Behutsame Verbindung von Tradition und Erneuerung

Neuer Leiter: Thorsten Schaumann spricht über Hofer Filmtage

Thorsten Schaumann, der nach dem Tod von Heinz Badewitz im Jubiläumsjahr 2016 mit Linda Söffker und Alfred Holighaus das Programm kuratierte, versucht als neuer künstlerischer Leiter der Internationalen Hofer Filmtage die behutsame Verbindung von Tradition und Erneuerung. In der 51. Ausgabe war schon seine Handschrift zu spüren: Thematisierung der Digitalisierungsfolgen in Produktion, Distribution und Rezeption sowie Stärkung des Kurzfilms als eigene filmische Darstellungsform.

Der neue Leiter der Hofer Filmtage Thorsten Schaumann
Foto: Peter Fröhlich
Der neue Leiter der Hofer Filmtage Thorsten Schaumann

Wie haben Sie die Hofer Filmtage kennen gelernt?

Thorsten Schaumann: Meine Beziehung zu Hof war über Heinz Badewitz definiert. Als Praktikant bei der Bavaria Film International durfte ich in der Deutschen Reihe in Cannes Visitenkarten von Einkäufern sammeln und Flyer verteilen. Da stand dann der Typ mit Brille und unverkennbarer Frisur und sagte, “Hallo, ich bin der Heinz, wer bist du?” Verleihern oder Presse stellte er mich vor, “This ist Thorsten, he is selling the movie”. Das waren unsere Anfänge.

Sie wagen sich in große Fußstapfen…

Thorsten Schaumann: Heinz Badewitz war eine außergewöhnliche Persönlichkeiten in der Filmbranche, hat das Festival 49 Jahre geprägt. Da wird mir schon manchmal mulmig und ich habe Riesenrespekt vor der Aufgabe. Letztes Jahr war das so etwas wie Praktikum mit Vorbereitung in unserem Dreier-Kuratorium und es hat mir super gefallen. Bei der Anfrage, ob ich mir vorstellen könnte, als künstlerischer Leiter anzutreten, habe ich erst einmal tief Luft geholt und dann Ja gesagt.

Was ist trotz der Vielzahl von Filmfestivals das Alleinstellungsmerkmal von Hof? Kriegen Sie noch die Filme, die Sie wollen?

Thorsten Schaumann: Ich glaube, Hof ist einzigartig und Generationen übergreifend, trotz großer Konkurrenz. Ein Festival der Neuentdeckungen und Forum für kontroverse Themen. Filme anschauen, extreme Konzentration und lockeres Networking, überschaubare Begegnungsstätten, ein einheimisches Wahnsinnspublikum. Alles dreht sich um Film. Zu behaupten, wir würden alle Filme bekommen, ist ein Unding. Wir ziehen die richtigen Filmemacher an, aber wir müssen auch ziehen lassen.

Wären lukrativere Preise eine zusätzliche Motivation?

Thorsten Schaumann: Das wäre eine Option, aber ein klassischer Wettbewerb würde nicht zu Hof passen. Für einen zusätzlichen finanziellen Anreiz wäre ich selbstverständlich offen. Aber man sollte sich überlegen, wie nachhaltig sind diese Optionen? Das Teilnahmeinteresse läuft nicht primär über Geldwerte.

Planen Sie eine Verjüngung des Teams?

Thorsten Schaumann: Der Kern des Festivals ist gut aufgestellt. In der Organisation arbeiten Leute mit langjähriger Erfahrung, auf die ich mich verlassen kann. Es funktioniert ja gut. Die Verjüngung kommt automatisch, wenn Mitarbeiter aufhören. Nichtsdestotrotz versuche ich, sukzessive junge Leute einzubinden.

Die Balance zwischen Tradition und Erneuerung zu halten, könnte schwierig sein.

Thorsten Schaumann: Durch neue Themenschwerpunkte wie die digitalen Plattformen sollten wir ein neues, junges und digital orientiertes Publikum begeistern und hoffentlich auch das Stammpublikum weiterhin anziehen. Ich werde nicht mit der Axt da hinein fräsen. Hof muss und sollte ein Festival der Entdeckung bleiben mit jungen Filmemachern, die andere Aspekte einbringen. Regisseure wie Werner Herzog, Tom Tykwer oder Hans-Christian Schmid verbindet man mit Hof. Das kreative Potenzial ist immer noch da. Das gilt es zu halten und auszubauen. Irgendwann könnte ich mir auch vorstellen, Youtube-Formate zu zeigen. Da sind Filmemacher auf Kanälen mit drei Mio Abonnenten unterwegs, das dürfen wir nicht ignorieren.

Wie wollen Sie gleichzeitig Interessen von Fachpublikum und „normalen“ Zuschauern wecken?

Thorsten Schaumann: Zuallererst natürlich durch die Filme. In diesem Jahr haben wir das Filmprogramm mit Blick auf die digitale Entwicklung und deren Auswirkung auf das Filmgeschäft im Rahmenprogramm HoF Plus erweitert, über Virtual Reality und Augmented Reality diskutiert. Fragen nach den Auswirkungen dieser Entwicklungen auf das Kino werden uns weiter beschäftigen. Was bedeutet es, wenn ich mit der 360 Grad-Kamera drehe, wie mache ich das mit der Blende? Rein produktionstechnisch stehen wir da komplett am Anfang. Es gibt neue Verwertungsketten, es eröffnen sich ganz neue Formen des Geschichten Erzählens, bei denen der Zuschauer quasi mitten im Filmgeschehen steht. Digital getrieben ist gleichzeitig der Weg wie und wo wir Filme schauen. Wir wollen zeigen, dass Kino lebt, vielleicht ein wenig anders und digitaler als früher.

In Cannes wurden unter Buhrufen Netflix-Produktionen präsentiert, die ein Festival als Premieren- und Werbeplattform nutzen, aber nie ins Kino kommen. Werden Sie die in Zukunft präsentieren?

Thorsten Schaumann: Da habe ich keine Berührungsängste. Wenn Plattformen wie Netflix, Amazon & Co mit angegliederten Produktionshäusern gute Filme liefern, warum nicht? Meine Idealvorstellung wäre allerdings, dass ein Film, der auf einem Festival läuft auch ein mehrwöchiges Kinofenster hat, bevor er in ein digitales Abo kommt.

Der Run auf digitale Plattformen ist filmaffinen Menschen oft ein Graus…

Thorsten Schaumann: Wir dürfen die Realitäten nicht negieren und müssen darauf achten, dass sich nicht komplette Parallelwelten entwickeln. Gerade Zuschauer der jungen Generation wachsen mit dieser Filmrezeption auf, hocken nicht mehr nur vor dem Fernseher oder im Kino, sondern vor dem Computer. Natürlich finde ich es nicht toll, einen in Cinemascope gedrehten Film auf Handy anzuschauen. Diese Kontroversen müssen wir diskutieren, aber auch die Abwehrhaltung aufbrechen. In den US-Studios ist der parallele Digitalstart zum Kinostart schon ein Thema. Warum sind wir nicht in der Lage, Businessmodelle und Ergänzungsmodelle zu entwickeln, die allen Seiten gerecht werden?

Neu ist in diesem Jahr war die Vorführung von Kurzfilmen an zwei Terminen in einem „Paket“.

Thorsten Schaumann: Unser Augenmerk liegt auf dem Nachwuchs und ich würde den Kurzfilm als eigene filmische Darstellungsform gerne stärken, möchte damit ein Zeichen setzen und sagen, hier in Hof könnt ihr anfangen und euch weiter entwickeln. Der Kurzfilm ist der Beginn von Filmemacher-Karrieren, hilft beim Entdecken der eigenen Filmhandschrift. Ich sehe es als meine Aufgabe, gezielt über Filmhochschulen und Produktionsfirmen für Hof und seine Tradition zu begeistern.

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