"Die Horrorversion des Films wäre also "Inglourious Basterds"!"

Kriegsfilm in Schwarz-Weiß: DoP Florian Ballhaus über “Der Hauptmann”

Heute also der zweite Teil von unserem Interview aus der Ausgabe 12/2017 mit DoP Florian Ballhaus über den Film “Der Hauptmann”. Für den Kriegsfilm in Schwarz-Weiß arbeitete der DoP einmal mehr mit Regisseur Robert Schwentke zusammen. Wir sprachen mit ihm für unsere Ausgabe 12/2017.

Das Lager wurde extra für den Film erbaut. Im Vordergrund Samuel Finziv als Roger, dahinter Max Hubach als Herold und Frederik Lau als Kipinski.
Das Lager wurde extra für den Film erbaut. Im Vordergrund Samuel Finziv als Roger, dahinter Max Hubach als Herold und Frederik Lau als Kipinski. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

Das aufwendigste Motiv war sicherlich das Lager?

Es war für die Ausstattung der Kernpunkt, das in einer Größe zu bauen, dass es halbwegs glaubhaft aussieht. Dabei hat das Schwarz-Weiß unglaublich geholfen. Als ich bei den ersten Anfängen des Lagerbauens zum ersten Mal Fotos gemacht habe, da sah das in Farbe aus wie eine Kleingartenkolonie. Und wenn man’s in Schwarz-Weiß macht und die Schwärzen runterzieht, hat das einen ganz anderen Effekt. Das hätte man mit unserem Budget sonst gar nicht erreichen können.

Wie lange haben Sie im Lager gedreht?

Wir haben da vier Wochen gedreht, die Hälfte. In der historischen Wahrheit waren das nur einige wenige Tage in den letzten Tagen des Krieges. Willi Herold und seine Truppe sind in das Lager gekommen, haben da diese fürchterlichen Gräueltaten verübt, bis es von den Alliierten bombardiert wurde. Dann sind sie da wieder abgerückt, haben sich in einer kleinen Stadt eingenistet und dort ihre wilden Orgien gefeiert, bis sie von Feldjägern gefasst wurden. Und dann hat die deutsche Justiz Herold mehr oder weniger freigesprochen und gesagt, das sei ja gar nicht schlimm, der hätte wenigstens für Ordnung gesorgt. Als Bestrafung haben sie ihn wieder zur Front geschickt. Davor ist er dann abgehauen, aber wurde letztlich von britischen Soldaten gefasst und später hingerichtet. Es gibt zwei Dokumentarfilme darüber, das ist teilweise noch viel erschütternder, wenn man die Zeitzeugen hört … Dagegen ist unser Film fast nett.

Schätzt die Ideen seines Teams: DoP Florian Ballhaus
Schätzt die Ideen seines Teams: DoP Florian Ballhaus (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

Es gibt dieses Bild, wo die Hauptfigur über Skelette läuft. Wie viel Gewalt darf man zeigen, wie grafisch darf man sein?

Es gibt natürlich immer erschütternde Momente, aber wir haben das extrem reduziert. Gewaltglorifizierung funktioniert – wenn sie überhaupt funktioniert, für mich funktioniert sie nicht – über ein klares Good-Guy-Bad-Guy-Klischee. Und wenn die Köpfe der Bad Guys zerfetzt werden, freuen sich alle und jubeln dann im Kino. Das gab es bei uns natürlich nicht! Die absolute Horrorvorstellung für uns war, dass irgendeiner die Gewalt unterhaltsam findet. Die Horrorversion des Films wäre also, “Inglourious Basterds” von der anderen Seite zu machen. Die lustige Truppe von zusammengewürfelten Nazis, die “auf die Kacke hauen”. Insofern sind wir wirklich sehr vorsichtig damit umgegangen. Robert ist auch jemand, der die Gewalt gar nicht liebt.

Der Titel erinnert an “Der Hauptmann von Köpenick”.

Das haben wir gar nicht zelebriert. Wir haben uns da nicht ausführlich mit beschäftigt, muss ich sagen. Parallelen zu betonen, das wäre zu “cute” gewesen. Der Bezug auf die wahren Ereignisse war viel wichtiger. Ich glaube, in der Pressemitteilung steht ein einziges Mal “Köpenickiade”.

Es war aber Ihr erster Film in Schwarz-Weiß?

Ja, ganz am Anfang meiner Kamerakarriere habe ich einen Kurzfilm auf Schwarz-Weiß gedreht, noch auf Film damals. Aber das ist der erste richtige Film auf Schwarz-Weiß.

Hauptdarsteller Max Hubach als Nazi-Hauptmann Willi Herold.
Hauptdarsteller Max Hubach als Nazi-Hauptmann Willi Herold. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

Wo ist denn im Grading der Unterschied bei Schwarz-Weiß?

Es macht wahnsinnig Spaß, weil man einfach so reduziert ist. Es ist ein ganzer Fragenkatalog, den man eben nicht hat. Es geht nur noch um Helligkeit und Kontrast. Bei Farbe  verspielt sich das viel mehr. Ich habe das oft beim Grading gemacht, wenn ich mich schwer getan habe beim Farbgrading.

Wenn es irgendwie nicht gestimmt hat, bin ich auf Schwarz-Weiß gegangen und habe mit dem Coloristen zusammen versucht, es in Schwarz-Weiß funktionieren zu lassen – und haben dann die Farbe wieder draufgelegt. Und so ist hier der ganze Film. Ich mache das Grading hier in Berlin bei Post Republic. Der Colorist Gregor Pfüller ist wirklich gut, der hat auch “Oh Boy” gegradet. Das stilisierte von Schwarz-Weiß ist so schön, dass ich mich einfach freue, nur da zu sitzen.

Ich mag ja auch Schwarz-Weiß-Fotografie viel lieber als Farbfotografie. Wir müssen für den beteiligten Sender wahrscheinlich noch eine Farbversion abliefern. Gregor hat da eine sehr schöne Lösung gefunden, also praktisch genau unser Grading so zu lassen, und dann mit 20 Prozent einen Farblayer draufzulegen. Damit ist es ganz stark desaturiert, aber genau die Entscheidungen, die wir im Grading getroffen haben, bleiben erhalten mit einem Hauch von Farbe drin.

Hat Schwarz-Weiß die Entscheidung für die Linsen beeinflusst oder war das unabhängig davon?

Das war unabhängig. Wir haben in der Vergangenheit viel mit Anamorphics gedreht, und Robert liebt das. Für diesen Film fand ich das aber nicht passend, weil das kein Look aus der Zeit ist und eher ein Action-Movie-Ding. Ich wollte das Stilisierte aufrechterhalten, dafür habe ich mit ganz geringer Schärfentiefe gearbeitet und wirklich immer alles offen gedreht. Da habe ich die Leica Summilux-C genommen, die ich sehr, sehr liebe, und von denen ich seit ein paar Jahren einen Satz besitze. Was dort zwischen Blende 1,4 und 2 in den Unschärfen passiert, ist fast magisch.

Ich gucke fast am Liebsten auf die Unschärfen, weil sie so schön sind. Zum Glück hatten wir mit Rafael Jeneral einen fantastischen Focus Puller, weil es war wirklich ein sehr schwerer Film zum Schärfeziehen. Wir haben sehr viel Handkamera gemacht und sehr viele bewegte Sachen und eben fast alles offen. Ich habe mir fast manchmal noch ein bisschen mehr Unschärfen gewünscht, die Grenzbereiche finde ich ganz spannend. Aber Rafael war so perfekt, dass man das fast nie gemerkt hat. Dann hat uns Leica zusätzlich noch einen Satz Thalia für die Alexa 65 zur Verfügung gestellt, der war da gerade rausgekommen. Mit denen konnten wir noch spielen.

Harter Dreh: Max Hubach, Regisseur Robert Schwentke und Florian Ballhaus.
Harter Dreh: Max Hubach, Regisseur Robert Schwentke und Florian Ballhaus. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

Hatten Sie ein Lieblingsobjektiv bei dem Film?

Robert liebt ja extrem die Weiten und würde am liebsten alles auf einem 18er drehen. Was ich bei dem Film wirklich sehr geliebt habe, war eben auch das 21er weit offen. Also man schafft es eben noch, dass nicht alles scharf ist, man hat trotzdem dieses sehr nah dran, sehr Kurzbrennweitige, aber nicht diese penetrante Schärfe. Bei Robert ist es eigentlich immer im weiten Bereich – je weiter, desto besser. Wenn er schlechte Laune hat, dann muss man das kürzeste Objektiv rausholen und kann damit sofort seine Laune auffrischen.

Sie wirken so uneitel.

Ja, Robert ist eben ein sehr visueller Mensch. Er hat sehr starke Vorlieben und Sachen, die er eben nicht mag. Es gibt immer Diskussionen bei uns, es gibt viele Sachen, wo ich dann auch unnachgiebig bin. Aber der Spaß bei unserer Zusammenarbeit ist, dass wir teilweise – wenn man so viel zusammengearbeitet hat – über den eigenen Bereich hinaus aufeinander einwirkt.

Also Robert spricht mit mir über Licht und ich spreche teilweise mit ihm über Schauspieler und anderes. Alles, was ich mit Robert gemacht habe, waren visuell eigentlich die interessantesten Filme. Also insofern bin ich da gerne uneitel. Es macht immer wieder auch Spaß mit Leuten, die einem den kompletten Freiraum lassen. Aber ich mag eben dieses Kollaborative sehr gerne! Ich mache deswegen sehr gerne Kamera und nicht Regie, weil ich gut finde, wenn ich nicht die letzte oder beste Idee haben muss.

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Der Film “Der Hauptman” wurde von der Deutschen Filmakademie für insgesamt fünf Deutsche Filmpreise nominiert. Darunter:

Bester Film

Bester Schnitt – Michał Czarnecki

Beste männliche Nebenrolle – Alexander Fehling

Beste Filmmusik – Martin Todsharow

Beste Tongestaltung – Eric Devulder, André Bendocchi Alves, Martin Steyer

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