DoP Matthias Bolliger über seinen intensiven Einsatz von zwei Kameras bei der finalen Staffel von „4 Blocks“

Das Beste aus beiden Welten

Bei 52 Drehtagen für sechsmal 45 Minuten muss die Drehlogistik stimmen. Für die dritte Staffel des Serienhits „4 Blocks“ setzte DoP Matthias Bolliger durchgängig zwei Kameras ein. Wie wichtig sein Team war, warum er oft hinter dem Monitor saß und wann er die Kamera selbst übernahm, erzählte er Timo Landsiedel für unsere Ausgabe 12.2019.

Finstere Typen mit einer Menge auf dem Kerbholz. Das ist nicht etwa die Beschreibung des Regie/Kamera-Duos Özgür Yildirim und Matthias Bolliger, sondern ein oft wiederkehrendes Sujet, in dem die beiden sich bewegen. So waren die beiden in den letzten Jahren für ungewöhnlich düstere Tatorte in der ARD, für Kinofilme wie „Chiko“ und „Nur Gott kann mich richten“ sowie zuletzt 2018 vier Folgen der Erfolgsserie „4 Blocks“ von TNT/Sky verantwortlich. In der Ausgabe 11.2018 berichteten wir von diesen Dreharbeiten. Damals waren zwei Teams am Start, neben Yildirim und Bolliger übernahmen DoP Timon Schäppi und Regisseur Oliver Hirschbiegel die ersten drei Folgen.

Drei Spielfilme am Stück

Anfang 2019 fiel die erste Klappe für die dritte und letzte Staffel der Gangstersaga in Neukölln um Clanoberhaupt Toni Hamady (Kida Khodr Ramadan). Die sechs Folgen gingen diesmal komplett auf die Kappe von Genreduo Yildirim und Bolliger. In 52 Drehtagen waren diesmal rund 300 Minuten Material zu schaffen, rund achteinhalb Tage pro Folge. „Das sind drei abendfüllende Spielfilme am Stück“, sagt DoP Bolliger. Um dieses enorme Pensum zu stemmen, drehte Bolliger durchgehend mit zweiter Kamera. Nach der zweiten Staffel war es sehr schnell gegangen. Yildirim und Bolliger hatten sofort nach Abschluss der Dreharbeiten die Anfrage für die dritte auf dem Tisch, im Dezember 2018 startete die Vorbereitung noch sanft, im Januar 2019 dann begannen die zwei Monate intensive Vorproduktion. Das ist auch nicht viel mehr als für einen Tatort. Das Konzept sollte dem der vorigen Staffeln ähneln. Eine begleitende Handkamera, nah an den Figuren, die Welt der Serie mit den Figuren erkundend, mit einer leicht cineastisch überhöhten Lichtästhetik. Erst zum Ende der dritten Staffel wird die Kamera inhaltlich motiviert ruhiger und es gibt erstmals echte Stativ-, Jib-Arm- und Kran-Shots.

Von einer Vereinfachung konnte also keine Rede sein. So mussten Bolliger und Yildirim ihre Auflösungsplanung anders angehen, ohne dabei die Qualität zu vernachlässigen. Für gewöhnlich nehmen sie sich dafür zehn bis zwölf Tage. „Es wäre zu viel gewesen, in zehn Tagen Shotlisten für sechs 50-Minüter zu machen“, berichtet Bolliger. Natürlich wurden Stuntszenen und der Einsatz von Spezialeffekten sowie VFX dezidiert geplant und mit den entsprechenden Gewerken besprochen. Die normalen Spielszenen definierte das Team nur mit „Beats“. „Wir haben also herausgearbeitet, was der Kern der Szene ist. Was müssen wir erzählen aus dramaturgischer Sicht? Was muss der Zuschauer verstehen, damit die Szene funktioniert? Was wollen wir visuell verstärken?“ So wurde auch nicht jede Szene im Storyboard festgehalten. Hinzu kamen etwa zehn bis 15 Floorplans für komplexe Abläufe mit mehreren Figuren und Blickachsen und ein Drittel lag als Shotlist vor. Was darin nicht enthalten war, hatte eine kurze Einteilung in Beats, das musste reichen.

Mit der zweiten dreht man besser

In der zweiten Staffel hatte Bolliger bereits die Erfahrung gemacht, dass er sich immer häufiger mit Yildirim hinter den Monitor zurück zog und Standard-Setups seinem Assistenten Florian Seemann überließ. „Wenn ich früher die A-Kamera selbst geführt habe, hatte ich immer das Thema: Was sieht die zweite Kamera? Stimmt jetzt das Licht, stimmt das Framing in Abstimmung zur A-Cam?“ Also überließ er diese öfters seinem Assistenten und bereute das Vertrauen nicht. Seemann war auch diesmal wieder dabei, alternierend als erster Kameraassistent und Kamera-Operator. Ihm an die Seite trat Florian Raasch als Operator der B-Cam. Raasch und Bolliger kannten sich aus gemeinsamen Action-Concept-Zeiten und hatten bereits bei „Nur Gott kann mich richten“ zusammengearbeitet. „Es ist schon sehr komfortabel, über eine zweite Crew zu verfügen, die man als volles Team einsetzen kann oder auch als Second Unit mal alleine losziehen lässt“, sagt Bolliger.

Die Dreharbeiten dauerten vom 20. März bis zum 6. Juni 2019. Das Tagespensum war nur mit zweiter Kamera überhaupt zu schaffen. So verbrachte Bolliger noch mehr Zeit hinter dem Monitor und richtete von dort Framing und Licht für zwei Kameras ein. Für die unterschiedlichen Einsatzkombinationen zweier Kameras erstellte er sich eine Art Definition, um in der Kommunikation auch schnell zu wissen, worauf er sich einstellen musste. Wenn Bolliger hinterm DoP-Monitor saß, lief die Kommunikation über Funk. Sobald Regisseur Özgür Yildirim eine dramaturgische Korrektur mit den Schauspielern besprach, gab Bolliger Korrekturen an Oberbeleuchter Peter Fritscher und seine Kamera-Operator durch. So waren Korrekturen innerhalb von Sekunden möglich, und das Team war sofort wieder drehbereit. Je nach Nähe der Monitorstation zum Set konnte Bolliger sogar noch während des Takes Anweisungen über Funk durchgeben. „Das war auch nicht ganz ohne für meine Operatoren. Es ist ja viel los vorne am Set, viele Absprachen, die müssen alles mitkriegen – und dann spreche ich denen noch aufs Ohr“, so Bolliger. Der DoP wechselte auch für seine Abteilungen schon zwischen zwei Kanälen für Licht und Kamera-Operator hin und her und hatte selbst noch die Comtek des Schauspielertons auf dem Kopfhörer. Dennoch möchte er die Situation nicht mehr missen. „Ich habe das sehr zu schätzen gelernt, die Kamera bei statischen Szenen, wenn zwei Personen am Tisch sitzen, nicht halten zu müssen und dennoch Kontrolle über das Framing zu haben“, sagt der DoP. „Ich habe mir aber auch herausgenommen, bei komplexeren One-Shots die Kamera wieder selber zu führen. Für mich das Beste aus beiden Welten.“ [11033]

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