Mobil Licht setzen mit der Gaffers Control

Eingebautes Fingerspitzengefühl

Aus eigenem Bedarf heraus hat der Oberbeleuchter und Lichtverleiher Bert Reyskens ein Lichtsteuergerät für den mobilen Einsatz entwickelt. Ulrich Mors hat es ausprobiert und ist beeindruckt.

(Bild: Ulrich Mors)

Industriedreh bei einem großen Stahlhersteller in Deutschland. Für ein Statement eines Ingenieurs braucht es zwar nicht viel Licht, aber einiges davon ist weit entfernt, zum Aufhellen einzelner Elemente im Hintergrund, 30 Meter weit weg. Gedreht wird mit Blende 2.8, denn es ist recht düster in diesen Produktionshallen. Und dann beginnt das, was ein Kollege neulich mit “Leuchten-Eiertanz” bezeichnet hat: Das Justieren der LED-Panels, der HMI-Spots, das Nachrücken von Reflektoren, das erneute Verändern von Leveln.

Ortswechsel: Die Studios der HFF in München. Einleuchten? Kein Problem, alle festinstallierten Leuchten liegen ja per DMX auf einem Lichtmischer auf. Bei Bedarf stehen auch DMX-steuerbare Dimmer bereit, denn auch Glühlicht existiert noch. Wer muss da noch ein Stativ herauf und herunter schieben, um am Display der Leuchte die Werte zu verändern? Der Luxus eines Studios eben. Aber beim mobilen Einsatz? Bei größeren Sets heißt es: DMX-Kabel ziehen! Oder den Lichtmischer mit Funk-DMX ausstatten und die Filmleuchten mit entsprechenden Empfängern. Doch spätestens hier endet der Luxus. Ein ARRI SkyPanel benötigt je nach DMX-Profil schon einmal 24 Kanäle auf einem DMX-Mischer. Es gibt aber auch Profile, die mit nur 9 DMX-Kanälen die wichtigsten Funktionen mitbringen. Es wird also in jedem Fall unübersichtlich. Gaffer und Lichtverleiher Bert Reyskens aus Belgien war das alles leid. Die Hardware zu groß und unflexibel, die Software “zu dumm”, iPad-Lösungen zu touchsensitiv. “Es musste ein kleiner Remote-Koffer her, mit Funk- und Kabel-DMX, Touchscreen und physikalischen Reglern!” Ein befreundeter Elektroniker half ihm, heraus kam die “Gaffers Control” – eine kompakte DMX-Steuerzentrale mit eingebautem Akku im handlichen Outdoorkoffer. Der Rest liest sich wie eine Erfolgsgeschichte: Bert Reyskens benutzte “seine” handgebaute Control bei den nächsten Drehs, andere Menschen wurden darauf aufmerksam und bald baute er über das Unternehmen Spot unlimited die Gaffers Control in Serie.

WAS ES BRAUCHT …

Man merkt im persönlichen Gespräch mit Bert Reyskens, dass die Gaffers Control aus der Praxis kommt und viel Herzblut hineingesteckt wurde, vom finanziellen Wagnis einmal ganz abgesehen. Die Gaffers Control will kein Bühnen-DMX-Mischer sein. Der Fokus liegt klar auf der Filmund TV-Arbeit. Bert Reyskens überreicht mir das kleine Outdoor-Köfferchen. Groß genug für eine kurze Optik oder eine Video-Funkstrecke. “This is all you need”, sagt er. Die erste Begegnung mit der Gaffers Control ist beeindruckend. Das Teil ist für den Alltag gemacht. Die Verschlüsse öffnen sich mit einem satten “Klack” und nach dem Heben des Deckels fällt der Blick auf eine bündige, festeingebaute Bedienoberfläche mit Touchscreen, 14 Hardware-Tastern, sieben Dreh-Encodern, Masterfader und zwei Kipphebeln. Die Rückseite hat drei Anschlüsse: DC in (4-polig XLR für Akkus oder Netzteil), DMX Out und USB, alles sauber verschlossen mit dicken Hartkunststoff-Deckeln. Zwei eigentliche Highlights der Gaffers Control kann man nicht sehen: Den eingebauten Akku und das Funk-DMX mit LumenRadio CRMX. Also: Einschalten. Einer der Kipphebel ist der Ein/Aus-Schalter, und es macht bereits Spaß, die Control einzuschalten! Der LCD-Touchscreen zeigt nach 3 Sekunden ein klares, kontrastreiches Bild, das auch draußen gut zu erkennen ist. Und ein erstes Wischen auf dem Screen bestätigt: Hier wurde nicht gespart! Es handelt sich um ein extrem wertiges, kapazitives Display, mit dem auch mehrere virtuelle Fader gleichzeitig und vor allem genau bewegt werden können.

Meine Erstkontakt geht weiter mit der Funkverbindung einer Kino Flo Freestyle 31. Die bringt LumenRadio als Funk-DMX mit. Der durchaus stromhungrige DMX-Sender der Gaffers Control wird mit dem zweiten Kipphebel eingeschaltet. Der Rest ist relativ einfach: Startadresse in der Kino Flo festlegen, die gleiche Startadresse der Gaffers Control mitteilen. “PAIRING” an der Kino Flo auslösen, ebenso an der Control. Nach etwa 12 Sekunden verbinden sich alle noch nicht gepairten Leuchten der Umgebung mit der Control – fertig. Bereits gepairte Leuchten sind innerhalb von einer Sekunde wieder steuerbar, falls man nach dem Einrichten zum Stromsparen den DMX-Funk an der Control abschaltet. Die Leuchten bleiben dabei an. Prinzipiell kann man so bereits mit allen verkabelten oder funkverbundenen Leuchten arbeiten. Wären da nicht noch die “Profile”. Viele moderne LEDLeuchten bringen Funktionen mit, bei denen eine Anzeige “0-100 %” wenig Sinn macht. Das ist vor allem bei der Farbtemperatur der Fall, aber auch bei Lee- oder Rosco-Filtern, die von den Leuchten nachgeahmt werden. Welchen DMX-Wert muss ich wohl für “Bastard Amber” einstellen? Hier geht Bert Reyskens einen genialen Weg: Mithilfe einer Software kann man für einzelne DMX-Werte oder -Bereiche “Namen” vergeben und als Werteliste ab – speichern. Diese Kombination nennt Reyskens “Lookup Table”.

Nach der Auswahl der “Kino Flo Freestyle” durchfährt der Regler “Gel List” tatsächlich die Filterpresets der Kino Flo. Kein Zahlensalat, keine Anleitung auf den Knien, sondern einfach “Deep Straw”, “Lime Green” oder “Lavender” direkt auswählen. Das Gleiche gilt für die Farbtemperatur. Statt “30 %” oder “73 %” scrolle ich nun mit dem Fader durch die Kelvin-Werte der Kino Flo.
Diese Zuordnungen kann man mithilfe der Software selbst programmieren. Bert Reyskens und viele Beleuchter auf der ganzen Welt teilen aber ihre Mühen zum freien Austausch. Die Arbeit hat also jemand in der Regel längst gemacht. ASTERA Titan LED Tube? Vorhanden. ARRI SkyPanel Extreme Mode 30 mit 24 Kanälen? Auch da. Dabei werden einer Leuchte maximal zwei Seiten mit je sieben Reglern zur Verfügung gestellt. Das können beliebige DMX-Adressen und -Sortierungen der betroffenen Leuchte sein. Regler 1: Level. Regler 2: Farbtemperatur. Oder andersherum. Regler 3: “R” aus RGB – ganz, wie man will. Bestimmte Profile haben sich im Alltag längst bewährt. Wer mehr als 14 DMX Adressen an einer Leuchte benötigt, benutzt sowieso besser gleich eine GrandMa. Der Sinn der Gaffers Control ist ja eben, klein und mobil am Set zu sein, mal eben den Level, die Farbe oder Farbtemperatur zu verändern, Nuancen zu steuern, ohne zur Leuchte rennen zu müssen.

FEINFÜHLIG

Bevor er sich an die Gaffers Control wagte, hat Bert Reyskens monatelang mit Funk-DMX und Tablet-Apps experimentiert. Man kann durchaus mithilfe virtueller Mischer auf Tablets ähnliche Ergebnisse erzielen. Wer jedoch versucht, unter Set-Stress eine Leuchte langsam von 45 auf 55 Prozent zu erhöhen, erlebt, warum die Gaffers Control auch Hardware-Drehknöpfe hat: Viele Apps springen, sobald man den Finger auf den Fader auflegt, andere registrieren die Bewegung zu grob und springen im Fade-Vorgang, das unvorsichtige Greifen nach dem Tablet kann bereits versehentliche Fadersprünge auslösen. Außerdem muss aus WLAN noch WDMX gemacht werden, was einen größeren Hardware-Aufwand mit sich zieht. Gerade beim Thema “feinfühlige Bedienung” sieht man die Praxiserfahrung, die Bert Reyskens und sein Team in die Entwicklung eingebracht haben. Neben dem praxistauglichen LCD-Touchscreen lassen sich 7 Parameter gleichzeitig über gerasterte Endlos-Drehregler feinein – stellen. Eine Rastposition ist ein Wert. Das Touchpanel lässt sich gegen Fehlbedienung sperren, der Masterfader regelt alle Leuchten oder eine Selektion von Leuchten gleichzeitig. Ein Interview einzuleuchten macht damit richtig Spaß. Schade, dass ich die Stative nicht damit automatisieren kann, aber ein Blick in die Liste steuerbarer Geräte zeigt mir, dass einige Gaffer sogar DMX-taugliche Motorbügel als Profile programmiert haben. Selbst der Lüfter der ARRI SkyPanels ist im Profil namentlich mit 7 Stufen in Klartext hinterlegt.

LEUCHTEN-LIBRARY UND SETUP-SOFTWARE

Im Auslieferzustand ist eine schon sehr umfangreiche Library an Leuchten installiert. Als Anwender muss man sich zunächst etwas mit den DMX-Profilen der Leuchten auseinandersetzen. Außerdem ist in der Anzeige der Gaffers Control recht wenig Platz, weshalb die Profile oder Werteangaben eingekürzt werden. Viele Anwender, so Reyskens, wundern sich auch über fehlende “S60” Profile, denn in der Library finden sich nur “ARRI Sky 30”. Die “30” ist aber das ARRIProfil “Nummer 30”, das “Ultimate DMX Protocol” mit 24 DMX-Adressen – und das ist kompatibel zur S30, S60 und allen anderen SkyPanels. Etwas Gehirnschmalz braucht man also doch. Die Gaffers Control gehört ganz klar ans Set und hat ein eigenes Betriebssystem. Daher soll und muss die Control auch gar nicht alles können. Denn Profile können an der Gaffers Control nur aufgerufen, nicht aber programmiert werden. Das geht stattdessen am PC oder Mac, was ohnhin bequemer ist. Das Java-Tool ist 200 MB groß und simuliert auch die Bedienung. Was aber ist direkt an der Gaffers Control machbar? Zunächst wählt man an der Gaffers Control eine von 14 Leuchten per Taster aus. Ist noch keine Leuchte zugewiesen, weist das Display auf “EDIT” hin. Dafür gibt es einen weiteren Hardware-Knopf. Der führt auf die Einrichtungsseite, wartet auf die Eingabe einer Startadresse und auf einen Namen, der beliebig sein kann. Klug ist dabei die Benennung der Funktion einer Leuchte, zum Beispiel “Fill”. Auch ein Profil muss ausgewählt werden, das natürlich zum eingestellten Profil der Leuchte passen sollte. Sehr geschickt gelöst ist die Übersicht über die DMX-Adressen. Über “DMX OUT” kommt man auf eine Seite mit allen 512 DMX-Adressen und sieht, welchen Bereich die gerade ausgewählte Leuchte überstreicht. Überlappen sich Adressen mit einer anderen Leuchte, zeigt die Gaffers Control das grafisch an. Der ganze Adressenblock der Leuchte lässt sich dann durch Ziehen mit dem Finger in freie Bereiche bewegen. Bis zu 14 Leuchten oder Gruppen von Leuchten lassen sich so verteilen und bedienen. Gruppen müssen am PC oder Mac vorprogrammiert werden. Das Level lässt sich dann gemeinsam in der Gruppe regeln. Trotzdem kann man die Leuchten untereinander anpassen – ein großer Vorteil gegenüber der gleichen DMX-Adresse für mehrere Einheiten.

Fazit: Das Arbeiten mit der Control macht Spaß! Sowohl fürs Grobe als auch für die Feinheiten. Schon der erste Industrie- Interviewtermin hat unsere Arbeitsweise verändert. LumenRadio (CRMX) oder wenigstens ein DMX-Anschluss ist für mich ab sofort bei Neuanschaffungen Pflicht. Das Arbeiten mit der Gaffers Control ist effektiv, größtenteils intuitiv und spart vor allem Zeit beim Einrichten von Leuchten, die nicht leicht erreichbar sind. Kompliment an Bert Reyskens für den Mut, ein Nischensegment so sinnvoll mit einem Gerät zu bedienen! [9820]

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