Produkt: FILM & TV KAMERA 04/2019
FILM & TV KAMERA 04/2019
Festival: 69. Berlinale+++Interview: DoP Matthew Libatique+++LED-Licht: Neues und Spezielles+++Test: Kinefinity MAVO LF

HDR-“Camera Lab”: weiterführende Tests

Bei den HDR-Fachtagenging es im ersten Teil des „Camera Lab“ um den Dynamikumfang von HDR-Kameras. Danach beschäftigten sich unsere Autoren Jörg Geißler und  Andreas Wilhelm  in unserer Ausgabe 3/2019  mit weiterführenden Untersuchungen zu den Highlights und dem Rauschverhalten.

WEITERFÜHRENDE TESTS

In einem weiteren Test wollten wir uns dann einige der Kameras genauer ansehen. Dafür haben wir ein Setup aufgebaut, mit dessen Hilfe wir die RED Dragon, ARRI Amira und Sony VENICE bezüglich ihrem Dynamikumfang, dem Verhalten beim Clipping der Highlights und dem Rauschverhalten in den Schatten unter die Lupe genommen haben. Da im HDR-Grading die sehr hellen Bildteile stark gespreizt werden, sind die Kanten stärker sichtbar und wir konnten einige Unterschiede beim Highlight-Roll-off der Kameras feststellen. Bei Dragon und Amira beginnt dieser Roll-off schon bei etwa drei Blenden über der Graukarte, wobei die Amira hier den sanfteren und schöneren Verlauf abbildet. Die Sony VENICE hingegen erreicht ihre maximal nutzbare Belichtung erst bei ca. 5 1/2 Blenden über Grau und weist ähnlich wie die Amira einen sanfteren Übergang auf. Die harten Clippingkanten der RED, die zum Teil auch erhebliche Farbsäume und Farbverschiebungen aufweisen, beispielsweise auf der Lichterkette oder dem Weihnachtsbaum, sind unter Umständen auch dem etwas älteren Modell von Anfang 2015 geschuldet. Hier wäre ein Vergleich mit den neueren DSMC2-Modellen interessant.

Ein Vergleich des Dynamikumfangs mit den beiden RED-Tiefpassfiltern (Low-Light-Opti- mized und Skin-Tone-Highlight) ergab keinen nennenswerten Unterschied am Gesamtumfang. Jedoch verliert man mit dem Skin-Tone-Highlight-Filter etwa eine Blende, was in den Schatten wiederum das Bildrauschen erhöht und die Qualität deutlich beeinflusst. Mit dem Low-Light-Filter erscheint hingegen das Rauschen etwas feiner als beispielsweise das der Amira, selbst wenn man die Belichtung in der Post noch um eine Blende anhebt.

RAUSCHVERHALTEN UND HIGHLIGHT-ROLLOFF

Im Vergleich stellten wir fest, dass das Grundrauschen und die noch zeichnenden Elemente in den Schatten bei ARRI Amira und RED Dragon fast gleich sind. Dabei lag bei gleicher ISO 800 die Belichtung der RED fast zwei Blenden unter der Amira. Nachdem die RED in der Farbkorrektur angehoben wurde, war das Noisepattern jedoch ein wenig weicher. Verwendet wurde der Low-Light-Optimized Tiefpassfilter der RED-Kamera, da der Skin-Tone-Highlight ungefähr eine Blende Licht schluckt und somit zwar etwas mehr Highlightreserven gibt, dafür aber das Rauschen ebenfalls erhöht wird. Die Sony VENICE zeigte bei ISO 500 das geringste und feinste Bildrauschen. Bei ihrer höheren ISO-Stufe von 2.500 war das Rauschen stärker und störender als bei RED und ARRI auf ihren entsprechenden nativen ISO-Stufen.

Um zu sehen, wie weit helle Lichter im Bild noch bewahrt und im HDR-Grading problemlos genutzt werden können, haben wir überprüft, wie viele Blendenstufen die Kameras oberhalb unseres Mittelgraus noch zeichnen. Bei ARRI und RED begannen bei ungefähr 3 1/2 Blenden über Grau bereits einzelne Farbkanäle zu clippen. Die Sony zeigte in beiden ISO-Stufen die ersten Spuren von Clipping bei ca. 5 1/2 Blenden über Grau. Um zu erkennen, wann erste Farbkanäle clippen, ist es hilfreich, das Signal bereits in einem geeigneten HDR-Gamma auf einem HDR-Monitor zu betrachten, da hier die Highlights auseinandergespreizt werden. Je mehr die Kurven auf dem HDR-Monitor gespreizt werden, desto stärker fallen störende Artefakte ins Auge. Auf SDR-Monitoren werden die Clippingkanten zusammengestaucht und erscheinen weicher. So könnten diese Fehler eventuell versehentlich nicht bemerkt werden. Wenn sie dann später im Grading stören, müssen sie aufwändig korrigiert werden. Ebenso fiel uns auf, dass die Herstellerangaben des Dynamikumfangs auf jeden Fall leicht nach unten korrigiert werden müssen. So lässt sich ein sauberes Signal aufzeichnen, das später in der Postproduktion keine zusätzlichen Arbeitsschritte erforderlich macht.

Da nicht jedes Highlight komplett clippingfrei aufgezeichnet werden kann und muss, lohnt es sich genauer anzusehen, wie sich die einzelnen Kameras bei Überbelichtung verhalten. Die Amira zeigte bei überbelichteten Stellen einen recht sanften Übergang ins Clipping, der sehr natürlich wirkt. Wohingegen die RED Dragon hier ein paar Probleme hatte – harte Kanten mit Farbsäumen und Solarisationsartefakten. Die Sony VENICE lieferte, auch wegen ihres größeren Dynamikumfangs, den sanftesten Übergang und bietet somit die größten nutzbaren Highlightreserven der drei Kameras.

FAZIT

Insgesamt bieten alle drei getesteten Kameras die Möglichkeit, gute HDR-Bilder zu produzieren. Jedoch empfiehlt es sich vor größeren Produktionen, in Zusammenarbeit mit dem Coloristen einige Tests durchzuführen, um die geeignete Kamera-Auswahl zu treffen und ein HDR-taugliches On-Set-Monitoringsystem zusammenzustellen. Ausstattung und Licht sollten bereits im Vorfeld gut geplant werden, da sich in HDR zwar der am Endgerät darstellbare Kontrast erhöht. Das bedeutet aber nicht zwingend, dass kontrastreichere Szenen aufgebaut und eingeleuchtet werden können als in SDR. Denn die höhere Leuchtkraft des HDR-Systems erfordert mehr Kontrolle über die einzelnen Lichtquellen. [7940]

Lesen Sie im ersten Teil des Tests, wie das grundlegende Setup zur Beurteilung des Dynamikumfangs war und welche Erkenntnisse es hier gab. 

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