Editing in HDR

Weiter geht es mit unserer HDR-Reihe. In der Postproduktion liegt die Verantwortung für den HDR-Workflow beim Coloristen. Dennoch ergibt es Sinn, HDR als Workflow schon im Editing gut aufzustellen. Wie das gelingt, sagte uns Noah Ortner von Screencraft in München in unserer Ausgabe 3/2019.

Noah, was genau ist deine Ausbildung und wie war dein Werdegang, bis du zu Screencraft Entertainment gekommen bist?
Ich bin gelernter Mediengestalter Bild und Ton. Momentan befinde ich mich hier im fünften Jahr. Davor habe ich ein soziales Jahr in einem Kindergarten gemacht und nebenbei mein Hobby, Filmemachen und Fotografieren, unter anderem auch auf YouTube und Instagram ausgelebt. Visuelle, kreative Werke zu schaffen, war schon immer eine meiner größten Leidenschaften und dies begleitet mich nach wie vor bis heute.

Der Editor ist eigentlich nicht für HDR verantwortlich. Womit sollte sich ein Editor, der HDR-Material schneidet, dennoch beschäftigen?
Der Editor ist nicht für die Lichtbestimmung der Bilder zuständig, das ist richtig. Er beeinflusst den HDR-Workflow aber dahingehend, dass er durch die Schnittfrequenz und die Montage Bildsequenzen erstellt, die später in der finalen Bildbearbeitung, im Grading, unterschiedlich stark für HDR herausgearbeitet werden sollen. Deshalb sollte er von Anfang an über die Wünsche und Vorstellungen des Regisseurs und des Coloristen informiert sein und am besten Testsequenzen mit dem Coloristen austauschen, um die gemeinsame Arbeit zu optimieren. Der Editor kann mit seiner Montage die Rezeption eines HDR-Filmes sowohl positiv als auch negativ beeinflussen – beziehungsweise die Möglichkeiten im Grading und Finishing stark beschränken. Der Schnitt ist deshalb ein wichtiger mit zu integrierender Bestandteil im HDR-Workflow. Natürlich werden die grundlegenden Weichen für ein HDR-Projekt beim Dreh bei der Belichtung gestellt und beim finalen Grading werden die Bilder für das optimale HDR-Erlebnis justiert. Eine Montage, die nicht in die Weiterbearbeitung einbezogen wird, kann jedoch kontraproduktiv sein. Ein Editor, der ein HDR-Projekt schneidet, sollte über die Neuheiten der HDR-Welt Bescheid wissen und immer auf dem aktuellen Stand sein. Was für HDR-Standards gibt es, also HDR10, HDR10+, Dolby Vision, HLG und so weiter, welche Farbraumempfehlungen – Rec. 709, Rec. 2020 – sind anzuwenden und was bedeuten diese für den kompletten Editing-Workflow für Farbtiefe, Farbraum, Bildschirmauflösung oder Bildfrequenz? Und selbstverständlich muss er sich mit den „Deliveries“ auskennen und wie er die final und unfallfrei herstellt und prüft. Er sollte in der Lage sein, das Monitoring an seinem Arbeitsplatz korrekt einzurichten. Eine Besonderheit gilt es schon jetzt im Auge zu behalten und die betrifft einen gesundheitlichen Aspekt: Bei Menschen mit einer höheren Anfälligkeit für Photosensitive Epilepsie werden problematische Szenen durch den HDR-Effekt noch verschlimmert. Ein hohes Schnitttempo ist somit am besten nur noch mit Bedacht einzusetzen, um keine „Reizüberflutung“ zu generieren. „With great power comes great responsibility!“

Der Ratschlag aus „Spider-Man“ gilt also auch hier. Welcher Standard kristallisiert sich denn aktuell als allgemeingültig heraus?
Das hängt vom Projekt und seinem Anwendungsbereich ab. Bei einer Auftragsproduktion für einen TV-Sender empfiehlt sich der HLG-Standard, da dies in Zukunft von den Fernsehanstalten (HDR-SDR-Kompatibilität) gefordert werden wird. Bei einem Projekt, das über einen Streamingdienst oder zum Beispiel auf einer Blu-ray ausgewertet wird, richtet sich das natürlich nach den technischen Anforderungen der Kunden.

Wie sollte dann dementsprechend sein Arbeitsplatz aussehen?
Wir empfehlen einen professionellen UHD-Monitor als Master, der alle aktuellen HDR-Standards darstellen kann. Zudem am besten noch einen großen UHD-OLED Consumer Monitor – zum Beispiel einen LG OLED 65C8LLA. Zu der Ausstattung eines klassischen Schnittplatzes sollte die Videoschnittkarte des Systems die entsprechenden Metadaten transportieren können. Bei älteren Schnittkarten kann man diese Daten mit einem externen Gerät in den HDMI-Stream einbetten.

Welche der gängigen Editing-Programme sind schon für eine lückenlose HDR-Endfertigung ausgelegt?
Momentan sind auf jeden Fall Programme wie AVID Media Composer, Adobe Premiere Pro CC und DaVinci Resolve in der Lage, ein HDR-fähiges Signal auszugeben. Das sind die Programme, an denen wir uns hauptsächlich orientieren, da die meisten unserer freien Editoren auf diesen Systemen schneiden. Am weitesten in der Ausstattung ist momentan wohl Blackmagic Design mit seinem DaVinci Resolve Studio. Bei den anderen liegen teilweise Einschränkungen vor. Wir vertrauen im Grading/Finishing eher auf unser Baselight, arbeiten aber mit allen drei Schnittprogrammen, je nach Bedarf auch Offline/Online, also EDL oder AAF.

Falls Anwendungen kein HDR unterstützen: Was empfiehlst du für den Workflow? Gibt es Workarounds?
Dafür empfehlen wir einen klassischen Offline/Online- Workflow, wo mittels einer AAF oder XML zum Beispiel in Baselight oder DaVinci gewechselt werden kann, um das Projekt dort zu finalisieren.

Worin siehst du die Vorteile, in HDR bereits den kreativen Schnitt zu machen?
Wenn ich im Schnitt schon mit HDR arbeite, kann ich natürlich meine Arbeitsweise besser am gewünschten Endprodukt ausrichten. Wenn ich weiß, wie das Ergebnis später aussehen kann beziehungsweise wirkt, ist das bei HDR definitiv ein Vorteil. Perfekt wird es dann, wenn wir zum Beispiel parallel mit dem Grading arbeiten können und regelmäßig BLG-Files aus dem Baselight bekommen. So können wir schon von Beginn an mit dem beinahe finalen Bild arbeiten, was sicher keinen Nachteil darstellt. In der perfekten Welt besprechen Kamera, Regie und Grading das HDR-Vorhaben im Vorfeld und es werden Testaufnahmen gemacht.

Kannst du uns einmal beispielhaft an einer Datei den Workflow, den eine solche Datei bei euch im Hause nehmen würde, detailliert nachzeichnen?
Das Material wird in Avid Media Composer importiert und dort geschnitten. Das Baselight hat gleichzeitig Zugriff auf die Rohdaten und kann schon erste Voreinstellungen vornehmen. Der Editor erhält dann BLG-Files und kann so mit dem Baselight Editions Plug-In die Gradingeinstellungen vom Baselight übernehmen. Das erleichtert den Schnitt ungemein und liefert schon einen guten Eindruck, wie es am Ende aussehen kann. Wenn der Schnitt fertig ist, wird ein AAF exportiert und im Baselight das Online erstellt. Der Colorist stellt je nach HDR-Standard das HDR-Grading fertig, wenn nötig noch eine separate SDR-Version. Je nach Anwendung werden dann die entsprechenden Files inklusive Metadaten erstellt. [7944]

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