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Der Oberbeleuchter Adriano Grilli im Gespräch

Lichtsetzen als gefahrgeneigte Tätigkeit

Gerdt Rohrbach ließ sich im Interview mit Oberbeleuchter Adriano Grilli für unser Heft 11.2020 erklären, wie er sich um die Arbeitssicherheit am Set kümmert und wie sich die tägliche Arbeit durch neue Technologien ändert.

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Was ist deine Philosophie beim Lichtsetzen?
Im Unterschied zum Dokumentarfilm geht es beim Spielfilm darum, ein reales Gefühl ästhetisch zu steuern, und beim Spielfilm gibt es Gegenstände und Hintergründe, die wir berücksichtigen müssen. Wenn sich zum Beispiel ein Fenster im Hintergrund befindet, muss ich den entsprechenden Lichteinfall mit Bedacht steuern. Wenn der Lichtverlauf zu künstlich scheint, dann könnte er von unserer Geschichte und vom Schauspiel ablenken. Wir wollen aber mittels Licht die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Handlung lenken. Darin erkennst du schon meinen persönlichen Ansatz beim Lichtsetzen. Ich versuche, das reale Leben in den Augen des Zuschauers etwas satter zu gestalten. Wir streuen etwas mehr Zutaten auf das Geschehen, als sie der normale Alltag anbietet. Natürlich habe ich auch einen gewissen fotografischen Umgang mit dem Licht: Ich sehe mir an, wo der Schauspieler steht. Da muss der Fokus hin. Bewegt er sich, so betrifft das meine Lichtführung. Ich muss prüfen, ob ich nicht etwas Gegenlicht anbieten kann und bei Bedarf muss ich mit Aufhellung arbeiten. Das ist aber nur der Anfang. Jetzt achte ich darauf, ob sich das Gegenlicht gut mit dem Hintergrund mischt. Tut es das nicht, so verzichte ich lieber darauf. Stattdessen statte ich den Hintergrund mit zusätzlichen, eigenständigen Lichtakzenten aus. So bekommen wir ein Gefühl der Tiefe. Dann gilt es zu beachten, welche anderen Akteure die Wege unseres Hauptdarstellers kreuzen. Auch ist zu berücksichtigen, ob und wie sich die Kamera bewegt. In dem Augenblick ist ein fotografischer Aufbau futsch. Da genügt ganz wenig, und mein ehemaliges Seitenlicht ist kein Seitenlicht mehr.

Kannst du uns das einmal an einem Beispiel aufzeigen?
Ich kann dir das gut an meinem jüngsten Spielfilm aufzeigen. Er hat den Titel „Schlaf“. Regie führte Michael Venus. Der Film hat seine Premiere bei der Berlinale gefeiert. Dieses Bild ist typisch für die Lichtstimmung des gesamten Films. Er ist ein Thriller mit etlichen Horrorelementen. Es erwies sich als ziemlich schwierig, dieses Krankenzimmer mit der passenden Atmosphäre auszuleuchten. Wir hatten überall helle Wände, und wir hatten eine Lichtquelle im Bild. Trotzdem galt es, eine etwas gruselige Nachtstimmung zu erzeugen. Übrigens wurde dieses Bild tagsüber gedreht. Wir haben zunächst einmal ein Top-Licht eingesetzt. Das haben wir mit einer Flächenleuchte, die wir an einem Ausleger über dem Bett anbrachten, eingeleitet. Dann gibt es das unvermeidliche Gegenlicht der Wandleuchte. Es sorgt aber für eine schöne Kontur an den Haaren. Was zunächst nicht auffällt, sind die Vorhänge. Dafür wurden in Zusammenarbeit mit dem Szenenbild ziemlich lichtdichte Stoffe verwendet. Da unser Fenster sich in etwa sieben Metern Höhe über dem Erdboden befand, wollten wir auf den Aufbau eines Moltonkastens für die Abblendung des Himmellichtes verzichten. Immerhin befand sich das Fenster auf der Nordseite des Gebäudes und somit konnten wir eine Einwirkung des direkten Sonnenlichtes ausschließen.
Für den Eindruck einer Natriumdampflampe, deren Licht durch die Vorhänge dringt, haben wir eine Lampe mit einem hohen Stativ und Abspannseilen von außen gesetzt. Der Leuchtkörper stand in 7,5 Metern Höhe und etwa 1,5 Metern Entfernung vom Fenster.

Filmstill aus „Schlaf“

Wir mussten die Umgebung eines Krankenhauses gestalten, denn mit der Lichtgestaltung des Fensters nehmen wir die weitere Handlung vorweg: Als die Frau das Krankenhaus verlässt, spielt die Szene auf einem Parkplatz, den man vor Krankenhäusern üblicherweise findet. Unsere Beleuchtung muss einen bruchlosen Anschluss sicherstellen. So haben wir darauf geachtet, dass die Farbtemperatur, aber auch der Charakter des Lichteinfalls beider Szenen zueinander passen. Auf dem Bild sehen wir eine Halbtotale, wir haben aber aus der gleichen Perspektive auch einige Close-ups gedreht. Hier haben wir dann noch kleinere Lichteinheiten eingesetzt, etwa um den Augenglanz zu erzeugen.
Wenn ich also meine Philosophie des Lichtsetzens zusammenfassen soll, tue ich das am besten mit drei Fragen. Als Erstes frage ich mich: Wohin soll die Aufmerksamkeit gerichtet werden? Wie geben wir diesen wichtigen Bereich frei? Dann: Was müssen wir aus diesem Bereich alles herausschneiden? Wie du siehst, haben wir in den unwichtigen Bereichen einiges absaufen lassen. Bei Close-ups fragen wir uns dann, wie wir den Augenglanz erzielen können? Und welche Feinheiten müssen wir noch hervorheben? Und schließlich gilt es zu bedenken, ob wir zum Beispiel in der nächsten Woche noch Dreharbeiten haben, die einen Lichtanschluss erforderlich machen würden.

Adriano Grilli (Bild: Foto: O-Young Kwon // oyphoto.com)

Was ist dir an der Zusammenarbeit der einzelnen Gewerke in diesem Kontext noch wichtig?
Ich gehe bei meiner Antwort einmal von der klassischen Spielfilmbesetzung aus. Diese setzt sich aus dem Oberbeleuchter, aus dem Best Boy, dem Beleuchter und einem Lichtassistenten zusammen. Unter meiner Leitung kümmert sich der Best Boy um die technisch-logistische Übersetzung meiner Vorgaben. Er verteilt weiter die Einzelaufgaben zwischen dem Beleuchter, dem technischen Lichtassistenten und sich selbst. Gerne nehme ich auch Anmerkungen oder Einwände entgegen, weil ich dafür sorgen will, dass meine Leute aktiv mitwirken und nicht stumpfsinnig irgendwelche Ansagen ausführen. Wir reden hier von einer Situation, in der Menschen über mehrere Wochen 12 Stunden am Tag miteinander verbringen. In diesem Zusammenhang ist es äußerst wichtig bei der Zusammenstellung der Mannschaft, insbesondere bei der Besetzung der Schlüsselpositionen, darauf zu achten, wie empathisch die Leute sind. Wenn ich zum Beispiel meinen Lieblings-Best-Boy und meinen Lieblingsbeleuchter bestelle, beide aber nicht miteinander können, dann ist Krach vorprogrammiert und das Gelingen der Arbeit ist in Frage gestellt. Hinzu gibt es zu bedenken, dass der Löwenanteil unserer Kommunikation während der Arbeit über Funk stattfindet. Die ganze restliche Abteilung kann mithören. Bei Stresssituationen muss man das berücksichtigen und für vertrauliche Vieraugengespräche Zeiten und Orte finden, an denen man unter sich ist. Allein das Vieraugengespräch sorgt meistens schon für eine deutliche Verbesserung des Klimas.

Gibt es neben diesem Aspekt noch weitere Kriterien bei der Auswahl deiner Mannschaft?
Auf jeden Fall, wir sind ja nicht als Sozialpädagogen angestellt. Wir arbeiten unter Zeitdruck mit Strom, mit Lasten und mit Licht. Insofern brauchen wir elektrotechnisches, handwerkliches und logistisches Geschick, um Aufgaben durchzuführen, die einer gefahrgeneigten Tätigkeit entsprechen. [13670]

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