"Früher beim Film hatte man einfach noch den besten Platz an der Kamera."

DoP Florian Ballhaus im Interview zu “Der Hauptmann”

Seit heute in den Kinos – “Der Hauptmann” von Regisseur Robert Schwentke und DoP Florian Ballhaus. Anfang Oktober wurde Florian Ballhaus für seine Arbeit an dem düsteren Kriegsfilm in San Sebastian mit dem Jurypreis für die Beste Kamera ausgezeichnet. Im Gespräch mit Gisela Wehrl erzählt der DoP in diesem Interview aus der Ausgabe 12/2017 von dem kompromisslosen Projekt, dem Grading für Schwarz-Weiß und warum er kein Alleinherrscher sein will.

DoP Florian Ballhaus entschied sich gegen die Alexa B&W, um im Grading mehr Spielraum zu haben.
DoP Florian Ballhaus entschied sich gegen die Alexa B&W, um im Grading mehr Spielraum zu haben. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

Ein italienisches Restaurant in Charlottenburg, wo Florian Ballhaus seit Jahren eine kleine Wohnung hat. Nachmittags wird es mit dem Grading von „Der Hauptmann“ weitergehen. Fasziniert von der Wucht und Härte der Bilder, ist das Gespräch in Medias Res, noch bevor das Aufnahmegerät läuft.

Florian Ballhaus: … es gibt keine “Good Guys”.

Gisela Wehrl: Meist ist es dann die Hauptfigur, die – anders als die anderen – noch einen moralischen Kodex hat.

Florian Ballhaus: Der moralische Kodex geht hier sehr schnell verloren. Es ist wirklich ein sehr harter Blick auf die Zeit. Es gibt anfangs natürlich Sympathieelemente und Figuren, die wir mehr mögen als andere. Und der Film erklärt, wie das alles passiert, aber das löst sich dann so weit, dass man wirklich nur noch dasitzt und fassungslos denkt: “wow” … Dadurch, dass es auf einer wahren Geschichte basiert, ist es noch erschütternder.

Robert hat einen sehr unvorsichtigen Film gemacht, der ohne Gebrauchsanweisung sagt: „Das war. Und das können Menschen.“ Es ist schwierig, weil wir darauf trainiert sind,  dass man sich eine Person sucht, die man mag. Selbst der Crew ist das schwergefallen. Wir haben relativ chronologisch gedreht, und den Hauptdarsteller Max Hubach haben alle geliebt. Am Anfang ist er im Film noch relativ unschuldig, und dann wurde es für uns alle immer schwerer, wie er als Figur Willi Herold immer brutaler wurde.

Gisela Wehrl: Hat diese Figurenentwicklung Auswirkungen auf Ihre Kamera?

FB: Für uns war das ein großes Thema, dass wir keinen Film machen, in dem wir nur das Leid der Täter zeigen, aber nicht das Leid der Opfer. Man muss die Opfer mit einbeziehen – und sich dementsprechend dann vom Täter distanzieren, auch visuell, weil ich als Zuschauer irgendwann nicht mehr in seinem Kopf sein will.

Robert war da sehr konsequent und hat einfach relativ wenig Kamerabewegungen gewollt, auch nicht die klassischen Zufahrten auf jemanden, nach dem Motto: Was denkt er jetzt? Und was passiert gerade? Sondern es gibt oft ein distanziertes Zuschauen. Das macht es teilweise schwer beim Zuschauen, aber es ist die korrekte Herangehensweise, finde ich, weil man sich irgendwann nicht mehr so in diese Person reinbegeben kann und das muss man visuell widerspiegeln.

Nachtszene im Lager: ARRI Alexa im Low Mode an der Steadicam.
Nachtszene im Lager: ARRI Alexa im Low Mode an der Steadicam. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

GW: Hat die Distanzierung mit der Entscheidung für Schwarz-Weiß zu tun?

FB: Das hatte sicher damit zu tun. Die Idee der Stilisierung sozusagen, das Abrücken, damit wir es nicht nur Eins-zu-Eins zeigen, als würden wir es erleben. Das Schwarz-Weiß hilft, glaube ich, eine gewisse Härte dieser Zeit zu zeigen. In den ersten paar Bildern hat man sofort das Gefühl: Okay, das erkennen wir, das ist nicht jetzt, sondern da weht ein ganz anderer Wind. Wir haben es bewusst sehr kontrastreich gemacht, sehr düster, klassisch schwarzweiß, nicht weiche Kontraste, sondern sehr kontrastreich, mit Tiefenschwärzen und so weiter. Ich glaube, das geht ganz gut auf. Für mich hätte es schwer funktioniert, das mit einer modernen Farbfotografie zu erzählen.

GW: Sie haben auf der ARRI Alexa gedreht?

FB: Mein cooler Wunsch war, den ganzen Film auf der Alexa 65 zu drehen. Ich habe den Test gedreht mit Alexa Black&White, der normalen und der 65er im Vergleich. Und habe dann versucht, so zu graden, dass die dann in etwa gleich aussehen. Und ich fand, die Schwarz-Weiß-Kamera sieht schon toll aus, aber man hat halt viel weniger Möglichkeiten, später im Grading Einfluss zu nehmen, weil wir nicht zurückgehen und eine Farbe isolieren können.

Wir haben es nach langem Hin und Her geschafft, dass wir die Anfangssequenz auf der 65er gedreht haben. Das hätte ich mir für den ganzen Film gewünscht. Das war natürlich bei dem Budget nicht möglich … allein das ganze Datenwrangling hätte uns wahrscheinlich umgebracht.

GW: Schwenken Sie noch selber?

FB: Nee, das habe ich mir komplett abgewöhnt. Ich war früher Schwenker und habe, als ich angefangen habe, Kamera zu machen, selber geschwenkt. Aber ich mache das gar nicht mehr gerne, weil die Entscheidungen jetzt vor dem Monitor getroffen werden. Im Digitalen sieht man dort ein viel besseres Bild als im Sucher. Früher beim Film hatte man einfach noch den besten Platz an der Kamera – der Kameramann war der Magier.

Kein Alleinherrscher: Schwenker Florian Emmerich und DoP Florian Ballhaus besprechen die Kadrierung.
Kein Alleinherrscher: Schwenker Florian Emmerich und DoP Florian Ballhaus besprechen die Kadrierung. (Bild: Foto: Weltkino, Filmgalerie 451 – Julia Müller)

In der Filmzeit waren sie die einzigen, die wussten, wie das mal auf Film aussehen wird. Die Hüter des Geheimnisses. Und einige haben das zelebriert und ausgenutzt, um ihre Rolle zu überspitzen. Ich bin da eher demokratisch, ich muss nicht Alleinherrscher sein. Wenn jemand eine gute Idee hat, die besser ist als meine, dann ist das immer gut. Mit Florian Emmerich hatte ich einen fantastischen Schwenker und Steadicam-Operator, mit ihm habe ich vor vier Jahren schon “Die Bücherdiebin” gedreht und er hatte zum Glück wieder Zeit. Durch ihn ist da eben eine kreative Stimme mehr, die Ideen beiträgt, gerade bei Handkamera.

GW: Sie waren das letzte Mal bei “Eierdiebe” (2001), “Flightplan” (2004) und “Die Bücherdiebin” (2013) in Deutschland. Wie ist das für Sie, wenn Sie hier drehen?

FB: Für mich ist es ein großer Luxus. Ich bin zwar eigentlich in Deutschland aufgewachsen, aber in der Filmbranche und am Set in Amerika. Ich bin sozusagen erst als Re- Import wieder hergekommen, als ich angefangen habe, selber Kamera zu machen. Ich habe das immer sehr genossen, als Balance zu dem Hollywood-Ding. Ich mag unheimlich diesen Spirit in deutschen Teams, das Improvisationsvermögen, dass die Leute einfach mitdenken und niemand auf seinem Territorium beharrt.

Und so schafft man es auf einmal mit wirklich sehr viel weniger Leuten, engagierten Leuten, unheimliche Sachen zu bewegen. Mit einer Crew, die halb so groß war wie in Amerika, und natürlich einem Budget, bei dem wir uns Licht-Ausrüstung nicht leisten konnten, die in den USA schon längst Standard sind. Wir mussten überall Abstriche machen, aber das hat sich nie gerächt. Robert hat das, glaube ich, als ganz, ganz großes Glücksgefühl empfunden, ein Reinigungsprozess nach diesen Hollywood-Filmen, ein bisschen Back-to-the-Roots.

GW: Worauf mussten Sie beim Equipment verzichten?

FB: Was das Kameraequipment angeht, waren wir auf dem neuesten Stand, aber das Lichtpaket entsprach keinem großen US-Spielfilm. ARRI war extrem entgegenkommend, aber da kann man halt dann nicht acht Wochen lang nur 18 KWs mitnehmen. Sondern wir haben überlegt, was kostet weniger pro Brennerstunde. Über solche Details denkt man bei größeren Filmen gar nicht mehr nach. Dort denke ich dafür oft, dass es nichts Frustrierenderes gibt als diese Tatsache: Von dem Team, das bei einer großen Hollywood-Produktion die ganze Zeit nur rumsitzt, könnte man wahrscheinlich drei kleine Indie-Filme parallel drehen – und niemand würde es merken.

Morgen gibt es hier für Sie den zweiten Teil des Interviews mit DoP Florian Ballhaus zum Film “Der Hauptmann”.

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