Interview mit Jan Heilig und Firas Al Shater

Geflüchtete vor und hinter der Kamera

Mit der Zahl der Flüchtlinge stieg die Zahl der TV-Beiträge von Grenzübergängen und aus Flüchtlingsheimen. Fremdsprachige Programme der deutschen Sender für die neuen Zielgruppen folgten. Noch einen Schritt weiter gehen der Berliner Filmemacher Jan Heilig und sein syrischer Kollege Firas Al Shater. Mit der Filmsatire „Syria Inside“, die mit der Unterstützung syrischer Künstler vor Ort entstand und dem YouTube-Kanal ZUKAR brechen sie mit den Sehgewohnheiten. Wir berichteten über beide Projekte in der Ausgabe 6/2016.

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(Bild: Jan Heilig)

Firas, Du hast in Syrien eine Schauspielausbildung gemacht und dann Filme realisiert. Wie kam es zum Wechsel von „vor der Kamera“ zu „hinter der Kamera“?

Firas Al Shater: Ich hatte in Syrien eher dokumentarisch gearbeitet und bin erst in Deutschland zur filmischen Satire gekommen, so wie ich sie jetzt in meinem YouTube Kanal ZUKAR präsentiere.

Die ZUKAR-Folge mit dem „Alexanderplatz-Clip“ hat mittlerweile Hunderttausende von Aufrufen und der Kanal zahlreiche Abonnenten. Bei nationalen und internationalen Medien bist Du als Interviewpartner gefragt. Wie erklärst Du Dir den Erfolg von ZUKAR?

Firas Al Shater: Ich glaube, dass die Menschen von der Berichterstattung über Flüchtlinge mittlerweile oft gelangweilt sind. Ich wollte das Thema in einer anderen Tonart angehen, mit Humor, Lachen und Satire. Damit erreicht man mehr Zuschauer und setzt dem oft hasserfüllten Ton in der Gesellschaft etwas entgegen.

Wie produziert ihr ZUKAR?

Firas Al Shater: Wir produzieren ZUKAR zu viert: Kamera, Schnitt und ich. Dazu kommt Jan Heiliger als Producer und Regisseur. Wir entwickeln gemeinsam die Ideen, schreiben und diskutieren das Script gemeinsam. Oft kommen mir beim Dreh selbst noch einmal neue Ideen.

Wie finanziert ihr ZUKAR? Bei entsprechend vielen Aufrufen schüttet YouTube doch auch Anteile an den Werbeerlösen aus?

Firas Al Shater: (lacht) Das waren in zwei Monaten vielleicht mal 100 Euro. Nein, wir finanzieren ZUKAR privat. Wir haben auch keine Sponsoren, deren Kosmetikartikel, Kleidung oder Schmuck wir in die Kamera halten. Mit solchen Dingen wird bei YouTube wesentlich mehr Geld verdient.

TV-Sender wie ProSieben, Sat1, Endemol oder die Bavaria locken erfolgreiche YouTuber zunehmend in ihre Programme. Du produzierst bereits Clips zum Beispiel mit Constantin Schreiber von n-tv / Marhaba oder Dunja Hayali. Hast Du auch selbst bereits Angebote etablierter TV-Sender bekommen?

Firas Al Shater: Tatsächlich haben wir vier oder fünf Angebote für verschiedene Formate bei TV-Sendern vorliegen und müssen uns jetzt in aller Ruhe überlegen, wie wir damit weitermachen. Das ist aber in der Verhandlung.

Wird ZUKAR auch in Syrien selbst wahrgenommen. Produziert ihr eine arabischsprachige Ausgabe, oder untertitelt ihr arabisch?

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Mit ZUKAR zum YouTube-Star: Firas Al Shater Foto: Juuso Santala (Bild: Jan Heilig)

Firas Al Shater: Wir machen hier im Büro für alle Videos eine arabische und eine englische Übersetzung. Für manche Ausgaben erstellen Follower dann auch französische, spanische oder weitere Übersetzungen.

Du selbst hast Dich gerade für einen Studienplatz an der Filmhochschule in Babelsberg beworben. Wie beurteilst Du die Chancen der Medienleute unter den Geflüchteten, hier in die deutsche Medienszene einzusteigen?

Firas Al Shater: Das ist eher schwierig. Vor allem wegen der Sprache. Die spielt in Medienberufen ja eine noch größere Rolle als in anderen Jobs. Trotzdem studieren einige meiner Freunde an der Medienuni in Hamburg. Im umgekehrten Fall, wenn Deutsche in den syrischen Medien produzieren wollten, wäre das aber sicher ähnlich kompliziert.

Aber es gibt doch bereits eine Reihe von fremdsprachigen Programmplätzen in den deutschen Medien – von Marhaba, über refugees.ard.de bis zu Shababtalk bei der Deutschen Welle. Sind das gute Einstiegsmöglichkeiten für geflüchtete Medienleute?

Firas Al Shater:Wenn Produktionen in arabischer Sprache mehr Aufmerksamkeit bekämen, wäre das eine gute Gelegenheit. Obwohl weit über eine Million arabischsprachiger Menschen hier wohnen, gibt es inzwischen nicht mal mehr die Möglichkeit den Führerschein in arabischer Sprache zu machen, oder an einem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn eine arabische Beschreibung zu lesen.

Jan, Du produzierst mit Deiner Firma filmbit ZUKAR, den YouTube-Kanal mit Firas Al Shater, wie kamst Du zu dem Thema Flüchtlinge?

Jan Heilig: Mich haben immer soziale Themen beschäftigt und so wurde ich zum Filmemacher für NGOs. Meine Kunden sind die Caritas, der BUND, Amnesty, die Johanniter, der WWF, aber auch die große europäische Startup-Plattform EIT Digital. Filmbit selbst gibt es seit neun Jahren. Wir haben neben dem nationalen auch einen internationalen Fokus, produzieren zum Beispiel für die „Tierärzte ohne Grenzen“ in Kenia, aber auch für die „Clowns ohne Grenzen“ hier in Deutschland. Dabei habe ich beobachtet, dass extra für solche Drehs oft teure Kameraleute aus den USA eingeflogen werden – die Bill Gates Stiftung zum Beispiel macht das so. Das ist keine gute Compliance und deshalb habe ich Betterimageclip, ein Netzwerk lokaler DSLR-Filmemacher gegründet. Der Deal ist, dass ich die Jobs verteile und jeder gleich viel verdient – egal ob er in New York, Adis Abeba oder Thailand sitzt. Sozusagen das Prinzip Fairtrade auf die Medienszene angewendet. Finanziert durch die, die normalerweise mehr haben. Zudem kann ich so an einem Tag gleichzeitig an 10 Orten drehen. Diese Sinnhaftigkeit haben viele Kollegen sofort verstanden und haben sich angeschlossen.

Du hast die Mockumentary „Syria Inside“ produziert, bei der auch Firas mitarbeitete. Wie kam es dazu?

Jan Heilig: Beim arabischen Frühling, beziehungsweise bei der syrischen Revolution hatte ich schnell das Gefühl: Das ist ein historischer Moment, ähnlich wie der Mauerfall. Das wollte ich begleiten. Wie sehr uns das Thema hier in Europa dann direkt betreffen würde, war damals noch nicht allen klar. Ich habe dann Kontakt zu Filmemachern und Aktivisten in der arabischen Welt gesucht, habe mich in Cannes mit jungen Leuten aus der Szene getroffen, lernte viele filmische Autodidakten kennen, Menschen, die als Schauspieler, Designer, Autoren plötzlich erstmals eine Kamera in die Hand genommen haben. Für mich als Filmemacher total spannend. Es gibt dort zwar auch eine staatliche Filmausbildung, die führt aber zu einem Staatsfernsehen, das reines Propaganda-TV ist, schlimmer noch als Russia Today. Zwar hat Syrien eine Film- und vor allem eine große TVund Soap-Produktion, aber trotzdem löste nicht eine junge Filmemacher-Generation eine ältere ab, sondern Video-Blogger mit eher globalen Wurzeln haben das Filmen im Land übernommen. Gleichzeitig haben Satire und schwarzer Humor in Syrien eine Tradition, ähnlich wie der subversive Witz in der ehemaligen DDR. Diese Leute arbeiten extrem selbstorganisiert, schnell und lösungsorientiert. Sie besorgen sich neueste Plug-ins über das Netz oder probieren Magic Lantern auf der DSLR aus. Das ist typisch für diese Szene. So wuchs auf den Ruinen einer zerstörten Gesellschaft eine ganz neue Filmlandschaft, aus dem Samen des Internets sozusagen.

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(Bild: Jan Heilig)

Wie können wir uns diese Produktionen vorstellen. Hast Du ein konkretes Beispiel?

Jan Heilig: „Syria Inside“ enthält unter anderem einen Clip, den Filmemacher – unter Beschuss – in der belagerten Stadt Homs gedreht hatten und der satirisch zeigt, wie sie vergeblich auf Verstärkung und Munition warten.

Wie kann man unter aktuellen Umständen überhaupt in Syrien arbeiten? Ihr habt ja keine aktuelle Berichterstattung im eigentlichen Sinne gemacht?

Jan Heilig: Auf der Suche nach einem Kollegen vor Ort, der mich bei einem Film über Syrien unterstützen sollte, traf ich den Aktivisten Tamer Alawam. Er wiederum suchte einen Produzenten. Ich schlug vor, als kultureller Übersetzer und Unterstützer mit ihm zu kooperieren. Die Beiträge sollten aber von ihm kommen. Gemeinsam haben wir dann eine Storyline entwickelt, die – wie die Revolution in Syrien selbst – sehr episodenhaft und schwarz humorig sein sollte. Ich arbeitete von der Türkei aus. Tamer war in Nordsyrien mit der deutschen Kamerafrau Claudia Ruff zum Drehen unterwegs. Bei ihrer zweiten Reise wurde er in Aleppo Opfer einer Granate und starb nach einer Nacht in einem kleinen Feldlazarett. Claudia brachte das Material aus Syrien mit. Eigentlich wäre unser Projekt damit erledigt gewesen. Dann machten mich Aktivisten mit Firas bekannt, einem syrischen Filmemacher, der zwischen Syrien und der Türkei pendelte und von kleinen Medienzentren aus arbeitete. Firas sprang ein und drehte etwa die Bilder der Wandmalerei mit der die syrische Revolution begonnen hatte. Damals hatte ein 14-Jähriger an eine Wand gesprayt „Jetzt sind Sie dran, Hr Doktor“. Gemeint war damit Bashar al- Assad, der ja Augenarzt war. Der Junge wurde inhaftiert und zu Tode gefoltert – das löste die ersten Demonstrationen aus. Firas brachte diese Bilder und einige Interviews mit Kindern mit nach Deutschland. Ich hatte ihn über ein ganz einfaches dreimonatiges EU-Arbeitsvisum hierhergeholt.

Wie muss man sich solche Medienzentren in Syrien vorstellen? Wie sind die ausgestattet?

Jan Heilig: Das sind kleine lokale Zusammenschlüsse von vier oder fünf Menschen, die einerseits mit einfacher Ausrüstung, DSLR-Kameras und Macs als Schnittplätzen, Beiträge aus ihrer Region erstellen und andererseits Spendengelder für ihre Arbeit akquirieren. Andere Syrer haben in zum Beispiel in Kairo, Beirut oder Brüssel oppositionelle Medienprojekte gestartet, etwa Abounaddara Films oder Orient TV. Abounaddara hat sich dem hochwertigen Kunstfilm gewidmet, war sogar nach Cannes eingeladen. Ein anderer wichtiger Name ist Rami Jarah. Der Journalist berichtete live aus Aleppo. Als er in der Türkei inhaftiert wurde, gab das eine riesige Solidaritätswelle, die bis nach Hollywood reichte.

Wie würdest Du „Syria Inside“ beschreiben? 50 Minuten stehen frei auf YouTube, den vollen Stream muss man zahlen.

Jan Heilig: Es ist weniger ein Mockumentary. Eher ein Statement der jungen syrischen Filmemacher. Ähnlich wie die syrische Revolution selbst, sehr episodisch und schwarzhumorig. Tamer Alawam sollte, quasi als Showmaster, durch ein Programm mit zahlreichen, vor Ort entstandenen Clips führen. Nachdem er gestorben war, haben dann zwei bekannte syrische Comedians, die Malas-Twins (Ahmed und Mohamed Malas) diesen Part übernommen. Gleichzeitig reflektiert der Film aber auch die westliche Sicht auf den Konflikt, quasi aus der westlichen Bubble heraus.

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„Syria Inside“ kommentiert das bittere Kriegsgeschehen mit beißender Satire.

Wie kam es zu Eurem YouTube- Kanal ZUKAR?

Jan Heilig: Die richtige Idee zur richtigen Zeit, könnte man sagen. Firas hatte bereits den inzwischen weltweit bekannten Clip auf dem Berliner Alexanderplatz gedreht. Wir haben dann hier eine Moderation dazu aufgenommen. Firas reagiert mit seinem Witz und seiner Menschenfreundlichkeit unmittelbar auf die mittlerweile extrem polarisierte Flüchtlingsdiskussion hier. Das ist ein komplett neuer Tonfall.


Die Homepage von „Syria Inside“:

www.syria-inside.com

Der YouTube-Kanal von ZUKAR:

www.tinyurl.com/Zukar-YouTube

Netzwerk Betterimageclip von Jan Heilig:

www.betterimageclip.de

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