Fernsehproduktion auf dem Mainzer Lerchenberg

Der Sonne entgegen leuchten

Der „ZDF-Fernsehgarten“ ist eine der erfolgreichsten Unterhaltungssendungen im Deutschen Fernsehen. Ein etwa 5.500-köpfiges Publikum jeden Alters pilgert am Sonntagvormittag auf das neun Hektar große Gelände mit Arena und diversen Sets. 2,29 Millionen Zuschauer sind an den Fernsehern dabei. Wie das ZDF die Sendung in High Definition mit 15 Kameras und 5.1-Mehrkanalton produziert, erforschte Bernhard Herrmann für unser Heft 10/2018.

Reisebusse und Autos säumen die Straße und füllen die Parkplätze an diesem Sonntagvormittag auf dem Mainzer Lerchenberg. Straßenbahnen und ÖPNV-Bussen entsteigen weitere Besucher. Insgesamt streben etwa 5.500 Zuschauer zum Freigelände des Zweiten Deutschen Fernsehens, direkt neben dem Sendezentrum.

Die Unterhaltungssendung „ZDF-Fernsehgarten“ gibt es seit Juni 1986 am Sonntagmittag zu sehen. Die aktuell 135-minütige Live-Show mit dem Motto „schön scharf“ ist eine Mischung aus Show, Musik, Artistik und Service. Laut ZDF wurden bisher etwa 1.040 Stunden Programm produziert, was etwa 43 Tage und Nächte füllt.

Auf dem Weg zur Arena steht ein Infostand, an dem es ein ausgedrucktes Blatt mit Programmablauf der Sendung und Geländeplan gibt. Eins wird klar, das Freigelände ist weitläufig. 26 Punkte sind eingezeichnet, an denen die Gäste in der Sendung auftreten werden: Arena, Plaza, Steintreppen, Straße, Swimmingpool, Hügel (mit den Namen Charly, Hopsy, ZDF und Zuschauer), Bootshaus, Sportplatz, kleine Terrasse, Aktionsfeld, Gartenstudio, Cottage-Garten, Landungs- und Seebrücke. Hinzu kommen Stände für das Publikum mit Catering und Erster Hilfe sowie Toiletten mit Wickelraum. Ein sendelogistisches Großprojekt, jeden Sonntag im Sommer zwischen 16 und 21 Wochen lang.

PERFEKT EINGESPIELTE TEAMS

Die Kamerateams haben sich teils an festen Positionen, teils als mobile Units mit Steadicam, an den strategischen Positionen der verschiedenen Auftrittsszenarios oder Aktionsflächen platziert. Das Thermometer zeigt etwa 32 Grad Celsius in der fast windstillen Arena. Die „Berufsbekleidung“ für das Personal hinter den Kameras besteht aus T-Shirts und Polohemden, kurzen Hosen, Basecaps, Sonnenbrillen und Sicherheitsschuhen. Die Optiken aller Kameras sind eingerichtet und für das Opening scharf gestellt. Es ist 11 Uhr. Die Vorspannmelodie der Sendung beginnt, ein Off-Sprecher erläutert das Motto der Sendung „schön scharf“ und kündigt die Moderatorin an. Unter viel Applaus und stehenden Ovationen des Publikums tritt Andrea Kiewel aus der Dekoration kommend auf die Bühne 1 in die Arena. Regisseur Michael Giehmann hat für den Steadicam-Operator in der Arena einen langen Gang quer durch das Publikum auf die Moderatorin zu, eine anschließende 360-Grad-Drehung um sie herum sowie Zwischenschnitte vom Publikum von einem Kamerakran und einer drahtlosen Handkamera im Ablauf vorgesehen. Die 53-jährige Kiewel moderiert den „ZDF-Fernsehgarten“ zum 311. Mal und mit Unterbrechungen seit dem Jahr 2000. Sie begrüßt die Zuschauer und gibt einen Überblick, was in der 526. Ausgabe der Live-Sendung geschehen wird.

Das Steadicam-Team mit Funkschärfe und Wireless-Anbindung bei der Aufnahme einer Moderation von Gastgeberin Andrea Kiewel.

Etwa drei Minuten später tritt Ben Zucker mit Band und dem Titel „Der Sonne entgegen“ als erster Künstler auf der Bühne 1 auf. Es folgt der Auftritt eines Mannes auf dem Hügel mit Tanzboden. Er wettet, in 90 Sekunden mit einem Schwert 15 Äpfel in der Luft zu spalten. Eine Ikegami-Kamera mit Canon Optik XJ25 x 6,8B auf Pumpstativ ist schon linksseitig eingerichtet. Ein Tontechniker mit Tonangel und Richtmikrofon samt Windschutzfell steht neben der Kamera. Der zweite Steadicam-Operator, der an den Sets nördlich an der Wolfgang-Brobeil-Straße tätig ist, kommt mit einer Grass Valley LDK 8000 Kamera mit Fujinon-Optik HA13 x 4,5, die über Gigawave-Drahtlostechnik verbunden ist, dazu. Zwei Kameras aus der Arena nehmen die frontalen Bilder an der Aktionsfläche auf. Nachdem der Kandidat 18 Äpfel zerteilt hat, ist die Wette gewonnen. Zum abschließenden Statement des Mannes gibt es ein paar Szenen in Slow Motion eingespielt.

VIEL DYNAMIK, WENIG SPIELEREI

Christina Stürmer auf Bühne 1 beginnt mit ihrem Auftritt. Alle Interpreten sind hier nur im Vollplayback zu hören. Der erste Steadicam-Operator geht mit einer Grass Valley LDK 8000 Kamera mit Fujinon-Optik HA13 x 4,5, die ebenfalls über Drahtlostechnik verbunden ist, über eine Treppe der Arena durch das Publikum auf die Sängerin zu. Zwei Ikegami HDK-97A-Kameras mit Canon-Optiken XJ27 x 6,5B auf Pumpenstativen und ein Kamerakran mit einer Ikegami HDK-97A-Kamera und einer HA13 x 4,5-Optik stehen bereit, damit der Regisseur den Auftritt für die TV-Zuschauer inszenieren kann. All diese Bewegungen sind am Vortag mit Moderatorin und Team „trocken“ geprobt worden. Das Publikum sieht den Auftritt zusätzlich über zwei Videowalls auf dem Gelände, damit die Zuschauer an anderen Sets auch in den Genuss der übrigen Auftritte kommen.

„Die 130 Teammitglieder arbeiten an 20 Wochenenden wie ein Uhrwerk zusammen und das egal bei welchem bei Wind und Wetter. Dies geht nur mit höchster Motivation aber auch nur mit dem nötigen Know-how, egal ob technisch, inhaltlich oder organisatorisch“, sagt Thomas Adam, Produktionsleiter „ZDF-Fernsehgarten“.

Ein fester Bestandteil mittäglicher Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen: die Zubereitung von Mahlzeiten. In einer Küchenzeile im rückwärtigen Bereich der Arena wird auf der Bühne 3 als Nächstes gekocht. Die Krankamera schaut steil von oben in Schüsseln und Backformen. TV-Zuschauer mit den erforderlichen Zutaten in der Speisekammer könnten es noch bis zum Mittagessen schaffen, die Gerichte nachzukochen. Vor dem Gang in die heimische Küche haben die TV-Zuschauer hoffentlich den nachfolgende Auftritt des Sängers Helmut Lotti auf der Bühne 2 der Arena nicht verpasst. Eine Kamera vom Arena-Set nimmt Lotti in der Nahaufnahme auf, eine Kamera auf Pumpstativ zeigt die Halbtotale verbunden mit einer Rechtsfahrt. Die bodennahe Weitwinkelperspektive der Bühne zeigt eine weitere Kamera. Die Krankamera realisiert dynamische Schwenks in der Arena oberhalb des Publikums zur Bühne hin. Nach 2 Minuten und 50 Sekunden endet der Auftritt unter langanhaltendem Applaus des Publikums und der Ankündigung der Moderatorin einer Zugabe später in der Sendung.

Das Publikum nutzt vielerorts bereits mitgebrachte und aus dem Programmblatt hergestellte Fächer, um sich bei Sonnenschein und Mittagshitze etwas Luft zu wedeln. Der Steadicam-Operator nimmt die Ab- und Anmoderation von Andrea Kiewel auf und geht „im On“ zur Bühne 2 mit, wo die nächste Sängerin angekündigt wird. [6473]

Lesen Sie am Sonntag, wie beim Fernsehgarten viele Chilischoten ins Bild gesetzt werden.

 

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