Crowdfunding-Dreh: Schreiben für die Unabhängigkeit

Wenn die Regisseurin vor der Kamera steht, ist das eine Herausforderung für das Team. In unserer Ausgabe 5/2018 sprachen Hannah Baumgartner mit Regisseurin Julia Becker, DoP Martin Neumeyer und Produzentin Frauke Kolbmüller darüber, wie das bei „Maybe, Baby!“ geklappt hat.

Für ihren Debütfilm „Maybe, Baby!“ hat Julia Becker nicht nur das Drehbuch geschrieben, sondern auch Regie geführt und die Hauptrolle übernommen. Produziert hat sie das Ganze mit ihrer langjährigen Freundin Frauke Kolbmüller. Innerhalb von drei Monaten haben die beiden den Dreh in Tirol und Berlin auf die Beine gestellt. Auf Förderungen haben sie ganz bewusst verzichtet und sich stattdessen für eine Crowdfunding-Kampagne entschieden – um für das Debüt frei und unabhängig zu sein und alle relevanten Entscheidungen selbst treffen zu können. Kameramann Martin Neumeyer, ein langjähriger Freund von Frauke, war auch schon früh in das Projekt involviert. Beckers Film ist eine Tragikomödie über das Erwachsen- werden von Erwachsenen. „Maybe, Baby!“ erzählt die Geschichte der Mittdreißigerin Marie, deren langjähriger Beziehungspartner Sascha sich ein Kind wünscht. Marie kann sich das auch vorstellen, aber eben „nicht ganz so schön“ wie sich ihr Freund das vorstellt.

„Maybe, Baby!“ feierte seine Premiere beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen. Auch auf dem Filmfest Biberach und auf dem Snowdance Independent in Landsberg am Lech kam der Film gut an, ebenso wie beim Filmfestival „Max Ophüls Preis“ in Saarbrücken.

Woher kommt die Idee zum Buch?
Julia Becker: Angestoßen sicher durch mein Umfeld. Ich bin ja auch in einem Alter, wo es darum geht: bekommt man jetzt ein Kind oder nicht? Und was bedeutet das? Irgendwann muss man sich entscheiden und ich sehe eben, wie um mich herum all diese selbstbestimmten, starken Frauen mit dieser Entscheidung kämpfen.

Was hat die Story mit dir zu tun?
Julia Becker: Ich bin ja genauso ein „Opfer“ meiner Generation: Mit all den Möglichkeiten, die ich als Frau habe, die viel vom Leben will, Karriere machen, ihren Beruf ausüben … da ist man einfach immer hin- und hergerissen.

„Maybe, Baby!“ gilt auf Festivals als Publikumsliebling – wie fühlt sich das an?
Julia Becker: Super! Die Stimmung ist immer Hammer! Bei unserer Premiere waren über 1.000 Leute im Saal. Das war schon krass, da zu sitzen und noch nicht zu wissen, was gleich passiert. Aber als dann die ersten Lacher kamen, konnte ich auch wieder atmen. Und nach den Screenings sind wir auch immer ganz gerührt von den Reaktionen, weil es so schön ist zu sehen, dass die Menschen den Film so mögen, denn wir haben ihn ja für das Publikum gemacht.

Wie lange hast du am Drehbuch geschrieben?
Julia Becker: Das darf ich gar nicht sagen, dann hassen mich immer alle – zwei Monate! Aber ich werde sicher nicht immer so schnell schreiben können. Die Geschichte ist einfach aus mir herausgesprudelt. Und als ich mit dem Buch soweit fertig war, habe ich mich sofort an Frauke gewandt.
Frauke Kolbmüller: Ich fand‘s super! Aber wir sind so gute Freundinnen, da kam die Frage: können wir auch als Profis, als Produzentin und Regisseurin miteinander arbeiten? Aber ja, konnten wir: wir können sehr gut inhaltlich sprechen und Julia ging völlig konstruktiv mit Kritik um – da war schnell klar, dass wir zusammenarbeiten wollen.
Julia Becker: Und dann waren wir zu dritt auf Motivtour in Tirol, da haben Martin und ich das komplette Buch durchgesprochen. Ist klar, bei so einem Buch entstehen viele Fragen, zum Beispiel was die Sex-Szenen angeht.
Martin Neumeyer: Nicht bei jedem Projekt kommt man so früh in Kontakt und hat die Gelegenheit sich inhaltlich zu äußern. In einem Stadium dazuzukommen, wo mit dem Buch noch etwas passiert, empfand ich als äußerst wertvoll.
Julia Becker: Das Schöne war, dass wir alle drei ohne jede Eitelkeiten zusammengearbeitet und zu den verschiedensten Punkten gute Ideen beigesteuert und auch umgesetzt haben.
Martin Neumeyer: Ich fand das Projekt von vornherein spannend. Man hat beim Lesen schon gemerkt, das funktioniert. Vor allem dieses Kammerspiel auf der Hütte! Und natürlich auch der Aspekt der Low-Budget-Produktion – aber es war realistisch, dass sich das Buch trotzdem umsetzen ließ.
Julia Becker: Ja, ich wusste, dass wir nicht viel Geld haben werden, deshalb habe ich die Geschichte in einen abgeschlossenen Raum gepackt. Das hat Kosten gespart!

Frauke, ist deine Produktionsfirma „Oma Inge“ aus „Maybe, Baby!“ entstanden?
Frauke Kolbmüller: Oma Inge Film gibt’s seit März 2015. Aber eher auf dem Papier, da war noch nicht so viel passiert. Und Julia meinte dann, „Hey, ‚Maybe, Baby!’ wäre doch ein tolles Initialprojekt!“ Die Idee fand ich super und „Maybe, Baby!“ war auch ein superschönes erstes Oma-Inge-Filmprojekt.

Aber ihr brauchtet ja noch eine Finanzierungsstrategie?
Frauke Kolbmüller: Ja, wir saßen im Januar zusammen und wollten eigentlich im gleichen Frühjahr – möglichst im Schnee – noch drehen. Also hatten wir nur drei Monate Zeit, und in dieser Zeit, schafft man‘s eh nicht, einen Film normal zu finanzieren. Alleine schon die Einreichfristen, das dauert alles viel zu lange. Wir mussten also eine alternative Finanzierungsstrategie haben. So wie Julia das Buch angelegt hatte, konnten wir das Projekt mit einem kleinen Team in fünfzehn Drehtagen schaffen. Während der Berlinale 2016 haben wir Cine Tirol kennengelernt, eine in Tirol ansässige Filmförderung, und die konnten uns relativ unkompliziert ein wenig Geld dazugeben. Außer- dem haben Julia und ich auch beide ordentlich investiert. Aufgestockt haben wir den Rest dann mit Crowdfunding, das hatte bei der Produktion „Das Floß“ – da haben Julia und ich uns kennengelernt – schon gut funktioniert und so hatten wir dann unser Minimalbudget von 31.000 Euro zusammen.
Julia Becker: Ganz wichtig ist hier aber auch zu sagen, dass der Film ohne die ganze Power des Filmteams, welches auf Rückstellung und erst mal für umsonst gearbeitet hat, nicht möglich gewesen wäre. Und auch sonst haben wir ganz viel Unterstützung und Beistellung bekommen, für die wir sehr, sehr dankbar sind!
Martin Neumeyer: Ein ganz großes Dankeschön geht an dieser Stelle an Cinegate Hamburg, die uns mit Kameratechnik unterstützt haben, und ebenso an Robert Mayr von Filmlicht aus Innsbruck.

Der zweite Teil des Interviews folgt morgen.

 

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