“Nur Bilder reichen nicht”

Für unser Heft 1-2/2019 sprach Bergkameramann Sepp Wörmann mit Gerdt Rohrbach über seine Karriere. Im zweiten Teil des Interviews geht es um die Zusammenarbeit am Set, den richtigen Umgang mit Protagonisten und die Gründe, warum Wörmann lieber mit 2/3-Zoll- als S35-Kameras dreht.

Das Filmen ist ja das Erzählen einer Geschichte in Bildern. Wie transportierst du die Empfindungen an- gesichts so eines Naturerlebnisses? Vielleicht ist der Ausdruck Handwerkszeug zu banal, aber es muss doch irgendeine Art und Weise geben, wie man den Zuschauer ansteckt?
Es geht nicht um die Beschreibung dessen, was schon im Bild ist. Wenn ein Film sehr gut ist, dann geht es um die verschiedenen Ebenen. Da ist zum einen die Bildebene. Allerdings, wenn ich selbst an das Format 16:9 denke, dann ist das im Vergleich zu dem, was wir als Menschen sehen, vergleichsweise mickrig. Ich kann dann natürlich per Tele bestimmte Sachen rausfilmen, kann die Wolken hernehmen, wie sie sich bewegen. Besonders gut ist es, wenn derjenige, der den Text schreibt, Symbole verwendet. Das sind Texte, die uns dazu bringen, noch mal eine andere Ebene zu eröffnen. Wichtiger aber ist, dass der Zuschauer das Gesehene auch verdauen kann. Wenn dann der Cutter die Bilder bekommt, und er vielleicht mit dem, der den Text verfasst hat, zusammenarbeitet, wenn die beiden verstehen, was die Bilder meinen, dann ist es optimal.

Wenn man die Leute vor der Kamera anweist, diesen oder jenen Satz zu sagen, so geht das meist daneben. Wenn man sie nicht in dem Augenblick erwischt, in dem sie etwas mitteilen, dann ist es meist zu spät. Hier hat die digitale Technik einen großen Vorteil. Weil das Filmmaterial früher so teuer war, ging man sparsam damit um. Heute lasse ich bei einem Interview die Kamera weiterlaufen. Wenn der Redakteur dann mit seinen Fragen durch ist, sage ich ihm oft: „Hast du nicht noch eine Frage, ich habe gerade so ein schönes Bild.“ Meist entsteht dann eine Pause. Viele Menschen haben ein Problem mit Pausen. Vielfach gehen aber dann die Gesprächspartner in sich, weil sie sich nicht so sehr auf die Antworten konzentrieren müssen. Aus diesem In-Sich-Gehen haben wir schon unheimlich gute Äußerungen bekommen. Ich erinnere mich an einen Dreh auf einer Hütte: Der Mann der Hüttenwirtin war vor einem Jahr in einer Lawine umgekommen. Die Schwierigkeit war, wie man das ansprechen könnte. Wann ist der richtige Moment? Wir haben dann ein ganz normales Interview geführt und es entstand eine solche Pause. Ich hab die Kamera einfach weiterlaufen lassen, und auf einmal fängt die Frau an, vom Tod ihres Mannes zu erzählen. Das ging dann wie von selbst. Dann hat das eingespielte Stärke.

Und das hättest du nie bekommen, wenn du gesagt hättest: Und das bitte noch mal, Klappe Aufnahme! Wichtig ist, dass ich nur das aufnehme, was notwendig ist. Wenn hingegen der Kameramann ständig Einstellun- gen wiederholen lässt, wird das Erlebnis Berg für die Protagonisten ein anderes sein, als wenn wirklich nur das Wichtige gedreht wird.

Was auch wichtig ist, und das betrifft die Leute hinter der Kamera: Du musst Vertrauen haben. Wenn die Menschen spüren, dass du auch Bergsteiger bist und du was kannst, dann werden sie locker. Dann werden alle zu einer Einheit. Es entsteht eine Beziehung zwischen Protagonist und Team. Wenn Vertrauen entstanden ist, dann traut sich der Protagonist, alles zu sagen, denn er weiß, ich bin hier sicher. Dieses Vertrauen darf das Filmteam natürlich nicht missbrauchen. Es ist dieses Mitgefühl, das der Kameramann überhaupt braucht. Das ist ehrlich und respektvoll. Das sind für mich die Ebenen, die in dieser Arbeit ganz, ganz wichtig sind.

Würdest du Lukas, deinem Sohn, wenn er auch Kameramann werden wollte, sagen: „Ja, das ist ein schönes Arbeiten?“
Wenn er das machen könnte, was ich bisher gemacht habe, dann würde ich sagen: „Mach’s!“ Aber ich glaube, diese Form der Arbeit ist am Aussterben. Wenn ich sehe, welche technischen Möglichkeiten es heute gibt, dann ist demgegenüber „Bergauf bergab“, wie es Hermann Magerer einmal genannt hat, „Micky Maus“. Auf der anderen Seite ist diese einfache Art, die wir mit unseren kleinen Teams realisieren, für viele Menschen sehr ansprechend. Die Schnittfolge ist eben nicht so schnell. Und manche legen einen unheimlichen Perfektionismus bei den Bildern an den Tag, da würde ich nicht sagen, dass ich Kameramann bin.

Was würdest du jemanden raten, der gerade dabei ist, ins Filmmetier einzusteigen, und hier in die Sparte Dokumentation und hier wiederum Berg- und Naturfilm?
Er muss sehr risikofreudig sein, weil es Nischen gibt – ich bin reingekommen, weil es eine Nische war und weil ich mich getraut habe, das zu machen. Es gibt viele Nischen. Und wenn er diesen Willen hat, dann würde ich sagen: „Mach’s! Und prüfe dich, worum es dir dabei wirklich geht. Willst du berühmt werden, oder ist für dich das Tun selbst das Wertvolle?“

Nur, richtige Dokumentarfilme, glaube ich, gibt es gar nicht mehr. Ich hab das mal beim ZDF erlebt. Wir haben Arbeiter in Indien auf ihrem Feld gefilmt, die hatten ganz normale T-Shirts an. Und dann hieß es, dass sie ihre Trachten anlegen müssten. Ich denke inzwischen, das ist schlecht geworden am Dokumentarfilm. Von der Redaktion aus wird festgelegt, was vor der Kamera stattzufinden hat. Was ich auch als schlimm empfinde, ist, dass man meint, immer Superlative filmen zu müssen. Wir brauchen immer etwas ganz Besonderes! Ich bin da ganz anders: Meine Erfahrung geht dahin, dass einfache Menschen unheimlich viel vermitteln können. Deswegen schätze ich einfache Menschen vor der Kamera sehr viel mehr als Bekannte und Prominente. Ein Beispiel: Ich war mit einem Bergführer unterwegs und unsere Hauptperson war ein Hotelier. Der war damals schon gut über 70. Der Louis Pirphammer. Hoppla, habt ihr nicht noch einen älteren?! Aber das war so ein toller Mann! Es war ein Erlebnis, mit ihm unterwegs zu sein. Als 14-Jährigen hatte man ihn in seiner Jugend nach Paris in ein Hotel als Liftboy geschickt, damit er Französisch lernt. Auf der Hütte hatte er dann mit anwesenden Franzosen geplaudert. Es gibt Menschen, die sind wie ein Gesamtpaket. Wenn du mit denen unter- wegs bist, und du bist nicht total daneben, dann wirst du mit ihnen ein Erlebnis haben.

Man überbietet sich gegenwärtig mit den Aufzeichnungsleistungen. Man hat 2K gehabt, jetzt ist man bei 4K, 8K kommt auf. Ich habe eine Meinung gehört, der zufolge diese superscharfen Bilder als hyperrealistisch empfunden werden. Wie stehst du zu dieser technischen Entwicklung?
Unlängst hatte Arte einen Themenabend über Kuba. Ich selbst hatte dort schon einmal gedreht. An dem Abend wurden zwei Filme gezeigt. Einer davon wurde mit der 2/3-Zoll-Optik produziert, der andere wurde mit dem Super-35-Chip aufgenommen. Die Bilder, die die aufzeichnen, wirst du selbst in natura nie sehen. Was mit der 2/3- Zoll-Kamera aufgezeichnet wurde, schon eher, aber was die Kameras mit dem 35-mm-Chip aufzeichnen, hat schon fast etwas Surrealistisches an sich. Das ist für das Dokumentarische aber schon fast ein Verlust, weil es eine Welt suggeriert, die so nicht ist. Ich könnte natürlich sagen: Ja, das ist ja gerade das Künstlerische, und die Bilder sind auch fantastisch, aber diese Kunst ist eben künstlich. Die Frage ist, wie weit vertraue ich dem Menschen? Wenn ich über ein Bild, so wie es ist, etwas vermitteln will und das Bild reicht nicht aus, dann stimmt irgendetwas anderes nicht. Bei den superschönen Bildern geht die Fokussierung weg vom Inhalt. Selbst bei sehr großen Kontrasten habe ich da noch durchgezeichnete Bilder, was bei meinem 2/3-Zoll-Chip bescheiden aussieht. Für die Arbeit im Gebirge sehe ich das ebenfalls problematisch. Du brauchst mit dem 35er-Chip mindestens doppelt so lang für die ganzen Einstellungen. Mit dem Zoom und mit dem Weitwinkel kann ich so viel verschiedene Bilder machen, und ich bin im Vergleich zu denen mit ihrem 35er-Chip viel schneller. [7543]

Im ersten Teil des Interviews erfahren Sie, wie Sepp Wörmann vom fast beamteten Fernmeldetechniker zum Bergkameramann wurde.

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