„Tentacle Sync Förderpreis Schnitt“ für „Fasse Dich kurz!“

Schnitte in Worte fassen

Nach Kaugummiautomaten und dem Palomino-Pferd vor C&A folgten Telefonzellen: Johannes Klais und Florian Pawliczek befassen sich in ihrer Kurzfilm-Trilogie mit dem Verschwinden analoger Apparate – zumindest vordergründig. Für „Fasse Dich kurz!“ wurden sie beim Filmplus-Festival mit dem „Förderpreis Schnitt“ ausgezeichnet. In unserem Heft 1-2/2019 sprachen sie mit Uwe Agnes über ihre ungewöhnliche Arbeitsteilung am Schneidetisch.

Florian Pawliczek (li.) und Johannes Klais im Schnitt

Regeln sind nützlich. Sie können Leben wie Arbeit enorm entkomplizieren. Bevor Johannes Klais und Florian Pawliczek für ein neues Projekt losziehen, legen sie ihre Regeln nicht nur fest, sondern schreiben sie sogar feierlich auf ein Blatt Papier. Was so formalisiert wird, sind Vor- schriften wie „Wir suchen keine Protagonisten, sondern lassen uns finden“ oder „Kein Dreh weiter als 30 Kilometer vom Wohnort“. Aber auch im Schnitt ging es nicht ohne Regelwerk, das sich übergreifend über die drei gemeinsamen Filme erstreckte.

Johannes Klais, 1977 in Dortmund geboren und aufgewachsen, machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Toningenieur und arbeitete danach drei Jahre in der Filmton-Postproduktion. 2003 nahm er ein Film-Studium an der Fachhochschule Dortmund im Fach Kamera auf und ist seit seinem Abschluss 2010 als freier Kameramann und Filmemacher tätig.

Florian Pawliczek wurde 1981 in Herdecke geboren. Er studierte ebenfalls Kamera an der Fachhochschule Dort- mund im Diplom-Studiengang „Film / Fernsehen“. Seit acht Jahren arbeitet er als freiberuflicher Kameramann für Unternehmensfilme, Dokumentationen sowie Marketing- und Imagefilme.

In der Jurybegründung für den Förderpreis Schnitt beim Filmplus-Festival liest man tatsächlich über den Schnitt selbst sehr wenig. Stattdessen lobt man euren ruhigen, dokumentarischen Blick, die assoziativen Interviews und die Inszenierung. Was war denn euer Konzept, mit dem ihr an den Schnitt gegangen seid?
Johannes Klais: Assoziativ ist schon der richtige Ausdruck. Ich kann das Konzept jetzt nicht einzig und allein am Schnitt, sondern vielleicht besser im Ganzen beschreiben. Beim Drehen ziehen wir mit sehr klaren Vorstellungen vom Bild los und haben die Drehorte zum Teil auch schon vorher mit der Fotokamera besucht. Dann lassen wir uns dort vor Ort von den Menschen ansprechen. Wir kennen die Menschen, mit denen wir die Interviews führen, vorher nicht. Das ist die Idee. Wir interessieren uns erst einmal in unserer Eigenschaft als Kameraleute für den urbanen Ort und die Telefonzelle, die dort noch steht. Während unserer Arbeit an den Bildern sind aber immer offen für die Menschen, die uns dort spontan ansprechen und lassen uns auf diese Menschen ein. Wenn wir interessant finden, was da auf einmal so kommt, dann erst fragen wir, ob sie uns ein Interview geben. Und so ist das Material, das in dem Interview entsteht, im Prinzip das Ergebnis einer zufälligen Begegnung.
Das Konzept im Schnitt ist es dann, die beiden Ebenen des Ortes und der Begegnung miteinander in Einklang zu bringen und ein bisschen mit dem Material zu spielen. Wo gibt es Verbindungen? Manchmal entsteht da etwas inhaltlich Tieferes, manchmal etwas Trauriges, manchmal etwas Lustiges. Das ist das Reizvolle für uns: dass wir im Schnitt völlig offen an unser Material herangehen, vielleicht wie jemand, der mit Found Footage arbeitet. Man hat seine beiden Materialebenen, die Interviews und die Bilder, und versucht erst im Schnitt, diese beiden Ebenen zusammenzubringen: Was kann da entstehen?

Florian Pawliczek: Zu unserem kleinen Regelwerk, das wir vorher festgelegt hatten, gehörte auch, dass wir das eigentliche Objekt des jeweiligen Filmes – also hier die Telefonzellen – in den Gesprächen mit den Protagonisten nicht thematisieren wollten. Wenn wir eine Telefonzelle filmten und dadurch mit jemandem ins Gespräch kamen, überließen wir das Thema des Gespräches dem Protagonisten.
Beim Schneiden hat es großen Spaß gemacht, zwischen diesen unerwarteten Themen der Protagonisten und unseren Bildern der Telefonzellen „Schnittstellen“ und inhaltliche Parallelen für uns zu finden.

Nun wird in dem Film ja nicht nur gesprochen, sondern auch ziemlich viel geschwiegen. Dabei fällt auf, dass die eingesetzten Atmos sich ausgesprochen liebevoll gemacht anhören. Habt ihr darauf besondere Sorgfalt verwendet?
Johannes Klais: Extrem viel Sorgfalt. Wenn man das gesprochene Wort mal weglässt, dann sind 90 Prozent des Tons im Sounddesign entstanden. Das Gestalten von Atmos ist für mich eine ganz tolle Arbeit. Es macht mir Freude, diese Orte auf der Tonebene um Elemente zu erweitern, die dann auch zu den Inhalten passen, zu dem, was die Leute sagen oder wie ich sie charakterlich wahrnehme. Da ist sehr viel Arbeit und viel Liebe für das Detail in die Gestaltung dieser Atmos geflossen. Vogelzwitschern, Kirchenglocke, Tauben mit Flügelschlagen … da liegt teilweise der Originalton gar nicht mehr an. Natürlich ist auch das visuelle Konzept, das wir als Kameraleute verfolgt haben, nicht ganz zufällig dafür geeignet. Unsere oft menschenleeren Bilder schaffen eigentlich erst die Möglichkeit, im Ton so frei zu gestalten. Denn sonst ist man als Sounddesigner sehr schnell beeinflusst von dem, was man sieht. Unsere Bilder sind so aufgebaut, dass man in der Tongestaltung richtig frei ist.

Mir hat der Wind gut gefallen.
Johannes Klais: Der Ton ist etwas, was mir persönlich sehr am Herzen liegt. Das hat sicherlich damit zu tun, dass ich ursprünglich über den Ton zum Filmemachen gekommen bin. Das ist mein Werdegang. Ich hab ganz am Anfang meiner beruflichen Laufbahn in einem Tonstudio und dort auch viel an der Erstellung von Atmos gearbeitet.

Ihr seid beide Kameramänner. Wie habt ihr die Zusammenarbeit am Drehort aufgeteilt?
Florian Pawliczek: Es war im Prinzip egal, wer die Kamera bediente, da wir mit einem externen Monitor gearbeitet haben, so dass wir uns über jedes Bild direkt vor Ort austauschen konnten und gemeinschaftliche Entscheidungen trafen. Das hat uns beiden wirklich Freude gemacht, weil wir ja immer noch weiter am Bild und der Kadrage feilen konnten. Diese gemeinschaftliche Arbeitsweise war natürlich nur durch unser sehr statisches Kamerakonzept möglich.

Wie war denn die Arbeitsteilung beim Schnitt?
Johannes Klais: Die Aufgaben waren da ganz klar getrennt. Einer von uns hat das Schnittsystem bedient, der andere hat daneben gesessen und seine Ideen formuliert, durfte Maus und Tastatur aber nicht anfassen. Das war bei jedem der drei Filme festgelegt und wir haben in der Mitte einmal getauscht. Es war schon eine sehr ungewohnte und neue Erfahrungt, neben Florian zu sitzen, wenn man ansonsten das Schnittsystem selber bedient. Man konnte nicht mal eben sagen: „Ich zeig dir kurz, was ich meine.“ Man muss alle Ideen in Worte fassen. Und man muss auch hinterher warten, bis der Kollege das handwerklich umgesetzt hat. Das erfordert sehr viel Geduld. Aber rückblickend kann man sagen, dass es sich lohnt, sich diesem Prozess so zu stellen, weil es einen einfach zu bestimmten Dingen zwingt, die einen letztlich nach vorne bringen.
Florian Pawliczek: Genau. Man will da mal eben kurz reingreifen: „Ich meine das so und so.“ Da mussten wir uns einfach ein bisschen disziplinieren und die richtigen Worte finden. Im Schnitt weiß man ja manchmal gerade gar nicht, was man genau umstellen möchte. Das ist ja oft gar nicht so klar und deshalb neigt man dazu, es selber auszuprobieren. Aber wir haben durch diesen Prozess gelernt, das auszuhalten und die richtigen Worte zu finden.
Johannes Klais: Das Positive dieser gemeinsamen Arbeit im Schnitt ist, dass man dort zu zweit gleichberechtigt sitzt und entscheidet. Das führt ja dazu, dass man sich aneinander reibt. Der eine will dieses sehen und findet das gut und der andere hängt an jenem Bild. Ich hatte auch Bilder, an denen ich extrem hänge, aber dann muss man die begründen. Dadurch, dass wir beide in der Entscheidung gleichberechtigt sind, muss man sich dann wirklich ins Zeug legen, um im Schnitt mit Worten um seine Bilder zu kämpfen. Das bringt einen sehr nach vorne – auch in der Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit als Kameramann.

Was bedeutet der Preis für euch?
Johannes Klais: Wir sind schon stolz darauf, dass wir einen Montagepreis gewonnen haben, denn wir kommen als Kameraleute ja eigentlich aus der anderen Ecke. Trotzdem gehen wir mit sehr viel Herzblut an den Schnitt und investieren sehr viel Zeit in diese Arbeit. Es sind ja unsere eigenen Bilder und es macht uns große Freude, diese Bilder auch zu montieren. Und bei diesem Konzept, mit dem wir da arbeiten, ist man sich ja nie zu 100 Prozent sicher, ob das, was man da schneidet, wirklich toll ist und funktioniert. Aber wir waren so mutig, es so zu machen, wie wir dachten, dass es richtig ist.
Wenn man dann im Nachhinein die Erfahrung macht, dass das auch von anderen Leuten so verstanden wird, wie man es gemeint hat, zumindest in etwa, und das auch noch Leute sind, die davon richtig Ahnung haben. Wenn die das auch noch so gut finden, dass sie uns dafür einen Preis geben, dann ist das für mich als Kameramann, der aber Schnitt doch sehr mag, eine Ehre und macht mich stolz.
Florian Pawliczek: Ich habe mich schon über die Nominierung sehr gefreut – und mit dem Preis und dieser Anerkennung durch diese Fach-Jury nicht gerechnet. Dieser Preis ist für mich ein wunderschöner gefühlter Abschluss unserer kleinen Trilogie. [7544]

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