Konstruktiver Journalismus

Neues von den Constructive News

Zuletzt war es – zumindest in Deutschland – ruhiger geworden, um Constructive News und den konstruktiven Journalismus. Als die Welle vor zwei Jahren aus Dänemark nach Deutschland schwappte, entwickelte sich schnell ein wahrer Hype um die Idee eines neuen, alternativen, lösungsorientierten Journalismus.

Ola Borg, Ausbildungsleiter "Fellow Program"
Ola Borg, Ausbildungsleiter “Fellow Program” (Bild: Kathi Bowinkelmann)

Im Constructive Institute in Aarhus läuft ein Trainingsprogramm für konstruktiven Journalismus, und eine globale Konferenz versammelte Journalisten mit ihren Arbeitsbeispielen und Erfahrungsberichten. Gunter Becker traf Ulrik Haagerup, einen der Begründer des Constructive Journalism und Orla Borg, den Ausbildungsleiter des Instituts.

Von Spiegel Online über die ZEIT bis zum heute-journal waren in den letzten Jahren viele Redaktionen fasziniert von den Constructive News. Sie wollten “konstruktive” Stücke produzieren und “Artikel, die weitergehen”, wie es Spiegel Online formulierte. Zur Erinnerung: beim sogenannten konstruktiven Journalismus geht es darum, als Gegenpol zur oftmals als negativ empfundenen traditionellen Berichterstattung zu zeigen, dass es für eine Vielzahl von Problemen auch eine Lösung gibt. Dabei liegt der Fokus nicht darauf, sich die Wirklichkeit schöner darzustellen, als sie tatsächlich ist, sondern um den Versuch, eine andere Perspektive, Verbesserungsmöglichkeiten und Entwicklungschancen aufzuzeigen.

Tatsächlich gingen mit dem Nachrichtenportal “Perspective Daily” und dem ZDF-Magazin “plan b” im vergangenen Jahr auch in Deutschland Formate live, die sich ganz explizit auf diese Idee berufen.

Die Gründer der Bewegung in Dänemark arbeiten inzwischen bereits an Plattformen, um den konstruktiven Journalismus weltweit zu unterstützen. Im September 2017 wurde in Arhus das Constructive Institute gegründet, unter anderem, um mit einem innovativen Fellow-Programm Journalisten auszubilden, und wenige Wochen später trafen sich auf der Constructive Journalism Conference in Aarhus Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt, um sich “konstruktive” Reportagen zu zeigen und darüber zu diskutieren.

In den Räumen des Constructive Institute lässt sich der neue Geist an scheinbaren Äußerlichkeiten ablesen. Die Türen stehen offen, Gäste werden gleich dem kompletten Team vorgestellt und der Chef, Ulrik Haagerup, kocht Kaffee für alle. An der Wand des gemütlichen Besprechungszimmers hängt eine Gitarre. “Zum Start des täglichen Morgenmeetings wird erst einmal gemeinsam gesungen”, erzählt Haagerup mit einem Zwinkern.

Vom kollektiven Musizieren einmal abgesehen, hat die kleine Mannschaft reichlich zu tun. Es gilt, eine Datenbank mit Best-Practice-Beispielen aufzubauen, das Ausbildungsprogramm aufzulegen sowie die Forschung zum Thema anzustoßen, und unmittelbar nach der Gründung wurde bereits die “Global Constructive Journalism Conference” organisiert.

Seinerzeit waren keine Vertreter deutscher Redaktionen auf der Bühne. Welche Gründe sieht Haagerup dafür? “Nach der Veröffentlichung meines Buches ,Constructive News‘, 2015, war ich oft in Deutschland – beim Bayerischen Rundfunk, beim Hessischen Rundfunk. Es gab viele Leute, die über Constructive Journalism sprachen – aber vielleicht noch nicht ganz so viele, die ihn umgesetzt haben”, berichtet Haagerup und lenkt gleich wieder ein, “aber es gibt sicher auch gute Praxis aus Deutschland.”

BEST PRACTICE?

Dabei ließ sich über einige der auf der Konferenz präsentierten Beispiele durchaus kontrovers diskutieren. So zeigte Maaike Goslinga vom niederländischen Online- Magazin “de Correspondent”, wie ein Beitrag über die Schuldenfalle, in die säumige Gebührenzahler geraten können, zu einer politischen Kampagne führte. Olle Zachrison und Katharina Gunnarsson vom schwedischen Radio präsentierten ein zunächst recht konventionell daherkommendes Stück über eine Befragung schwedischer Handwerker zu politischen Reizthemen. Worin bestand jeweils der “konstruktive Ansatz”?

“Die Schweden sind bei ihrem Beispiel vielleicht etwas zu sehr bei der Darstellung der Probleme geblieben und haben die Lösungsansätze nicht mehr gezeigt, die auch in ihren Reportagen zu hören sind. Und vor Journalismus als Aktivismus habe ich eine gewisse Furcht. Das sollte nicht die Aufgabe von Journalisten sein. Auf einer lokalen Ebene kann ich mir solche Aktivitäten aber durchaus vorstellen, nach dem Motto: “Hallo Leser, lass uns hier vor Ort einen ganz bestimmten Missstand ändern”. Beim ZDF könnte ich mir die Linie aber nicht vorstellen”, räumt Haagerup ein. Gleichzeitig gibt er zu bedenken: “Letztlich wird noch viel ausprobiert und versucht und auch das wollten wir mit den genannten Best Practice zeigen.”

Diskussionen gab es auch mit investigativen Journalisten, bei einem  Plenum mit Haagerup, John Hansen, dem Vorstand der schwedischen Vereinigung investigativer Journalisten und Niels Hanson, dem Chef der Investigativ-Redaktion des schwedischen Fernsehens. Die beiden Letzteren nahmen den investigativen Journalismus und seine positiven gesellschaftlichen Wirkungen – Stichwort geschlossene Steuerschlupflöcher – energisch gegen Haagerups “zu generelle und pauschale” Kritik an der traditionellen Berichterstattung in Schutz.

Solche engagierten und offenen Diskussionen über Formate und Inhalte zogen sich durch viele Panels der Konferenz. Ab und an nahmen die Macher auch selbstironisch ihre “Religion” auf die Schippe. Die Bewegung sucht sich und steht dazu.

Wirft man einen Blick auf reale Programmplätze für konstruktiven Journalismus, dann fallen zwei sich ähnelnde Projekte ins Auge: “Perspective Daily” aus Deutschland und “de Correspondent” aus den Niederlanden. Beide online, Crowd-finanziert und werbefrei. Zwar gibt es mit “plan b” beim ZDF seit Kurzem auch ein konstruktives TVMagazin, aber es fallen vor allem die Webformate ins Auge, oft auch als Add-on zu konventionellen Formaten, die den konstruktiven Ansatz vertreten.

FINANZIERUNGSFRAGEN

Können Crowd-Finanzierung und Online-Auftritte die Blaupause für konstruktive Medien der Zukunft sein? Und weiter gefragt: Hat der konstruktive Journalismus ein Problem mit der traditionellen Finanzierung von News? Haagerup verneint und stimmt gleichzeitig zu. Nein, denn es gehe eher um ein Mindset, als um eine bestimmte Ressource oder ein bestimmtes Nachrichtenmedium. “Es ist im Fernsehen so schwierig und so leicht wie in allen anderen Medien auch, konstruktiv zu berichten”, glaubt er.

Und ja, denn ganz sicher müsse man neue Finanzierungsmodelle für “guten” Journalismus finden. Google und Facebook kontrollierten 85 % der Werbeeinnahmen weltweit. Seine Zuschauer, Leser und Nutzer an die Werbeindustrie zu verkaufen, funktioniere für die traditionellen Medien nicht mehr lange. Der Einzug staatlich festgelegter Gebühren zur Finanzierung aktueller Nachrichten stehe fürchterlich unter Druck. Und Philantropen, die Nachrichten finanzieren … Haagerup denkt an den Amazon-Chef Jeff Bezos und dessen Engagement bei der Washington Post. Die Antwort lässt er offen.

Ulrik Haagerup, Leiter des "Constructive Institute"
Ulrik Haagerup, Leiter des “Constructive Institute” (Bild: Kathi Bowinkelmann)

“Die Gefahr beim Crowdfunding von Journalismus ist, dass hier die elitäre Nische droht. Du hast deine Supporter, eine Community, die dich liebt. Doch trotz der Einsparung bei den Vertriebskosten kannst du so nur kleine Teams finanzieren, keine größeren Newsrooms”, zeigt Haagerup seine Skepsis bezüglich einem Crowdfunding von konstruktiver Berichterstattung.

Sein Fazit: “Die alten Modelle erodieren und neue Modelle müssen gefunden werden. Vielleicht kann der konstruktive Journalismus dabei helfen, wenn er glaubwürdig ist und Kunden bindet, vielleicht sogar auf der Ebene der Lokalmedien.”

“FELLOW PROGRAM”: INVESTITION IN DIE ZUKUNFT

Neben der Klärung der zukünftigen Finanzierung will das Constructive Institute den konstruktiven Journalismus vor allem durch die Ausbildung im eigens aufgelegten Fellow Program unterstützen.

Verantwortet wird das Trainingsprogramm von Orla Borg, ehemaliger Investigativjournalist der dänischen Tageszeitung “Jyllands-Posten”. Sechs Journalisten aus Dänemark und ab 2018 auch Kandidaten aus anderen Ländern können am Institut und an der Universität Aarhus ein zehnmonatiges Programm durchlaufen, mit Workshops, Seminaren an der Universität sowie Exkursionen ins Silicon Valley und zur UN nach Genf.

Wie können sich Bewerber für das Programm qualifizieren? “Du solltest mindesten fünf Jahre lang in deiner Redaktion in einem speziellen Themenbereich gearbeitet haben. Dein Verlagsleiter, Chefredakteur oder Intendant  sollte dich für ein Jahr gehen lassen, aber nach dem Jahr auch wieder verbindlich weiterbeschäftigen. Deine Chefs und du selbst sollten ein echtes Interesse am konstruktiven Journalismus haben”, fasst Borg die Voraussetzungen knapp zusammen.

Dänische Journalisten werden sehr großzügig über den TrygFonden, die Stiftung eines Versicherungskonzerns, finanziert. Jeder Fellow-Platz wird für die Dauer des akademischen Jahres, also für 10 Monate, mit ungefähr einer Million dänischer Kronen ausgestattet. Das sind umgerechnet etwa 150.000 Euro.

Der Betrag fließt in ein persönliches Jahresgehalt von 85.000 Euro, die Studienreisen nach Genf und Kalifornien und in den Office Overhead, die Kosten des gastgebenden Constructive Institute. Borg: “Wir suchen die besten Journalisten und die haben halt oft auch hohe Jahresgehälter.” Ausländische Bewerber können sich über unterschiedliche Wege qualifizieren und finanzieren.

Entweder über den Gewinn des jährlich ausgeschriebenen Constructive Institute Journalist Prize, oder über eine Finanzierung durch internationale Medienorganisationen, beziehungsweise private oder öffentliche Sponsoren, die Borg und sein Team gerade zu akquirieren versuchen. Oder die Kandidaten finanzieren sich privat. Nachfragen und Kontakt sind unter info@constructiveinstitute.org möglich.

Was machen die Fellows inhaltlich in den 10 Monaten? Müssen sie journalistisch produzieren? Borg schüttelt den Kopf und zählt auf: “Sie müssen hier im Institut drei wöchentliche Meetingformate besuchen und sie müssen sich ein Studienprogramm an der Universität Aarhus zusammenstellen.”

Als Beispiel nennt er eine Kollegin vom dänischen “Kristeligt Dagblad”, die aktuell als Fellow am Institut ist. Sie hat ein Projekt, das sie “FOMO Sapiens” nennt, Fear Of Missing Out, und das sich um die Möglichkeiten dreht, junge Leute zu erreichen, die sich nur noch online bewegen. Dazu belegt sie Kurse in Kinder- und Jugendpsychologie oder in Soziologie – quasi bei allen Fakultäten, die ihr mit ihrem Thema weiterhelfen können. “Sie bewegt sich durch die Uni wie durch einen Süßwarenladen, sucht sich alles an Veranstaltungen zusammen, was sie interessiert”, berichtet Borg lächelnd.

Drei wöchentliche Meetings am Institut sind verpflichtend. Eines trägt den Titel “News of the Week” und funktioniert ähnlich einer Blattkritik in deutschen Redaktionen. Der Fellow muss ein dänisches oder internationales Medium, eine Zeitung oder einen TV-Sender über die Woche verfolgen und beim Meeting Stücke oder Sendungen aus deren Programm präsentieren, die er als konstruktiv einschätzt, oder Stücke, aus denen man einen konstruktiven Beitrag hätte machen können.

Ein weiteres Pflichtmeeting hat jeweils einen externen Medienmacher zu Gast, zum Beispiel Redakteure des täglichen Nachrichtenformats beim regionalen TV 2. Sie hatten einige Sendungen mit Jugendlichen produziert und ihnen freien Zugriff auf Personal und Technik gewährt, um Beiträge zu ihren eigenen Themen zu realisieren.

Zudem kommen Professoren, Dozenten und Doktoranden der Uni ins Institut, um ihre Expertise einzubringen. Dann informieren zum Beispiel Staatsrechtler anlässlich der aktuellen  gesellschaftlichen Diskussion über Bandenkriminalität über die Rechtslage in Dänemark. “Wenn Politiker diskutieren, ob sie Gangs nicht einfach verbieten können, laden wir Experten zum Thema konstitutionelles Recht ein. Oder Medizinwissenschaftler, um die Konsequenzen neuer Medikamente für die Finanzierung der Krankenkassen zu erläutern”, berichtet Ausbildungsleiter Borg.

All das mache die Fellows inhaltlich sicherer und qualifiziere sie für ihre Themen und ihre journalistischen Arbeit.

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