorboxen und eine Art Reling, auf der unter anderem die acht “Mithören” Platz finden. Eine Etage darunter befindet sich das Herzstück, die Tasche mit Recorder, acht Funkstrecken dran verbaut, Antennenverteiler, und darunter die Sound Device CL9 Fader-Extension. Seitlich befinden sich ein Konzepthalter für das Drehbuch und ausklappbare Ablageflächen, auf der rechten Seite noch ein Monitor. Da benutze ich den AC7 von smallHD. Auf der anderen Seite ist der Schirmständer für einen 180-Zentimeter-Durchmesser- Schirm, der ist sturmsicher, und bietet mir Blick-, Sicht-, Regen- und was auch immer Schutz für alles Mögliche.

eine-karre-hat-premiere-2
Hannah Baumgartner
Das Herzstück der Karre: Acht umgebaute Audio Limited RMS Funkstrecken, der Antennenverteiler, der Recorder (Sound Device T788) und alles, was man zum Drehen braucht, passt in diese Tasche.

Auf der Rückseite auf gleicher Höhe befindet sich dann noch ein Halter für die Tonangel und den Dipstick. Die Tonkarre hat zwei Schubladen: In der oberen Schublade sind sämtliche Ansteckmikrofone sowie Befestigungsmaterial und Gurte für die Ansteckmikrofone. In der unteren Schublade befinden sich die Timecode-Lockits, verschiedene Kopfhörer, Kleinteile und diverse Angelmikrofone. Ganz unten ist dann noch der Akku-Koffer – der muss auch unten sein, wegen des Gewichts. Der Akku-Koffer wiegt so um die 7 Kilogramm und sorgt für die nötige Balance, damit sich der Wagen schön bewegen lässt und sicher steht.

Du hast ja auch ziemlich genau darauf geachtet, wo der Schwerpunkt vom Wagen sitzt?

Ja, genau. Mir ging es vor allem um die Treppensituation. Das Schieben an sich ist ja selten ein Problem. Schwierig wird es besonders dann, wenn es die Treppe runtergeht, der Wagen wiegt ja um die 100 Kilo! Deshalb habe ich zwei hydraulische Scheibenbremsen mit zwei getrennten Hydraulik-Kreisen eingebaut und hydraulische Stoßdämpfer, die man einstellen kann. Durch die Gewichtsverteilung ist der Wagen bei 45 Grad Neigung in Balance. Das heißt die wenigste Kraft zum Heben oder Halten benötige ich in der “Treppensituation”.

Kannst du die Karre auch mal durch den Dreck ziehen, oder rostet da was?

Rosten kann da gar nichts! Die gesamte Karre ist aus Flugzeug-Aluminium bezeihungsweise Edelstahl gemacht. Jede Schraube, jede Scheibe, die da drin verbaut ist, ist aus V2A, und die Edelstahlteile am Wagen sind aus V4A, sind also auch chlorbeständig und seewasserfest. Man könnte die Karre auch an einen Tanker festschnallen und damit vier Wochen übers Meer schippern, rosten tut da gar nix.

Apropos: Wie gut lässt es sich verreisen mit der Karre?

Den Tonwagen kann man problemlos in einer Kiste unterbringen, in einem kleinen Transportcontainer. Aber zerlegbar im eigentlichen Sinn ist er nicht, das ist aber auch nicht nötig: Im Endeffekt ist der Tonwagen nur das Gerüst um die Tasche, in der das Herzstück ruht, wenn man so will. Wie ein Exo-Skelett. Die komplette Technik, die man zum Drehen braucht, ist in einer herausnehmbaren Tasche, die CL9 Fader-Extension in einer zweiten. Wenn ich wegfliege, ist es oft gar nicht erwünscht ist, dass ich eine Tonkarre dabei habe. Also packe ich die Tasche mit der CL9 in den Rollkoffer, und die Tasche mit der Recording Ausrüstung geht meist als leicht erweitertes Fotogepäck durch. Alles Handgepäck. Bei dieser abgespeckten Variante benutze ich den Dipstick als Antennenmast, der lässt sich auch auf über einen Meter ausziehen.

eine-karre-hat-premiere-3
Hannah Baumgartner
Noch mehr Ablageflächen zum Ausklapppen, Konzepthalter für das Drehbuch, dahinter ein Monitor, der hochgefahren werden kann, auf der anderen Seite ein Schirmständer für einen 180- cm-Durchmesser-Schirm. Und natürlich das Herzstück und das Faderboard.

Welche Mikrofone benutzt du?

Ich habe mir AudioLimited RMS Funkstrecken umgebaut. Eigentlich sind nur noch das Gehäuse und die Sende- und Empfangseinheit von AudioLimited. Das Audioboard haben wir komplett ausgetauscht. Da war mir mein lieber Freund Kalle Schnell eine große Hilfe. Kalle hat mir am Tonwagen generell die ganze Elektronik gebaut. Ich bin einfach kein Elektrotechniker. Ich baue die Gehäuse und lege das Design und die Funktionalität fest, Kalle elektrifiziert. Der große Vorteil der umgebauten Funkstrecken ist, dass sie jetzt Tiefbass übertragen, und das macht sie auch für Musikaufnahmen sehr gut einsetzbar. Das ist erkauft durch den kleinen Nachteil, dass die Funkstrecken eine gewisse Bandbreite brauchen: Bei acht Funkstrecken sind ungefähr 70MHz Bandbreite nötig. Sowas kann man eigentlich nur machen, wenn man weiß, dass man selten mehr als acht Funkstrecken am Stück benötigt. Für Dialoge beim Film nutze ich gerne das Schoeps CMIT als Hauptangel-Mikrofon und manchmal tatsächlich noch das Sennheiser MKH 416, allerdings das Tonader-gespeiste, weil nur das alte MKH 416-T diesen vollen schönen Klang hat, mit dem ich mich anfreunden kann.

Mit was nimmst du auf?

Mein Standardrecorder ist der Sound Device 788T. Ich glaube, ich war einer der Ersten in München oder vielleicht sogar in Deutschland, die den 788T gehabt haben. Ich hatte ein Foto von dem Gerät gesehen, und mir war klar: So wie der optisch aufgebaut und mechanisch stabil gebaut ist, muss das einfach ein super Gerät sein. Ich bin gelernter Industriemechaniker und kann, glaube ich, ziemlich gut einordnen, ob ein Gerät gut aufgebaut ist oder nicht. Der Sound Device 788T ist bis heute mein Lieblingsrecorder. Nicht umsonst hab ich eigentlich den ganzen Tonwagen um diesen Recorder herum gebaut.

Wenn man andere Technik verwenden will, kann man den Wagen trotzdem verwenden?

Was in der Herzstück-Tasche ist, ist der Tonkarre ziemlich egal. Das Einzige, was man ändern muss, sind die Innereien der Tontasche selber. Da gibt es ein kleines Trägerblech, an dem der Rekorder befestigt ist. Dieses Blech muss man an den gewünschten Recorder anpassen. Der Wagen an sich ist völlig modular, es ist nichts darauf, was man „braucht“, die eigentliche Recording-Technik befindet sich ja in der Tasche. Der Wagen macht das Ganze nur rollbar und sorgt durch die zwei großen Masten für Reichweite: Mit den Sendemasten kommen die Funkstrecken ohne Übertreibung 400–500 Meter weit. Das muss man erst mal schaffen.

eine-karre-hat-premiere-4
Hannah Baumgartner
Zwei 24-Zoll-Räder und vorne zwei Stopprollenräder mit 160 mm Durchmesser. Hydraulische Scheibenbremsen und einstellbare hydraulische Stoßdämpfer. Bei 45 Grad Neigung, der „Treppensituation“, ist der Wagen in der Balance.

Wie geländegängig ist das Ding?

Die Karre hat zwei 24-Zoll-Räder und vorne zwei Stopp – rollenräder mit 160 mm Durchmesser, komplett aus Edelstahl, auch da kann nix rosten. Die Lager der Stopprollenräder sind aus Edelstahl. Die Dinger waren furchtbar teuer, aber dafür kauft man sie nur einmal im Leben und nie wieder. Damit kann ich problemlos jeden Feldweg entlang rollen! Ich bin auch schon im Acker mit der Karre gestanden, also jetzt kein frisch gepflügter Acker, die Karre ist kein Jeep. Aber man kann den Tonwagen einfach auf die großen Räder stellen und hinterherziehen. Durch die großen Räder kommt man durch fast jeden Schlick. Ich hoffe trotzdem, dass ich das nie muss.

eine-karre-hat-premiere-5
Hannah Baumgartner
Der Wagen ist für die Ewigkeit, Material: Flugzeug-Alu und Edelstahl. Jede Schraube, jede Scheibe, die verbaut wurde, ist aus V2A, die Edelstahlteile am Wagen sind aus V4A.

Was musst du am Anfang vom Drehtag machen, bevor du drehfertig bist?

Ich muss die Karre ausladen und einschalten. Wir haben’s bei dem Dreh vorgestern gestoppt: Wenn ich mir viel Zeit lasse, dann brauch ich anderthalb Minuten. (schmunzelt) Also inclusive Ausladen.

Kann man die Karre bald kaufen?

(lacht) Es ist so, die Karre ist ein Einzelstück, ein Prototyp. Den habe ich erst mal nur für mich gebaut, eine Art Machbarkeitsstudie. Ich wollte den Wagen hier mal zeigen, um zu sehen, wie die Leute darauf reagieren. Den Wagen nochmal einzeln zu bauen ist quasi unmöglich und unbezahlbar. Ich habe das Cart hier ausgestellt, um zu zeigen, was ich mache – und ich wollte den Leuten damit auch sagen: Wenn ihr was habt, Umbaulösungen, Spezialanfertigungen, die ihr woanders nicht bekommt, könnt ihr gerne zu mir kommen. Für die Leute soll der Wagen in erster Linie ein Demonstrationsobjekt sein, für mich ist er natürlich mein Hauptarbeitsgerät bis zum Ende meines Berufslebens.

Wenn du jetzt fünf bis zehn Leute finden würdest, oder 20 bis 30, oder Schoeps hat Connections in die USA, vielleicht also 100?

Also das Hauptkriterium ist die Anzahl. Einer ist quasi unbezahlbar: Die Materialkosten für meine Karre lagen bei etwa 9.000 Euro, dazu drei Jahre Arbeitszeit, Maschinen. Ich habe ja alles selber gemacht. Wenn man das in Auftrag geben würde, müsste man wahrscheinlich bei 10 Tonkarren irgendwas zwischen 30.000 und 40.000 Euro rechnen, ich habe das noch nicht durchkalkuliert. Wirklich rentabel wird das Ganze erst bei größeren Stückzahlen, so ab 20 Stück aufwärts, würd ich tippen. Ein Chinda-Cart kostet meines Wissens um die 10.000 bis 12.000 Dollar, ist aber bei Weitem nicht so umfassend aufgebaut. Und wenn man diesen Qualitätsvorsprung sieht, dann wäre ein rentabler Preis für meinen Entwurf wahrscheinlich um die 20.000 bis 25.000 Dollar.

Und wäre das dann auch ein realistischer Preis, den jemand investieren wollte?

Ich kann nur von mir selber ausgehen: Wenn ich als Filmtonmeister weiß, ich hab noch 20 bis 30 Jahre vor mir, die ich gerne arbeiten möchte, ich wäre durchaus bereit, bis zu 30.000 Euro zu zahlen für einen Arbeitsplatz, an dem ich die nächsten 30 Jahre verbringen werde.

… und mit dem du trotz Rückenbeschwerden und Alterszipperlein noch zurechtkommst …

Genau so ist es, den ich auch mit 60 und 65 Jahren noch rollen kann.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: