Interview mit Sepp Wörmann

Bergsteiger zu Kameraleuten

Sepp Wörmann wechselte für einen Film vom Fernmelde-Handwerk in die Bergwand. Anlass für den geprüften Bergführer, das Kamerahandwerks zu erlernen. Danach war er für zahlreiche Produktionen im Einsatz. Gerdt Rohrbach sprach für unsere Ausgabe 1-2/2019 mit dem Bergkameramann über dessen Schaffen.

Sepp Wörmann hat einen außergewöhnlichen Berufsweg. Er stand als Fernmeldetechniker kurz vor der Verbeamtung bei der Deutschen Bundespost. Zu dieser Zeit hatte er schon das Bergführer-Diplom. Als ihn eines Tages der Bergfilmer Gerhard Baur fragte, ob er nicht bei einem Doku-Spielfilm in der Eigernordwand helfen könne, kündigte er seine sichere Stellung. Ursprünglich engagierte ihn Baur als Bergführer, da er aber niemanden hatte, der in der Wand Ton machen konnte, blieb diese Aufgabe schließlich an Sepp Wörmann hängen. Zur Kamera kam er über eine Assistentenstelle bei Peter Stückl und schließlich über Hermann Magerer, dem damaligen Redakteur von „Bergauf bergab“. Damals versuchte man beim BR, aus Kameraleuten Bergsteiger zu machen. Weil das nicht funktionierte, hat man sich für den umgekehrten Weg entschieden. Heute kann Sepp Wörmann auf ein erfolgreiches Schaffen zurückblicken.

Würdest du für dich die Bezeichnung Bergkameramann gelten lassen?
Im Großen und Ganzen schon.

Es kommt also gerade auf die Verbindung vom Berg- steigen und vom Erstellen schöner Bilder an?
Nein, ich glaube sogar, dass es mehr ist. Nur Bilder sind mir zu wenig. Worum es mir geht – die Natur ist ein imposanter, eindrucksvoller Hintergrund – ist der Mensch, der in dieser Natur agiert, unterwegs ist, und wie die Natur auf ihn wirkt. Der Mensch ist also das Wichtige. Das Allerwichtigste ist mir aber, dass die Menschen, die das anschauen, nicht nur ihre eigenen Erinnerungen nacherleben. Ich wollte immer, dass der Zuschauer das Gefühl hat, er weiß, wo das stattfindet. Das begann mit einer Totalen, so dass die Bilder eingeordnet werden konnten. Es gibt Filme mit wunderschönen Einstellungen, aber ich weiß überhaupt nicht, wo das ist. Dass der Zuseher ein Gefühl dafür bekommt, was da gerade passiert, dass er ein Gespür für die Menschen bekommt, die vor der Kamera sind, das ist mir wichtig. Der Größte auf diesem Gebiet war für mich Hermann Magerer. Dies deshalb, weil er Texte machen konnte, die die Menschen so ehrten. Wenn er mit Menschen ein Interview machte, dann hat er zu ihnen nicht gesagt: „Wir machen ein Interview.“ Er hat gesagt: „Wir hocken uns jetzt hier hin und reden miteinander.“ Und so war das auch. Er hat auch niemals einen fertigen Plan gehabt. Er hatte schon seine Vorstellungen, aber bei ihm hat man wirklich gemerkt, dass da ein Gegenüber vorhanden ist, und aus dem, was von ihm ausgeht, entsteht, was die Frage ist. Er war als Moderator, der Vermittler zwischen dem Zuschauer und dem, um den es in dem Film ging.

Ist das nicht für den Kameramann eine ziemliche Herausforderung, wenn da zwei Leute sitzen, die sich miteinander unterhalten? Natürlich mag von Interesse sein, worüber sie sich unterhalten. Aber das ist ja als Film nicht unbedingt der Brüller. Wie machst du aus dieser Situation einen attraktiven Film?

In solchen Situationen geht es mir um den, der spricht und das, was er spricht. Je schneller dann im Film die Bilder wechseln, desto mehr wird die Konzentration des Zuschauers auf die Bilder verlagert. Damit lenkt man von den Inhalten ab. Früher hat man mal gesagt, 90 Prozent ist Bild und 10 Prozent ist Ton, aber das stimmt überhaupt nicht. Meistens hatten wir nur eine Kamera. Mit der hat man das Gespräch durchgehend aufgenommen. Wenn die Möglichkeit bestand, hat man die Fragen nachgestellt. Schuss, Gegenschuss. Wenn jemand über eine Landschaft sprach, habe ich darauf geachtet, dass die auch im Hintergrund zu sehen ist. Ich habe es aber vermieden, dass sich im Bild viel verändert, weil sonst die Aufmerksamkeit darauf gelenkt wird. Und dann gibt es ja auch das Gesicht. Ein Gesicht erzählt sehr viel. Gestik, Mimik, all das ist hochinteressant. Für mich war es wichtig, zuzuhören und zu spüren, was im Moment gerade passiert. Soll der Bildausschnitt näher sein, geht es tiefer, gibt‘s da etwas, was er mit den Händen erzählt? Dann ist es wichtig, gerade das einzufangen. Wenn ich einen Film sehe, bei dem ich selbst dabei war, habe ich einen ganz anderen Raum. Wenn ich das Bild sehe, dann erinnere ich mich an all das, was sonst noch da war. Wenn ich den Film eines Kollegen sehe, dann entsteht bei mir der Wunsch, dass ich noch dieses oder jenes gezeigt bekommen möchte.

Kann man so einen Film planen, oder entsteht der mehr oder weniger beim Dreh? Und in der Folge: Welchen Stellenwert hat das Drehbuch bei deinen Dokumentationen?
Bei Gerhard Baur gab’s ganz klar ein Drehbuch. Wenn es reine Dokumentationen sind, dann haben manche eine Art Drehbuch, bei einem Großteil der Filme wissen die Leute, wo die Tour verläuft und dann wird einfach darauf geachtet, was alles erscheint. Man muss also in dieser Situation zusehen und entscheiden, was interessant ist. Man braucht ja auch Personen, die all das vermitteln können. Eigentlich ist man noch während des Drehs immer auf der Suche nach interessanten Motiven und der Verbindung von Mensch und Natur. Als Kameramann habe ich mir immer die Frage gestellt: Was habe ich schon im Kasten und was brauche ich noch? Habe ich die Totalen? Habe ich die Füße, die Bindung, Handschuhe? Ich war permanent am Überlegen, was noch aufgenommen werden muss. Oft helfen die anderen aus meinem Team, aber da komme ich mir schnell vor wie ein Befehlsempfänger, denn der eine sagt: „Schau mal, da ist das!“ Und der andere: „Nein, da drüben ist das.“ Teamarbeit ist hierbei besonders schwierig. [7543]

Im zweiten Teil des Gesprächs mit Sepp Wörmann erzählt der Bergkameramann, warum er seine 2/3-Zoll-Kamera so liebt.

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