Interview mit dem Unterwasser-Kameramann Jörg Matzky

Unterwasser-Kamera für ESA: „Ich dachte, das war‘s“

Nahtod-Erfahrungen während der Arbeitszeit sind nicht unbedingt das tägliche Brot von Kameraleuten. Unterwasser-Operator Jörg Matzky berichtet von Tauchgängen in Meer und Wassertanks, seinen Drehs mit Astronauten und Kosmonauten, aber auch, warum er sich allmählich von seinem Beruf verabschiedet. Der Artikel erschien in der Ausgabe 6/2016.

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(Bild: ESA, Jörg Matzky)

Wie sind Sie Unterwasser- Kameramann geworden?

Ich habe bei der Firma Hartenberger Anfang der Neunziger Jahre Leute vom Westdeutschen Rundfunk kennengelernt, die bei uns die ersten Unterwasser- Gehäuse für Kameras, die es seinerzeit gab, ausleihen und für ihre Projekte einsetzen wollten. Zu der Zeit habe ich gerade eine Ausbildung zum Tauchlehrer gemacht. Wir konnten mit den Gehäusen aushelfen, aber die Kollegen vom Fernsehen konnten tatsächlich gar nicht tauchen. Da habe ich einfach die Gelegenheit ergriffen und angeboten, an deren Stelle einzuspringen. Ab 1993 habe ich dann regelmäßig für den WDR Unterwasser-Drehs gemacht. Anfangs waren das Aufnahmen in Baggerseen in der Eifel, dann folgten erste Einsätze für Reisedokumentationen in Ägypten.

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Matzky ermöglicht die lückenlose Dokumentation der ESA-Tauchgänge. (Bild: ESA, Jörg Matzky)

Gleichzeitig habe ich mich weitergebildet und Seminare über Film- und Kameratechnik besucht. Ich habe mir auch immer wieder die aktuelle und neueste Technik angeschafft. Von 1995 bis 2013 habe ich durchgehend immer wieder Unterwasserfilme mit Johannes Höflich gedreht. Wir haben die ganze Welt bereist: Ägypten, die Malediven, Bahamas, Australien, Mexiko oder Mikronesien, wo die Kriegsflotte der Japaner auf Grund liegt. Wir haben in Höhlen getaucht oder unter dem Eis. Es waren schon viele Reisen und es war eigentlich alles dabei. Wir haben dann auch zusammen zwei Bücher geschrieben: „Tauchparadiese der Erde“. Mein Hauptberuf war aber in dieser ganzen Zeit ein Managementjob bei der Tauchausbildungs-Organisation PADI, wo ich als Regionalleiter für die Tauchzentren in Holland, Deutschland und der Schweiz verantwortlich war. Ich hatte dadurch viel Kontakt zur gesamten Tauchbranche. Das hat nach dem 11. September leider aufgehört, es gab starke Einbrüche in der Reisebranche, die Zahl der Ausbildungen ging zurück, so dass PADI Amerika das Management in Europa wieder übernommen hat.

Wie ging es dann mit Ihrer beruflichen Entwicklung weiter?

Parallel zu meiner Tätigkeit bei PADI habe ich begonnen, für die Europäische Weltraumagentur ESA an ihrem Trainingszentrum in Köln-Porz zu arbeiten. Der Kontakt kam so zustande, dass ich als Tauchlehrer die Ausbilder trainiert habe, die wiederum die ESA-Astronauten im Tauchen unterrichten sollten, damit sie ihr simuliertes Schwerelosigkeitstraining im großen Tauchbecken am Europäischen Astronautenzentrum EAC durchführen konnten. Dieses Becken ist ziemlich eindrucksvoll, 22 Meter lang, 16 Meter breit und zehn Meter tief. Wir haben dann auch gemeinsam dieses Trainingsprogramm entwickelt, was in ähnlicher Form noch heute läuft. Man übt dabei unter Wasser an Nachbauten der Module die Bewegungsabläufe und Prozeduren, die die Astronauten später bei Außenbord-Einsätzen auf der Internationalen Raumstation ISS beherrschen müssen. Es war natürlich günstig, dass ich Tauchlehrer war, Kontakte zur Industrie hatte und dass ich mich durch meine Tätigkeit für den WDR mit der neuesten Technik auskannte – als nämlich die ESA auf mich zukam und anfragte, ob ich diese Trainings-Tauchgänge mit der Kamera dokumentieren könnte.

Wie sehen solche Dreheinsätze aus?

Zunächst einmal sind diese Tauchgänge körperlich sehr anstrengend. Sie dauern nämlich in der Regel zwischen drei und vier Stunden. Dabei geht es jetzt aber nicht um irgendwelche Bildgestaltung, sondern das Geschehen unter Wasser muss lückenlos dokumentiert werden. Ich kenne dann den Ablaufplan und bin auch vorbereitet, wenn für die Astronauten bestimmte Überraschungen eingespielt werden. Wir haben ja Funk unter Wasser, und dann werden halt Fehler eingebaut und gemeldet – einer ist ohnmächtig geworden und muss zurück in die Luftschleuse und an Bord transportiert werden, oder ein Solarpanel klemmt, es müssen Reparaturen ausgeführt werden … solche Dinge. Das alles muss live gedreht werden und wird per Kabel in den Kontrollraum übertragen Das ist mein Job bei der ESA – vier Stunden lang draufhalten. Man muss nur wissen, wann man wo an welcher Position zu sein hat. Ich will jetzt nicht angeben, aber das kann halt nicht jeder. Man muss die komplexen Abläufe im Kopf haben und – was besonders wichtig ist – man muss die Erfahrung haben, über die gesamten vier Stunden das schwere Kameragehäuse ruhig zu halten.

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Kam zufällig zur Unterwasser- Kamera: Jörg Matzky (Bild: ESA, Jörg Matzky)

Sonst werden die Leute im Kontrollraum nämlich seekrank! Was das Equipment angeht, haben wir das bei der ESA immer wieder auf den neuesten Stand gebracht und ständig überlegt, wo sich noch etwas optimieren lässt. Es wurden Wandkameras und Helmkameras installiert, wir haben alles auf HD umgerüstet, und jetzt müssen gerade wieder neue Gehäuse angeschafft werden, um das Ganze in Richtung 4K zukunftssicher zu machen. Ich drehe aber auch „an Land“ für die ESA. Es gibt am EAC eine große Halle, in der ein originalgetreuer Nachbau des europäischen Columbus-Moduls steht. Damit werden die Astronauten, die für sechs Monate auf die ISS sollen, trainiert, nicht nur die europäischen, sondern auch NASA-Astronauten und russische Kosmonauten. Die müssen ja alle das Modul in- und auswendig kennen. Sie trainieren, wie man Filter reinigt, wie Probleme mit der Elektrik behoben werden, was zu tun ist, wenn ein Feuer ausbricht, wie die Kommunikationsmittel sind … all das wird am EAC in Köln trainiert. Ich drehe diese Trainings-Sessions, schneide sie und dann werden sie ESA-intern als Dokumentation und Trainingsvideos eingesetzt.

Morgen lesen Sie hier den zweiten Teil des Interviews aus der 6/2016!

 

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