Bandlos glücklich?

ZDF-Pilotprojekt: Filebasierte Anlieferung von Auftragsproduktionen

Trotz digitalem Wandel findet man noch an jeder Ecke analoge Überbleibsel. Das Sendeband gehörte lange dazu. Das ZDF will das ändern. Wir sprachen für die Ausgabe 5/2016 dazu mit Tobias Schwahn, Leiter des Teams Strategische Planung und Innovation.

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ZDF/Kerstin Bänsch

Dankbarkeit ist ein seltenes Gefühl. Es dürfte sich aber unverzüglich einstellen, wenn wir uns vor Augen führen, welche Technologien uns heute zur Verfügung stehen, um fiktionale oder dokumentarische Stücke für die Sendeanstalten zu produzieren. Manch einer wird dann mit wohligem Schaudern an die Zeiten zurückdenken, in denen Reportagen und Dokumentationen mangels Alternative auf 16-mm-Film gedreht wurden. Das Material war teuer und knapp. Deswegen wurden Interviews und O-Töne vor der Aufnahme gründlich einstudiert und klangen dann leider entsprechend. Das Wechseln von 120-Meter-Rollen im Dunkelsack unter Zeitdruck und womöglich tropischem Klima war auch mit ausreichender Übung nie ein Vergnügen. Umso schlimmer, wenn dann noch das Ergebnis einer zweiwöchigen Drehreise trotz größter Wachsamkeit durch den als ausdrücklich „not filmsafe“ beschrifteten Röntgen- Tunnel eines südostasiatischen Flughafens wandert. Angesichts des erlittenen Schreckens ist es dann zwar beruhigend, aber nur in Grenzen versöhnlich stimmend, wenn im Nachgang zur Kontrolle das Personal treuherzig versichert, dass am Röntgenapparat nur das Transportband funktioniert und man den Schein habe wahren müssen.

Auch zu Zeiten von U-Matic und später Betacam SP stellte der Umgang mit dem Drehmaterial oft ein Problem dar. Bei großen und sperrigen Kassetten mit gleichzeitig begrenzter Speicherkapazität blieb es schwierig, ein gesundes Mittelmaß an Bandvorrat zu finden. Entweder gingen zu viele Tapes mit auf die Reise und waren eine Plage beim Transport, oder man drehte mehr als erwartet, und ein möglicher Engpass beim Material bot Anlass zu Sorge und Selbstbeschränkung.

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ZDF/Kerstin Bänsch
Tonbearbeitung: in einigen Arbeitsschritten noch mit Bandschnittstelle.

Erst die heutigen bandlosen Aufnahmeverfahren, bei denen eine Stunde Dreh in Full-HD bequem auf eine entsprechend dimensionierte SD-Karte passt, haben hier wirklich Erleichterung verschafft. Ob das Drehverhältnis nun 1:5 oder 1:50 beträgt, hat in Hinsicht auf das „Material“ keine wirtschaftliche Bedeutung mehr, und wenn die Filmeditoren daheim am non-linearen Schneidetisch leise murren, wenn sie sich durch Stunden von Footage kämpfen müssen, ist das letztlich nichts weiter als ein Luxusproblem. Es bleibt zwar immer ein gewisses Unbehagen wegen der wenig greifbaren Natur der Aufzeichnung, aber der bandlose Workflow von Kamera zu non-linearem Schnittsystem ist reibungslos, schnell, bequem und somit Fortschritt im besten Sinne.

Jedoch muss man derzeit leider noch die bandlose Welt verlassen, sobald es darum geht, das fertige Produkt an die Sendeanstalt abzuliefern, denn hierzu muss es auf gewisse Bandformate ausgespielt werden. Das ist ein Arbeitsschritt im Workflow, der Geld, vor allem aber Zeit kostet. Wie schön wäre es, wenn man auch hier bandlos arbeiten könnte – und tatsächlich tut sich etwas in der Sender-Landschaft: Beim ZDF läuft seit Anfang des Jahres ein Pilotprojekt zur bandlosen Anlieferung von Auftragsproduktionen.

Herr Schwahn, wie ist es zurzeit um bandlose Workflows innerhalb des ZDF bestellt?

Thomas Schwahn: Innerhalb des ZDF arbeiten wir abhängig von Bereich und Genre schon seit vielen Jahren bandlos, insbesondere in der Aktualität, bei Magazinen oder beim Sport. Vor Kurzem haben wir auch den Umstieg auf HD vollzogen. Die allermeisten unserer aktuellen Beiträge sind jetzt seit Mitte Februar in nativem HD, und zwar bandlos. Es gibt aber Bereiche, wo der bandlose Workflow noch nicht lückenlos umgesetzt ist. Das betrifft hauptsächlich die Produktionen mit längeren Laufzeiten wie zum Beispiel Dokumentationen. Hier gibt es an einigen Arbeitsschritten noch die klassische Bandschnittstelle, beispielsweise bei der Tonbearbeitung. Da unternehmen wir aber zurzeit die letzten Schritte, um auch dies noch in die bandlose Welt zu überführen. Seit dem 1. Januar haben wir auch damit begonnen, in einem Pilotprojekt – dies aber einfach nur, um die Menge erstmal langsam hochlaufen zu lassen – Auftragsproduktionen im Sinne von wirklich fertigen und kompletten Sendungen, filebasiert anliefern zu lassen. Wir haben hierzu eine Spezifikation erstellt, und auf dieser Basis können Produzenten jetzt ihre Filme liefern.

Welche Produktionen betrifft das?

Wir machen das in einem ersten Schritt zunächst einmal mit den fiktionalen Programmen. In Kürze werden wir aber darüber beraten, dieses Verfahren auf weitere Redaktionen und Produktionen auszudehnen. Wir werden schauen, welche Erfahrungen wir mit diesem Verfahren in den letzten zweieinhalb Monaten gemacht haben. Wir wollen die Umstellung nach und nach vollziehen, schließlich funktionieren die etablierten Bandworkflows ja nach wie vor. Und weil wir nicht ohne Not irgendwelche Engpässe generieren wollen

Was ist denn in den zweieinhalb Monaten passiert? Was sind Ihre Praxiserfahrungen?

Ich habe bisher von keinen größeren Problemen gehört. Wir haben aber natürlich auch Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Zum Beispiel haben wir vereinbart, mit Produzenten erst einmal kleine Testfiles auszutauschen, um zu sehen, ob das in unserer Infrastruktur funktioniert. Denn wir haben zwar einiges spezifiziert – Codec, Abtastformat, und auch den Container –, aber gerade was das Container- Umfeld angeht, steckt der Teufel im Detail. Da ist es immer stark abhängig, mit welchem Gerät das File am Ende generiert wurde. Wir wollen nicht erst am Tag der Anlieferung feststellen, dass wir das File gar nicht verarbeiten können.

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Wie können diese Beiträge denn angeliefert werden?

Für die Anlieferung von komplett fertigen Sendungen haben wir jetzt erst einmal einen Festplatten-Workflow verabredet. Für kürzere Beiträge akzeptieren wir auch USB-Sticks. In jedem Fall geht es um physikalische Medien. Wir haben natürlich auch Mechanismen für einen File-Transfer. Allerdings sind wir da noch in einer Umstellungsphase. Wir werden sicher dahin kommen, dass bestimmte Produktionen auch über File-Transfer abgeliefert werden können. Aber bei den fiktionalen Programmen, womit wir ja gerade das Pilotprojekt der bandlosen Anlieferung gestartet haben, sind wir bei einer 90-Minuten- Produktion bei einer Dateigröße von etwa 80 GB. Und das ist nicht jedem Produzenten so einfach möglich, so etwas über das Internet hochzuladen.

Werden in der Spezifikation bestimmte Workflows genannt? Gibt es Anleitungen oder Handreichungen, wenn man mit einem bestimmten System arbeitet und das File gemäß den Richtlinien ausspielen möchte?

So weit in die Tiefe gehen wir da nicht. Zum einen gelten bei uns ja grundsätzlich die Technischen Richtlinien zur Herstellung von Fernsehproduktionen für ARD und ZDF und ORF, die federführend vom IRT erstellt werden. Darauf haben wir dann noch rein technische Anlieferungs-Spezifikationen gesattelt. Im Prinzip ist dort lediglich festgeschrieben, welche Arten von Files es geben soll und wie diese beschaffen sein sollen: das eigentliche Sendefile, dann eine Spezifikation für die Clean-Feed-Fassung beziehungsweise neutrale Titelhintergründe, für Online-Zusatzmaterial sowie sonstiges Zusatzmaterial, wobei die untereinander technisch sehr ähnlich sind. Dann haben wir noch optional verschiedene Vorschau-Formate festgelegt, also MP4-Proxys, die wir, falls nötig, anfordern können, und zuletzt gibt es noch die Vordrucke zur Dokumentation wie zum Beispiel die MAZ-Karte. Aber im Prinzip geht es nicht allzu sehr in die Tiefe. Das könnten wir auch gar nicht leisten, den Workflow für alle verschiedenen Produktionsplattformen vollends zu spezifizieren. Hier haben wir selbst die Erfahrung gemacht, dass man bei vielen Geräten und Schnittsystemen bei jedem einzelnen Update testen muss, ob das noch interoperabel ist mit den verschiedenen Systemen, die wir verwenden. Deshalb haben wir auch in Bezug auf das schon erwähnte Testfile bereits in der Präambel der Spezifikation festgeschrieben, dass wir uns offenhalten, jederzeit ein solches File vom Produzenten einzufordern, damit wir testen können, ob es am Ende auch funktioniert. Es ist eben zurzeit noch ein Stück weit „work in progress“. Parallel zur Datei, das möchte ich noch kurz ergänzen, lassen wir bei den Produktionen, die hier im Pilotbetrieb sind, derzeit auch noch zusätzlich ein HDCam SR-Band anliefern.

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ZDF/Kerstin Bänsch
Kahuna Digital Switcher von Snell & Wilcox in der Regie.

Als Backup?

Ja, als Backup, aber auch weil wir an einigen Punkten im Workflow noch die Bandschnittstelle haben, zum Beispiel bei der Ton-Nachbearbeitung. Aber das werden wir mittelfristig einstellen.

Wir werden deshalb auch prüfen, wie oft ein Band denn wirklich benötigt wurde, so dass wir die Verwendung immer weiter eingrenzen können, um dann zukünftig komplett darauf zu verzichten.

Bei anderen Sendeanstalten ist es ja so, dass Schnitt und Sendeabwicklung bandlos sind, aber am Ende der Schnittbearbeitung ein Band ausgespielt wird, das dann wiederum vom Band auf den Sendeserver aufgespielt wird.

Das hatten wir auch noch vor gar nicht allzu langer Zeit. Das haben wir aber inzwischen soweit umgestellt, dass wir intern auch in die Sendeabwicklung posten können, und von der Sendeabwicklung geht es dann bandlos ins digitale Archiv.

Teilweise sind aber auch wir noch auf die „Bandschnittstelle“ angewiesen. So gab es beispielsweise bei der HD-Einführung einige Interoperabilitätsprobleme, bei der man doch das ein oder andere Mal auch auf Bänder zurückgegriffen hat.

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