Spielfilmproduktion in Kenia mit deutschen Mentoren

Filmische Entwicklungshilfe

Die Initiative One Fine Day Films veranstaltet regelmäßig Filmworkshops in Kenia. Daraus entstand mit “Supa Modo” der bereits sechste Film, der seine Premiere auf der Berlinale 2018 feierte und im April 2019 in die deutschen Kinos kam. Wir sprachen in unserem Heft 6.2019 mit Produzentin Produzentin Sarika Hemi Lakhani, Kameramentor Volker Tittel und Schnittmentor Christian Krämer über die Herausforderungen der kenianischen Filmlandschaft.

(Bild: Volker Tittel)

Das kleine Mädchen Jo ruft “Stop!” – und plötzlich friert die Zeit ein. Der ganze Marktplatz steht still, keiner der Dorfbewohner rührt sich mehr. Darunter auch der maskierte Dieb, der Jos älteren Schwester Mwix gerade den Rucksack geklaut hat. Lässig marschiert Jo zu dem Schuft herüber, um ihm das Diebesgut wieder abzunehmen.

Was die Neunjährige nicht weiß: Der Diebstahl wurde vorher abgesprochen, die Dorfbewohner tun ganz einfach nur so, als wären sie in der Bewegung eingefroren. Warum der Spuk? Ganz einfach: Jo hat nicht mehr lange zu leben. Um dem todkranken Mädchen, das Superheldengeschichten liebt, etwas Lebensfreude zu geben, lässt es Mwix immer wieder so aussehen, als hätte Jo tatsächlich Superkräfte. Bald arbeitet das ganze Dorf daran, Jos größten Traum zu verwirklichen und einen tatsächlichen Superheldenfilm zu drehen – mit Heimkamera und originellen No-Budget-Effekten.

Der kenianische Film “Supa Modo” von Regisseur Likarion Wainaina ist eine echte Entdeckung: Es ist ein berührender Film, der trotz seiner tragischen Prämisse enormen Witz vermittelt. Die magischen Momente, die von Jos Umfeld arrangiert werden, sorgen immer wieder für charmante Überraschungen und der so unbekümmert improvisierte Filmdreh schafft immenses Vergnügen. Kein Wunder, dass der Film rund um die Welt auf über 100 Festivals lief und dabei mehr als 50 Preise gewann.

MAN DARF NIEMANDEN UNTERSCHÄTZEN
“Supa Modo” ist der sechste Film der von Tom Tykwer und seiner Frau Marie Steinmann gegründeten Firma One Fine Day Films. 2008 startete das Projekt als der Verein One Fine Day, der in Kenia Kreativworkshops für Kinder und Jugendliche anbietet. Daraus entwickelte sich bald auch die Filmproduktion, die Workshops in allen Departments anbietet und den Kenianern hilft, eigene Spielfilme zu verwirklichen. Etablierte Profis wie Connie Walther, Andrew Bird, Uli Hanisch oder Phil Alden Robinson waren schon als Mentoren involviert. Der 2010 veröffentlichte Film “Soul Boy” war das erste realisierte Projekt, danach folgten die Dramen “Nairobi Half Life” (2012), “Something Necessary” (2013), “Veve” (2014) und “Kati Kati” (2016). Die Filme entstehen in Zusammenarbeit mit Ginger Ink, einer in Nairobi ansässigen Serviceproduktion, die von dem Ehepaar Ginger und Guy Wilson geführt wird.

One Fine Day Films wird von Produzentin Sarika Hemi Lakhani geleitet, die selber kenianische Wurzeln auf väterlicher Seite hat, aber in Süddeutschland aufwuchs und an der DFFB Filmproduktion studierte. Sie lernte Tykwer und Steinmann während der Produktion des Episodenfilms „Deutschland 09“ kennen und kam zum Pilotprojekt “Soul Boy” hinzu. “Was uns interessiert, ist die Frage: Was für Filme entstehen eigentlich, wenn man kenianische Filmemacher fragt, was für einen Film sie machen möchten, wenn sie einen machen können? Was wir zur Verfügung stellen, ist die Infrastruktur.”

Auf die Frage, wonach die Mentoren ausgewählt werden, lacht sie: “Ob sie Interesse haben und ob sie Zeit haben. Die finanzielle Entlohnung ist nicht das Ausschlaggebende, weil es nur eine Aufwandspauschale gibt. Es ist weder eine Afrikaerfahrung Voraussetzung noch eine Lehrerfahrung, weil wir sowieso ganz anders sind als alles andere.” Tom Tykwer war anfangs noch selbst Regiementor und begleitete den Dreh entsprechend mit. “Da war er täglicher Impulsgeber und hat das mitgeprägt”, erklärt Lakhani. Mittlerweile ist er nicht mehr in diesem Ausmaß beteiligt, bleibt aber ständig involviert. “Wir stimmen uns natürlich ab. Tom liest häufig die verschiedenen Drehbuchfassungen, ist bei Drehbuchbesprechungen dabei, oder er kommt in den Schneideraum. Also: Immer, wenn wir ihn brauchen, ist er da.”

Man muss zu dieser Initiative wissen, dass die kenianische Filmindustrie wie die von vielen afrikanischen Ländern ziemlich unterentwickelt ist. Während der ägyptische Film schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts blühte und auch in Südafrika schon 1915 das erste Filmstudio gebaut wurde, wurden in den meisten Ländern nur von den Kolonialmächten bewegte Bilder produziert – in den französischen Kolonien war es den Afrikanern sogar verboten, eigene Filme herzustellen. So konnte sich das afrikanische Kino erst nach Ende der Kolonialzeit wirklich entwickeln. Der erste afrikanische Film, der internationale Aufmerksamkeit erhielt, stammt aus dem Jahr 1966: “Die Schwarze aus Dakar”, inszeniert von dem Senegalesen Sembène Ousmane, der als “Vater des afrikanischen Kinos” gilt. Und während beispielsweise in Nigeria eine rege Filmindustrie heranwuchs, das so genannte Nollywood, werden in Kenia, bis 1963 britische Kolonie, immer noch nur vereinzelte Spielfilme hergestellt. Die meisten Produktionen sind für das Fernsehen oder Dokumentarfilme.

Die Teilnehmer der Workshops sind aber filmisch keinesfalls unerfahren. “Man darf nicht den Fehler begehen, irgendjemanden zu unterschätzen”, erklärt Christian Krämer, der “Supa Modo” als Mentor begleitete und auch schon für “Something Necessary” und “Kati Kati” zur Verfügung stand. “Da trifft man auf Leute, die unter widrigsten Bedingungen bei einem Dokumentarfilm selber Kamera machen, den selber zusammenschneiden, da zwei Jahre dran arbeiten. Das wird natürlich nicht richtig bezahlt, und die Technik ist auch nicht richtig vorhanden – und die sind so clever und gewandt, sich in diesen Lebensbedingungen trotzdem zu behaupten und ganz alleine einen unheimlich starken Film auf die Beine zu stellen.”

FILMTEAM AUS WORKSHOPS
In den zweiwöchigen Workshops lernen die Teilnehmer vieles, was sie zum Arbeiten auf einem professionellen Level benötigen. Volker Tittel, der bei “Supa Modo” als Kameramentor an Bord war, berichtet: “Ich wurde unterstützt von Jana Fitzner, einer jungen Kameraassistentin aus Berlin. Sie hat den theoretischen Block gemacht: Filmtechnik, digitale Aufnahmeformate, Codecs, Schärfeziehen, alles, was man so wissen muss.” Natürlich wurden den Studenten aber nicht nur technische Aspekte beigebracht: “Wir haben zusammen erarbeitet, wie man eine Geschichte umsetzen kann”, führt Tittel aus. “Das ist meine Aufgabe gewesen, zusammen mit der Regie. Wie ist der Rhythmus, wie sind die Farben, wie ist das Lichtkonzept?”

Im Schnitt-Workshop dagegen lernen die Studenten unter anderem die Struktur der Postproduktion, die Vorbereitung und Konvertierung des Materials, die Erstellung von LUTs in DaVince Resolve oder die Schritte nach dem Schnitt wie Mischung und Farbkorrektur. “Das rein Technische ist am Ende nicht so viel”, meint Christian Krämer. “Aber für jemanden, der mit den Modulen noch nie gearbeitet hat – da wird man schon in etwas reingeschmissen.”

Im Zuge dieser Workshops stellt sich mitunter auch die Frage, welche Anwendungen überhaupt sinnvoll sind in einer Filmlandschaft, in der sie vielleicht gar nicht üblich sind. “Bei ‘Something Necessary’ habe ich mich noch überreden lassen, das auf Final Cut 7 zu machen. Keiner kann Avid schneiden in Ostafrika, weil es dafür noch keinen Markt gibt”, erklärt Krämer. Für die späteren Filme kam Avid aber doch zum Einsatz. Lakhani berichtet: “Das ist ein Spagat: Geht man darauf ein, womit die Leute vor Ort arbeiten, oder sagt man: Wir machen das auf einem internationalen Niveau, also bringen wir den Leuten auch bei, mit etwas zu arbeiten, was die im Zweifelsfall die nächsten zwei, drei Jahre nicht mehr benutzen?” Krämer fügt an: “Christian Almesberger hat Leute, die er selber als Mentor bei ,Soul Boy‘ und ,Nairobi Half Life‘ kennengelernt hat, bei den Dreharbeiten für die Serie ‘Sense 8’ in sein Team integrieren können. Darauf kommt es letztendlich an: Kenntnisse zu schaffen, auf die die Kenianer zurückgreifen können, wenn sich Möglichkeiten ergeben.”

Aus den Workshops kristallisiert sich heraus, wer der jeweilige Head of Department beim Filmdreh selber wird. Die anderen Teilnehmer erhalten andere Jobs im jeweiligen Bereich. Aus dem Kamera-Workshop mit sieben Teilnehmern gingen Clapper Loader, Focus Puller 2nd-Unit-DoP hervor.

DIE ENTWICKLUNG VON “SUPA MODO”
Anders als bei den vorigen Projekten hat das Team Regisseur Likarion Wainaina nicht in einem Workshop kennengelernt. Produzentin Lakhani war Jurymitglied bei einem Schnellfilmwettbewerb in Kenia und sah Wainainas Beitrag “Bait”. “Das war ein unglaublich starker Kurzfilm. Also habe ich gesagt: ‘Ginger, den müssen wir kennenlernen, das ist ein Filmtalent, der hat etwas zu erzählen.’ Unter den Ideen, die Wainaina dem One-Fine-Day-Team unterbreitete, war auch eine, die schlussendlich zu “Supa Modo” heranreifte. Unter Leitung von Drehbuchmentorin Natja Brunckhorst wurde, wieder in Verbindung mit einem Workshop, am Skript gearbeitet. Wobei das Projekt zunächst ernster ausfiel: “Likarion wollte eine Ode an seine Mutter machen”, erklärt Lakhani. “Beim Versuch, das Ganze mit dem nötigen Respekt zu machen, sind die ersten Versionen des Drehbuchs relativ melancholisch geworden”, lacht sie. “Likarion selber ist so ein unglaublich lebensfreudiger, neugieriger Mensch und sprüht vor Energie. Da haben wir Likarion angeguckt und gesagt: ‘Likarion, aber das ist doch gar nicht der Film, den du machen willst!'”

“Das ursprüngliche Drehbuch war viel schmerzhafter”, erinnert sich auch Christian Krämer. Er denkt, dass die Erfahrungen mit dem dritten One-Fine-Day-Film “Something Necessary” eine Rolle dabei gespielt haben, “Supa Modo” zugänglicher zu machen. Das intensive Drama setzte sich mit den blutigen Unruhen nach der kenianischen Präsidentschaftswahl Ende 2007 auseinander. “‘Something Necessary’ ist ein Film, aus dem auch wir gelernt haben”, erklärt Krämer. “Die Post-Election-Violences waren, als der Film veröffentlicht wurde, drei oder vier Jahre her und das war den Kenianern viel zu nah an den eigenen Erfahrungen. Jeder hatte jemanden in seiner Familie, jedenfalls im Umkreis von Nairobi und Nakuru, der betroffen war. Viele haben schreckliche Sachen gesehen. Und ins Kino zu gehen und sich noch einen Film darüber anzugucken, das war wie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland: Da hatte man andere Bedürfnisse.”

DREH UNTER ERSCHWERTEN BEDINGUNGEN
Gedreht wurde “Supa Modo” im Juli 2017 mit zwei ARRI ALEXA. “Wir wollten die Geschichte von einem kleinen Mädchen als großes Kino erzählen, deswegen Cinemascope”, beschreibt Tittel den Look des Films. “Gleichzeitig war die Idee, das nicht so clean zu machen, sondern ruhig ein bisschen atmen zu lassen, also wurde ganz viel aus der Hand gedreht – auch vom Dolly haben wir aus der Hand gedreht.” Für die Szene, als Jo wie durch Magie einen wegrollenden LKW anhalten kann, wurde ein aufwendiger Greenscreen-Effekt eingesetzt . Dafür aber war die Szene mit dem eingefrorenen Marktplatz ganz einfach gelöst: “Die haben alle nur stillgehalten, ganz billig”, lacht Tittel.

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