Kopierwerk Andec Filmtechnik in Berlin

Entwicklungsprozesse aller Art

Das im Zentrum von Berlin beheimatete Kopierwerk Andec Filmtechnik kann als einziges Unternehmen auf der ganzen Welt immer noch sämtliche Filmformate wie 8 mm, Super 8, 16 mm und 35 mm entwickeln. Zunehmende Aufträge aus dem In- und Ausland bedingen einen weiteren Ausbau in allen Bereichen.

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(Bild: Birgit Heidsiek/Ludwig Draser)

„Unsere Hauptkundschaft kommt aus dem Ausland“, berichtet der Andec-Chef Dipl.-Ing Ludwig Draser, der auf 1.000 Quadratmetern Produktionsfläche sechs verschiedene Entwicklungsprozesse für Negativ-, Positiv- und Umkehrmaterial in Schwarzweiß und Farbe anbietet. Zu seinen internationalen Kunden gehört beispielsweise die Aamu Film Company in Finnland, die bei Andec das 16 mm-Tri-X Schwarzweiß-Umkehrfilm-Material 7266 für den Spielfilm „The Happiest Day in the Life of Olli Mäki“ von Juho Kuosmanen (Film&TV Kameramann 5/2016) entwickeln ließ.

„Schwarzweiß-Umkehrfilm wurde jahrzehntelang vom Fernsehen verwendet“, erläutert der Kopierwerks-Inhaber, der Andec Filmtechnik 1983 von seinem Vater übernommen hat. „Das Material besitzt eine extreme Schärfe, ein sehr feines Korn und einen speziellen Bildcharakter, der sich mit einem Schwarzweißnegativ nicht erreichen lässt. Umkehrfilm verfügt über ganz andere Kontraste und muss genauer belichtet werden.“ Das Material ist für Fernsehproduktionen verwendet worden, als Dokus noch analog geschnitten wurden. Vom Bundesarchiv und privaten Archiven hat Andec früher häufig Ausschnitte und Vorlagen in Schwarzweiß bekommen, von denen Umkehrkopien für die Dokumentarfilme im Fernsehen hergestellt worden sind.

Das Unternehmen Andec Filmtechnik, das 1957 als Sirius Film von Karl Draser in Berlin gegründet worden ist, gehört zu den wenigen Firmen auf der ganzen Welt, die noch 16 mm Schwarzweiß-Umkehrfilm entwickeln können. Die Umkehr-Maschine läuft bei Andec normalerweise nur noch einmal pro Woche, weil die Bearbeitung des Materials sehr speziell ist und das normale Aufkommen nicht entsprechend hoch ist.

„Es ist bedauerlich, das Umkehrfilm in Deutschland traditionell geringe Akzeptanz besitzt. In den USA wird die filmische Ausbildung speziell mit Schwarzweiß-Umkehrfilm begonnen, weil die Fehler bei der Ausleuchtung und Belichtung dabei direkt sichtbar sind“, erläutert der Firmeninhaber.

Einzigartiger Look

Vor Beginn der Dreharbeiten von „The Happiest Day in the Life of Olli Mäki“ hat die Produktionsfirma zunächst einige Testaufnahmen per Kurier aus Helsinki geschickt, um zu prüfen, wie die Belichtung aussieht und wie die Kamera mit diesem Material reagiert. Bei den Szenen, die nachgedreht werden mussten, übernahm Andec auch die Abtastung des Materials.

Der einzigartige Look dieses Schwarzweißfilms hat die Festival-Chefs der Internationalen Filmfestspiele in Cannes begeistert, die das Erstlingswerk über einen frisch verliebten Boxer, der sich nicht auf sein Training für die Weltmeisterschaft konzentrieren kann, in diesem Jahr in die Reihe Un Certain Regard eingeladen haben. Der finnische Erfolgsregisseur Aki Kaurismäki ist ebenfalls schon bei Andec vorstellig geworden, um dort das 35- mm-Filmmaterial für seinen nächsten Spielfilm „Refugee“ zu entwickeln, mit dem er nach dem preisgekrönten Drama „Le Havre“ seine Trilogie über Flüchtlinge fortsetzt.

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Dipl.-Ing. Ludwig Draser führt das Unternehmen seit 1983. (Bild: Birgit Heidsiek/Ludwig Draser)

Aber auch aus Deutschland kommen verstärkt Aufträge, nachdem ARRI Ende 2015 sein Kopierwerk in München geschlossen hat. Andec Filmtechnik hat von ARRI die Entwicklungsmaschinen übernommen und arbeitet jetzt mit dem Filmtechnik- Unternehmen zusammen. Während in den USA diverse Regisseure wie Quentin Tarantino, Christopher Nolan, J.J. Abrams oder Judd Apatow nach wie vor auf die Belichtung auf chemischem Filmmaterial schwören, stellt der Dreh auf 35-mm-Film in Deutschland jedoch eher die Ausnahme dar. Zu den inzwischen gängigen Aufträgen im 35-mm-Bereich gehört, den digital gedrehten Film auf Negativ auszubelichten und eventuell noch eine Kopie davon herzustellen.

Von Super 8 zu Kodakchrome

Zunehmende Aufträge in 16 mm kommen aus dem Hochschul- und Fernsehbereich. Ein weiterer Teil wird von Amateuren abgedeckt, die auf Farbnegativ umgestiegen sind, seitdem Kodak keinen Farbumkehrfilm mehr produziert. „Bis vor drei Jahren gab es noch Farbumkehr-Material, das von vielen Amateuren eingesetzt wurde“, erläutert Draser. Direkt nach der Wende baute der Geschäftsführer das Kopierwerk weiter aus. „Wir haben 1990 die Maschinen und Anlagen, aber auch viele Mitarbeiter von den Betrieben in der DDR übernommen.“ Eine weitere Expansion erfolgte 2005/6 im Bereich der Super 8-Entwicklung, nachdem Kodak 2004 seinen beliebten Super-8-Schmalfilm Kodachrome K40 eingestellt hat. Bei diesem dreischichtigen Schwarzweißfilm waren die Schichten durch Farbfilter voneinander getrennt, so dass jeweils die Intensität der drei additiven Grundfarben aufgezeichnet wurden. Kodachrome verfügte über keine Farbkuppler zur Farbwiedergabe, sondern die Farbe entstand bei den chromogenen Filmen erst während der Entwicklung.

Kodakchrome wurde durch neues Material abgelöst, das nach dem regulären E-6-Farbumkehrprozess verarbeitet werden kann. „Als großer Player in Europa haben wir die Entwicklung dieses Materials übernommen.“ Bei Andec erfolgt auch die Entwicklung des Super-8-Color-Negativ- Materials, das Kodak 2010 auf den Markt gebracht hat. „Heutzutage ist Super 8 eher ein Nischenbereich“, betont der Inhaber, der die Super-8-Bearbeitung für nahezu den gesamten Markt in Europa vornimmt. Zu den Filmemachern, die Super 8 einsetzen, gehören Künstler, Studenten, aber auch Kreative aus der Werbung und dem Dokumentarfilmbereich beim Fernsehen.

In der Kinofilmbranche wird dieses Format kaum eingesetzt. Zu den Ausnahmen gehört der schwarzweiße, deutsche Stummfilm „Der die Tollkirsche ausgräbt“ von Franka Potente. Die Filmemacherin hat ihren 43-minütigen Film, der 2006 auf der Berlinale uraufgeführt worden ist, mit Kameramann Frank Griebe auf Super-8-Material gedreht. Das Schmalfilmformat, das 1965 eingeführt worden ist, könnte bald eine neue Renaissance erleben. Ende 2016 will Kodak mit einer großen Werbeoffensive seine neue Super-8-Kamera auf den Markt bringen.

Renaissance des Filmmaterials

Kodaks neues Super-8-Modell ist mit einem 6-mm-Objektiv (Blende f/1,2) ausgestattet, das durch ein Zoomobjektiv mit 6 bis 48 mm Brennweite ergänzt werden kann. Die Belichtung des Films, der in Kassetten mit 15 m Material ausgeliefert wird, kann mit 9, 12, 18, 24 oder 25 Bildern pro Sekunde erfolgen. Der Look des Gehäuses erinnert an alte Filmkameras.

„Bei Kodak gibt es auf der Führungsebene wieder ein Interesse an Film, denn sie wollen mit diesem Konzept eine neue Käufer-Klientel erschließen“, konstatiert der Kopierwerks- Chef, der durch die Einführung der neuen Super-8- Kamera mit mehr Aufträgen rechnet und sich entsprechend einrichten will. Die entsprechende Erfahrung resultiert aus den zahlreichen Aufträge im Entwicklungsbereich, die noch bis vor kurzem erfolgten. „Wir können als einziges Kopierwerk auf der Welt von dem Negativ, das Kodak verkauft, Super-8-Kopien herstellen.“ Das Kerngeschäft sieht er in Zukunft in der Abtastung des Super- 8-Materials zur digitalen Bearbeitung. Aber auch die Einführung eines 8-mm-Projektors, wie ihn Goko in Japan anbietet, hält er bei entsprechender Nachfrage für denkbar.

Derzeit erfolgt die Entwicklung von Super-8-Material bei Andec einmal pro Woche. „Das Aufkommen ist noch nicht so groß, dass sich die Umstellung der Maschinen von 16/35 mm auf Super 8 häufiger lohnt. Mitunter gehen bei ihm aber auch Großaufträge für Super 8 ein. „Eine englische Firma hat uns kürzlich einen Auftrag geschickt, 800 Super-8-Kassetten zu entwickeln, was 35 Stunden Material entsprach“, berichtet Draser, der mit Andec Filmtechnik eine zentrale Anlaufstelle für Filmemacher in ganz Europa bietet. Zu den Partnerbetrieben, mit denen er zusammenarbeitet, gehören Firmen aus Großbritannien, Italien, der Schweiz, Portugal, den Niederlanden, Finnland sowie der Türkei. Das Super-8-Reversal-Lab in den Niederlanden kann zum Beispiel selbst Umkehr-Entwicklungen vornehmen, schickt aber sämtliche Farbnegative zur Entwicklung nach Berlin. Auch die Partner in den anderen Ländern fungieren als Auftragssammler für Arbeiten, die nur bei Andec geleistet werden können. Durch die große Angebotspalette in der 8/16/35 mm-Bearbeitung benötigen sie nicht mehrere Anlaufstellen. „Es gibt andere Kopierwerke, die vor allem 35-mm- und/oder 16-mm-Material entwickeln können, aber nicht alle Formate anbieten“, berichtet der Andec-Chef. „Ein Unternehmen, das Super-8-Filme entwickelt, bietet entweder keine Entwicklung von 35-mm- Material oder keine Umkehr-Entwicklung an.“

Abtastung und Ausbelichtung

Der analoge Schnitt, für den eine Arbeitskopie angefertigt wird, ist heutzutage kaum noch gefragt. Es gibt nicht mehr viele Cutter, die noch ein Negativ schneiden können. Demonstriert wird das nur noch an einigen Filmschulen wie der HFF München, der Filmuniversität Konrad Wolf, der Medienhochschule in Köln oder der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. „Die Studenten drehen noch zu Übungszwecken auf Film, aber nicht mehr ihre kompletten Abschlussfilme.“ Die Aufträge zur Herstellung von Super-8- und 16-mm-Kopien kommen meistens aus dem Ausland.

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Im Filmarchiv lagern Super 8, 16 mm und 35 mm. (Bild: Birgit Heidsiek/Ludwig Draser)

Immer stärker gefragt ist bei Andec auch die Abtastung von Filmen, die in der Regel auch dort im Hause entwickelt worden sind. Mit dem Filmscanner „Edeltraud“ von der Kornmanufaktur wird bei Andec das 8-mm-, 16-mmund 35-mm-Material mit Magnetton beziehungsweise Lichtton in Echtzeit in 2K abgetastet. „Nach dem Upgrade können wir auch eine Abtastung in 4K anbieten.“ Darüber hinaus hat Andec Film in die Filmausbelichtung investiert. „Wir haben uns vor sechseinhalb Jahren dieses teure Equipment zugelegt, um digitale Daten auf 35 mm ausbelichten zu können“, sagt Draser. „Es war nicht abzusehen, dass die Umstellung auf die digitale Projektion in einer derart kurzen Zeit erfolgt. Der digitale Roll-out hätte uns beinahe ruiniert.“

In 16 mm ist die Ausbelichtung digitaler Daten hingegen stark nachgefragt. Bei Andec Filmtechnik werden auch noch Umkopierungen im klassischen Kopierverfahren mit einer optischen Bank (Oxberry) angeboten: N8 / Super 8 auf 16 oder 35 mm oder Verkleinerungen über den Weg eines 16-mm-Negatives sogar noch auf Super 8.

Nachhaltiges Know-How

Im Gegensatz zu den USA oder Frankreich sind laut Ludwig Draser in Deutschland hingegen keine großen Umsätze in dem Geschäftsfeld Restaurierung und Archivierung zu erzielen. In den USA erfolgt die Archivierung von Filmen auf langzeitstabilem Schwarzweißmaterial, von dem ähnlich wie bei dem Technicolor-Verfahren Schwarzweißauszüge von den drei Farben Rot, Grün und Blau vorgenommen werden. „Hollywoodfilme aus den 30er Jahren wie „Vom Winde verweht“ oder Disneys „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ würden sonst nicht mehr existieren“, weiß Draser. „Doch dieses Verfahren ist sehr teuer und aufwändig.“ Dies ist auch der Grund, warum in Deutschland kaum noch Farbfilme aus den 50ern existieren.

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Die optische Bank (Bild: Birgit Heidsiek/Ludwig Draser)

Dennoch hat das Bundesfilmarchiv beschlossen, künftig keine Werke mehr auf Film zu sichern. In Frankreich muss jeder Film, der gefördert worden ist, auf Film ausbelichtet werden“, erläutert der Kopierwerks-Betreiber. In Russland sei dies ebenfalls der Fall. „In der Schweiz war das geplant, wurde aber wieder verworfen.“ Generell ist Film in Bezug auf seine Lagerfähigkeit und Haltbarkeit immer noch am besten für die Langzeitarchivierung geeignet.

Dank der großen Formatvielfalt, die in dem Berliner Unternehmen bearbeitet werden kann, soll weiter in Personal und Technik investiert werden. Das Unternehmen würde auch gerne Auszubildende im Kopierwerk schulen, doch der dafür erforderliche, theoretische Teil ist nicht mehr Bestandteil des Curriculums an den Berufsschulen. Das umfassende Know-how im Bereich der Filmentwicklung und -bearbeitung, das Draser schon in jungen Jahren von seinem Vater vermittelt bekommen hat, besitzen nur noch wenige Fachkräfte auf der ganzen Welt. Wenn dieses Handwerk und das damit verbundene Wissen aufgrund von strikten Auflagen nicht mehr weitervermittelt wird, könnte es bald für immer verloren sein.

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