Im Länderspiel-Einsatz: TVN-Ü6UHD

Allzweckwagen

Beim Fußball-Klassiker Deutschland – Argentinien in Dortmund setzte die TVN Mobile Production GmbH ihren neuen Übertragungswagen TVN-Ü6UHD ein. Der Live-Feed entstand parallel in UHD und nativem HD. Wir berichteten in unserer Ausgabe 1-2.2020.

Sechs Stunden vor dem Anpfiff geht Wolfgang Peiss, Erster Produktionsleiter bei der TVN Mobile Production, durch die Arena in Dortmund und prüft dabei noch einmal sämtliche TV-relevanten Positionen. Die gesamte TVN- Technik wie UHD-Kameras, Mikrofone und Drahtlosstrecken wurde bereits am Vortag aufgebaut, eingerichtet und getestet. Zeitgleich hat Fußball-Bundestrainer Joachim Löw das sportliche Problem, dass krankheits- und verletzungsbedingt kein Spieler aus der Weltmeister-Mannschaft von 2014 am Abend antreten kann.

Im TV-Compound direkt an der Arena steht der neue Übertragungswagen TVN-Ü6UHD. Durch sein großzügiges Innenraum-Angebot mit knapp 100 Quadratmetern hat er im betriebsbereiten Zustand den größten Platzbedarf, ist dicht umgeben von Grafik-Containern, Grafik-Mobilen, weiteren Containern für die Hintergrund-Bespielung der Screens im Studio, zwei SNG-Fahrzeugen und einem Hawk-Eye-Mobil. Für weitere Produktionsfahrzeuge werden die Stellflächen am alten Stadion „Rote Erde“ genutzt. Dort parkt auch der zum Ü6 gehörende Rüstwagen. In ihm befinden sich neben dem gesamten Set-Equipment noch zwei weitere Produktionsräume, die in Dortmund von RTL als Edit Suites zum Schneiden tagesaktueller Beiträge genutzt werden. Der Signalaustausch zwischen den beiden Fahrzeugen erfolgt durch eigens dafür konzipierte Glasfaserverbindungen. Neben dem Rüstwagen 6 ist ein Zelt aufgebaut, in dem TVN-Mitarbeiter eine Drohne mit der dazugehörenden Kameratechnik aufbauen. Drohnenpilot und Kameramann schauen zum stark bewölkten Himmel und hoffen, dass es zum Spiel nicht regnet, denn dann müsste das Fluggerät laut ordnungsbehördlicher Anweisung am Boden bleiben. Ein SNG-Fahrzeug des WDR, ein Transport-Lkw für die RTL-Studioausstattung, ein Produktionsmobil mit eingerichteten Büro-Räumen für die Redaktion/Produktion und RTL Maskenbildnerin, sowie ein kleiner Ü-Wagen für das Stadion-TV komplettieren den erweiterten TV-Compound.

TVN-Ü6UHD

Christoph Moll, Technischer Leiter der TVN Mobile Pro- duction, sitzt im zentralen Kontroll-Raum des Ü6 vor seinem Notebook, mit dem direkten Blick in sämtliche Räume des TVN-Ü6UHD. Links neben ihm sitzt der HDR-Supervisor Holger Tadge, der in enger Abstimmung mit der Bildtechnik die Kamera-Einstellungen im HDR-Bereich überwacht und gegebenenfalls korrigiert. Rechts von ihm sitzt Karolin Schrader, die die Verantwortung für den reibungslosen Betrieb aller Schnittplätze, der Slomo-Recorder sowie der Edit Netzwerk-Infrastruktur trägt. Die Arbeitsplätze in diesem Raum sind technisch perfekt aus- gerüstet. Sie bieten unter anderem drei 32-Zoll-UHD-Monitore, wahlweise mit bis zu 48-fach Splitscreen, einen Sony UHD-/HDR-Referenz-Monitor, drei unabhängige Displays mit Zugriff auf sämtliche installierten PCs im Ü6, zwei UHD/HDR Messinstrumente, für jeden Arbeitsplatz eine eigene Intercom-Einheit sowie die zentrale Steuerung der Klima-, Licht- und Elektrotechnik. Der „Virtual Studio Manager“ (VSM) von Lawo unterstützt bei der Bedienung aller signalführenden Komponenten des TVN-Ü6UHD. Auf den eigenen Bedarf zugeschnittene, selbst programmierte virtuelle Bedienteile helfen den Ingenieuren des Übertragungswagens bei der Bedienung der Video-Kreuzschiene, Wandler und Konverter, Audio-Konsole oder der Tally/GPI-Kontrolle.

Somit entfällt die komplizierte Bedienung verschiedenster Software-Applikationen unterschiedlicher Hersteller. Die duale Liveproduktion erfolgt in UHD HDR und HD 1080p/50. Das Ü-Wagen-interne HDR Produktionsformat ist S-Log3, wodurch die Bildingenieure beim Aussteuern der Kameras und den Einsatz der hybriden Gammakurve wie gewohnt arbeiten und ihre Erfahrung aus dem HD- Shading vollständig einbringen können. Die Kamerabodys der Sony HDC-4300 übergeben parallel ihr HD-SDR- und UHD-HDR-Signal an die Basisstationen im Ü-Wagen. Das HD-Signal wird unabhängig vom UHD-Signal innerhalb des Ü-Wagens parallel geführt und verarbeitet, so dass die HD-Qualität durch die UHD-Produktion nicht beeinflusst wird. Am Bildmischer Sony XVS 8000 wird hierfür der „Resource-Sharing-Mode“ genutzt. Diese duale Produktionsweise unterscheidet sich deutlich von Produktionsansätzen, in denen ausschließlich in UHD produziert und durch Down-Konvertierung des UHD-Signals ein HD-Sendesignal generiert wird. „Die Qualität des HD-SDR-Signals darf unter keinen Umständen beeinträchtigt werden, da dieses immer noch der am meisten verbreitete Signalstandard ist“, sagt TVN-Geschäftsführer Markus Osthaus dazu.

Einer der beiden Regieräume im TVN-Ü6UHD (Bild: CAP Solutions)

Bei der Produktion in Dortmund steuern vier Bildtechniker die Sony-UHD-Kameras HDCU-4300 aus. Fünf Arbeitsplätze stehen in der Bildtechnik zur Verfügung, sie sind mit UHD-HDR-Monitoren, Multiviewern, Intercom Panels und UHD/HDR-Messinstrumenten ausgestattet. Die beiden gleich großen Regien im Ü6 sind jeweils mit einer UH-HDR-Monitorwand mit bis zu 84 Vorschauen und 13 Arbeitsplätzen ausgestattet. Jeder Regie steht ein eigener, voll ausgestatteter Sony-Bildmischer XVS 8000 zur Verfügung. Im Regieraum „Blue“ sitzen in der ersten Reihe der Regisseur, die Bildmischerin und eine RTL-Redakteurin für den internationalen Rundown. Dahinter sind heute auf zwei weiteren Reihen sieben Slomo- und ein Grafik-Operator vom Dienstleister Deltatre im Einsatz. Der Regieraum „Red“, heute für die nationale RTL-Regie, ist in der ersten Reihe ebenfalls mit Redaktion, Regie und Bildmischung besetzt. Die dahinterliegenden Reihen sind mit zwei Zuspielplätzen sowie jeweils zweikanaligen EVS, einem Grafik- Operator, dem TVN-Produktionsleiter und einem Highlight-Schnittplatz besetzt. Alle Räume des TVN- Ü6UHD sind von außen über fünf separate Türen und vier Treppenaufgänge zu erreichen.

Ton

Zentral in der Mitte des Ü-Wagens ist die für Dolby Atmos zertifizierte Tonregie mit drei Arbeitsplätzen eingebettet. Da während einer Produktion die direkte Kommunikation zwischen Regie und Toningenieur wichtig ist, hat der Audio-Ingenieur freien Blickkontakt in beide Regien und zum Produktionsingenieur. In Dortmund mischt Toningenieur Carsten Mosler am Lawo-Mischpult mc296 mit 72 Reglern auf der Ober- fläche den Sound von 25 Richtrohrmikrofonen auf den Kameras und neben dem Spielfeld zu einem beeindruckenden Live-Audioerlebnis. Die Mikrofonierung aus dem Set findet den Weg über Glasfaser- Stageboxen ins Lawo-Mischpult. Auch Toningenieur Jörn Lüders übernimmt weitere 20 Mikrofone, die von Moderatoren, Reportern, Experten sowie Kommentatoren drahtgebunden oder drahtlos genutzt werden und mischt daraus den nationalen Programmfeed für RTL. „Dieser bei TVN bewährte Workflow wirkt sich hörbar auf die Qualität des Tons bei den Zuschauern aus“, erläutert Wolfgang Peiss. Am TV-Empfänger und in der Aufzeichnung des Spiels in der RTL-Mediathek ist jeder Kick eines Spielers mit dem Fußballschuh gegen den Ball deutlich zu hören – perfekt eingebettet in die Dolby 5.1 Stadion-Atmo.

Die zentrale Tonregie hat direkten Sichtkontakt zum Produktionsingenieur und den beiden Regien. (Bild: CAP Solutions)

Den dritten, aber nicht minder wichtigen Platz in der Tonregie belegt ein weiterer Toningenieur, Klaus Mayle: Er kümmert sich ausschließlich als „Intercom-Manager“ um die gesamte interne und externe Kommunikation. Der Aufwand ist groß, da das RTL-Redaktions- und Produktionsteam in der gesamten Arena mit etwa 20 drahtlosen Intercom-Einheiten unterwegs ist. Zusätzlich kommen die Kommunikationseinheiten an den 41 Arbeitsplätzen des TVN-Ü6UHD sowie den angrenzenden Containern und den weiteren angebundenen Dienstleistern dazu. Über eine Glasfaseranbindung nach Köln baut Klaus Mayle die Intercom mit der Sendeabwicklung auf, um mit RTL in Köln und der EBU in Genf kommunizieren und die Sendewege zu pegeln. Bis zu 40 unterschiedliche Sendewege kann der Ü6UHD gleichzeitig abgeben.

Rechts außen vom Produktionsingenieur liegt hinter einer schall- und temperaturisolierten Tür der zentrale Geräteraum. Dort ist in acht Racks die zentrale Technik verbaut. Neben der zentralen Kreuzschiene mit 600 Ein- und 1.200 Ausgängen findet man dort bis zu 11× EVS XT VIA Hard- diskrekorder, diverse weitere Zuspieler und Aufzeichnungsgeräte, Steckfelder, unterbrechungsfreie Stromversorgung und Peripheriegeräte.

Kamera-Setup

Im kleinen TV-Studio in der Arena laufen am Nachmittag Stell- und Moderationsproben. Drei Kameras mit Weitwinkel-Optiken auf den Schultern der Kameramänner zeigen die Protagonisten und eine unbemannte Kamera die Supertotale des Studios mit Beleuchtung. An den beiden Seiten und hinten im Studio stehen hochauflösende LED-Videowalls. Die jeweils zum TV-Bild passenden Hintergründe und Grafiken werden aus dem Container neben dem Ü6 von RTL-Mitarbeitern zugespielt.

In der Arena sind zwei Steadicam-Operatoren mit Schärfeassistenten, Sony-UHD-Kameras HDC-4300 mit 21-fach- Optiken und drahtlosen Verbindungen zwischen den Trainerbänken und den Eckfahnen im Einsatz. Rechts neben dem Tor vor der Südtribüne liefert eine Polecam mit einer 4-mm-Weitwinkel-Optik bewegte Bilder aus den Perspektiven am Tornetz. In den Toren gibt es je eine Minikamera mit einer 2 mm Super-Weitwinkel-Optik. Zehn UHD-Kameras mit 27- bis 122-fachen UHD-Boxoptiken zeigen die Spieler auf dem Rasen, die beiden Trainerbänke und die Fans aus unterschiedlichen Perspektiven. Komplettiert wird das Kamera-Setup mit je einer UHD-Kamera mit 14-fach-Optik für die Spielerankunft mit den Bussen, die Moderation des RTL-Reporters und Experten und in der sogenannten „national“ und „international Flash Zone“. Eine UHD- Kamera mit UHD-Weitwinkel-Optik filmt in den Kabinengängen, eine beobachtet einzelne Spieler nach Wunsch der internationalen Regie, eine weitere steht im VIP-Bereich für Interviews bereit. Alle Kameras in der Arena tragen einen gelb-weißen Aufkleber der UEFA mit der Bezeichnung „Fa8“. Das bedeutet, dass die Kameras von der UEFA für den Einsatz in diesen Bereichen freigegeben wurden.

Technisch hat diese UHD/HDR- und HD-Produktion trotz eines heftigen Regenschauers in der zweiten Halbzeit fehlerfrei funktioniert. Sportlich endete die Partie der Fußballmannschaften von Deutschland und Argentinien 2:2 unentschieden. Bei RTL sahen das Fußballspiel insgesamt bis zu 7,71 Millionen Zu- schauer in Deutschland. [11433]

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