"Was ergibt das schönste Grau?"

“3 Tage in Quiberon”: Farbgestaltung im Schwarz-Weiß Film

“3 Tage in Quiberon” wurde für ganze 10 Deutsche Filmpreise nominiert. Der Film von Regisseurin Emily Atefs wurde in Schwarz-Weiß realisiert. Wir sprachen für die Ausgabe 3/2018 mit DoP Thomas Kiennast über die Dreharbeiten. 

Im Interview mit Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) formuliert Romy Schneider die Themen ihres Lebens. Kiennast drehte die erste Interviewszene sehr starr, die zweite mit einer sehr bewegten Kamera.
FOTO: Peter Hartwig / Rohfilm Factory / PROKINO
Im Interview mit Stern-Reporter Michael Jürgs (Robert Gwisdek) formuliert Romy Schneider die Themen ihres Lebens. Kiennast drehte die erste Interviewszene sehr starr, die zweite mit einer sehr bewegten Kamera.

DAS SCHÖNSTE GRAU

Während des Drehs stimmte das Team die Farben passgenau auf das Schwarz-Weiß-Bild der Kamera ab. Das war ganz anders als bei dem anderen Schwarz-Weiß-Projekt von Szenenbildnerin Silke Fischer, das noch auf Film gedreht worden war: “Bei ‚Tabu‘ haben wir zwar Tests gemacht, wussten aber beim Dreh nie genau, wie die einzelnen Farben in Schwarz-Weiß aussehen werden!”

Kiennast zeigte Ausstattung und Kostüm am Set, wie alles monochrom aussehen würde. Schnell stellte sich für Fischer und Kostümbildnerin Janina Audick hauptsächlich die Frage: “Was ergibt das schönste Grau?” Echtes Grau würde schnell “matschig”, sagt Fischer: “Wir wurden immer bunter!” Eine lila gestreifte Tapete erzielte zum Beispiel den besten Effekt für die Hotelzimmer und die Bettwäsche, die im fertigen Film strahlend weiß aussieht, war im Farbfächer ein Lachsrosa.  “Wir haben uns bei allen Farben nur noch nach den Grauwerten gerichtet. Die Farbkombinationen, die so entstanden, hätten wir uns nicht ausdenken können”, sie hätten aber schließlich auch in Farbe eine ganz eigene Eleganz gehabt, sagt die Szenenbildnerin.

KAMMERSPIEL IN SCOPE

Für Cinemascope entschieden sich Kiennast und seine Regisseurin aus zwei Gründen. “Ein Film, der hauptsächlich in Nahen und Halbnahen passiert und in dem wahnsinnig viel Text gesprochen wird, ist meiner Meinung nach in Scope einfach spannender”, sagt Kiennast: “Du hast die Möglichkeit, Raum wahrzunehmen, obwohl du eigentlich ein Close-Up auf das Gesicht hast.”

FOTO: Peter Hartwig / Rohfilm Factory / PROKINO

Die beiden Interview-Sequenzen nehmen im fertigen Film insgesamt rund 15 Minuten ein. Der viele Text ist auch für die Regisseurin ein Novum: “Es ist mein erster Film, in dem ich so viel Dialog habe.” Die reale Location von Romy Schneiders Aufenthalt in Quiberon war für Kiennast der zweite Grund: “Das Sofitel-Hotel liegt wie ein langgezogener Walfisch am Strand. Ich habe das auf Fotos gesehen und sofort gesagt, das müssen wir in Scope drehen.”

Denn für Kiennast haben Hotel und Meer fast kleine Nebenrollen im Spiel zwischen den vier Figuren: “Die Situation dort funkt immer wieder in die Szenen rein. Und das muss man auch richtig einfangen.” “Ich habe mich so in Thomas’ Schwarz-Weiß verliebt. Wie kann ich jemals wieder in Farbe drehen?”, fragte sich Atef scherzhaft kurz nach Drehende.

SCHÖNHEIT IM BILD

“Thomas’ Bilder haben die Geschichte noch einmal größer gemacht”, sagt die Regisseurin über ihren Kameramann. “Wir haben nicht den gleichen Geschmack, was Filme angeht. Aber wir haben sehr schnell Vertrauen gefasst, auch, weil Thomas sehr instinktiv ist und ich mir eine lebendige Handkamera gewünscht habe.” Atef kam das sehr entgegen: “Wenn ich könnte, würde ich alle Einstellungen in einer Plansequenz machen.

Natürlich machen wir das nicht und natürlich liebe ich Schnitt, aber manchmal lasse ich acht Minuten laufen.” Atef gibt damit ihren Darstellern viel Raum: “Sie müssen immer weiterspielen!” Aber auch ihr Kameramann konnte sich ganz frei bewegen: “Wir hatten keine Auflösung, das war alles Bauch!”, sagt Atef.

“Emily mag nicht, wenn sich das Bild über alles hinwegsetzt”, sagt der DoP: “Ich habe darauf geachtet, dass das Bild nicht zu schön wird.” Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist der Bildeindruck atemberaubend, darauf angesprochen sagt Kiennast: “Es geht um die natürliche Schönheit von Romy Schneider und von Marie Bäumer. Selbst wenn sie total fertig am Boden sitzt und weint, ist sie schön!” Oft drehten Kiennast und B-Camera-Operator Stopfer mit zwei Kameras, meist aus der Hand.

Dadurch, dass sie sehr weitwinklig aufnahmen, waren sie teilweise mit der Kamera nur noch 40 Zentimeter von den Schauspielern entfernt: “Obwohl wir uns alle sehr mochten, kann das auch die Intimsphäre unterschreiten. Dass es funktioniert hat, zeigt, wie harmonisch das Team war und wie sicher sich alle im Umfeld von Emily fühlten”, sagt Kiennast.

FOTO: Peter Hartwig / Rohfilm Factory / PROKINO

Die erste Interviewszene drehte Kiennast sehr starr, beim zweiten Interview bewegen sich die Kameras sehr “wie Fliegen im Raum”, beschreibt es der DoP. Atef liegt es sehr, mit zwei Kameras zu arbeiten, “weil man die Energie behält und nicht alles wiederholen muss. Und wenn, wie zum Beispiel während der Interviewszenen, die beiden Kameras zwei Schauspieler gleichzeitig einfangen, dann finde ich es im fertigen Film sehr spannend, ihre echten Reaktionen aus diesem Moment zu sehen!”


MONOCHROM EINE BLENDE MEHR

Die ARRI Alexa XT B+W basiert grundsätzlich auf einer herkömmlichen XT. Sie bietet also die Aufzeichnung auf ARRIRAW bis zu 120 fps, einen 4:3 Sensor, sowie ein LDSSystem und liegt auch preislich etwa im selben Bereich. Doch bei der B+W ließen die Entwickler den Bayer-Filter weg, der ja sonst die Lichtinformation in Rot, Grün und Blau aufteilt. Aus dieser Aufteilung, die für Schwarz-Weiß naturgemäß unnötig ist, resultiert zwangsläufig eine höhere Lichtausbeute.

Mit der panchromatischen Aufnahme ohne Bayer-Filter – womit auch das De-Bayering im Anschluss an die Aufnahme wegfällt – erzielt die B+W im Vergleich zur Farb-ALEXA circa eine Blendenstufe mehr und eine deutlich höhere Schärfe, erzählt Christoph Hoffsten, Head of Camera ARRI Rental Berlin: „Die RAW-Daten sind genauso groß, beinhalten aber eine größere Auflösung.“ Die Normal-Empfindlichkeit setzt bei 2.000 ASA an. Als zusätzliche Besonderheit kann die Kamera mit dem 87C Infrarot-Pass-Filter aufzeichnen, was Werbe- und Musikvideo-Drehs gelegentlich nutzen.

Grundsätzlich ist die B+W jedoch für ARRI ein absolutes Nischenprodukt und seit November 2013 auf dem Markt. Wie die ALEXA 65 kann sie nur als „Rental-only“- Produkt direkt bei ARRI angemietet werden. Nur drei Exemplare gibt es weltweit, in den USA, Großbritannien und in Deutschland. Mit zweien davon wurde „3 Tage in Quiberon“ gedreht, der als zweiter Spielfilm komplett auf dieser Kamera gedreht wurde. Der andere, „Infinity Baby“, lief im Sommer 2017 auf dem Filmfest München.

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Ein Kommentar zu ““3 Tage in Quiberon”: Farbgestaltung im Schwarz-Weiß Film”
  1. Leo Kendzierski

    Wünsche dem T.Kiennast mit seiner Art der Kamera eine sehr lange, in jeder Hinsicht erfolgreiche Reise.

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