Interactive Living Documentary

Die Geschichte weitererzählen

Mit „Field Trip“ erprobt ein Team um die Berliner Filmemacherin Eva Stotz das neue Format des „Interactive Living Documentary“. Bei diesem Projekt kann das Publikum selbst eigene Beiträge hinzuzufügen und die Geschichte so weiterschreiben. Zudem ist „Field Trip“ eine Open Source-Produktion, aus der man Inhalte übernehmen kann. Gunter Becker berichtete in unserem Heft 1-2.2020.

(Bild: Tony Webster)

Der erste Eindruck von „Field Trip“ ist nicht besonders spektakulär. Nach einem eingängigen Intro, das man mit einem Klick überspringen kann, erscheint eine Vogelperspektive des Tempelhofer Feldes, das bis 2008 der Zentralflughafen Berlin Tempelhof war. Darauf liegen verteilt kleine Icons, die man anklicken kann. Hinter diesen Icons verbergen sich kurze Filme, die Menschen porträtieren, deren Geschichten mit dem Feld verbunden sind. Über einen kreisrunden Play-Button am Bildrand sieht man die Restzeit der Episode und kann mit Klick auf eine spezielle Markierung umsteigen in andere Geschichten, die thematisch verbunden sind.

Hinter diesem scheinbar einfachen Szenario verbergen sich jedoch mehr als 80 Jahre Zeitgeschichte und drei Jahre Arbeit der Filmcrew um Regisseurin, Autorin und Produzentin Eva Stotz, Interaktivitäts-Produzent Frederic Dubois, Creative Technologist Joscha Jäger und Producerin Svenja Klüh.

Das Tempelhofer Feld ist ein „aufgeladener Ort“ ganz nach dem Geschmack von Filmemacherin Eva Stotz. Sie erzählt in ihren Dokumentationen gerne von solchen Plätzen. Bereits 2004, als der Flughafen Tempelhof noch in Betrieb war, beobachtete sie Menschen, die am Rande des Flugfeldes von der Ferne träumen. 2013 schilderte sie dokumentarisch, wie sich der Istanbuler Gezi Park in ein Mini-Universum der widerständigen Teile der türkischen Gesellschaft verwandelte. Einem größeren Publikum ist Stotz 2008 mit ihrem Dokumentarfilm „Sollbruchstelle“ bekannt geworden, für den sie den Förderpreis des Deutschen Fernsehpreises bekam.

Geschichten auf dem Gras

Das Tempelhofer Feld ist eine Grasfläche, die noch nie bebaut war, und auf der unzählige Geschichten schlummern, aus ganz verschiedenen Zeiten. Schon die schiere Ausdehnung der 220 Hektar Grün und Asphalt ist bezüglich einer Visualisierung eine Herausforderung. „Wenn du dort stehst, siehst du 360 Grad nur Asphalt, Grasfläche, Himmel und unterschiedliche Lichtstimmungen. Diese Leere, dieser ,Nichtraum‘, ist nicht einfach zu drehen“, beschreibt Stotz die Herausforderung.

In seiner Leere ist das Feld aber auch eine Projektionsfläche für Schicksale: etwa die DDR-Aussiedlerin, die früher über Tempelhof in den Westen ausreiste, der Geflüchtete, der heute im Flughafengebäude festsitzt und endlich hinaus in ein normales Leben möchte. Dazu Menschen, die auf dem Feld Freizeit und Sport machen oder ein Immobilienmann, der auf die Bebauung der Freifläche spekuliert. Um deren Leben auch außerhalb des Feldes sinnlich greifbar zu machen, arbeitete Stotz in die Episoden auch Archivmaterial ein.

Wirklich neu an der Produktion ist, dass „Field Trip“ als Dokumentarformat unter einer Creative Commons-Lizenz (CC) online steht. Das bedeutet, dass die Lizenzgeber zwar das Urheberrecht behalten, gleichzeitig aber anderen erlauben, Teile des Werks zu kopieren, zu verbreiten und anderweitig zu nutzen. Man kann Material aus „Field Trip direkt“ vom Web-Interface herunterladen und selbst neu verwenden. Ausnahme sind die zugekauften Archivszenen, die bezüglich der Online-Nutzung sehr teuer waren und nicht unter CC laufen. Das vom Team selbst gedrehte Material kann aber weiter genutzt werden. „Das hieß aber auch, dass wir das Material je nach Nutzungsmöglichkeit zum Download freigeben oder blocken mussten“, sagt Eva Stotz.

Filmstill aus „Field Trip“

Keine klassische Filmförderung

Wie lässt sich solch ein ungewöhnliches Projekt, abseits der herkömmlichen Marktanforderungen finanzieren? „Wir hatten weder einen Sender, noch einen Verleih als Partner. Das Projekt saß, wie es Pionierprojekte ja oft tun, zwischen allen Stühlen. Für die klassische Filmförderung disqualifizierten uns der Open Source und der Creative Commons-Ansatz“, berichtet Eva Stotz. Trotzdem hat das Projekt etwa 80.000 Euro an Fördermitteln eingeworben. Eine Anschubfinanzierung von etwa 37.000 Euro leistete das Medieninnovationszentrum (MIZ) in Babelsberg. Dort interessierte man sich vor allem für die Software und die Plattform, mit denen Field Trip umgesetzt und ausgespielt wird.

Creative Technologist Joscha Jäger setzte das Projekt mit seiner Entwicklung FrameTrail um. Die hat er bereits früher geschrieben und sie erlaubt es, audiovisuelle Inhalte miteinander zu vernetzen. Nicht nur, indem man wie bei Wikipedia oder Youtube Hyperlinks auf Wörter setzt, sondern indem man zum Beispiel auch Filme mit thematisch passenden Beiträgen verbinden kann. „Das Ganze ist sehr intuitiv bedienbar und im Backend leicht editierbar“, schwärmt Eva Stotz.

Eine journalistische Förderung bekam das Team von der Rudolf-Augstein-Stiftung. Über eine Crowdfunding Kampagne bei Startnext sammelten die Berliner noch einmal 16.000 Euro ein. „Den einen großen Batzen gab es also nicht, sondern verschiedene Förderungen aus verschiedenen Töpfen. Wirklich überraschend für mich war aber, dass man relativ leicht Fördergelder für technologische Lösungen bekommt, aber nur schwer Förderung für neue Erzählformen“, fasst die Berlinerin ihre Erfahrung mit der Finanzierung des ungewöhnlichen Projekts zusammen. Selbst das Medienboard Berlin-Brandenburg, das doch immer wieder mit seinen, speziell auf digitale nonlineare Projekte zugeschnittenen Förderungen und Wettbewerben öffentlich wirbt, sagte ab, nachdem man den Businessplan geprüft hatte.

Fragmentarische Erzählweise

Wie ging das Team um Stotz bei „Field Trip“ dramaturgisch vor? „Nicht neu für mich war die episodische, fragmentarische Erzählweise. Die habe ich bereits in früheren Dokumentarfilmen angewendet. Allerdings in einer linearen Form. Anfangs hatte ich mich auch ,Field Trip‘ so angenähert. Ich habe ein Script geschrieben mit verschiedenen Episoden, die sich aufeinander beziehen“, beschreibt Stotz ihre Arbeitsweise.

Das Team von „Field Trip“

Dass in die Geschichten „Wegkreuzungen” eingebaut wurden, an denen man in andere Geschichten wechseln kann und so eine eigene, persönliche Dramaturgie erlebt, sei neu für sie gewesen. Diese Methode findet sie aber zukunftsträchtig. „Man muss so aktiv dem eigenen Interesse folgen und kann nicht mehr nur passiv zuschauen“, glaubt sie. „Du wirst quasi zur Interaktivität gezwungen, denn wenn du dir die Filme nur passiv anschaust, wiederholt sich einfach alles nur.“ Dass interaktive, partizipative Formate, wie „Field Trip“, oder 360-Grad-Projekte für VR-Brillen, den traditionellen linearen Dokumentarfilm ablösen werden, glaubt Stotz nicht. Sie sieht „Field Trip“ aber durchaus als einen Prototyp für bestimmte Stoffe. „Dieses ,aufgesprengte‘ Format, das wir anbieten, taugt nicht für alle Stoffe oder Themen. Für eine Betrachtung des Tempelhofer Feldes als Ort mit einer in der Zukunft offenen Geschichte ist das Format aber ideal. Denn die Geschichte ist ja nicht in dem Format eingeschlossen, sondern kann von mir oder von anderen immer wieder erweitert und weitererzählt werden.“

Wie aber können Außenstehende Beiträge auf Field Trip integrieren? Zunächst als Audio-Dateien. Auf dem Tempelhofer Feld wurde eine Telefonzelle, die als kleine Bibliothek fungiert, um die Funktion „Audio“ ergänzt. Dort kann man eine Telefonnummer anrufen und seine Geschichten erzählen. Diese Geschichten werden dann wiederum in das Projekt eingespeist. Sie werden kuratiert, geschnitten, in Medienformate verwandelt und hochgeladen. „Wenn sich hier auf dem Feld in Zukunft etwas verändert, zum Beispiel wenn die Bebauung starten sollte, kann ich hier anrufen und die Geschichte des Feldes damit aktiv weitererzählen“, sagt Stotz. „Wir haben einen ästhetischen Anspruch und möchten nicht, dass einfach irgendwelche Handyvideos hochgeladen werden. Da wir auch kuratieren wollten, haben wir uns für dieses Vorgehen entschieden.“ [11427]

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