Editorin Mechthild Barth montierte das Familienporträt „Mamacita“

Filmische Annäherung im Schnittraum

„Mamacita“ kommt am 27. Juni in die deutschen Kinos und ist eine Begegnung des mexikanischen Regisseurs José Pablo Estrada Torrescano mit seiner fast 100-jährigen Großmutter. Die Form dieser Dokumentarerzählung schälte sich erst nach und nach im Schnitt heraus. Für unsere Ausgabe 7-8/2019 sprachen Schnittmeisterin Mechthild Barth und Regisseur Torrescano, der mittlerweile in Düsseldorf lebt,mit uns über die Arbeit an dem sehr persönlichen Film.

 

Mechthild Barth vor dem Rechner

Als Mechthild Barth zum Schnitt von „Mamacita“ dazukam, hatte das Projekt bereits einige Jahre auf dem Buckel. Regisseur José Pablo Estrada Torrescano hatte schon einige Jahre an dem filmischen Porträt seiner Großmutter geschnitten – einzelne Szenen, an denen er nur in seiner freien Zeit arbeiten konnte. „Er hatte 50 Minuten und war im Tal der Schmerzen angekommen“, schmunzelt Barth.

EIN LANGER WEG

Das Projekt startete 2013 mit einer Crowdfunding-Kampagne, aber seine Genesis liegt noch weiter zurück. Als Torrescano nach Prag ging, um Film zu studieren, musste er seiner Großmutter versprechen, dass er einmal einen Film über sie machen würde. María del Carmen Torrescano, Jahrgang 1918, hatte in Mexico City ein Schönheitsimperium aufgebaut, in dem auch ihre Töchter arbeiten und sie wollte ihre Erfolgsgeschichte festhalten. Am Ende seines dreijährigen Filmstudiums erzählte Torrescano seinen Professoren von seiner Großmutter – und stellte fest, dass die sehr neugierig waren.
„Die ursprüngliche Idee wäre gewesen, einen narrativen Film über Mamacita zu machen. Es wäre ein Biopic gewesen, etwas überspitzt und lustig“, erinnert sich Torrescano. „Aber als ich mich hinsetzte, um Szenen zu schreiben, merkte ich, dass ich gar nicht so viel weiß. Meine Mutter starb jung, und sie hatte mir keine Geschichten über Mamacita erzählt.“ Eine selbstpublizierte Autobiographie der Selfmade-Frau half auch nicht, weil vieles darin übertrieben schien. Also wollte sich Torrescano auf den Weg nach Mexiko zu der mittlerweile über 90-jährigen Großmutter machen, um dort Material und Interviews zu sammeln. „Nach und nach dachte ich aber, dass ein narrativer Film sehr teuer wäre. Mich kennt ja auch keiner“, erzählt er. Stattdessen beschloss Torrescano also, seine Recherchen für einen Dokumentarfilm aufzuzeichnen. Über Indiegogo sammelte er 23.000 Dollar und reiste für drei Monate nach Mexico City. Zurück kam er mit ungefähr 200 Stunden Material.
Nach einigen Jahren Schnittarbeit bewarb sich Torrescano bei dok.incubator, einem Dokumentarfilmer-Workshop, und wurde angenommen – unter der Voraussetzung, dass er nicht Regie, Schnitt und Produktion in Personalunion machen würde. Über Crew United suchte er nach einer Editorin, die Spanisch spricht, und fand Mechthild Barth, die in Kuba studiert hatte. „Ich schickte ihr den Film und sie antwortete mit vielen Punkten, über die ich nie nachgedacht hatte“, erzählt Torrescano. Die beiden trafen sich in Berlin, um einige Tage mit dem Material zu arbeiten und über das Projekt zu reden. „Da konnten wir uns gut synchronisieren, wie weit wir vom Humor zusammenpassen. Und die 50 Minuten haben einen guten Eindruck gegeben, welche ästhetische Sprache José Pablo spricht“, sagt Barth. In zwei Wochen erarbeitete sie einen zweistündigen Rohschnitt, der beim dok.incubator-Workshop gezeigt wurde.
„Ich glaube, ich war noch nie so aufgeregt, einem Regisseur einen Rohschnitt zu zeigen“, erinnert sich die Editorin. Im Material fand sie zum Beispiel eine Szene, in der der Regisseur seine Großmutter fragt, ob sie ihre Töchter geschlagen habe. Sie bestätigt und fragt, wer ihm das erzählt habe – und er meint, niemand, aber seine Mutter habe ihn geschlagen und er nehme an, sie habe es von Mamacita gelernt. „Das habe ich reingenommen, aber ich hatte gar keine Zeit gehabt, das mit José Pablo abzusprechen“, erzählt Barth. „Deswegen war ich so aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie weit er bereit ist, sich zu öffnen. Aber da war er wirklich sehr vertrauensvoll.“

Mechthild Barth am Rechner mit Regisseur José Pablo Estrada Torrescano
Mechthild Barth (links) und José Pablo Estrada Torrescano (rechts) mit den Mentoren des dok.incubator-Programms (Foto: Mechthild Barth)

EINE FILMISCHE ANNÄHERUNG AN DIE GROSSMUTTER

Man merkt an einer solchen Szenenbeschreibung, dass „Mamacita“ kein gewöhnliches Porträt einer Geschäftsfrau ist und auch keine banale Biographie. Stattdessen fing Torrescano das Leben einer eigenwilligen, mitunter sehr störrischen alten Dame ein, die mal schrullig-liebenswert wirkt und mal ganz harsch mit ihrer Umwelt umspringt. Sie lebt in einem großen Anwesen, das mit unglaublichem Prunk vollgestellt ist, und wird von mehreren Bediensteten umsorgt, die teilweise schon mehrere Jahrzehnte für sie arbeiten.
So erzählt der Film von einer Reise in die Welt dieser Frau, die mitunter ganz absurd wirkt: Gleich zu Beginn schickt sie ihren Enkel zum Friseur, weil sie seinen lässigen Haarstil unmöglich findet; später betrachtet die Mittneunzigerin ein altes Bild von sich im Bikini und meint, das sei gar nicht lange her. „Sie glaubt das wirklich“, schmunzelt Torrescano. Aber dann taucht er in die Familiengeschichte ein und muss feststellen, dass seine Großmutter noch immer darunter leidet, dass sie sich als Kind eines Inzests nie geliebt gefühlt hat.

Für die ersten zwei Wochen hatte der Regisseur zwei Kameras und einen Tonmeister dabei, stieß aber damit schnell auf Probleme mit seiner Hauptdarstellerin. „Das waren zu viele Leute. Da fühlte sich Mamacita unwohl, und sie sagte: ,Wollen Sie etwas trinken? Wollen Sie etwas essen? Setzen Sie sich doch!‘ Sie sprach mit ihnen wie mit normalen Gästen“, erinnert sich Torrescano. Ein Problem war auch, dass für die zweite Kamera und den Ton Frauen zuständig waren: „Mamacita kann keine anderen Frauen in unmittelbarer Nähe neben sich ertragen, das geht nicht – die muss mit der Kamera flirten, und Frauen sind Konkurrenz für sie“, lacht Barth. Also reduzierte Torrescano die Crew auf nur einen Kameramann, der sich still im Hintergrund hielt. Wenn zwei Kameras benötigt wurden, wurde eine einfach auf ein Stativ gestellt.
Noch vor den Dreharbeiten sah es zweimal so aus, als wäre das Ende der 95-jährigen Frau nah. „Sie erzählte sogar, dass sie ihren Körper verlassen und ihn von außen gesehen habe“, erzählt Torrescano. „Aber das half in gewissem Sinne dem Film, weil sie sich richtig geöffnet hat. Sie sagte: ,Ich weiß, dass ich sterben werde, und ich werde euch alles geben.‘ So war sie früher nie.“
Dennoch war sie es, die entschied, worüber sie reden würde und worüber nicht: An einer Stelle wollte sie nicht weiter filmen, weil sie sich von der Frage ihres Enkels angegriffen fühlte, ob es etwas in ihrem Leben gäbe, das sie bereut. „Da war klar: Wenn er weiter nachbohrt, dann hätte die einfach die Tür zugemacht, dann wäre der Film vorbei gewesen. Es ist ganz klar Mamacita, die den Takt vorgegeben hat“, meint Barth.

Lesen Sie hier mehr über die Herausforderungen die auf Mechthild Barth während des Schnittes zukamen und welche Rolle der Regisseur in der finalen Fassung spielt.

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